Eigentlich muss die 21 Jahre alte Studentin Jasmina Covic in der Uni-Bibliothek von Jena gerade eine Hausarbeit für ihre Fächer Sportmanagement und Wirtschaft vorbereiten. Dieses Vorhaben wird erheblich dadurch gestört, dass sie nebenher eine professionelle Fussballspielerin aus Kanada zu einem neuen Arbeitgeber vermitteln soll. Eine Bekannte einer Bekannten, die sie während eines Praktikums beim Bundesligisten FF USV Jena kennengelernt hatte.
Also sucht sie sich im Internet alles zusammen, was sie vermeintlich braucht: Sie druckt sich Vertragsentwürfe aus, schneidet Videos zusammen, erstellt Lebensläufe. «Es war wild», sagt sie heute über diese Zeit im Jahr 2014. Aber sie hat Erfolg: der Manager des damaligen deutschen Bundesligisten SC Sand klingelt durch und bittet zum Probetraining. Jasmina leiht sich das Auto ihrer Eltern und etwas Geld für ein Flugticket, lässt die Spielerin aus Kanada einfliegen, chauffiert sie nach Sand und bekommt nach Vertragsabschluss ihre erste Provision überwiesen: 300 Euro. Heute weiss sie, «dass ich auch hätte mehr verlangen und bekommen können, aber ich habe alles sehr korrekt genommen.»
Kein Wunder aber bei solchen Honoraren, dass das neben ihrer Tätigkeit als Leiterin der Geschäftsstelle eines Münchner Sportvereins, bis 2024 nur ein Nebenjob bleiben sollte. Aber einer mit Strahlkraft. Denn Jasmina Covic war bald Deutschlands erste und lange Zeit einzige Spielerberaterin.
Sie ist Chefin der «Womens Football Agency» (WFA) in München. Das klingt nach mehrstöckigem Office im Altbau in bester Lage mit Fischgrätparkett und Empfangspersonal. In Wahrheit hat sie nicht mal ein Büro, nicht mal ein winziges. Braucht sie auch nicht. Ein Laptop und ein Smartphone reichen, sie ist ohnehin dauernd unterwegs zu Klientinnen, Vereinen oder Sponsoren. «Wir wollen keine fette, riesengrosse Agentur sein, wir sind eine Boutique-Agentur», sagt Covic. Als es nach dem ersten Transfer richtig losging, musste erstmal ein halbwegs vernünftiges Auto her, sie hatte bis dahin nicht mal eines. Ihre Familie finanzierte ihr einen Einser-BMW, auch nichts feudales, aber immerhin leidlich repräsentativ. «Ich konnte ja nicht im Opel Corsa zu den Terminen vorfahren», sagt sie.
Offizielle Termine hält sie gern im Café Luitpold ab, einer Münchner Institution seit 1888, wo schon Loriot oder Erich Kästner in den Tag lebten. Oder in der «Nine Fine Roastery», einem studentisch geprägten Café in Moosach, weitab vom Zentrum.
Oder auch mal im «Jahreszeiten Foyer» des Hotels Vier Jahreszeiten in der Maximilianstrasse, wo der Cappuccino 8,50 Euro kostet und der Chefpâtissier persönlich das juwelengleiche Gebäck anrichtet. Clevere Wahl, denn sie kann sich dort einfach verabreden, und es macht mächtig was her, wenn der Besuch von zwei befrackten Herren mit Zylinder die Tür geöffnet bekommt. In ihrem Strickpulli, Jeans und mit Dutt im Haar passt sie eigentlich nicht in dieses Ambiente. Und dass es im Frauenfussball nicht viel zu verdienen gibt, dass sie immer noch viel Idealismus einweben muss, das ist eines der wenigen Dinge, die sich in den letzten Jahren nicht geändert haben.
Fast überflüssig zu erwähnen, dass für Jasmina Covic auch nicht zig Menschen arbeiten, sondern es nur einen Partner gibt. Der sitzt in Madrid, ist Schotte, heisst Joshua Emerson und betreut sechs Klientinnen. Covic hat zehn, das macht zusammen 16. Darunter Luana Bühler (Tottenham), Laura Benkarth (SC Freiburg) oder Ana- Maria Crnogorčević (Seattle Reign). Viel mehr geht nicht, denn man will jede einzelne gut umsorgt wissen. Aber eine weitere Kollegin soll mittelfristig noch dazu kommen. In der offiziellen Adresse der WFA, der Kardinal-Döpfner-Strasse, wohnt längst jemand anderes, sie nutzt lediglich noch den Briefkasten ihrer alten Wohnung. Immerhin auch eine Adresse mit Nachhall: schliesslich wurde in dieser Strasse im damaligen «Weinhaus Gisela» einst der FC Bayern München gegründet. Jasmina Covic hat ein Händchen für gute Szenerien.
