Gute Beziehungen

Eigentlich muss die 21 Jahre alte Studentin Jasmina Covic in der Uni-Bibliothek von Jena gerade eine Hausarbeit für ihre Fächer Sportmanagement und Wirtschaft vorbereiten. Dieses Vorhaben wird erheblich dadurch gestört, dass sie nebenher eine professionelle Fussballspielerin aus Kanada zu einem neuen Arbeitgeber vermitteln soll. Eine Bekannte einer Bekannten, die sie während eines Praktikums beim Bundesligisten FF USV Jena kennengelernt hatte.

 

Also sucht sie sich im Internet alles zusammen, was sie vermeintlich braucht: Sie druckt sich Vertragsentwürfe aus, schneidet Videos zusammen, erstellt Lebensläufe. «Es war wild», sagt sie heute über diese Zeit im Jahr 2014. Aber sie hat Erfolg: der Manager des damaligen deutschen Bundesligisten SC Sand klingelt durch und bittet zum Probetraining. Jasmina leiht sich das Auto ihrer Eltern und etwas Geld für ein Flugticket, lässt die Spielerin aus Kanada einfliegen, chauffiert sie nach Sand und bekommt nach Vertragsabschluss ihre erste Provision überwiesen: 300 Euro. Heute weiss sie, «dass ich auch hätte mehr verlangen und bekommen können, aber ich habe alles sehr korrekt genommen.»

 

Kein Wunder aber bei solchen Honoraren, dass das neben ihrer Tätigkeit als Leiterin der Geschäftsstelle eines Münchner Sportvereins, bis 2024 nur ein Nebenjob bleiben sollte. Aber einer mit Strahlkraft. Denn Jasmina Covic war bald Deutschlands erste und lange Zeit einzige Spielerberaterin.

 

Sie ist Chefin der «Womens Football Agency» (WFA) in München. Das klingt nach mehrstöckigem Office im Altbau in bester Lage mit Fischgrätparkett und Empfangspersonal. In Wahrheit hat sie nicht mal ein Büro, nicht mal ein winziges. Braucht sie auch nicht. Ein Laptop und ein Smartphone reichen, sie ist ohnehin dauernd unterwegs zu Klientinnen, Vereinen oder Sponsoren. «Wir wollen keine fette, riesengrosse Agentur sein, wir sind eine Boutique-Agentur», sagt Covic. Als es nach dem ersten Transfer richtig losging, musste erstmal ein halbwegs vernünftiges Auto her, sie hatte bis dahin nicht mal eines. Ihre Familie finanzierte ihr einen Einser-BMW, auch nichts feudales, aber immerhin leidlich repräsentativ. «Ich konnte ja nicht im Opel Corsa zu den Terminen vorfahren», sagt sie.

 

Offizielle Termine hält sie gern im Café Luitpold ab, einer Münchner Institution seit 1888, wo schon Loriot oder Erich Kästner in den Tag lebten. Oder in der «Nine Fine Roastery», einem studentisch geprägten Café in Moosach, weitab vom Zentrum.

 

Oder auch mal im «Jahreszeiten Foyer» des Hotels Vier Jahreszeiten in der Maximilianstrasse, wo der Cappuccino 8,50 Euro kostet und der Chefpâtissier persönlich das juwelengleiche Gebäck anrichtet. Clevere Wahl, denn sie kann sich dort einfach verabreden, und es macht mächtig was her, wenn der Besuch von zwei befrackten Herren mit Zylinder die Tür geöffnet bekommt. In ihrem Strickpulli, Jeans und mit Dutt im Haar passt sie eigentlich nicht in dieses Ambiente. Und dass es im Frauenfussball nicht viel zu verdienen gibt, dass sie immer noch viel Idealismus einweben muss, das ist eines der wenigen Dinge, die sich in den letzten Jahren nicht geändert haben.

 

Fast überflüssig zu erwähnen, dass für Jasmina Covic auch nicht zig Menschen arbeiten, sondern es nur einen Partner gibt. Der sitzt in Madrid, ist Schotte, heisst Joshua Emerson und betreut sechs Klientinnen. Covic hat zehn, das macht zusammen 16. Darunter Luana Bühler (Tottenham), Laura Benkarth (SC Freiburg) oder Ana- Maria Crnogorčević (Seattle Reign). Viel mehr geht nicht, denn man will jede einzelne gut umsorgt wissen. Aber eine weitere Kollegin soll mittelfristig noch dazu kommen. In der offiziellen Adresse der WFA, der Kardinal-Döpfner-Strasse, wohnt längst jemand anderes, sie nutzt lediglich noch den Briefkasten ihrer alten Wohnung. Immerhin auch eine Adresse mit Nachhall: schliesslich wurde in dieser Strasse im damaligen «Weinhaus Gisela» einst der FC Bayern München gegründet. Jasmina Covic hat ein Händchen für gute Szenerien.

 

Es läuft, es läuft gut, sie ist richtig drin im Business und bestens vernetzt. Und sie hat etwas, was die Agenturen, die nun auch in den Frauenfussballmarkt drängen nicht haben: Sie ist eine Frau und sie war schon vor dem grossen Boom dabei. Laut ihrer eigenen Ermittlung sind in den Top-5-Ligen (England, Deutschland, Frankreich, Spanien und USA) inzwischen über 300 Beratungsagenturen am Werk, viele erst seit kurzem, denn: «Jetzt, da es Aufmerksamkeit und Geld gibt, jetzt wollen alle mitmischen.» Über 300 Agenturen, «aber nicht mal zehn davon sind von Frauen geführt», weiss Covic.

 

Was einerseits dazu führt, dass der Umgang immer rüpeliger und rauer wird. Covic weiss von einem Kollegen, der während der Pandemie im Krankenhaus lag und dem gezielt die Klientinnen abgeworben wurden. Und es führt dazu, dass immer jüngere Spielerinnen zum Ziel werden. «Zum Beispiel in Ex-Jugoslawien oder Afrika, dort ist es teilweise Menschenhandel. Ich finde es nicht normal, wenn Berater 14-jährige Mädchen ansprechen», sagt sie. Dass ein Berater seine Kolleginnen und Kollegen schlechtredet, bei Spielerinnen, Vereinen oder Verband, auch das sei leider durchaus üblich. Da fragt man sich, ob es ihr als ehrliche Haut nicht manchmal unangenehm ist, in so einem Business zu arbeiten. «Ja», sagt sie kurz und trocken, «das ist sehr unangenehm».

 

Auch wenn sie mittlerweile alle Tricks, Winkelzüge und alle legalen und auch manch schangeligen Kniff bei Verhandlungen beherrscht – ihr besonderer Service liegt im Zwischenmenschlichen. Sie ist Tag und Nacht erreichbar für ihre Klientinnen, neulich rief mal wieder der Vater einer Spielerin an. Es war kurz vor zwölf abends. «Und das war kein Notfall», sagt Covic. Manche melden sich nie, nur wenn es Richtung Vertragsverhandlungen geht, anderen muss man zweiwöchentlich gut zureden. Schliesslich gibt es auch im Frauenfussball mittlerweile all die negativen Auswüchse, die mit einem Aufschwung und Geld mitkommen wie räudige Verwandte. «Mobbing in der Mannschaft, dass versucht wird, Konkurrentinnen im Training absichtlich zu verletzen», erzählt Covic. Bis hin zu persönlichen Dramen, wenn etwa Vater oder Mutter plötzlich stirbt oder die Beziehung zerbricht.

 

Auch dann vibriert bei Covic das Smartphone. Der menschliche Faktor war auch ein Grund, warum das Schweizer Nachwuchstalent Noemi Ivelj (vormals Grasshoppers) zu ihrer Klientin wurde. Jasmina Covic lernte sie und ihre Eltern am Rande eines Events in Zürich kennen. Als Ivelj dann im Frühjahr zur Reha in München war, kannte sie dort niemanden, war viel allein, lebte im Hotel. Also traf sich Jasmina Covic mit ihr, fragte immer mal nach dem Befinden und ging mit ihr Cevapcici essen. Ins «Moosacher Paradies», im Sportheim des Post-SV München, in etwa der atmosphärische Gegenentwurf zum Vier Jahreszeiten, aber gemütlich und lecker und ein bisschen daheim. Denn wie Covics Eltern haben auch die von Ivelj kroatische Wurzeln.

 

Mit ihrem fachlichen Können überzeugte sie Iveljs Vater und Berater Goran recht schnell, erläuterte ihm, worauf es ihr ankommt bei der Vereinswahl: «Dass eine junge Spielerin ins Team, die Stadt und zur Philosophie des Trainers passt. Und dass sie nicht zu weit weg von zuhause ist.» Das alles war in Frankfurt gegeben. Inzwischen spielt Noemi für die Eintracht und ist mit Verein, Stadt und ihrer Beraterin hochzufrieden. «Ich kann es mir gar nicht besser vorstellen. Es macht einfach Spass, mit so guten Spielerinnen zu spielen und von ihnen lernen zu können. Wir unternehmen viel, das hat es mir leichtgemacht, mich einzuleben», erzählt die 19 Jahre alte Ivelj.

 

Covics lukrativste und schillerndste Klientin ist Laura Freigang, die sie schon kennenlernte, als diese noch bei Schott Mainz kickte. Das war 2016. Heute ist die 27 Jahre alte Kielerin, die bei Eintracht Frankfurt spielt und 43 Länderspiele absolviert hat, ein absoluter Star. Weil sie neben Fussball auch anderes zu bieten hat. «Laura macht einfach das, worauf sie Lust hat, und ich unterstütze sie bei ihren Ideen», sagt Jasmina Covic.

 

Wobei sie nicht helfen kann: Eine Spielerin zur Marke machen, das müsse in der Persönlichkeit angelegt sein. «Manche würden gerne, aber die können es nicht. Und die, die es können, wollen manchmal nicht. Auch okay», sagt sie. Bei Freigang habe sich vieles natürlich entwickelt. Mit ihrer Leidenschaft zur Fotografie erreicht sie inzwischen 222.000 Follower auf Instagram, veröffentlichte einen beachtlichen Bildband zur WM 2023, arbeitet mit Kamerahersteller Leica zusammen. Eines fliesst ins andere, nichts wirkt unpassend oder gekünstelt. Auch die Mode, die Freigang designt, entstand nicht mit einer Gewinnabsicht. Dennoch: «Sie ist die am besten vermarktete Spielerin in Deutschland», sagt Covic. Die Einnahmen aus diesen Verträgen überstiegen bei weitem ihr Spielerinnengehalt. Eine Ausnahme im Frauenfussball. Und für Covic eine Absicherung. «Ohne sie müsste ich nebenher noch einem anderen Job nachgehen», sagt sie.

 

Dass es auch hier menschlich passt, versteht sich. «Ich will nicht wissen, wie viele Berater Laura schon kontaktiert haben, sie aber trotzdem loyal mir gegenüber ist. Das ist ein schönes Zeichen, ein gutes Gefühl.» Das hat Covic auch schon anders erlebt, hat übers Wochenende ein dickes Problem gelöst, herumtelefoniert, organisiert und nicht mal ein Danke bekommen.

 

Bei Stars läuft das mit der Vermittlung quasi von alleine, schwieriger ist es bei durchschnittlichen Spielerinnen. Da muss Covic richtig ackern. Zunächst recherchiert sie, welche Vereine auf einer Position Bedarf haben, manchmal bekommt sie auch Anfragen von Vereinen, ob sie nicht für diese oder jene Position jemanden wisse. Dann stellt sie ein Highlight-Video zusammen, was Usus ist bei allen Spielerinnen ausserhalb der Top-5-Ligen. Oft wird auch ein Probetraining verlangt. «Das Wissen, das du für den Job brauchst, das kann dir keine Schule beibringen», sagt Covic. Die Basis muss man sich aufbauen aus gut abgehangenen juristischen Wissen, einer Portion Marketing einer Prise Management-Basics, und ein wenig Verhandlungstraining. Einiges davon hatte sie schon an der Uni, immerhin. «Aber es läuft im echten Leben nicht ab, wie in der Theorie.»

 

Für Jasmina Covic beginnt so eine Geschäftsbeziehung mitunter schon lange vorher, sie will die Spielerin kennenlernen, wissen, was für ein Mensch sie ist. Der «Vibe» müsse stimmen, sagt sie. Ansonsten verzichtet sie lieber. «Wenn wir uns treffen und sie mir eine Stunde lang keine einzige Frage stellt, dann kann das nicht funktionieren.» Es würde Reibereien geben, schlechte Resultate bei Vermittlungen, Unmut hier und Ärger dort – und am Ende tue das ihrer Reputation nicht gut, sagt Covic. Hatte sie schon, braucht sie nicht wieder.

 

Denn es gibt Phasen, da kann es knirschen, da ist es wichtig, dass man diesen guten Draht hat. Wenn die Klientin etwa den Verein wechseln will und am liebsten hätte, dass es sehr schnell geht. Aber dann kann es eben sein, dass Jasmina Covic erstmal bremst. «Ich sage immer: wartet, wartet! Die spannende Zeit kommt erst.» Die Spielerin wiederum hätte gern zum Trainingsauftakt den neuen Arbeitgeber. Das aber schwächt die Verhandlungsposition,
denn die Optionen kommen nach und nach ins Mailpostfach geplingt. Bis hin zu den englischen Teams, die stets sehr spät dran sind.

 

Was Covic auch ärgert: wenn die Berateragentur nicht sorgfältig ausgewählt wird. «Ich verstehe nicht, dass man den erstbesten nimmt. Macht euch die Mühe und kontaktiert wenigstens drei verschiedene.» So aber gelingt es so manchem semiseriösen Kollegen mit windigen Versprechen, einer Playstation und ein paar Nike-Klamotten eine Spielerin unter Vertrag zu nehmen.

 

Ist ein Verein dann an der Klientin interessiert, dann schaut Covic ganz genau hin: «Wohlfühlen ist wichtig. Passt die Philosophie des Vereins? Passt die Mannschaft? Passen die anderen Spielerinnen?» – und eben nicht nur das Finanzielle. Für manche Spielerin sei wichtig, dass die Mannschaft auch sozial harmoniert, zusammen einen Töpferkurs macht oder nach Rom fliegt. Derlei wird seltener im professionalisierten Sport, aber es existiert noch. Und woher weiss sie das alles? «Ich bin jetzt über zehn Jahre im Geschäft, ich kenne die Trainer, ich kenne die Spielerinnen, ich weiss, wie in den Vereinen zugeht.» Deshalb würde sie zwar grundsätzlich auch Männer vertreten, aber das gute Netzwerk, das hat sie eben vor allem im Frauenfussball.

ROBB REPORT Nr. 32-Nr.39

Ich arbeitete für die genannten Ausgaben als freier Editor-At-Large bei der deutschen Ausgabe des ROBB REPORT, der im Jahreszeiten Verlag Hamburg erscheint. Unterhalb der Chefredaktion war ich verantwortlich für das Bearbeiten von Texten, für Organisation und Themenfindung, Konzeption von Seiten und Strecken. Und ich texte natürlich auch – Geschichten, Interviews oder auch Überschriften und Vorspänne.

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„Es erschreckt mich, wie sich die Dinge wiederholen.“

Margarethe von Trotta, was fehlt Ihnen zum Glück?

Alles.

 

Alles?

Ja, denn ich weiß nicht, was Glück ist. Glück ist vielleicht, wenn man über die
Straße geht und dann nicht überfahren wird. Aber das Liebesglück oder das Glück, überhaupt auf der Welt zu sein, das kenne ich so nicht.

 

Und Zufriedenheit?

Manchmal bin ich durchaus zufrieden. Aber auch wenn ich Glück nicht kenne, bedeutet das nicht, dass ich unglücklich bin. Bloß könnte ich Glück nicht so richtig definieren. Das ist jetzt eine enttäuschende Antwort, oder?

 

Mit solchen Definitionen haben sich schon Generationen kluger Köpfe schwergetan. Man sagt ja auch, Glück, das gebe es bestenfalls in kurzen Momenten.

Genau, wenn ich zum Beispiel in Paris in einem Café sitze, das Wetter schön ist, interessante Menschen vorbeigehen oder ich Kinder beim Spielen beobachten kann. Auf einmal ist man glücklich. Weil man einen Moment lang Anteil nimmt an der Welt, nicht alleine ist, sieht, dass jeder eine Person für sich ist, nicht zu vergleichen mit jemand anderem.

 

Die Frage nach dem Glück ist aus dem Büchlein »Fragebogen« von Max Frisch. Darin stellt er Fragen an das Leben, deren Antworten für die Leserinnen und Leser erhellend sein könnten. Frisch ist in Ihrem neuen Film neben der Titelheldin Ingeborg Bachmann die tragende Figur. Eine zweite Frage aus dem Fragebogen lautet: »Tun Ihnen die Frauen leid?«

Die Frauen? Das ist eindeutig eine Frage, die ein Mann gestellt hat. Also ich weiß nicht, wann Max Frisch die Frauen wirklich leidgetan haben. Viel Mitgefühl hatte er eigentlich nicht. Um auf die Frage zu antworten: Mir tun sie schon manchmal leid, aber nur individuell. Nicht die Frauen als Gesamtheit.

 

Welche Frauen tun Ihnen leid?

Diejenigen, die bestimmte Wünsche haben, die ihr eigenes Leben leben wollen, aber es nicht können. Die tun mir leid. Aber nicht, weil ich sie als schwach empfinde, sondern weil sie in Situationen feststecken, aus denen sie es nicht herausschaffen.

 

Im Film geht es vor allem um die schwierige Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Bachmann sagte mal: »Ich existiere nur, wenn ich schreibe. Ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe.« Was in Ihrem Leben sorgt dafür, dass Sie nicht nur existieren, wenn Sie Filme machen?

Ich habe einen Sohn, bin mittlerweile auch Großmutter. Es macht einen ganz, ganz großen Unterschied für Frauen oder für Künstlerinnen, ob sie alleine und nur mit sich selbst im Zwist sind – oder Familie haben. Bachmann war selten mit sich im Reinen. Das bin ich auch nicht immer, aber wenn man sich so intensiv um jemand anderen, also beispielsweise ein kleines Kind, kümmern muss, ist man nicht mehr so verloren.

 

Man ist automatisch verloren, wenn man keine Kinder hat?

Nein. Aber bei ihr war sicherlich wesentlich, dass sie sich nur mit sich selbst beschäftigt hat und mit ihrem Elend. Dabei hatte sie auch andere Seiten. Ihr Bruder Heinz Bachmann, mit dem ich mich während der Recherche traf, erzählte mir, wie lustig sie war und dass sie andere oft mit Anekdoten zum Lachen brachte. In ihren Schriften wird sehr selten sichtbar, dass sie auch strahlte, dass sie lebendig sein konnte.

 

Tut Ihnen Ingeborg Bachmann leid?

(überlegt lange) Das stünde mir nicht zu, es wäre hochmütig und abwertend. Ich bewundere sie. Jeder wählt sich sein Leben und wählt damit auch sein Leid. Das Leben besteht nicht nur aus Dingen, die einem zustoßen und denen man ausgeliefert ist. Manchmal will man auch ein Stück weit ins Leid hinein, weil man es gerade braucht – zum Beispiel, um zu schreiben. Nein, leid tut Ingeborg Bachmann mir nicht. Mitgefühl habe ich mit ihr.

 

Menschen kennen den Namen Ingeborg Bachmann, wenn überhaupt, vor allem durch den Literatur-Wettbewerb in Klagenfurt.

Die wenigsten kennen sie, weil die wenigsten noch Gedichte lesen. Als ich in die Schule ging, haben alle noch Gedichte gelesen und auch selbst welche geschrieben. Die wir natürlich nie jemandem gezeigt haben. Wir waren offen für Poesie. Das gibt es heute nicht mehr. Wer liest auf dem Smartphone Gedichte?

 

Warum haben Sie einen Film über Ingeborg Bachmann gemacht?

Weil es mir angeboten wurde. Von all den Filmen über berühmte Frauen habe ich mir nur Hildegard von Bingen selbst ausgesucht. Alle anderen wurden an mich herangetragen. Ich zögere dann anfangs, bin skeptisch, ob ich es wagen kann, mich mit ihnen zu beschäftigen. Dann werde ich aber neugierig und will mehr wissen. Erst wenn ich das Gefühl habe, dass ich der Figur nahe bin, sage ich zu. Bei Ingeborg Bachmann ist mir das leichtgefallen, weil mich ihre Gedichte durch mein Leben begleitet haben und ich sie sogar noch persönlich kennengelernt habe. Leider nur kurz und flüchtig.

 

Ist sie heute noch relevant?

Ich finde schon. Allein wenn man bedenkt, wie früh sie auf ihre Unabhängigkeit bestand, wie früh sie feministisches Gedankengut lebte und verbreitete, ohne dass sie Feministin gewesen wäre. Sie wollte nicht abhängig sein, sie wollte ihre Freiheit ausleben können und sich nicht durch irgendeinen Mann einschränken lassen. Das war in den 1950er- und 1960er-Jahren natürlich außergewöhnlich.

 

In genau dieser Zeit haben Sie das selbst auch erlebt.

Deswegen fühle ich mich den Frauen, die so früh nach Unabhängigkeit gestrebt haben, besonders nahe. Max Frisch war ein Produkt seiner Zeit. Er hat in Ingeborg Bachmann ein Geheimnis gesehen, etwas Neues. Und jeder Schriftsteller ist neugierig. Frisch hatte das Gefühl, dass mit ihr ein Wesen in sein Leben kommt, das er studieren kann. Er war jedoch unfähig, ihr Verlangen nach Freiheit nachzuvollziehen. Darin bestand der Hauptkonflikt der beiden. Dazu kam seine enorme Eifersucht. Frisch war ja ein Monster, was das angeht. Das hat er in seinen Büchern auch beschrieben. Ein Problem, das ich übrigens auch hatte oder habe.

 

Ihre Partner waren Monster der Eifersucht?

Nein, ich bin die Eifersüchtige. Deswegen konnte ich Max Frisch so gut verstehen und sein Handeln nachvollziehen.

 

In meiner Wahrnehmung stellen Sie Max Frisch recht einseitig, extrem eifersüchtig, fast schon toxisch männlich dar.

Ich finde nicht, dass ich ihn zu negativ gezeichnet habe. Volker Schlöndorff, der Frisch persönlich kannte, hat den Film gesehen und sagte: »Das ist absolut Max Frisch, genau so war er.« Aber ich erzähle ja Ingeborg Bachmanns Geschichte und deshalb hat sie im Film eine Gefühlsskala, die sehr viel reicher ist als das, was ich bei Frisch beschreibe. So eine Bandbreite an Gefühlen stand ihm auch gar nicht zur Verfügung. Obwohl er vielleicht die Sehnsucht hatte, was ganz anderes zu leben. Aber das konnte er nicht.

 

Ende 2022 erschien der Briefwechsel zwischen Bachmann und Frisch als Buch. Für Sie zu spät, oder?

Ja, leider. Und ich durfte ihn vorab auch nicht einsehen. Obwohl ich mich sehr darum bemühte und auch gute Fürsprecher hatte, nämlich Ingeborg Bachmanns Bruder oder die Nachkommen von Frisch. Aber der Verlag hat das nicht gestattet und als das Buch erschien, war der Film längst fertig.

 

Die Quintessenz des Briefwechsels verrät bereits der Titel: »Wir haben es nicht gut gemacht«. Also gab es nicht nur den eifersüchtigen Max Frisch, beide hatten ihre Anteile an diesem Scheitern.

Nachdem Frisch sie verlassen hatte, brach Ingeborg Bachmann fast zusammen, versuchte, sich das Leben zu nehmen. Danach schrieb sie an ihren guten Freund Hans Werner Henze: »Obwohl
ich wusste, dass es gegen mein Gesetz war, habe ich trotzdem versucht, einmal etwas anderes zu leben.« Sie spürte von Anfang an, dass es nicht möglich ist, und trotzdem hat sie es probiert. Man sucht nach Bereicherung, wenn man jemand anderem begegnet und mit ihm sein Leben zusammenführen will.

 

Andererseits war das Unglück der beiden auch ein kreativer Quell. Es entstanden zwei große Romane in den Jahren nach der Trennung: Max Frischs »Mein Name sei Gantenbein« und Ingeborg Bachmanns »Malina« – beide gelten als ihre jeweils größten Werke.

Genau. Das ist natürlich die Gabe oder die Gnade der Schreibenden, dass sie ihre eigenen Unglücke auf diese Weise verarbeiten können. Wenn man sensibel ist und leidet und dieses Leiden gut beschreiben kann, hat man schon gleich wieder Material.

 

Sie selbst schreiben Tagebuch – aber Ihr Sohn soll später alles vernichten.

Das wird er sicher nicht tun, so wie ich ihn kenne.

 

Warum möchten Sie nicht, dass etwas daraus veröffentlicht wird?

Weil man es für sich selbst und seine eigene Erinnerung schreibt. Ich bilde mir immer ein, dass ich ein hervorragendes Gedächtnis habe. Aber wenn ich ein altes Tagebuch lese, dann merke ich, dass ich mich bei Weitem nicht an alles erinnere. Dann ist es sehr heilsam, noch mal reinzuschauen. Vor allen Dingen, wie man Momente der Trauer oder des tiefen Unglücks überwunden hat. Das noch mal zu lesen, kann zu einer Zuversicht führen.

 

Sie sagten mal, im Tagebuch stünden »ewige Beschreibungen der Angst«. Wovor haben Sie Angst?

Einerseits habe ich Angst, wenn ich mit der Arbeit an einem Film beginne, also beispielsweise davor, dass ich das nicht schaffe, nicht begabt genug bin. Das kannten und kennen wohl alle, die künstlerisch tätig sind. Das andere sind Urängste. Vor der Nacht, vor der Welt, vor dem Universum. Ängste, die man nicht beschreiben kann, die man nicht festmachen kann. Und das sind die schlimmsten, weil man sich ja nicht dagegen wehren kann. Denn wenn ich zum Beispiel Angst habe, dass mich jemand überf.llt, dann ist das eine handfeste Angst. Der kann ich irgendwie begegnen, mit Bitten oder mit Aggression. Gegen die Urängste kann ich mich nicht wehren, ich kann nicht handeln.

 

Und die Ängste legten sich auch nicht mit der zunehmenden Erfahrung oder dem Erfolg, den Sie mit Ihren Filmen hatten?

Nein. Vor jedem Film habe ich wieder das Gefühl, ich stünde ganz am Anfang und wüsste überhaupt nichts. Manchmal denke ich sogar nach, wie und ob ich denn jetzt »Bitte« sagen soll, damit die Schauspieler die Szene beginnen. Sage ich »Bitte« oder etwas anderes? Was sind die normalen Kommandos einer Regisseurin? Lauter solche komischen Dinge. Aber ich glaube, das ist auch gut so. Wenn man denkt, man kann alles und nichts kann einen überraschen, verliert man schnell den Fokus.

 

Wird man denn gelassener?

Ja, ich habe mehr Gelassenheit, gerade auch den Menschen gegenüber, die mit mir arbeiten. Ich habe im Gegensatz zu meinen Anfangstagen nicht mehr das Gefühl, ihnen unbedingt etwas beweisen zu müssen.

 

Was war damals anders, am Anfang?

Bei meinem ersten und zweiten Film musste ich, gerade als Frau, natürlich beweisen, dass ich das kann. Keiner hat mir etwas zugetraut. Heute kennen mich die meisten, und sie freuen sich, wenn sie mit mir arbeiten können. Aber wenn ich die Schauspieler dann dazu bewegen muss, mir zu vertrauen, ist das immer wieder eine neue Herausforderung.

 

Als Sie Mitte der 1970er Jahre zum ersten Mal Regie führten, herrschte ja auch noch eine »bleierne Zeit« im Feminismus. Heute ist vieles besser.

Und wie, natürlich. Damals haben sich die meisten Frauen selbst gar nichts zugetraut. Wir hatten zwar Wünsche, aber viele wagten nicht, diese zu realisieren. Heute ist es doch ganz normal, dass Frauen ihre Wünsche umsetzen. Manchmal schaffen sie es, manchmal nicht. Aber die grundsätzliche Möglichkeit ist meist gegeben.

 

Wie haben Sie sich damals durchgesetzt?

Ich brauchte in einem solchen gesellschaftlichen Umfeld schon auch Glück. Volker Schlöndorff, mit dem ich damals zusammen war, führte bei »Die verlorene Ehre der KatharinaBlum« Regie. Ich sollte die Hauptrolle spielen, aber dann haben wir beide gemerkt, dass ich nicht die Richtige war. Und Volker wusste, dass ich unbedingt Regie führen wollte, also bot er mir die gleichberechtigte Co-Regie an. Auch wenn er vielleicht nicht ganz so offen dafür war. Das war jedenfalls mein Glück und letztlich mein Sprungbrett.

 

Aber dennoch wurde der Film erst mal nur Volker Schlöndorff zugeschrieben?
Ich durfte anfangs nicht mal aufs Plakat, weil man dachte, das sei kontraproduktiv – der bekannte Regisseur und dann noch irgendeine Frau dazu. Man hatte Angst, dass der Film dadurch weniger Erfolg haben könnte. Das muss frustrierend gewesen sein …

Natürlich. Aber diese Frustration war damals üblich bei Frauen. Geredet haben nur die Männer. Wenn die Frau den Mund aufmachte, hieß es: »Komm, jetzt lass mal.« Das habe ich so oft erlebt und fragte dann: »Warum lasst ihr euch das Wort verbieten?« Es hat mich empört. Ich bin allein mit meiner Mutter aufgewachsen und musste als Kind nie kuschen. Auch in der Schule sagte ich immer meine Meinung und bin damit sehr oft angeeckt.

 

Freuen Sie sich, dass sich viel verbessert hat? Oder bedauern Sie, dass Sie es nicht leichter hatten?

Nein, es freut mich sehr, dass Frauen endlich selbstbewusster sind und zu Dingen kommen, die ihnen vorher verschlossen blieben. Ich fühle mich in dieser Hinsicht auch ein bisschen als Pionierin. Aber natürlich nicht als einzige, es haben sich so einige eingesetzt.

 

Zum Beispiel Alice Schwarzer, mit der Sie ja immer noch befreundet sind, oder?

Ja, wir mögen uns.

 

Sie ist momentan recht umstritten, erst die Initiative mit Sahra Wagenknecht gegen Waffenlieferungen in die Ukraine, dann ihre Haltung in der Debatte um das Selbstbestimmungsgesetz

Nun, zunächst sollte man mal sehen, was sie Gutes erreicht hat. Sie hat angestoßen, dass Frauen sich etwas zutrauen und sich in die Öffentlichkeit wagen. Sie besuchte mich mal in Paris für ein Interview und in einem Café kamen ein paar junge deutsche Frauen auf sie zu und haben sich bedankt. Sie war wirklich lange Zeit eine Ikone für viele junge Frauen.

 

Jetzt nicht mehr?

Mein Gott, wir sind alt, wir müssen uns nicht mehr in der vordersten Front bewegen und nicht immer bei allem den Mund aufmachen. Das hat Alice Schwarzer, glaube ich, noch nicht so ganz akzeptiert. Sie sieht sich immer noch als die große Vorkämpferin. So eine Rolle, die wird schnell zur zweiten Natur und deshalb kann sie sie vielleicht noch nicht ablegen. Aber mittlerweile wird ja auf ganz anderen Ebenen gekämpft. Es ist längst ein Grundeinverständnis da, dass Frauen etwas zu sagen haben. Jetzt geht es eher darum, alles auf die nächste Stufe zu heben. Aber das ist der Job der Jüngeren.

 

Für viele zum Vorbild wurde erstaunlicherweise im Sommer 2023 die Barbiepuppe,
durch einen Blockbuster. Der Film wird von vielen als moderner Ausdruck des Feminismus gehandelt. Sehen Sie das auch so?

Ach, keine Ahnung. Ich kann nur sagen, dass ich den Film sehr, sehr lustig fand. Die Regisseurin Greta Gerwig ist ja auch eine Feministin und war wohl selbst erstaunt über den Erfolg. Ich finde, er ist sehr schön gemacht.

 

Also rein handwerklich in Ordnung?

Nicht nur, auch das Thema scheint einen Nerv zu treffen. Man ahnt gar nicht, wie viele junge Mädchen diese Barbies lieben. Als ich »Rosa Luxemburg« drehte, schenkte ich der Darstellerin der Rosa als Kind eine Barbiepuppe, weil sie sich die gewünscht hatte. Und schon damals, im Jahr 1986, waren ihre Eltern entsetzt, die fanden diese Puppen schrecklich. Und ja, die sind auch schrecklich. Andererseits: Mein Sohn wünschte sich als Kind Spielzeugwaffen. Darüber war ich entsetzt, aber ich habe sie ihm gegeben. Später verweigerte er den Wehrdienst. Es stimmt also nicht, dass man die Kinder mit Spielzeug automatisch auf die falsche Fährte führt. Ich wünsche mir da etwas Gelassenheit.