Es läuft, es läuft gut, sie ist richtig drin im Business und bestens vernetzt. Und sie hat etwas, was die Agenturen, die nun auch in den Frauenfussballmarkt drängen nicht haben: Sie ist eine Frau und sie war schon vor dem grossen Boom dabei. Laut ihrer eigenen Ermittlung sind in den Top-5-Ligen (England, Deutschland, Frankreich, Spanien und USA) inzwischen über 300 Beratungsagenturen am Werk, viele erst seit kurzem, denn: «Jetzt, da es Aufmerksamkeit und Geld gibt, jetzt wollen alle mitmischen.» Über 300 Agenturen, «aber nicht mal zehn davon sind von Frauen geführt», weiss Covic.
Was einerseits dazu führt, dass der Umgang immer rüpeliger und rauer wird. Covic weiss von einem Kollegen, der während der Pandemie im Krankenhaus lag und dem gezielt die Klientinnen abgeworben wurden. Und es führt dazu, dass immer jüngere Spielerinnen zum Ziel werden. «Zum Beispiel in Ex-Jugoslawien oder Afrika, dort ist es teilweise Menschenhandel. Ich finde es nicht normal, wenn Berater 14-jährige Mädchen ansprechen», sagt sie. Dass ein Berater seine Kolleginnen und Kollegen schlechtredet, bei Spielerinnen, Vereinen oder Verband, auch das sei leider durchaus üblich. Da fragt man sich, ob es ihr als ehrliche Haut nicht manchmal unangenehm ist, in so einem Business zu arbeiten. «Ja», sagt sie kurz und trocken, «das ist sehr unangenehm».
Auch wenn sie mittlerweile alle Tricks, Winkelzüge und alle legalen und auch manch schangeligen Kniff bei Verhandlungen beherrscht – ihr besonderer Service liegt im Zwischenmenschlichen. Sie ist Tag und Nacht erreichbar für ihre Klientinnen, neulich rief mal wieder der Vater einer Spielerin an. Es war kurz vor zwölf abends. «Und das war kein Notfall», sagt Covic. Manche melden sich nie, nur wenn es Richtung Vertragsverhandlungen geht, anderen muss man zweiwöchentlich gut zureden. Schliesslich gibt es auch im Frauenfussball mittlerweile all die negativen Auswüchse, die mit einem Aufschwung und Geld mitkommen wie räudige Verwandte. «Mobbing in der Mannschaft, dass versucht wird, Konkurrentinnen im Training absichtlich zu verletzen», erzählt Covic. Bis hin zu persönlichen Dramen, wenn etwa Vater oder Mutter plötzlich stirbt oder die Beziehung zerbricht.
Auch dann vibriert bei Covic das Smartphone. Der menschliche Faktor war auch ein Grund, warum das Schweizer Nachwuchstalent Noemi Ivelj (vormals Grasshoppers) zu ihrer Klientin wurde. Jasmina Covic lernte sie und ihre Eltern am Rande eines Events in Zürich kennen. Als Ivelj dann im Frühjahr zur Reha in München war, kannte sie dort niemanden, war viel allein, lebte im Hotel. Also traf sich Jasmina Covic mit ihr, fragte immer mal nach dem Befinden und ging mit ihr Cevapcici essen. Ins «Moosacher Paradies», im Sportheim des Post-SV München, in etwa der atmosphärische Gegenentwurf zum Vier Jahreszeiten, aber gemütlich und lecker und ein bisschen daheim. Denn wie Covics Eltern haben auch die von Ivelj kroatische Wurzeln.
Mit ihrem fachlichen Können überzeugte sie Iveljs Vater und Berater Goran recht schnell, erläuterte ihm, worauf es ihr ankommt bei der Vereinswahl: «Dass eine junge Spielerin ins Team, die Stadt und zur Philosophie des Trainers passt. Und dass sie nicht zu weit weg von zuhause ist.» Das alles war in Frankfurt gegeben. Inzwischen spielt Noemi für die Eintracht und ist mit Verein, Stadt und ihrer Beraterin hochzufrieden. «Ich kann es mir gar nicht besser vorstellen. Es macht einfach Spass, mit so guten Spielerinnen zu spielen und von ihnen lernen zu können. Wir unternehmen viel, das hat es mir leichtgemacht, mich einzuleben», erzählt die 19 Jahre alte Ivelj.
Covics lukrativste und schillerndste Klientin ist Laura Freigang, die sie schon kennenlernte, als diese noch bei Schott Mainz kickte. Das war 2016. Heute ist die 27 Jahre alte Kielerin, die bei Eintracht Frankfurt spielt und 43 Länderspiele absolviert hat, ein absoluter Star. Weil sie neben Fussball auch anderes zu bieten hat. «Laura macht einfach das, worauf sie Lust hat, und ich unterstütze sie bei ihren Ideen», sagt Jasmina Covic.