 

Ebenfalls noch sehr aktuell ist der bereits erwähnte erste große Film von 1975 »Die verlorene Ehre der Katharina Blum«. Es geht um die Macht einer sehr großen Boulevardzeitung und wie sie einen Menschen vernichten kann. Das könnte man …

… heute noch genauso erzählen!

 

Richtig. Finden Sie es schön, dass Ihre Arbeit so zeitlos scheint?

Es ist eher schockierend. Damals konnte man gegen diese Zeitungen immerhin etwas unternehmen. Aber heute ist das so anonym im Internet, man kann kaum dagegen vorgehen oder jemanden zur Rede stellen. Das ist noch viel gefährlicher. Es erschreckt mich auch, wie sich die Dinge wiederholen. Da ist man so alt geworden, hat viel gekämpft und dachte, jetzt ist die Welt etwas vernünftiger geworden. Wir waren als junge Menschen gegen Armeen, und irgendwann wurde der Kriegsdienst dann abgeschafft. Wir waren so glücklich, dass das nun endlich vorbei ist – und jetzt gibt es wieder Krieg in Europa. Und überall gibt es Populisten und Faschisten, die immer stärker werden. Es ist doch zum Verzweifeln, dass es dieses Gesetz der Wiederholung zu geben scheint. Und es wiederholt sich ja nicht nur, es wird sogar schlimmer.

 

Dabei müsste die Menschheit doch wissen, dass am Ende immer alle verlieren.

Alle verlieren, alle. Das wird auch diesmal so sein. Aber vielleicht sollte die Menschheit sowieso untergehen. Sie hat es nicht verdient, auf dieser Erde zu sein. Ich bin manchmal sehr pessimistisch. Ich habe schon in den 1980er Jahren – 1988 im Film »Fürchten und Lieben (Paura e amore)« – eine der Figuren sagen lassen, dass die Menschen irgendwann aussterben und die Erde endlich wieder zur Ruhe kommen wird.

 

Dabei wirkt es in vielen Bereichen auch so, dass die Gesellschaft mit Kritik viel zurückhaltender ist, weniger direkt, weniger konfrontativ …

Ich weiß nicht. Alle beschimpfen doch alle. Gerade diese Hassbotschaften und auch die Aggressionen innerhalb der Familie. Momentan herrscht eine Aggressionsbereitschaft, die man kaum noch glauben kann. Früher hat man das am Stammtisch ausgetragen, heute schreibt man etwas ins Internet, ohne überhaupt selbst betroffen zu sein. Und bleibt dabei auch noch anonym.

 

Wobei mittlerweile erstaunlich viele auch mit Klarnamen Hass verbreiten. Die Hemmungen scheinen mehr und mehr zu schwinden.

Ja, das ist heldenhaft. Das kommt durch die AfD, die hat so ein Verhalten wieder gesellschaftsfähig gemacht.

 

Auch Sie haben in den 1970er und 1980er Jahren Anfeindungen und Hass erlebt, allein schon weil Sie als Frau erfolgreich waren, Ihre Meinung sagten und feministische Themen in Ihren Filmen verarbeiteten. Wie haben Sie diese Zeit empfunden?

Das Schlimmste daran war, dass ich das Gefühl hatte, da bin nicht ich persönlich gemeint, sondern ich bin das Beispiel für eine Frau, die nicht hat auftreten dürfen. Durch mich wurden alle Frauen angegriffen, die etwas anderes für sich erkämpfen wollten als das, was ihnen zugedacht war. Das machte man damals an mir fest, weil man mich angreifen konnte, weil ich sichtbar war.

 

Immerhin mussten Sie die Kritik ja dann nicht persönlich nehmen.

Doch, das musste ich schon. Meine Angst war auch, dass ich nicht mehr weitermachen darf. Ich habe nichts gegen Gegner oder gegen Kampf. Ich will nicht nur gelobt werden. Aber ich will weiter Filme drehen. Und Film ist abhängig von Leuten, die einen machen lassen. Wenn man malt oder schreibt, braucht man kein Geld. Aber beim Film braucht man sehr sehr viel davon.

 

Sie gingen Ende der 1950er Jahre nach Paris, weil Sie das Gefühl hatten, in Deutschland zu ersticken. Warum?

Es war die Adenauerzeit, alles war extrem autoritär und bieder. Wenn man ein bisschen was erleben, ein bisschen in die Welt schauen wollte, dann musste man von dort weg. Ich bin dann von Düsseldorf aus per Autostopp gereist, ich hatte ja kein Geld. Damals ging es vielen wie mir: Hanna Schygulla, Jutta Brückner, Ulla Stöckl, sie alle gingen als Au-Pair nach Paris.

 

Was haben Sie dort erlebt?

Paris bot mir eine andere und viel offenere Welt und Weltsicht, das Leben war politischer. In Paris haben die Studierenden schon Ende der 1950er Jahre rebelliert, was bei uns in Deutschland erst zehn Jahre später passierte. Damals tobte der Algerienkrieg, und viele meiner Freunde fürchteten, dass sie dorthin müssen.

 

Und in Paris beschlossen Sie nach einem Kinobesuch, selbst Filme machen zu wollen.

Ja, das war im »Le Champo« im Quartier Latin, das Kino gibt es heute noch. Ich sah dort einen Film von Ingmar Bergman und wusste oder fing an zu wissen, dass ich das eines Tages auch können wollte. In Deutschland gab es ja kaum etwas, nur diese Wald- und Wiesenfilme und die schaute ich mir nicht an. Höchstens mal am Sonntag mit meiner Mutter, wenn es regnete. Aber das war keine Kunst. Als Kunst galten damals Oper, Konzert, Theater oder Malerei. Erst als ich diesen Ingmar-Bergman-Film sah, da merkte ich, dass auch ein Film große Kunst sein kann.

 

2018 haben Sie einen Dokumentarfilm über Ingmar Bergman gedreht. Er ist einer der wenigen Männer, mit denen Sie sich beruflich befasst haben.

Ja, genau. Es war der einzige Mann, der bei mir Hauptdarsteller war. Bergman war eben mein Lehrmeister. Natürlich auch, weil es damals keine Frauen gab, die Filme drehten und an die ich mich hätte anlehnen können. Wenn heute eine junge Frau Regie führen will, dann schaut sie sich vermutlich erst mal Filme an, die von Frauen gemacht wurden. Denn die gibt es inzwischen. Reichlich.

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Erleben Sie mit unserem Reiseführer die Straßen von Bayerns Hauptstadt einmal jenseits der typischen Münchner Sehenswürdigkeiten wie Arena und Oktoberfest (Wer gar nicht ohne kann: Ein Besuch im Oktoberfestmuseum und Münchens famoseste Fußballkneipe gehören zu den Abenteuern). 33 Abenteuer auf 240 Seiten vermitteln Ihnen einen ganz neuen Blick auf »Minga«, wie die Stadt von Einheimischen auch genannt wird: eine Schnellrundfahrt mit der Straßenbahn, das Münchner Marionettentheater, die beste Weißwurst der Stadt und und und …

 

Die ITB BuchAwards-Jury findet: »Das liest man gern und gewinnt das vertrauliche Gefühl: Die Autoren waren alle vor Ort oder sind wirklich ‚von hier‘ und kennen sich bestens aus.«

 

Genussbesuch auf dem Viktualienmarkt, Comedy im Vereinsheim Schwabing, der größte Biergarten der Stadt, 40 Jahre Rocky Horror in den Museum-Lichtspielen, eine Schiffsfahrt auf dem Starnberger See: Neben den Erlebnissen machen die hilfreichen Hinweise und bewährten Tipps von Detlef Dreßlein Ihre Reise nach München zu einem gelungenen und individuellen Städtetrip.

 

In den acht Kapiteln des Buchs zu mehr als acht Stadtteilen werden auch alle reisepraktischen Tipps verraten: von den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten bis zu Lokalen, Läden, Kneipen und Hotels. Besonders hilfreich sind die Hinweise, welche Tageszeit sich für welches Abenteuer eignet.

 

Mehr als die Hälfte der Erlebnisse im Buch sind kostenlos oder sehr günstig: Sie kosten weniger als 15 Euro. München mit Kindern erleben? Kein Problem: Viele der Abenteuer sind familienfreundlich, aber natürlich lässt sich die Stadt an der Isar auch allein, zu zweit oder mit Freunden erkunden.

 

Schließlich begleitet Detlef Dreßlein Sie noch zu abseits vom Schuss gelegenen, jedoch nicht weniger attraktiven Abenteuern, etwa zu einer Radtour um den Ammersee oder ins Naturfreibad Maria Einsiedel.

„Groß­artig, dass selbst Pop­stars diese Tri­kots tragen“

Mirko Bor­sche, was macht das per­fekte Fuß­ball­trikot aus?

Am besten ist es sehr redu­ziert. Denn cool wird es durch das weg­lassen. Dieses Über­frachten mit Details und Farben, das ist irgendwie furchtbar. Mein 15-jäh­riger Sohn liebt aber ori­ginal Tri­kots aus den 1990ern, dem kann es nicht ver­rückt genug sein.

 

Sie gelten als einer der besten deut­schen Gra­fik­de­si­gner, arbeiten für Balen­ciaga, Supreme oder das ZEIT-Magazin. Wie kommt es, dass Sie sich im Fuß­ball betä­tigen?

Ich bin großer Fuß­ball-Fan, seit ich etwa drei Jahre alt bin, genau genommen Fan des FC Bayern. Mein Traum war immer, irgend­wann mal ein Fuß­ball­trikot zu machen. Denn ich habe als Kind Tri­kots gesam­melt, war regel­recht besessen davon, als ich bei der WM 1982 all die wun­der­schönen Tri­kots gesehen habe, das fran­zö­si­sche oder das spa­ni­sche. So fing ich an, zu sparen und habe Zeug meiner Eltern auf dem Floh­markt ver­kauft, damit ich an Geld für Tri­kots komme.

 

Und wie viele hatten Sie dann?

Viel­leicht acht oder neun. Was für einen Jugend­li­chen in der 1980ern ziem­lich viel war. Natür­lich war ein Bayern-Trikot dabei, mit Magirus-Deutz-Wer­bung und weißem Kragen. Ich hatte das deut­sche Trikot mit dem Drei-Blatt-adidas-Logo. Und ein Bekannter hat mir ein ori­gi­nales Bar­ce­lona-Trikot aus den 1970ern geschenkt, mit der Nummer 8 drauf.

 

Ihr Erst­ling gelang prächtig: Das Magazin GQ nannte den FC Venedig 2021 „the world’s most fashionable foot­ball club“. War Ihnen klar, dass es so ein­schlägt?
Über­haupt nicht. Es war ja Neu­land für mein Team und mich und des­halb haben wir uns gesagt: wir machen so gut wie nichts, so zurück­hal­tend und klas­sisch, wie es nur geht. Es sollte aus­sehen, als ob es das schon immer gab. Was man zur Jeans tragen kann und was geschlechts­neu­tral ist. Und es soll in sechs Jahren immer noch modern sein, damit der Fan nicht ständig was neues kaufen muss

 

Es hat offenbar funk­tio­niert.
Ich finde groß­artig, dass selbst Pop­stars diese Tri­kots tragen. Zwei von „Maneskin“ etwa, einer der größten Bands Ita­liens. Auch Pete Doh­erty, der ja mitt­ler­weile seine 110 Kilo wiegt, hatte es auf der Bühne an und sieht gut aus. Das war ein wich­tiger Para­meter: dass auch der nor­male Mensch gut aus­sieht. Aber man muss auch Glück haben: Dass zum Bei­spiel kein unan­ge­nehmer Sponsor vorne drauf ist.

 

… son­dern nur „Citta di Venezia“.
Ja, die Stadt wurde zum Sponsor, aber das große Venezia steht auch für den Club. So wurden die Tri­kots auch bei Tou­risten als Sou­venir beliebt. Mitt­ler­weile hat der Club zwei Shops auf­ge­macht. Das ist echt irre, die haben damit ein paar Mil­lionen Euro Umsatz gemacht. Ein Serie-B-Verein, mit einem Sta­dion für 14.000 Fans und ein paar tau­send Insta­gram-Fol­lo­wern.

 

Wie kam Venedig denn auf über­haupt Sie?
Die Besitzer stammen aus New York, wir haben viele Kunden dort, machen zum Bei­spiel viel für „Supreme“. Und da muss unser Name gefallen sein.

 

Was planen Sie für die neue Saison?
Es wird wieder ein schwarzes Trikot, da haben wir nur ein biss­chen mit den Streifen gespielt. Das Aus­weicht­rikot ist diesmal nicht pur weiß, son­dern hat einen leichten Creme­s­tich. Alles sehr ähn­lich zum letzten Jahr, nur ein biss­chen raf­fi­nierter.

 

Also wir fassen zusammen: Guter Schnitt, redu­ziertes Design, mit gutem Auge aus­ge­wählte Farb­nu­ancen.
Ja, und es muss irgendwie auf­re­gend sein. Und so wertig, dass jemand knapp 100 Euro aus­gibt? Dafür müssen alle Details stimmen. Beim Away Trikot von Kal­li­thea, einem grie­chi­schen Zweit­li­gisten für den für auch arbeiten, ist vorne nur so ein Streifen mit einer Linie in der Mitte. Total simpel. Aber da haben wir ewig rum­pro­biert, bis wir die rich­tige Strei­fen­dicke hatten. So dass es getragen gut aus­sieht, aber auch im Fern­sehen noch funk­tio­niert.

 

Wie gefällt Ihnen denn das kleine und uralte Sta­dion von Venedig?
Es ist absolut groß­artig. Ich war im letzten Oktober zuletzt dort, und es ist zwar Serie B, fühlt sich aber wie Kreis­liga an, so klein und fami­liär. Groß­artig, wenn du oben sitzt und aufs Meer oder die Lagune guckst und dabei Fuß­ball schaust. Für die Promis und Influencer steht da ein­fach nur so ein kleiner Bier­wagen und keine VIP Bereiche. Letz­tens hat mir ein Freund ein Video geschickt: Ein Spieler wird aus­ge­wech­selt, holt sich dort ein Bier und macht dann mit den Fans ein Foto.

 

Und das Beste: Die Spieler tragen Tri­kots, die Sie designt haben.
Ja, das ist ein irres Gefühl. Nicht nur in Venedig. Wir haben ja auch für Inter Mai­land außer den Tri­kots alles neu gemacht, auch das Ver­eins­wappen. Dann spielt der FC Bayern gegen Inter, ich stehe in der Allianz Arena und auf allen Screens sehe ich das Wappen meines Lieb­lings­verein und daneben das, was ich gemacht habe.

 

Und das ist dann Cham­pions League, eine ganz andere Dimen­sion …
Das stimmt, dort hast du rund acht oder neun Mil­lionen Fol­lower. Dann hatte Inter ja ein schönes Wappen. Und dazu eine rie­sige Tra­di­tion.

 

Warum wollten es die Ver­ant­wort­li­chen den­noch ver­än­dern?
Zum einen wegen der Sicht­bar­keit, denn der Kon­trast war unglaub­lich schwach, ein sehr helles Blau mit Gold. Dann gab zwei Buch­staben mehr als jetzt, also 50 Pro­zent mehr Infor­ma­tion. Es war recht kom­plex auf­ge­baut und wir mussten ein biss­chen auf­räumen. Denn Steven Zhang, der Besitzer, stammt aus China, wo ist E‑Sport ein­fach riesig ist, und da will Zhang unbe­dingt rein. Neben all den E‑S­port-Logos sieht so ein altes Fuß­ball-Wappen ziem­lich unge­lenk aus. Dazu kommt: in China schauen sich viele Men­schen Sport oft nur auf dem Handy an, denn sie pen­deln dort sehr weit, sitzen stun­den­lang in Zügen. Um diesen Markt zu errei­chen, muss das Logo erkennbar sein, und zwar auf dem Handy, also auch in klein.

 

Was haben Sie noch geän­dert?
Der Club wollte, dass wir uns ein Motto über­legen, so eine Art „Foot­ball is coming home“. Als wir nun das „FC“ raus­ge­nommen hatten, blieb „IM“ übrig, also eng­lisch „I am“. Und damit konnten wir spielen. Es heißt „Inter­na­tio­nale Milano“, und es heißt „Ich bin“. Wir haben errechnet, dass 97 Pro­zent der alten Form erhalten ist – aber es sieht trotzdem anders aus.

 

Wollten Sie auch, dass der tra­di­tio­nelle Fan damit glück­lich ist?
Das kriegt man leider nicht immer hin. Sobald sich etwas ändert, wird der Mensch unruhig. Und ein Ver­eins­logo ist natür­lich was Hei­liges, weil es aus einer anderen, ver­meint­lich bes­seren Zeit kommt. Die alten Wappen sind ja auch oft nicht von Desi­gnern gemacht worden, son­dern von Ver­eins­mit­glie­dern oder Bekannten, die ein biss­chen malen konnten. Das macht ja auch ihren Charme aus.

 

Die Tri­kots für Inter durften Sie aber nicht gestalten. Warum?
Die macht immer Nike, die lassen sich schwer beein­flussen. Sie müssen zwar unsere Farben, bestimmte Gra­fiken und einige Schlüs­sel­ele­mente ver­wenden. Aber wie sie das machen, darauf haben wir leider keinen Ein­fluss.

 

Sonst stammt aber alles von Ihnen?
Ganz genau. Das Design von jedem Feu­er­zeug, bis zum Schlüs­sel­an­hänger, dazu die Web­site, Social-Media-Kanäle, alles im Sta­dion. Wir haben beim Logo ange­fangen, am Ende aber alles gemacht, was blau, weiß und schwarz ist in diesem Verein.

 

War es für die Fans hart, die Ver­än­de­rung im Logo zu akzep­tieren?
Ja, und davor hatten wir ein biss­chen Schiss. Zumal der Vor­stand etwas unvor­sichtig war. Der Prä­si­dent hat mich ange­rufen, man wolle das neue Logo im kleinen Kreis vor­stellen, ob ich mich per Zoom dazu­schalten könne. Ich saß dann hier mit nem Kol­legen vorm Laptop. Und es kam mir schon etwas seltsam vor, denn die Herren des Vor­stands saßen neben­ein­ander wie bei einer Pres­se­kon­fe­renz. Denn es war auch eine Pres­se­kon­fe­renz. Die auch noch live im öffent­li­chen Fern­sehen über­tragen wurde. Und dann kamen wir, die Deut­schen, die das Logo einer ita­lie­ni­schen Legende geän­dert haben. Es dau­erte keine 20 Minuten, da waren alle meine Social-Media-Accounts voll mit Belei­di­gungen und Bedro­hungen jeg­li­cher Form.

 

Und dann?
Das Pro­blem bei so einem Auf­trag ist: du machst etwas, das zu der Kultur der Leute gehört. Sie täto­wieren sich das Logo auf den Körper, ver­zieren ihren Roller damit, oder Kinder malen es sich auf ihr Haus­auf­ga­ben­heft. Und die alle hatten jetzt das fal­sche Wappen.

 

Aber es war ein Job, der Verein wollte die Ver­än­de­rung.
Klar, ich bin Dienst­leister und mache am Ende, was der Kunde sich wünscht. Wir haben Inter viele Ver­sionen vor­ge­legt und uns langsam ange­nä­hert. Das war ein wahn­sinnig inten­siver Pro­zess, der über Monate ging. Den sieht aber der nor­male Fan nicht. Der denkt sich, die pin­seln halt biss­chen rum, ändern ein paar Klei­nig­keiten und kas­sieren einen Haufen Geld dafür. Aber das ist eben der Clou: Wenn es gut gemacht ist, sieht es auch sehr ein­fach aus. Ein Logo muss auch ein­fach sein, damit das es jeder nach­malen kann. Denn ein Mul­ti­pli­kator sind auch Men­schen, die damit kreativ umgehen.

 

Wie haben Sie den Shit­s­torm weg­ge­steckt?
Es war hart, weil es sich ja nicht auf das Internet beschränkte. Auch in Mün­chen gibt es viele Inter-Fans und so rückte das Thema mitten in mein Leben. Ich bin von einem der Bar­keeper gefragt worden: „Sag mal Mirko, hast du sie noch alle?“

 

Gab es auch ernste Bedro­hungen?
Leider ja, von Men­schen deren Insta­gram Profil Fotos, auf denen sie bis obenhin täto­wiert waren, mit Gas­pis­tole in der Hand, da hatte ich schon enormen Respekt.

 

Wie ging es weiter?
Unser Glück war, dass Inter in dieser Saison Meister wurde. Richtig ent­spannt habe ich mich erst nach dem Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nale Spiel gegen Ben­fica vor ein paar Wochen. Denn da haben ich unser Motto „I am Inter, I am Milano“ im ganzen Sta­dion wahr­ge­nommen. Und die Fans in der Kurve haben unser Logo für ihre Cho­reos ver­wendet. Ich merkte: Sie haben es akzep­tiert. Jetzt höre ich oft: Wir fanden es anfangs fürch­ter­lich, aber eigent­lich ist es viel besser.

 

Trug dazu auch bei, dass es dem alten Logo noch sehr ähn­lich ist?
Ja, denn wir haben sowohl bei Venedig, als auch bei Kal­li­thea und bei Inter immer darauf geschaut, dass es zwar ele­ganter und ein­fa­cher wird, aber eben ein Fuß­ball- Wappen bleibt. Dass es zwi­schen den anderen Wappen nicht auf­fällt und kein Fan sagt: Was macht denn das Logo von Louis Vuitton hier?

 

Welche deut­schen Logos über­zeugen Sie denn?
Legendär ist natür­lich der HSV, absolut gra­fisch, redu­ziert und wahn­sinnig ein­prägsam. Zu der Zeit, als es gestaltet wurde, muss das enorm radikal gewesen sein. Damals waren Wappen über­laden und ver­spielt – und dann legt einer das hin und sagt: Genau so. Drei Vier­ecke. Oder 1860. Da würden wir Profis nie­mals drauf kommen, einen Löwen in ein Achteck zu setzen. Ich finde auch For­tuna Düs­sel­dorf gra­fisch ein­fach schön, dieses eigene „F“. Und auch der BVB auch cool. Das hat was indus­tri­elles, was in die Gegend dort passt. Von Hertha mag ich die Fahne mit der Inschrift.

 

Für jemanden, der auf dem Bolz­platz sozia­li­siert wurde, hört man recht oft „Märkte“, „China“ oder „E‑Sports“. Tut das nicht auch weh?
Natür­lich der roman­ti­sche Zug ist leider abge­fahren. Der Druck ist groß bei den Top Clubs, sport­lich aber auch wirt­schaft­lich. Des­halb genieße ich es ja auch zur Abwechs­lung, in Venedig oder bei Kal­li­thea im Sta­dion zu sitzen. Oder im Grün­walder Sta­dion.

Sinan Bakis

Sinan Bakis, dachten Sie an einen Scherz, als Sie hörten, dass Sie ein Klub aus Andorra verpflichten will?

Nur im ersten Moment. Ich hatte schon vor Jahren gehört, dass Gerard Piqué mit seiner Investorengruppe einen unterklassigen Klub aus Andorra übernommen hatte. Dass der mittlerweile in Spaniens zweiter Liga spielt, wusste ich aber nicht. Als man mir dann erzählte, was man vorhat und wie das Projekt aussieht, wollte ich Teil davon sein.

Was wurde Ihnen denn erzählt?

Dass sie in zwei Jahren die Primera Division erreichen wollen und viel in neue Spieler und die Infrastruktur investieren wollen. Auch die letzten Jahre, die Aufstiege aus dem Nirgendwo der fünften Liga, fand ich beeindruckend.

Wie blickt man in Spanien auf das Projekt?

Wir sorgen in der Liga schon für Aufsehen. Viele gegnerische Trainer sagen, sie hätten nicht erwartet, dass wir eines der fußballerisch stärksten Teams sind. Wir spielen wie Barcelona, viel Tiki-Taka, weil unser Coach Eder Sarabia zuvor Co-Trainer dort war und viele Spieler aus der Barça-Jugend kommen.

Andorra liegt in den Pyrenäen. Ein Drittel der 77 000 Bewohner lebt in der Hauptstadt Andorra la Vella. Wie ist es dort?

Ganz schön. Sicher, es gibt nicht den Trubel großer Städte, aber dafür sehr viele Berge. Wir sind umzingelt davon. Viel raue Natur. Der einzige Nachteil ist, dass wir zu jedem Auswärtsspiel relativ weit reisen müssen. Selbst wenn wir fliegen, geht das nur ab Barcelona – und das sind allein drei Stunden Busfahrt. Und von dort folgt womöglich noch ein Flug nach Teneriffa oder Gran Canaria.

Wohnen Sie in der Hauptstadt?

Ja, wie die meisten Spieler. Allein schon, um nah beim Trainingsplatz und am Stadion zu sein. Manche sind auch weiter nach oben gezogen, einige aus dem Staff leben in den Bergen. Aber die Kälte wollte ich mir nicht antun. Jetzt im Winter schneit es fast durchgehend.

Andorra la Vella liegt auf über 1000 Metern Höhe.

Momentan ist es sehr kalt, vor allem nachts. Beim Heimspiel gegen Albacete Ende Januar, an einem Montagabend um 21 Uhr, hatten wir minus acht Grad.

Nutzen Sie die Berge zum Wandern oder Skifahren?

Wandern ist nicht mein Ding. Aber ich angle sehr gerne. An freien Tagen fahre ich schon mal um acht Uhr los und angle den ganzen Tag.

Klingt nach der puren Idylle. Aber als junger Mensch will man doch was erleben.

Es ist viel kleiner, aber wir haben alles. Man kann ins Kino oder ausgehen. Viele Teamkollegen stammen aus Barcelona. Die fahren regelmäßig hin, sobald wir ein, zwei Tage frei haben. Ich will mir die drei Stunden Fahrt meist nicht antun.

Im Januar rutschte Ihr Klub nach mehreren Niederlagen ins Mittelfeld der Tabelle ab.

Leider, nachdem wir lange oben mit drin waren. Mal sehen, die Saison geht noch ein paar Monate, wir werden alles versuchen, um in die Playoffs zu kommen und doch noch aufzusteigen.

Für Sie läuft es ganz gut, Sie sind aktuell bester Torschütze des FC (Stand 2.2.: acht Treffer).

Ja, ich bin zufrieden, obwohl es schon noch ein, zwei Tore mehr sein könnten.

Wie ist es denn, in den Höhen Andorras Fußball zu spielen?

Das Stadion ist wirklich klein, es hat nur 3300 Plätze. Es fühlt sich aber sehr gut an, umzingelt von Häusern und Bergen. Der Platz ist in hervorragendem Zustand, darauf wird großer Wert gelegt. Die Bedingungen sind hochprofessionell.

Ist der andorranische Fußballfan heißblütig?

Wir haben schon Fans, manche tragen auch Kutten und Fahnen. Auswärts fahren zwischen 30 und 50 Leute mit. Auch wenn viele Spiele weit weg sind.

Haben Sie Gerard Piqué schon kennengelernt oder lässt der sich gar nicht blicken?

Doch, er ist sogar sehr oft da, schaut bei den Heimspielen zu und kommt danach in die Kabine. Es gab auch schon zwei Mannschaftsabende mit ihm, wo er sich für jeden Spieler Zeit nahm, für ein „Hallo“ und ein bisschen Smalltalk.

Der Präsident befindet sich im Rosenkrieg mit Ex-Frau Shakira. Was kriegen Sie davon mit?

In Spanien ist das eine große Geschichte, insofern bekommt man durchaus so
einiges mit. (Schmunzelt.)

Sie spielten Ihre gesamte Jugend über in Deutschland, aber nie im Herrenbereich. Warum?

Es hat damals in der Jugend bei Bayer Leverkusen ein wenig gekracht. Ich war ein junger Bursche mit vielen Emotionen und wollte weg. Das Angebot von Kayserispor aus der türkischen Süper Lig kam also gerade recht. Aber dass ich dann zehn Jahre nur im Ausland spielen würde, hat sich zufällig ergeben.

Sie waren auch für Bursaspor aktiv, in Österreich bei Admira Wacker Mödling und dann bei Heracles Almelo in Holland. Wollen Sie irgendwann wieder in Deutschland spielen?

Ja, auf jeden Fall. Ich hätte vor drei Jahren in die zweite Bundesliga wechseln können, habe mich dann aber für Holland entschieden. Wenn man in Deutschland aufwächst, dann träumt man natürlich immer davon, mal in der Bundesliga zu spielen.

„Selbstgerechtigkeit ist etwas wahnsinnig Unappetitliches.“

Mark Waschke, sind Sie gern allein?

Ja, durchaus. Allein sein heißt auch, sich selbst aushalten zu können. Sei es in der Stille, der Einsamkeit oder im absoluten Treiben, im Berghain auf der Tanzfläche oder auf einer Straßenkreuzung in Tokio. Ich halte ich mich da gern an die spirituellen Meister: Schau auf dich, in dich, nimm deinen Atem wahr, die Welt.

Konnten Sie das schon immer: sich selbst gut aushalten?

Früher nicht, inzwischen geht es ganz gut, manchmal gehe ich mit mir selbst ein Bier trinken. Das macht man viel zu selten, dass man sich selbst mal richtig zuhört und fragt: Was brauch ich denn eigentlich gerade? Dafür sind Stille und das Alleinsein ganz hilfreich.

Demnächst läuft die Tatort-Folge „Das Opfer“, in der Ihre Figur Robert Karow ihren ersten und vorerst auch einzigen Einsatz im Alleingang hat. Wie war der Dreh für Sie ohne Meret Becker oder Ihre neue Ermittler-Kollegin Corinna Harfouch an der Seite?

Es war ein ganz besonderer Ritt und eine enorme körperliche Erfahrung. Denn zum einen erlebt Karow von Schlägen bis hin zur Verstümmelung fast alle körperlichen Extreme. Und dann ist eben seine Kollegin nicht mehr da, so ist er völlig auf sich zurückgeworfen, mit sich und der Welt allein. Sich darin neu zurechtzufinden, das war sowohl für Karow als auch für mich als Darsteller eine Herausforderung. So ein Dreh hat nicht nur für die fiktive Figur, sondern auch für den Schauspieler etwas reinigend Kathartisches – und ist auf eine schöne Art bewegend.

Bedeutet kathartisch, dass Sie etwas gelernt haben?

Nee, das nicht. Gelernt hieße ja, dass man etwas verstanden hätte, was man vorher nicht verstanden hat. Katharsis oder auch kathartische Erschütterung bedeutet für mich, dass ich anders auf die Welt schaue als vorher. Ich wurde quasi einmal psychophysisch durchgeschüttelt. Das sorgt aber nicht unbedingt für einen klaren Blick. Es ist eher so, dass in mir Kanäle aufgegangen sind, die vorher zu oder die noch nie spürbar waren. So, als würde man seine Wurzeln in eine neue Richtung ausstrecken. Man wird angenehm erschüttert.

Können Sie diese Erschütterung in Worte fassen?

Also, bei Robert Karow gab es ja einige Bereiche, in die er nie hineinschauen wollte: seine Jugend, seine Sexualität, das Verhältnis zu seinem Vater. Das sind alles Dinge, die mir durchaus selbst auch nahe sind, und ich ahnte, dass ich selbst da bisher auch nicht so genau hinsehen wollte. Aber genau bei den Dingen, mit denen man sich nicht auseinandersetzen will, ist die Kacke am Dampfen, oft schon seit Jahrzehnten. Denn warum sollte man da genauer hinschauen? Man kommt auch so ganz gut durchs Leben. Man entwickelt sogar Energien und Mechanismen, um eben nicht hinschauen zu müssen. Bei vielen macht diese Vermeidungsstrategie einen Teil der Persönlichkeit aus. Die Figur Karow ist hochintelligent, aber auch zynisch, wobei er Menschen zwar nicht verachtet, aber auch keine Geduld mit ihnen hat. Weil er sich nicht mit dem auseinandersetzen will, was ihm wehtut. Weil er sich somit unsicher fühlt, ungeschützt. Und niemand mag sich unsicher fühlen

Und das gilt auch für Mark Waschke?