Wobei sie nicht helfen kann: Eine Spielerin zur Marke machen, das müsse in der Persönlichkeit angelegt sein. «Manche würden gerne, aber die können es nicht. Und die, die es können, wollen manchmal nicht. Auch okay», sagt sie. Bei Freigang habe sich vieles natürlich entwickelt. Mit ihrer Leidenschaft zur Fotografie erreicht sie inzwischen 222.000 Follower auf Instagram, veröffentlichte einen beachtlichen Bildband zur WM 2023, arbeitet mit Kamerahersteller Leica zusammen. Eines fliesst ins andere, nichts wirkt unpassend oder gekünstelt. Auch die Mode, die Freigang designt, entstand nicht mit einer Gewinnabsicht. Dennoch: «Sie ist die am besten vermarktete Spielerin in Deutschland», sagt Covic. Die Einnahmen aus diesen Verträgen überstiegen bei weitem ihr Spielerinnengehalt. Eine Ausnahme im Frauenfussball. Und für Covic eine Absicherung. «Ohne sie müsste ich nebenher noch einem anderen Job nachgehen», sagt sie.
Dass es auch hier menschlich passt, versteht sich. «Ich will nicht wissen, wie viele Berater Laura schon kontaktiert haben, sie aber trotzdem loyal mir gegenüber ist. Das ist ein schönes Zeichen, ein gutes Gefühl.» Das hat Covic auch schon anders erlebt, hat übers Wochenende ein dickes Problem gelöst, herumtelefoniert, organisiert und nicht mal ein Danke bekommen.
Bei Stars läuft das mit der Vermittlung quasi von alleine, schwieriger ist es bei durchschnittlichen Spielerinnen. Da muss Covic richtig ackern. Zunächst recherchiert sie, welche Vereine auf einer Position Bedarf haben, manchmal bekommt sie auch Anfragen von Vereinen, ob sie nicht für diese oder jene Position jemanden wisse. Dann stellt sie ein Highlight-Video zusammen, was Usus ist bei allen Spielerinnen ausserhalb der Top-5-Ligen. Oft wird auch ein Probetraining verlangt. «Das Wissen, das du für den Job brauchst, das kann dir keine Schule beibringen», sagt Covic. Die Basis muss man sich aufbauen aus gut abgehangenen juristischen Wissen, einer Portion Marketing einer Prise Management-Basics, und ein wenig Verhandlungstraining. Einiges davon hatte sie schon an der Uni, immerhin. «Aber es läuft im echten Leben nicht ab, wie in der Theorie.»
Für Jasmina Covic beginnt so eine Geschäftsbeziehung mitunter schon lange vorher, sie will die Spielerin kennenlernen, wissen, was für ein Mensch sie ist. Der «Vibe» müsse stimmen, sagt sie. Ansonsten verzichtet sie lieber. «Wenn wir uns treffen und sie mir eine Stunde lang keine einzige Frage stellt, dann kann das nicht funktionieren.» Es würde Reibereien geben, schlechte Resultate bei Vermittlungen, Unmut hier und Ärger dort – und am Ende tue das ihrer Reputation nicht gut, sagt Covic. Hatte sie schon, braucht sie nicht wieder.
Denn es gibt Phasen, da kann es knirschen, da ist es wichtig, dass man diesen guten Draht hat. Wenn die Klientin etwa den Verein wechseln will und am liebsten hätte, dass es sehr schnell geht. Aber dann kann es eben sein, dass Jasmina Covic erstmal bremst. «Ich sage immer: wartet, wartet! Die spannende Zeit kommt erst.» Die Spielerin wiederum hätte gern zum Trainingsauftakt den neuen Arbeitgeber. Das aber schwächt die Verhandlungsposition,
denn die Optionen kommen nach und nach ins Mailpostfach geplingt. Bis hin zu den englischen Teams, die stets sehr spät dran sind.
Was Covic auch ärgert: wenn die Berateragentur nicht sorgfältig ausgewählt wird. «Ich verstehe nicht, dass man den erstbesten nimmt. Macht euch die Mühe und kontaktiert wenigstens drei verschiedene.» So aber gelingt es so manchem semiseriösen Kollegen mit windigen Versprechen, einer Playstation und ein paar Nike-Klamotten eine Spielerin unter Vertrag zu nehmen.
Ist ein Verein dann an der Klientin interessiert, dann schaut Covic ganz genau hin: «Wohlfühlen ist wichtig. Passt die Philosophie des Vereins? Passt die Mannschaft? Passen die anderen Spielerinnen?» – und eben nicht nur das Finanzielle. Für manche Spielerin sei wichtig, dass die Mannschaft auch sozial harmoniert, zusammen einen Töpferkurs macht oder nach Rom fliegt. Derlei wird seltener im professionalisierten Sport, aber es existiert noch. Und woher weiss sie das alles? «Ich bin jetzt über zehn Jahre im Geschäft, ich kenne die Trainer, ich kenne die Spielerinnen, ich weiss, wie in den Vereinen zugeht.» Deshalb würde sie zwar grundsätzlich auch Männer vertreten, aber das gute Netzwerk, das hat sie eben vor allem im Frauenfussball.