Naja, auch für mich ist es nach sieben Jahren mit einer Drehpartnerin eine neue Erfahrung, so etwas ganz allein zu machen. Ich hätte im Übrigen auch nicht gedacht, dass ich das so lange mache. Ich dachte eigentlich, nach sechs, sieben Jahren ist es dann auch mal gut und die Figur ist auserzählt, wie man so sagt.

Warum machen Sie weiter?

Zum einen hatte Meret Becker bereits vor drei Jahren verkündet, dass sie aufhören will. Damals wollte ich das auf keinen Fall. Und zum anderen habe ich gemerkt, dass sich in der Figur immer mehr auftut, eben auch diese Erschütterungen. Ich habe gemerkt: Mit dem Karow gibt es noch viel zu erzählen.

Was denn zum Beispiel?

Na, wie verhalten sich Männer in der Großstadt der 20er Jahre dieses Jahrhunderts? Da geht’s um Dinge wie Verletzbarkeit und … es klingt wirklich schrecklich, aber ich sage es jetzt trotzdem: darum, Nähe zuzulassen. Auch Karow würde fragen: „Nähe zulassen, was soll der Scheiß?“ Schließlich ist das ein 80er-Jahre-Vokabular, als man über „Beziehungskisten“ gesprochen hat und dass man „an seinen Problemen arbeiten“ müsse. Das klingt furchtbar, und es ist furchtbar.

Finden Sie?

Oh ja, schon wenn ich darüber rede, merke ich, wie sich bei mir alles zusammenzieht. Es ist nicht sinnlich, nicht sexy. Dennoch ist es erstaunlich, was passiert, wenn man eben nicht gleich wegrennt, nur weil man sich unsicher fühlt, sondern man versucht, es ein bisschen auszuhalten. Auch wenn es Angst macht.

Was passiert dann?

Auf einmal entsteht ein anderes Gefühl von Sicherheit. Man versucht, sich im Unbehaglichen behaglich zu fühlen. In dem, was uns Angst macht, kann gleichzeitig die Chance zur Veränderung, zur Heilung liegen. Karow hat das lange nicht gemacht, und ich auch nicht so oft. Aber vielleicht muss das so sein, vielleicht ist mir das auch jetzt erst möglich. Ich bin dieses Jahr 50 geworden, und merke, dass ich vielen unwichtigen Sachen hinterhergerannt bin, jahrelang, unbewusst. Irgendwann wurde mir klar, worum es mir eigentlich geht: um aufrichtige Beziehungen zu den Menschen, mit denen ich zu tun haben will. Wenn man das so ausspricht, klingt es für manche möglicherweise wie aus einem Wohlfühl-Ratgeber. Aber vielleicht ist das auch nur eine komische Angst von mir: dass ich so klinge wie die Texte einer Frauenzeitschrift im Wartezimmer.

Im neuen Tatort schaut Karow genau hin, denn er erfährt einiges über seine Jugend, seine sexuelle Orientierung, es gibt Rückblenden in die 1980er Jahre. Wie ging es Ihnen damals?

Das Irre an der Pubertät ist ja, dass man sich zum ersten Mal als sexuelles Wesen erfährt. Ich schau in den Spiegel, und ich sehe jemand anders. Und man greift sich an die Nase oder an den Arsch und spürt etwas Fremdes. Es hat mich in meiner Pubertät unglaublich verunsichert, ich tat mich schwer damit, diesen Körper anzunehmen. Ich habe immer gedacht, ich habe so dünne Handgelenke – also hab ich Liegestütze gemacht. Davon bekam ich dann Schmerzen in der Schulter, aber die Handgelenke blieben dünn.

Hat sich diese Unsicherheit mit der Zeit erledigt?

Bei meinem Improabend „Metaware“ hab ich gesagt: ich fand mich früher auch scheiße, aber mittlerweile komm ich ganz gut mit mir klar. Auch körperlich, und auch mit anderen Menschen. Ich kann mich besser aushalten, wenn ich mich und meine Verhaltensmuster nicht als etwas Feststehendes begreife, so nach dem Motto: „Ich bin halt so.“ Sondern, indem ich genau hingucke – dann verhalte ich mich anders.

Was haben Sie durch genaues Hinsehen herausgefunden?

Unter anderem, dass ich bestimmte Verspannungen seit 30 Jahren mit mir herumtrage. In den letzten Jahren habe ich zum Beispiel immer mal reingespürt in diesen Knoten unter meinen Schulterblättern, der geht einfach nicht weg – und irgendwann, als ich nicht mehr drüber gestöhnt hab, kam eine Ahnung, womit der zusammenhängen könnte.

Womit denn?

Möglicherweise mit dem Bedürfnis, mich zu schützen. Da war was in meiner Jugend oder Kindheit, vor dem ich den Kopf einziehen musste, wo ich mich zusammengezogen hab. Damals war das fürs Überleben auch sinnvoll, aber Jahre später zieht das dann immer noch und du kriegst es einfach nicht wegmassiert.

Hat es auch damit zu tun haben, dass Sie sich mit etwa 14 Jahren gefragt haben, ob Sie hetero oder schwul sind?

Ich bin in einer Zeit sozialisiert worden, in der klar war: Da sind Mann und Frau, und die gründen eine Familie, und dann hat man Kinder. So und nicht anders. Schon allein, wie sich bei vielen Leuten die Stimme verändert hat, wenn sie über homosexuelle Menschen gesprochen haben! Wie im Fernsehen Komiker Witze darüber machten. Die Homophobie war tief verwurzelt in der Welt, in der ich aufgewachsen bin.

Wie haben Sie auf diese Welt reagiert?

Ich habe körperlich gespürt: Da passe ich nicht rein, das bin ich nicht. Ich bin anders, und ich will auch anders sein. Damit hast du als verunsicherter Teenager einen unglaublichen Druck. Hat bestimmt auch damit zu tun, dass ich Angst hatte, nicht geliebt zu werden. Wir brauchen bedingungslose Liebe. Wenn du die nicht kriegst, dann tust du alles, um sie zu bekommen.

Zum Beispiel sich verleugnen?

Zum Beispiel, ja. Es gab in der Pubertät vieles, was ich ausleben wollte, was aber weiblich konnotiert war. Ob das Kleidung war oder auch, wie ich mich bewege oder wie ich rede. Manchmal hatte ich Lust, ein Mädchen zu sein. Oder die Kleider meiner Mutter anzuziehen. Obwohl, nein, nicht ihre, die nicht, aber vielleicht andere Kleider, und andere Sachen zu machen als nur die, die ich mich getraut hab. Und es zerreißt dich, etwas zu wollen und zu begehren und es nicht zu leben, weil andere es für „abartig“ halten.

Wann haben Sie sich daraus befreit?

Ich habe zu dieser Zeit mit meiner Familie in der saarländischen Provinz gelebt. Die Schwulenbars in Saarbrücken fand ich ein bisschen deprimierend. Mit queerem Leben bin ich erst später in Berührung gekommen, als ich nach Hamburg und nach Berlin kam.

Vor knapp zwei Jahren waren Sie Teil der Kampagne „Act Out“, bei der sich im Magazin der Süddeutschen Zeitung laut Schlagzeile „185 Schauspieler*innen … als lesbisch, schwul, bisexuell, queer, nicht-binär und trans*“ outeten. Haben Sie damit etwas für sich geklärt?

Nö, denn da gibt es nichts zu klären, und das finde ich wahnsinnig befreiend. Noch Ende der 80er-Jahre erzählten mir selbst Männer in der Schwulenbewegung, dass es Bisexualität eigentlich nicht gibt, nur schwul oder hetero. Und ich wusste: Schwul bin ich nicht, aber ich bin ganz bestimmt auch nicht einfach nur hetero. Und den Begriff Bisexualität fand ich auch irgendwie unbefriedigend. Als mich dann Freunde gefragt haben, ob ich bei „Act Out“ mitmachen will, habe ich mich nochmal ganz anders und tiefer in mich rein gehört und mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Und dabei festgestellt, dass der Begriff Queerness es auf den Punkt bringt. Ich bin queer.

Warum gingen Sie damit an die Öffentlichkeit?

Für die 185 Menschen, die mitmachten, ging es bei der Kampagne vor allem darum, andere Narrative zu schaffen, andere Geschichten zu erzählen, einen anderen Blick auf die Welt zu zeigen. Ich persönlich bin beruflich nicht diskriminiert worden, weil ich queer bin oder weil ich auch auf Männer stehe. Ich habe trotzdem meine Rollen spielen können. Aber andere konnten das nicht, die sind einfach gar nicht vorgekommen. Das war der eine Grund. Der andere: Ich wusste von vielen Zuschauerreaktionen: Es kann anderen Menschen Mut machen, wenn ein Schauspieler, noch dazu einer, der einen Tatort-Kommissar spielt, sagt: „Schaut her, ich weiß auch nicht genau, wie und was ich bin, aber es liegt definitiv schräg zur herrschenden Norm.“

Zumal Ihre Figur Robert Karow sechs Jahre nach einer sehr expliziten Szene im dritten Fall als der „erste schwule Tatort-Kommissar“ bezeichnet wurde.

Ja, da war einiges los. Kurz nach der Ausstrahlung rief ganz aufgeregt jemand von der ARD an: „Wir müssen uns erklären, wir müssen eine Pressemeldung rausgeben, die fragen alle: ‚Ist er denn nun schwul? Oder bisexuell? Und was ist mit Mark Waschke?‘“ Und ich hab nachgehakt: „Wer will das denn bitteschön wissen?“ „Ja, die BZ und die Bild und…“ Also genau die Medien, die immer schon gegen andere Lebensweisen gewettert haben. Ich hab gesagt: „Hier wird nichts erklärt. Einen einzigen Satz könnt ihr rausgegeben: „Robert Karow redet nicht über seine Sexualität – und Mark Waschke hält es genauso.“ Das hat dann aber keiner von denen zitiert.

Als Sie aufwuchsen, waren die Tatort-Kommissare ganz sicher nicht als schwule oder queere Personen angelegt.

Natürlich nicht. Als ich 14 war, gab es Schimanski. Der war toll und cool und ein Vorbild, heute würde man sagen: ein Role-Model – auch für mich. Ich habe damals auch so eine Jacke getragen wie er. Aber: Die Figur Schimanski hat sich nicht in den Arsch ficken lassen, trug keine Stilettos und hat sich auch nicht die Lippen geschminkt… obwohl… eigentlich weiß man das ja nicht. Aber wenn es so war, hat er es niemandem erzählt.

Sie ernähren sich vegan, besitzen kein Auto.

Bei der Ernährung ist es wie mit der Sexualität: Es ist furchtbar, für alles Kategorien zu haben. Sagen wir so: Ich esse kein Fleisch, mag einfach keine tierischen Produkte. Aber ab und an, wenn ich beispielsweise in Portugal auf einen ganz besonderen Fisch stoße, und ich weiß genau, wo der herkommt, dann beiß ich da rein. Es ist einfach nicht mehr nötig, Fleisch zu essen. Ich will es auch nicht.

Sie sagen, dass Sie niemanden zur veganen Ernährung bekehren wollen. Aber warum eigentlich nicht? Was ist so falsch daran, andere vom Richtigen überzeugen zu wollen?

In manchen Kreisen ist „vegan“ ja sogar ein Schimpfwort. „Jetzt kommen sie mit ihren veganen Würsten daher.“ Nein, kommen wir nicht, sondern ihr kommt mit eurem mit Medizin vollgepumpten toten Fleisch daher. Ich möchte so einem Fleischesser manchmal ins Gesicht brüllen: „Hör auf, dich über mich lustig zu machen! Geh doch mal ins Schlachthaus und bleib dort acht Stunden! Schau dir an, wie Leute diese shitty Jobs machen müssen, den ganzen Tag Schweine und Kühe umbringen, aufreißen, in den Eingeweiden rumwühlen und mit einer Motorsäge Fleischstücke abtrennen, die mit Antibiotika vollgepumpt sind! Von Tieren, die nie Tageslicht gesehen haben, und deren Aufzucht zehn Mal mehr Fläche verbraucht als der Tofu, den ich mir hier brate, du Arschloch!“ Ich muss aufhören zu monologisieren, aber ich merke, da ist durchaus ein Erregungspotenzial. (lacht) Ich habe letztens YouTube-Videos einer radikalen Veganerin gesehen. Die macht das, die schreit die Leute auf der Straße an – und das ist wirklich schockierend für diese Menschen. Ich denke, für einige ist es erhellend, denn auch das kann ja eine kathartische Wucht haben, mal richtig angeschrien zu werden. Aber für die meisten gilt: Wenn mir jemand so kommt, werde ich erst recht nicht zum Veganer, sondern schütze mich und mein Verhalten. Niemand will missioniert werden, man will etwas selbst entdecken.

Was also ist die Lösung?

Ich kann etwas vorleben, und andere finden das vielleicht attraktiv und sagen sich: „Oh, sieht das geil aus, was der da auf dem Teller hat, das will ich auch.“ Am Set der Serie „Dark“ zum Beispiel war das Catering sehr, sehr gut. Es gab täglich vegane Gerichte, und am Ende der Dreharbeiten haben die meisten vegan gegessen, weil es einfach am besten geschmeckt hat – und weil die Leute merkten, dass sie für den Rest des Tages noch Energie besaßen und nicht nach ihrem Sauerbraten um viertel nach drei eingepennt sind. Dass sie gut aufs Klo gehen konnten und sich am nächsten Morgen fit gefühlt haben. Auf diese Art wird sinnvolles Verhalten langsam sexy, und es gilt wie im Bett: Alles kann, nichts muss. Man muss es nicht Karma nennen, aber ich mag das Leitmotiv „what goes around comes around“, auf Deutsch wäre das „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“ Oder halt: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Diese uralten goldenen Regeln halt. An denen ist ja nicht nur was dran, sondern sie funktionieren auch. Und für alle die, die dann immer rumkrakeelen: „Jetzt darf ich nicht mehr dies, man wird doch wohl noch das, und dann muss ich hier Gendersternchen setzen und was sonst noch alles“ – nein, musst du nicht. Es zwingt dich niemand. Aber du willst doch respektiert werden, oder? Dann respektiere doch auch die anderen. Wenn jemand sagt: „Ich weiß nicht, ob ich Mann bin oder Frau, deswegen nenn mich bitte nicht so“ – dann mach es doch einfach, dadurch verlierst du doch nichts.

In der Netflix-Serie „Dark“ spielen Sie Noah, eine sinistre Gestalt, einen Mahner vor dem Untergang. „Dark“ spielt auf verschiedenen Zeitebenen, unter anderem im Jahr 2052, in dem sich die Erde in einem postapokalyptischen Zustand befindet und die Menschheit weitestgehend ausgestorben ist. Haben Sie Sorge, dass der Mensch den Planeten an die Wand fährt, oder sind Sie zuversichtlich, dass er eine Lösung finden wird?

Von Thomas Bernhard stammt ein Satz, den man so oder so interpretieren kann, den ich aber irgendwie mag: „Die Hoffnungslosigkeit macht alles erträglich.“ Letzten Endes ist alles Entwicklung. So ist auch die Plastikindustrie ein Teil der natürlichen Evolution, denn sie wurde ja von Menschen erfunden und kommt nicht von außerhalb. Es gibt nichts Unnatürliches in der Natur, denn alles ist Natur. Insofern wäre sogar ein Atomkrieg ein Teil der Evolution. So krass es auch klingt. Wenn wir uns morgen alle auslöschen, weil Putin sich von irgendwelchen schmutzigen Bomben bedroht sieht und Biden zurückballert, dann ist es so. Und dann wird kein grüner Punkt auf meinem Kaffeebecher das verhindern.

Das klingt sehr fatalistisch. Ich fragte doch nach Zuversicht ….

Die gibt’s schon noch. Es kann immer noch so oder so kommen. Es liegt an uns und den Machtverhältnissen. Jedes kleine, feine, ganz mikrokosmische Verhalten hängt mit dem großen Ganzen zusammen. Oder wie Noah sagte in „Dark“: Es ist alles eine Bewegung des Ganzen. Und wenn man sich die großen politischen Backlashes anguckt, Trump, Bolsonaro, Ungarn, Polen, Putin, dann schreit uns die Lösung geradezu ins Gesicht: „Leute, redet miteinander!“ Was mache ich mit dem AfD-Wähler, der nebenan wohnt? Dem kann ich morgens ins Gesicht schreien: „Hau ab, du scheiß Nazi!“ Oder ich kann mit ihm über Mülltrennung reden oder fragen, wie es seinen Kindern geht. Das macht mir auch keinen Spaß. In dieser Partei sind Leute an der Macht, die man offiziell Faschisten nennen darf, aber nicht alle die sie wählen, sind welche. Wie bleibt man in Verbindung? Wie hält man sich aus, auch wenn man sich nicht mag? Wie hört man sich wirklich zu, ohne gleich Bescheid zu wissen? Nicht leicht. Und nochmal zur Zuversicht: Ich glaube, bei diesem ganzen Klimawandel-Wahnsinn, der ja nicht mehr aufzuhalten ist, entwickeln sich auch parallel Technologien. So, wie ganze Völker gerade „aussterben“ und Landstriche unbewohnbar gemacht werden, ist es auch möglich, dass sich Dinge irgendwie in eine andere Richtung entwickeln können. Es ist immer noch alles offen. Ich sehe da weder schwarz noch weiß. Ich spüre mich als Teil eines großen Ganzen, das sich entwickelt. Es kann sein, dass die Zivilisation in dieser Generation zu Ende geht. Es kann aber auch sein, dass sie sich zu den Sternen aufschwingt. In der Menschheitsgeschichte gab‘s viele Phasen, in denen gesagt wurde: Das ist das Ende der Welt. Aber noch nie lag beides so dicht beieinander: das mögliche Ende und gleichzeitig die technologische und ökonomische Möglichkeit für die Beseitigung aller großen Probleme. Und ich bin mit 50 in dem Alter, das vielleicht noch zu erleben zu dürfen.

Ist so ein 50. Geburtstag eine Zäsur. Fühlt man sich dann alt?

Der 50. Geburtstag fiel mitten in die Dreharbeiten für den neuen Tatort. Ich bekam einen veganen Kuchen und einen Blumenstrauß, beides hab ich in den Wohnwagen gepackt, und wir haben weiter gearbeitet. Das war keine Zäsur.

Also anders: Was bedeutet es, die Mitte des Lebens erreicht und womöglich überschritten zu haben?

Interessant finde ich diese körperlichen Veränderungen. Also die Altersweitsichtigkeit finde ich wahnsinnig nervig und gleichzeitig total interessant, weil sie mir tatsächlich manchmal Einkehr, Stille und Bei-sich-Sein erlaubt. Ohne Lesebrille sehe ich verschwommen, und dabei merke ich, dass die Welt auch in mir drin stattfindet, nicht nur da draußen. Ich kann auch nicht mehr so schnell rennen, und auch das ist eine wichtige Message des Alters: Hey, mach die Dinge mit Behutsamkeit. Nicht nur, um dich zu schützen, sondern um eine gute Zeit zu haben. Das heißt, ich gehe behutsamer mit den Dingen um, behutsamer mit den Menschen, stelle meine Kaffeetasse behutsam ab. Alles ist intensiver: Wie ich rede, wie ich zuhöre, wie ich mich wahrnehme. Und ich bin gelassener. Das ist eine schöne Erfahrung am Älterwerden. Manchmal nervt‘s aber auch einfach nur.

Wann sind Sie nicht gelassen?

Wenn ich selbst im Auto fahre, weil ich manchmal Carsharing nutze, dann werde ich auch zum totalen Arschloch. Das ist wirklich ein Phänomen an diesem Ding Auto, dass man es wie eine Ritterrüstung um sich trägt und sich dann auch entsprechend benimmt. Aber ich bin auch kein Freund von diesen Fahrrad-Nazis, die jedem vorne auf die Motorhaube hauen. Selbstgerechtigkeit ist etwas wahnsinnig Unappetitliches.

Wann waren Sie selbstgerecht?

Wenn es um politische Meinungen ging. Ich hätte mir viel ersparen können, wenn ich nicht so selbstgerecht aufgetreten wäre. Gleichzeitig ist es aber in einer bestimmten Phase des Lebens absolut nötig, zu sagen: Ich sehe das so und so, denn ich muss erst mal ich werden. Mit 30 oder 40 ist der Prozess, den man so Identitätsbildung nennt, mehr oder weniger abgeschlossen. Und mit 50 merkt man: Identität gibt es gar nicht. Das Ich wird unwichtiger.

Sind Sie damit heute frei von Eitelkeit?

Nein, natürlich überhaupt nicht. Sonst würde ich diesen Beruf nicht ausüben. Ich muss schon was großartig an mir finden, und gleichzeitig muss es einen ziemlichen Mangel geben, sonst würde ich nicht immer um Applaus heischen. Wäre man mit sich voll und ganz zufrieden, würde man nicht Schauspieler werden.

Ihr Gesicht kennen viele, beim Namen muss man nachhelfen. Tangiert das die Eitelkeit?

Ich bin mit meinem Grad von Prominenz sehr, sehr zufrieden. Ich werde ab und zu mal erkannt, aber nicht auf der Straße mit Namen angesprochen. Damit kann ich gut umgehen, und ich kann, wenn ich Bock habe, auch noch allein tanzen gehen. Es gibt Kollegen, die sagen, sie können nicht mehr ins Schwimmbad gehen oder sich in ein Café setzen. Ich kann das, und da bin ich sehr, sehr froh drüber.

In Zusammenhang mit Ihnen fällt gelegentlich auch mal der Satz: „Das ist ein schöner Mann!“ Wie finden Sie das?

Keine Koketterie, es ist wirklich so: I don’t give a fuck. Vor zehn Jahren wollte mich mal eine Maskenbildnerin überzeugen, eine Haartransplantation zu machen. „Mensch Mark, sonst kannst du bald nur noch bestimmte Rollen spielen, wie Bruce Willis oder Heiner Lauterbach.“ Ich finde: Mit deinem Aussehen bist du in die Welt geworfen worden. Es ist das Material, mit dem du umgehen musst. Du kannst ein bisschen was machen, dich pflegen, auf dich aufpassen oder schöne Kleider anziehen. Eine gewisse Demut zu haben, verbunden mit einer Dankbarkeit gegenüber diesem Material, das kann ganz hilfreich und befreiend sein.

Kopfüber

Niemals würde sie mit den Beinen voraus einen Eiskanal hinab rasen. „Da hätte ich viel zu viel Angst um meine Füße“, sagt Tina Hermann. Schon beim Sommerrodeln auf einer kindertauglichen Bahn hatte sie ein eher ungutes Gefühl. Und ließ es sein. Womit sie kein Problem hat: sich bäuchlings auf einen kleinen Schlitten zu legen und mit rund 130 Stundenkilometern den Eiskanal runterrasen, das Kinn etwa zwei Fingerbreit über dem Eis. Die Arme nach hinten angelegt, so dass auch der natürliche Reflex entfällt, bei Gefahr die Hände vor Kopf und Gesicht zu schlagen.

 

Wie kommt man auf die Idee, dieses Skeleton als seinen Sport zu wählen? Mit zwölf kam Tina Hermann aus Hirzenhain, einem Dorf in Hessen, aufs Skigymnasium in Berchtesgaden. Bald war klar, dass es als Alpine für ganz oben nicht reichen würde. Der Vater einer Schulfreundin, zugleich Sportdirektor des Bob- und Schlittenverbands für Deutschland (BSD), schlug ihr vor, doch mal zum Skeleton zu kommen. Das tat sie. Und blieb. Nach dreieinhalb Monaten ging es erstmals auf die Bahn, der Start weit unten, damit es nicht zu schnell wird. Auf dem Kopf trug sie ihren alten Skihelm.

 

Viele Jahre später, im November 2021, am „Sachsen Energie-Eiskanal“ in Altenberg. 1411 Meter lang, 122 Meter Höhenunterschied, siebzehn Kurven, maximales Gefälle bei 15 Prozent, Top-Speed 140 km/h. Der Ort, wo Tina Hermann zweimal Weltmeisterin wurde und jetzt einen Teil ihrer Olympia-Vorbereitung absolviert.

 

Es gibt Schöneres als den Startbereich eines Kunsteiskanals. Viele Rohre und Röhren, abblätternde Farbe und Rost. Der Wind pfeift, es ist nass oder kalt oder beides. Tina Hermann ist das vollkommen egal. Bevor sie startet, fährt sie, mitten im Gewusel der anderen Athleten, im Geist die Strecke ab: Den Kopf gesenkt, leichte Bewegungen, manchmal blinzelt sie, ein bisschen wie in Trance. Sie weiß: „Ich bin manchmal zu hektisch, will zu genau auf der Fahrspur sein. Dann zwinge ich das Gerät, anstatt es laufen zu lassen.“ Gesteuert wird „das Gerät“ über Druck aus den Schultern und den Knien, jeweils diagonal überkreuz. Linke Schulter und rechtes Knie, oder rechte Schulter und linkes Knie. Hermann holt ihren Schlitten aus der selbstgenähten plüschigen Schutzhülle. Aus den Lautsprechern knarzt Radio-Pop aus den Siebzigern. Manchmal singt Tina Hermann die Refrains mit, bei Liedern, die viel älter sind als sie. „Far Far Away“, „Wheel in the Sky“. Mit Messschieber und Schraubenschlüsseln justiert sie noch einmal die Kufen. Der Werkzeugkasten gehört zu ihrem Sport dazu, genau wie die innere und äußere Entschlossenheit. Selbst ihren Zopf bindet Tina Hermann energisch, als sie an den Start gerufen wird.

 

„Erfolg hat man nur, wenn man sich fügt und das tut, was nötig ist“, sagt ihr Trainer Dirk Matschenz. Sein Credo: „In der Bahn kann man keine Zeit gewinnen, nur verlieren.“ Matschenz steht an Kurve 11. Sekunden später rattert Tina heran, er filmt alles mit dem iPad. Später werden sie oben in der bauhüttenartigen Umkleidekabine die Videos ansehen und deuten. „Zu spät rein“, sagt er. Sie: „Ach du Kacke, zu viel Grip.“ Er: „Wenn du die elf so knapp fährst, dann brauchst du nicht mit dem Körper, dann reicht mit dem Knie.“ Er: „Nicht so konsequent in der zwölf.“ Und: „Wo willst du hin … zu früh … warte …warte!“ Hermann schaut konzentriert auf den Bildschirm, nebenher fönt sie ihre Schuhe trocken. „Das sind marginale Körperbewegungen, die man auch in der Bild-zu-Bild-Analyse kaum sehen kann“, erklärt Matschenz. Manchmal sagt sie: „Das stimmt nicht, ich mach das gar nicht.“ Dann zeigt er es nochmal.

 

Oft sehen ja die rasantesten Sportarten im Fernsehen eher kommod aus. Nicht mal eine Minute dauert eine Fahrt beim Skeleton, die Geschwindigkeit ist kaum wahrnehmbar. Dabei rattert und rumpelt es gewaltig. Auch maximal trainierte Fahrerinnen können höchstens vier oder fünf Läufe pro Tag absolvieren. „Wenn man müde ist, auch mal nur drei“, sagt Hermann. Mehr macht der Körper nicht mit, auch wenn sie den täglich knapp sechs Stunden trainiert. „Und auch die Birne nicht“, sagt sie. Bei 120, 130 Stundenkilometern wirken enorme Kräfte auf Nacken-, Kopf- und Schultermuskulatur. Der Kopf schleift auch schon mal auf dem Eis, wenn sie den Druck nicht mehr halten kann. Tausende kleinster Vibrationen muss sie aushalten, das Eis ist reichlich uneben. „Am Ende habe ich quasi eine kleine Gehirnerschütterung, so dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann“, erklärt sie.

 

„Aber ich habe ein Spezialteam, und das sitzt hier“, sagt Tina Hermann und schaut Dirk Matschenz an. Die Weltmeisterin und ihr „Athletiktrainer, Physio, Bahntrainer, Nervendoktor und Papa“ sind zwei kantige Charaktere, deren Kanten sich offenbar perfekt ineinander verzahnen. Beide ecken an, sind nicht unumstritten. Im März 2020 wurde Dirk Matschenz nach zwei Jahren als Bundestrainer gekündigt. Alle WM-Starterinnen und -Starter (außer Hermann) sprachen in einem Brief an den Verband von einem „gestörten Vertrauensverhältnis“ und von bevorzugter Behandlung für Tina Hermann. Dabei hatte man bei der WM neben dem gewonnenen Frauentitel auch bei den Männern und im Mixed gesiegt.

 

Matschenz’ Weltklasse beim Umgang mit dem Material, beim Schlitten, zweifelt niemand an. „Ausnahmsweise“ darf man zuschauen, was er da macht, erlaubt er, aber man müsse verstehen, wenn er einen dann doch rausschicke. Auf einem Campingtisch im Hotelkeller liegt der Schlitten wie zur Behandlung im Arztzimmer. Matschenz widmet sich ihm mindestens eine Stunde täglich. Er poliert die Kufen, stoisch und routiniert – und doch voller Zuneigung. Seine Welt besteht dann aus sechzehn Millimeter Rundstahl und ein paar millimeterdünnen Unterlegscheiben.

 

Seit 2011 arbeiten Matschenz und Hermann nun schon zusammen. „Man kann nicht ein Jahr vor Olympia den Trainer wechseln“, sagt Tina Hermann. „Du brauchst jemanden, dem du vollkommen vertraust.“ Ein paar Tage nach Ende der Spiele von Peking wird sie 30 Jahre alt, dann hat sie exakt ihr halbes Leben dem Skeleton untergeordnet. Jeden Tag Training, nur den Sonntag frei, und das auch nur im Sommer. Ansonsten zweimal täglich zwei bis drei Stunden Athletik, Ausdauer, zum Schlittenfahren kommt sie eher selten. Dazu die mangelnde Anerkennung, immer noch. Auf die Rodler schaut man seit dem Hackl Schorsch immer wieder mal, auf die Bobfahrer sowieso. Aber Skeleton? Traditionell die Nummer drei von Dreien. „Ich mache es, weil ich es liebe“, sagt Tina Hermann.

 

Obwohl Matschenz mittlerweile für den russischen Verband arbeitet, trainiert er sie auch weiterhin. Dafür nimmt Hermann nicht mehr an BSD-Lehrgängen teil und wohnt auch nicht in den Teamhotels, das haben sie mit dem Verband so vereinbart. „Eine verzwickte Situation“ nennt das die „Süddeutsche Zeitung“. Eine Situation, die aber bis Ende Februar 2022 so bleiben wird. Danach wird man sehen. Trotz der Isolation von ihren Teamkolleginnen wurde Hermann auch 2021 wieder Weltmeisterin, allein und im Mixed (zusammen mit Christopher Grotheer).

 

In die Olympia-Saison geht sie als Beste von allen und mit einem klaren Ziel: „Eine Zeit ins Eis brennen und sagen: Macht mal nach.“

Curliiiiiiiiiiiiiiing

So saß man also Samstagvormittag, das letzte Bier am Vorabend hätte man sich schenken sollen, mit Wollsocken und Bademantel auf dem Sofa. Es flimmerte die OlympiaÜbertragung von ARD oder ZDF, und man saugte sich hypnotisch an dieser Langsamkeit fest. Die Gedanken so diesig und blass wie der Schnee und Nebel draußen, still war es auch meistens, und dann glitt dieser schön polierte, 17 Kilogramm schwere Stein über das strahlend weiße Eis, fünf, zehn, fünfzehn Sekunden lang, bis er schließlich mit einem dumpfen „Donk“ an einen anderen ditschte. Zwei Männer mit Besen schrubbten drumherum, und dann schaltete die Regie auf den konzentrierten Blick des Mannes, der den Stein sanft auf seinen Weg geschoben hatte. Dazu erläuterte der Fernsehkommentar, dass das Wischen einen Wasserfilm erzeugen und so den Lauf des Steines beschleunigen würde. Es war unmöglich, sich davon loszueisen. In seiner sedierten Ruhe passt nichts besser zu einem Samstagvormittag im Februar als dieses Curling: Der perfekte Gegenpol zu all den halsbrecherischen Skiabfahrten oder den krachenden Matches beim olympischen Eishockey-Turnier.

 

Seit 1998 ist Curling wieder olympisch (nach 74 Jahren Pause), die Deutschen kamen bislang nie auch nur in die Nähe einer Medaille. Was vier junge, freundliche Herren nicht daran gehindert hat, die Qualifikation für Peking zu versuchen. Das deutsche Beinahe-Olympia-Team (siehe Info, Seite 79), wird angeführt von seinem Skip Sixten Totzek, einem 22 Jahre alten Badener mit austrainiertem Oberkörper und kantigem Kinn, der mühelos als Surfer auf Maui durchginge. Wie auch seine Mannschaftskollegen eher an eine geschickt sortierte Boygroup erinnern: Der ältere, ruhige Charakter (Dominik Greindl, 33), der Intellektuelle mit der Brille (Marc Muskatewitz, 26) und die quirlige, gut gelaunte Rampensau (Joshua Sutor, 22).

 

Sechs Monate im Jahr verbringt Sportmanagement-Student Totzek in Füssen und lebt dort in einer WG mit Sportsoldat Sutor. Nur damit sie hier im Bundesleistungszentrum trainieren können. Muskatewitz studiert im nahen Kempten, und auch Greindl, der in München als Unternehmensberater arbeitet, hat sich eigens für die Olympia- Vorbereitung ein siebenmonatiges Sabbatical genommen. Reine Amateure – mit einem Aufwand, der jedem Profi zur Ehre gereicht: 18 Stunden Training die Woche für die Grundlagen, vor großen Turnieren wie Olympia sind es rund 35, hat Muskatewitz errechnet. Auf dem Eis und im Kraftraum. Das so gemütlich wirkende Curling ist längst ein Hochleistungssport. „Jeder, der einen Spruch drückt, den lade ich herzlich aufs Eis ein“, sagt Muskatewitz. So wie jüngst seinen Physio, einen austrainierten jungen Mann, „der danach drei Tage lang Muskelkater hatte, an Stellen, wo er gar nicht wusste, dass er dort Muskeln hat“.

 

„Ich würde sogar behaupten, dass Curling die größte Vielseitigkeit aller Sportarten benötigt“, erklärt Sixten Totzek. Er spricht von Kondition, Kraft, Koordination, Taktik, Balance, Kommunikation, Teamfähigkeit, Physik und Geometrie. Und wenn er noch etwas nachdächte, dann fielen ihm sicher noch weitere Anforderungen ein. In der Tat sind alle vier topfit. Allein das Wischen erfordert reichlich Kraft und Kondition. Und Koordination, wenn sie sich im 45-Grad-Winkel auf den Wischer stemmen. „Im Idealfall schiebt man beim Wischen die Beine komplett nach hinten und legt maximalen Druck auf den Besen“, sagt Muskatewitz. Die „Besen“ des Jahres 2022 sind Smartbrooms, die den Druck via App messen können. Nicht selten liegen über sechzig Kilo auf dem Sportgerät.

 

Muskatewitz ist im Team der Experte fürs Eis, er bereitet es vor jeder Einheit sorgfältig vor. Mit feinsten Wassertröpfchen, die sogleich anfrieren, besprenkelt er die glatte Spielfläche – der Anblick erinnert an eine Raufaser-Tapete. Oder als hätte das Eis eine Gänsehaut. Alles, damit der Stein gleich gut „curlt“. Also genau so rutscht und sich dreht, wie es Skip Totzek haben will. Er muss den Curl „berechnen“, wie er sagt, und vor allem „einen Plan haben“. Man kann Steine setzen, um selbst Punkte zu machen.
Für jeden, der näher an der Mitte (dem „Topf“) liegt, als der erste des Gegners, gibt es einen Punkt. Man kann aber auch die Steine des Gegners blocken oder aus dem Weg räumen. Ganz wichtig ist dabei, welches Team den „Hammer“ hat, also den letzten Stein setzen darf. Daran hängt die ganze Strategie, die alle gemeinsam besprechen. Nichts ist beim Curling wichtiger als das Team.

 

„Ich hocke sechs Monate in Füssen, wenn man sich dann nicht versteht, wäre das bitter“, sagt Totzek. Im Team ergänzen sich die verschiedenen Begabungen. Jeder der Vier spielt pro Durchgang (End) zwei Steine, die Kollegen wischen dann jeweils, nur Skip Totzek wischt fast nie. Greindl spielt „auf der 1“, weil er „ein enorm guter Leger ist, er hat sehr viel Längengefühl“, sagt Sutor.

 

Die ersten fünf Steine dürfen nicht weggeschossen werden. Als zweiter folgt Sutor, dann Muskatewitz, und zum Abschluss setzt Totzek seine beiden Steine. Jeder stößt sich hinten am „Hack“ (einer Art Startblock) ab und gleitet auf dem „Slider“, dem Schuh mit den glatten Scheiben unter den Sohlen, im Spreizschritt ein Stück mit, bevor er den Stein mit einer sanften Handbewegung freigibt und ihm so Tempo und Drehung verleiht. Die beiden Kollegen warten mit den Besen, während der Skip am anderen Ende (dem „Haus“) den Verlauf des Steins berechnet – mit Augenmaß, aber auch mit der Stoppuhr, „oder mit viel Spurenlesen“, wie Totzek es nennt.

 

Ein Match hat zehn Ends, jedes Team spielt also 80 Steine. Gute zweieinhalb Stunden Wechsel zwischen Ruhe, Anspannung und Explosivität. „Das ist wie beim Biathlon, wenn du die ganze Bahn durchgewischt und einen Puls von 180 hast – aber als nächster dran bist. Da musst du den Puls irgendwie runterbekommen“, sagt Marc Muskatewitz.

 

In Deutschland gibt es lediglich 18 Vereine, die Curling betreiben. Zu diesem Sport kommt man eher durch Zufall: Ein Banknachbar in der Schule (Greindl), der curlende Vater (Sutor) oder ein Ferienprogramm im Golf-Club, der auch Curling anbietet (Muskatewitz). Schon mit zehn, zwölf Jahren reisten sie zu Turnieren ins Ausland und trafen Curling-Sportlerinnen und -sportler aus den anderen Ländern. Das verbindet. Zu Stars wurden sie dabei nicht. Wikipedia-Einträge zu den vier deutschen Spielern existieren bislang nur auf Englisch, mit der Übersetzung ist Google Translator überfordert: „Joshua Sutor ist ein deutscher Lockenwickler aus Füssen“, steht da. Den Vieren ist die die mangelhafte Wahrnehmung im eigenen Land ziemlich egal. „Man gewöhnt sich daran, und jeder in diesem Sport kennt das Problem – außer die Kanadier“, sagt Muskatewitz. In Kanada fassen Curling-Hallen schon mal 17.000 Zuschauer – und die werden auch voll. „Wir sind eine eigene Community, in der man gar nicht mehr merkt was die ‚normale‘ Gesellschaft dazu sagt.“ Klar, wenn sie in Kanada spielen, „und man im Supermarkt nach Autogrammen gefragt wird“, dann sei das schon toll. Aber sie lieben den Sport so oder so, „die vielen Reisen in Länder, in die ich sonst nie gekommen wäre“ (Sutor). Den ewig dämlichen Scherz – „Ihr könnt gern mal bei mir zum Putzen vorbeikommen“ – nehmen sie mit ebendieser Gleichmut hin. Zu oft gehört, als das man es noch wirklich hören würde.

 

Natürlich sieht es für manche putzig aus, wenn die Sportler auf dem Slider immer wieder auf einem Bein über die knapp 45 Meter lange Eisbahn schliddern. Natürlich wirkt es auf den ersten Blick kryptisch, wann welcher Stein warum wohin bewegt werden soll, und warum Totzek Dinge brüllt wie „hard curl“, „Split“ und „T-Line“. Natürlich sind auch zweieinhalb Stunden Spielzeit und etwa 160 mal 15 Sekunden, in denen jeweils ein Stein sehr, sehr langsam über das Eis rutscht, gute Gründe, dass Curling wohl niemals massentauglich werden wird. Aber je mehr man diesen Sport kennenlernt, umso eher taucht man ein in diese ganz eigene, freundliche und konzentrierte Welt.

»Es gibt eine hartnäckige Beharrungstendenz in diesem Land.«

Verena Bentele, gestatten Sie mir zu Beginn eine ganz blöde Frage, …

 

… wenn Sie auch eine blöde Antwort verkraften?

 

In Interview-Leitfäden gibt es einige Standardtechniken, derer man sich bedienen kann, falls einem nichts Besseres einfällt. »Entweder-oder-Fragen« zum Beispiel. Eine davon lautet tatsächlich: »Wären Sie lieber taub oder blind?«

 

Blind. Denn das habe ich jetzt schon 39 Jahre lang geübt. Außerdem liebe ich Musik.

 

Schon mal angequatscht worden mit: »Sind Sie blind, oder was?«

 

Ja, das ist mir schon passiert. Ich habe dann gesagt: »Ja, bin ich.« Wenn mich jemand auffordert: »Guck doch mal hin!«, sage ich: »Nee, geht nicht.« Dann erschrecken sich die Leute, sagen: »Oh Gott, tut mir leid.« Das finde ich dann lustig. Viel schlimmer ist es, wenn ich ignoriert werde, wenn jemand nicht mich anspricht, sondern meine Begleitung. Das ist mir schon als Kind passiert, und es passiert bis heute, dass im Restaurant nicht ich gefragt werde, was ich essen möchte, sondern meine Begleitung.

 

Was sind die blödesten Fragen, die Ihnen gestellt werden?

 

Wie siehst du Farben? Wie träumst du? Das sind keine blöden Fragen, aber die absoluten Klassiker. Die Interviewer freuen sich, weil sie meinen, diese Fragen wären innovativ. Ich wurde auch schon gefragt: »Können Sie lesen?« Nun, ich habe Germanistik studiert, ohne Lesen wäre das etwas schwierig geworden. Solche Fragen zeigen mir, wie unsicher die Leute sind. Meistens bin ich daher milde gestimmt.

 

Eine blöde Frage habe ich noch: Haben Sie Bilder an der Wand?

 

Ja, habe ich. Aber keine Kunst oder so, sondern Poster oder Fotokalender von Freunden oder der Familie. Abgesehen vom optischen Aspekt hört sich die Wohnung auch anders an, wenn man Bilder an der Wand hat.

 

Sie sind seit knapp drei Jahren Präsidentin des VdK, des mit über zwei Millionen Mitgliedern größten deutschen Sozialverbandes. Nun haben Sie zusammen mit Ihren VdK-Kollegen Ines Verspohl und Philipp Stielow ein Buch geschrieben: »Wir denken neu – Damit sich Deutschland nicht weiter spaltet«. Was fordern Sie?

 

Einen Systemwechsel. Zum Beispiel sollen alle in die Rentenkasse einzahlen, auch Unternehmer, Beamte, Politiker. Auch sollte es keine private oder gesetzliche Krankenversicherung mehr geben, sondern eine für alle. Viele sind zwar privat versichert, profitieren aber überhaupt nicht davon, weil sie nur den Basistarif haben. Wir fordern eine Kindergrundsicherung, damit auch Kinder aus Familien mit wenig Geld am Leben und an der Bildung teilhaben können. Und wir wollen eine Pflege, die bezahlbar ist, die würdig ist. Vor allem auch für diejenigen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen. Unsere Visionen haben mit politischem Mut zu tun. Und den braucht es, dazu Ausdauer und Hartnäckigkeit, denn gefordert wurden diese Änderungen schon lang, aber umgesetzt hat sie so konsequent noch niemand. Dabei wäre das durchaus machbar, man müsste nur anfangen.

 

Die Süddeutsche Zeitung schreibt, dass Ihre Ideen »die Welt verändern« würden. Die Welt verändern – das klingt sehr ambitioniert.

 

Also, wenn die SZ das schreibt, dann finde ich das erst mal positiv. Nur Menschen, die die Welt verändern wollen, können auch Systeme durchbrechen. Politisches Handeln bedeutet ja oft, dass in bestehenden Systemen herumgedoktert wird. Wenn es zum Beispiel um Inklusion geht, dann wird überlegt, auf welche Weise man im jetzigen Schulsystem irgendwie auch noch Kinder mit Behinderung unterrichten kann. Stattdessen müsste man das komplette Lernsystem verändern. Aber ein solches Projekt wird in Deutschland bisher nicht angepackt.

 

Haben zu viele Leute etwas gegen Veränderungen, selbst wenn diese positiv sind?

 

Ja, es gibt eine hartnäckige Beharrungstendenz in diesem Land. Es findet sich immer jemand, der Angst hat, Nachteile zu erfahren, weniger zu verdienen, sich umstellen zu müssen. Besitzt man jedoch keinen Mut für Visionen, hat man gleich verloren.

 

Ist die aktuelle Situation im Frühjahr 2021 eine gute Zeit, um dieses Buch zu veröffentlichen und etwas damit zu bewirken?

 

Ja, es ist dafür eine sehr gute Zeit, weil aktuell viele Themen auf dem Prüfstand stehen. Viele Menschen stellen sich die Frage: Wie wollen wir eigentlich leben? Oder: Wie viel Solidarität braucht eine Gesellschaft? Auch fragen sich die Menschen: Ist es nicht besser, häufiger Urlaub in der Nähe zu machen? Muss man für jede Konferenz einen Inlandsflug buchen? Was wir aber auch sehen, ist, dass es einiges erfordert, die Menschen dazu zu bringen, ihre Gewohnheiten zu verändern. Wenn jemand siebenmal pro Woche Fleisch isst, dann könnte man durchaus über die Menge diskutieren. Für Veränderung ist die Bereitschaft wichtig, sich selbst und das eigene Verhalten zu hinterfragen.

 

Welche Rolle spielt die Umverteilung von Vermögen?

 

Es geht um Fairness in der heute sehr ungleichen Verteilung. Wir fordern, dass es eine sozial gerechte Finanzierung der Pandemie gibt, zum Beispiel durch eine Vermögensabgabe. Denn warum sollten sich nicht alle, die ein sehr großes Vermögen besitzen, mit einem Prozent ihres Vermögens an der Bewältigung der Krise beteiligen? Wir müssen auch dringend die Erbschaftssteuer reformieren. Es gibt in Deutschland sehr viele Menschen, die wahnsinnig wenig besitzen, während die oberen zehn Prozent über mehr als 90 Prozent des Vermögens verfügen. Und diese Diskrepanz wird immer krasser! Da muss der Staat irgendwann eingreifen. Die meisten werden reich durch Erbschaften und Spekulationen an der Börse. Ein riesiges Vermögen kann sich kein einzelner Mensch erarbeiten. Erarbeitet haben das die vielen Tausend Menschen an den Fließbändern oder die Paketzusteller. Hinzu kommt, dass der Reichtum auch mithilfe der Infrastruktur entstanden ist, die ein Staat zur Verfügung stellt: Schulen, Straßen, Krankenhäuser. Diese Voraussetzungen sind für diesen Reichtum in hohem Maß mitverantwortlich. Deshalb haben sehr vermögende Menschen eine Verpflichtung, mehr zurückzugeben, als sie es heute tun, um sich am Gemeinwohl zu beteiligen.

 

Haben Sie eine Ahnung, warum diese von Ihnen angesprochenen 90 Prozent selbst häufig dagegen sind, dass die Vermögen gerechter verteilt werden?

 

Leider nicht, nein. Manche sehen es vielleicht so: Wer für etwas arbeitet, der hat auch das Recht, das erwirtschaftete Geld zu behalten – egal wie viel es ist. Und vielleicht haben einige die Hoffnung, irgendwann selbst mal so viel zu besitzen, und Angst davor, dass dann jemand kommt und es ihnen wieder wegnimmt. Aber was Sie sagen, stimmt. Wer solche Visionen formuliert, wie wir es getan haben, der muss damit leben, dass ihm sozialistische Tendenzen vorgeworfen werden. Das, was ich will, ist mehr Gerechtigkeit. Spannend ist: Immer mehr reiche Menschen sagen selbst, dass sie mehr geben wollen.

 

Sie wirken aber schon ein wenig ungeduldig.

 

Ja, mir geht manches zu langsam. Ich habe keine unbegrenzte Lebenszeit, also wäre es schon wünschenswert, wenn in den nächsten 40 Jahren etwas Systemrelevantes passieren würde. Ich bin ein Mensch, der Ergebnisse erzielen möchte. Wenn wir Schleife um Schleife drehen, kommen wir zu langsam voran.

 

Manchmal kommen einem beim Schleifendrehen aber ganz gute Gedanken.

 

Das stimmt, aber irgendwann sollten klare Spielregeln auch eine Veränderung bewirken. Vom permanenten Schleifendrehen kann einem schwindlig werden.

 

Um Ihre Ziele zu verwirklichen, müssten Sie ein Amt als Ministerin anstreben.

 

Derzeit bin ich eine sehr zufriedene Präsidentin des größten Sozialverbandes. Aber irgendwann in der Zukunft kann ich mir vorstellen, ein politisches Amt anzutreten. Auch der VdK kann politisches Handeln prägen und verändern. Aber irgendwann selbst Gesetze auf den Weg zu bringen, das wäre spannend. Die Frage ist, ob mir das jemals jemand anbietet, als forsche Kritikerin des politischen Handelns heute. Neben meinem derzeitigen Job gehören Sozial- oder Agrarministerin zu meinen Traumberufen – oder Bundespräsidentin.

 

Aber dann könnten Sie nichts entscheiden.

 

Als Bundespräsidentin hätte ich das höchste Amt im Staat und die Macht des Wortes, das ist nicht zu unterschätzen. Jetzt versuche ich aber erst mal in meiner Rolle als Präsidentin des VdK das System zu verändern. Ich nehme dabei auch in Kauf, wenn man meine Ideen im ersten Schritt illusorisch und erst im zweiten Schritt visionär findet.

 

Kurz nachdem Sie im Mai 2018 zur Vorsitzenden des VdK gewählt wurden, sagten Sie: »Ich habe den schönsten Job, den man haben kann.« Stimmt das noch?

 

Ja, es ist fordernd, aber ich finde es schön, mich anzustrengen und für Dinge zu kämpfen. Im Sport um Medaillen – und jetzt für politische Forderungen für unsere Mitglieder. Dabei habe ich rund 2,1 Millionen Menschen in meinem Team. Und für diese Menschen etwas durchzusetzen, das ist ein absoluter Traumjob.

 

Das ZDF bezeichnete Sie als »die wahrscheinlich coolste Vorsitzende des VdK«. Was ist cool an Ihnen?

 

Meine Vorgängerinnen und Vorgänger waren im Ruhestand, hatten vor dem VdK politische Spitzenämter inne, waren in Vorständen. Mein Weg zur Präsidentin verlief komplett anders. Ich war Leistungssportlerin, bin jünger, halte Motivationsvorträge und trainiere Führungskräfte, sage deutlich meine Meinung.

 

Fühlen Sie sich manchmal behindert in Ihrer Amtsausübung, weil Sie blind sind?

 

Ja klar, das passiert schon. Mich strengen zum Beispiel Veranstaltungen an, bei denen ich niemanden dabeihabe, der mir die Augen ersetzt und mich zu den Personen führt, die ich treffen möchte. Es geht für mich darum, mir die richtige Unterstützung zu organisieren.

 

Wie reagieren politische Verhandlungspartner auf Sie?

 

Ich vereine ja mehrere »Handicaps«: Ich bin blind, ich bin eine Frau, ich bin jung. Manchmal weiß ich gar nicht, was mich davon mehr behindert. Ob in der Politik, in Verbänden oder in der Wirtschaft: Vor allem Männer gehen anders mit mir als blinder Frau um, gerade wenn es darum geht, wie Absprachen getroffen werden. Und da sind wir wieder beim Thema Umdenken: Manche Männer müssen das Verhaltensmuster, Frauen als gleichwertige und ernst zu nehmende Gesprächspartnerinnen anzuerkennen, offensichtlich noch erlernen. Und auch hier ärgert mich, dass es so langsam vorangeht.

 

Sie kamen über Ihre Großmutter zum VdK. Was hat sie Ihnen mitgegeben?

 

Wie wichtig es ist, anderen Menschen zu helfen, sie zu fördern und zu unterstützen. Sie hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt, die grauenvollen Zeiten mit vielen Toten und Kriegsversehrten. Für sie war es deshalb immer eine Ehrensache, den VdK zu unterstützen. Ich wurde 2007 Mitglied und danach bin ich als Sportlerin immer wieder für den Verband zu Infoständen auf Messen gekommen oder habe eine Veranstaltung unterstützt. So hat sich das entwickelt. Tatsächlich bin ich für ein VdK-Mitglied sehr jung: Das durchschnittliche Eintrittsalter liegt bei 55 Jahren.

 

Es gab Ende 2018 ein wenig Aufregung um Ihre Entlohnung beim VdK. Sie sind die erste hauptamtliche Vorsitzende und bekommen ein angemessenes Gehalt. Dagegen klagte der baden-württembergische Landesverband.

 

Ich bin froh, dass das inzwischen geklärt ist. Diese Auseinandersetzung hätte ich lieber im Gespräch als vor Gericht geklärt, aber so ist das Leben. Verbände müssen heutzutage für sich entscheiden, ob sie nur Rentner im Vorstand haben wollen, die das ehrenamtlich übernehmen können, oder ob sie sich auch für jüngere Menschen öffnen wollen. Das geht dann aber nur mit einem Gehalt. Ich habe als Präsidentin des VdK tatsächlich eine volle Woche und keine Zeit, nebenher noch einen anderen Vollzeitjob zu erledigen. Ich bin froh, dass ich manchmal noch Zeit finde, um ein Seminar für Führungskräfte zu geben oder einen Vortrag zu halten.

 

Von 2014 bis 2018 waren Sie als Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen tätig. Wie kam die damals zuständige Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles auf Sie?

 

Sie hatte mich auf einer Veranstaltung kennengelernt. Als sie Ministerin wurde, hat sie dann nach geeigneten Menschen mit Behinderungen in der SPD geschaut und sich an mich erinnert. Es ist schon wild, dass vor mir in dieser Funktion immer nur Abgeordnete waren, die selbst keine Behinderung hatten.

 

Wie kann das sein?

 

Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: Es braucht mehr Menschen mit Behinderungen in Parteien und Organisationen, die für ihre Rechte einstehen. Andere Menschen mit Behinderungen zu einem politischen Engagement zu motivieren, ist mir daher wichtig. Es sollten auch viel mehr Menschen in Parteien sichtbar werden, die einen Migrationshintergrund haben. Menschen mit jeglicher sexuellen Orientierung. Menschen, die anderen Glaubens sind – alle, die in irgendeiner Weise zur Diversität beitragen. Und die Parteien sollten ihre Ämter dann auch vielfältiger besetzen. Die Diversität in unseren Parteien und im Bundestag ist zu gering. Das ist schade.

 

Was haben Sie in den vier Jahren als Beauftragte für die Bundesregierung gelernt?

 

Ich habe politische Verhandlungen hautnah miterlebt. Mir wurde klar, wie es ist, wenn man in die Mühlen der Politik gerät. Dass es dabei oft um Kompromisse geht, darum, einen Weg zu finden, der für alle Beteiligten einigermaßen vertretbar ist. Politische Arbeit ist geprägt davon, sich Verbündete zu suchen.

 

Hat Ihnen diese Arbeit Spaß gemacht?

 

Ja schon, vor allem bin ich dankbar für die Einblicke, die ich erhalten habe. Aber mein jetziger Job ist mir derzeit lieber. Heute kann ich fordern, was für meine 2,1 Millionen Mitglieder gut ist. Und ich muss dabei nicht auf eine gute Idee verzichten, nur weil diese nicht die Parteiposition widerspiegelt oder so nicht im Koalitionsvertrag steht. Meine Möglichkeiten als Beauftragte der Bundesregierung waren begrenzt, ich konnte ein Gesetz nicht stoppen.

 

Sondern?

 

Bestenfalls eine Stellungnahme abgeben und in Gesprächen überzeugen. Viele Menschen mit Behinderung sehen in ihrer oder ihrem Beauftragten die Person, die vieles durchsetzen kann. Für viele Menschen haben meine Forderungen, Stellungnahmen, Gespräche hinter den Kulissen mit den Ministerinnen und Ministern jedoch nicht die Veränderung gebracht, die sie sich gewünscht hätten. Den Politikern wiederum war das, was ich forderte, immer zu viel und zu teuer. Ich empfand die vier Jahre in diesem Spannungsfeld als großartige politische Schule, aber dann war es auch genug.

 

Sie haben wichtige Politikerinnen und Politiker getroffen, unter anderem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wie haben Sie sie wahrgenommen?

 

Sie war sehr zugewandt, extrem freundlich und empathisch. Wir saßen in ihrem Arbeitszimmer in einer Sitzecke, haben Kaffee getrunken und uns fachlich ausgetauscht, das fand ich angenehm. Es waren auch keine Bodyguards in der Nähe, ich wurde offensichtlich als vertrauenswürdig eingestuft. Das Tolle an ihr war, dass sie sehr gut auf die Themen vorbereitet war und zu allen Punkten eine Meinung hatte. Sie hat auch sehr persönlich von ihrer Kindheit erzählt und welche Berührungspunkte sie mit dem Thema Behinderung hat. Ich fand das Gespräch insgesamt sehr wertschätzend.

 

Wie ist die Stimme von Angela Merkel in einem solchen Kontext?

 

Eher entspannter, als man sie aus dem Fernsehen kennt. Aber das ist auch kein Wunder, würde ich sagen.

 

Es heißt, Blinde seien schwerer manipulierbar, weil sie aus der Stimme viel heraushören und dabei nicht von der Optik geblendet werden. Ist da etwas dran?

 

Ich kann hören, wie entspannt oder aufgeregt jemand ist, und auch, wie ernst Dinge gemeint sind. Ob jemand tatsächlich hinter den Dingen steht, die er oder sie sagt. Ob jemand also authentisch ist. Meistens liege ich ziemlich richtig mit meinen Einschätzungen. Die Stimme legt die innere Haltung offen und ist ein schönes Fenster zur Seele.

 

Glauben Sie, dass Sie generell genauer zuhören als andere Menschen?

 

Auf jeden Fall! Dadurch dass der visuelle Sinn wegfällt, bin ich sehr fokussiert. Das Gehirn des Menschen ist in der Lage umzulernen. Wenn das Auge als Sinn ausfällt, dann lässt sich das Gehör noch besser schulen, auch dafür, dass ich mich verstärkt darüber orientieren kann. Das funktioniert gut. Ich habe gelernt, Wände oder Türen zu hören.

 

Sie hören also Hindernisse?

 

Viele, ja. Was mich aber nicht davor schützt, häufig gegen etwas zu laufen. Das ist mir schon als Mädchen so gegangen: Wenn ich schnell gehe, dann höre ich die Hindernisse oft zu spät – und dann klebe ich am Pfosten. (lacht) Ich musste häufiger genäht werden, habe ein paar Narben und Beulen. Aber das sind nur Kleinigkeiten.

 

Sie besitzen ein Farberkennungsgerät, das Ihnen dabei hilft, sich stimmig zu kleiden. Welche anderen Geräte begleiten Sie im Alltag?

 

Ich habe viele sprechende Geräte, zum Beispiel meine Küchenwaage oder mein Fieberthermometer. Dazu ein kleines Plastikteil, das mir sagt, welchen Wert ein Geldschein hat, falls ich das mal nicht erfühlen kann. Auch mein Handy spricht, es liest mir alles vor. Ich weiß, wie die Tastatur aufgebaut ist. Dann liest mir das Handy vor, ob ich auf dem richtigen Buchstaben gelandet bin. Diese Technik macht mein Leben viel einfacher.

 

Ist es ein Problem für Sie, dass viele Menschen das, was Sie können oder eben auch nicht, falsch einschätzen?

 

Manchmal macht es mich sprachlos. Es würde helfen, wenn Menschen mit und ohne Behinderung selbstverständlicher zusammen aufwachsen würden.

 

Sprich: mehr Inklusion.

 

Ich bin sicher, dass Integration und Inklusion gut funktionieren können. Wichtig dafür ist, dass das Miteinander nicht als persönliche Einschränkung gesehen wird. Entscheidend ist, dass die Strukturen stimmen. Es ist klar, dass inklusive Klassen problematisch sind, wenn Lehrkräfte 30 und mehr Kinder in ihrer Klasse haben. Wären Klassen kleiner, sähe es wohl anders aus. Sie sehen, auch hier muss es darum gehen, das Schulsystem grundsätzlich zu reformieren. Dann ginge es – und dann würden alle davon profitieren.

„Weiter, immer weiter!“

Nach dem Spiel sagte Oliver Kahn gleich zwei Sätze, die zu geflügelten Worten des Fußballbetriebs wurden. „Da ist das Ding“ und „Weiter, immer weiter“ gingen in den Wortschatz des gemeinen Fußballfreundes über und werden seither bei jeder passenden wie unpassenden Gelegenheit angebracht. Aber wie werden Worte geflügelt? Wie zu Phrasen und Redewendungen? Wie funktioniert überhaupt die Sprache des Fußballs? Kaum jemand weiß das so gut wie der Linguist Simon Meier-Vieracker, Betreiber des Blogs „fussballlinguistik.de“.

 

EIN GESPRÄCH ÜBER PHRASEN.

 

Herr Professor Meier-Vieracker, wie verankern sich Sätze wie „Da ist das Ding“ im allgemeinen Sprachgebrauch?

 

Der Linguist Armin Burkhardt beschreibt drei semantische Prinzipien in der Fußballsprache: die Metapher, die Metonymie und die simplifizierende Abstraktion. „Da ist das Ding“ ist zum einen das perfekte Beispiel für eine simplifizierende Abstraktion. Dazu gehören Wörter wie „machen“, „Ding“, „Teil“, „tun“ – Begriffe, die sich auf alles Mögliche beziehen können. Zweitens wurde der Satz von Oliver Kahn in einer sehr exponierten Situation gesagt. Diese beiden Faktoren sorgen dafür, dass es ein geflügeltes Wort wird. Denn diese Emotionalität und die ganze Dramatik dieser spektakulär gewonnenen Meisterschaft haftet dem Satz an. Und all das kann quasi wieder heraufbeschworen werden, wenn man den Satz ausspricht. Wir sprechen in der Linguistik dann von idiomatischer Prägung.

 

Gibt es noch weitere Faktoren, die dafür sorgen, dass so ein Satz ikonisch wird?

 

Mein Vater sagte oft den lateinischen Spruch „Quod licet iovi, non licet bovi.“ (Anm. d. Red.: Was der Höhergestellte darf, kommt dem niedriger Stehenden nicht zu.“) Man gibt sich mit solchen Sätzen eine bildungsbürgerliche Aura. Das nennen wir sozialsymbolischen Gehalt. Es wird Zugehörigkeit markiert, wenn wir Sätze verwenden, die innerhalb einer Gruppe, etwa auch Fußballfans, eine besondere Bedeutung haben. Wir erwarten, dass die Anderen uns verstehen. Das hat etwas Nähestiftendes, Solidarisierendes.

 

„Da ist das Ding“ war ja auch ein Schrei der Erleichterung. Und ähnlich der Satz: „Weiter, immer weiter“. Wie schätzen Sie den ein?

 

Es gibt ja meines Wissens keine Aufnahme von dem Satz, der ist nun kolportiert worden. Also Oliver Kahn ist zu Hitzfeld gerannt, hat ihn umarmt und gesagt: „Weiter, immer weiter, niemals aufgeben.“ Anders als „Da ist das Ding“, dem archaischen Siegesschlachtruf, war aber „Weiter, immer weiter“ überhaupt nichts Neues. Es war lange etabliert, vor allem bei Ausdauersportarten, ein Symbol für kämpferischen Willen. Oliver Kahn hat es quasi für sich eingemeindet. Interessant ist, dass wir in späteren Berichten finden: Oliver „Weiter, immer weiter“ Kahn. Oder Oliver „Wir brauchen Eier“ Kahn. Diese Sprüche wurden also seinem Eigennamen zugerechnet, was ich linguistisch total spannend finde.

 

Hat das auch mit seiner Persönlichkeit zu tun?

 

Ja, klar. Es gibt ja diesen sprichwörtlichen „Kahnsinn“, also diese positive Verrücktheit und diese Verbissenheit. Das hat Oliver Kahn erfolgreich zu seiner Marke gemacht. Und da ist dieses „Weiter, immer weiter“ gewissermaßen sinnbildlich.

 

Man könnte Bücher darüber schreiben, was in scheinbar aussichtslosen Lagen zu tun ist. Oder man sagt: „Weiter, immer weiter.“ Sprache verkürzt Komplexes immer wieder zu griffigen Slogans …

 

Ja, genau. Und da sind gerade diese beiden Sätze natürlich von großer sprachlicher Ökonomie. Emotionalisieren, aber mit möglichst wenig sprachlichem Material. Und weil der Satz aus dem Fußball kommt und es auch jeder weiß, kann man der Situation etwas Spielerisches geben und die Ernsthaftigkeit nehmen.

 

Was muss ein Satz mitbringen, um sich im allgemeinen Sprachgebrauch der Menschen zu etablieren?

 

Das lässt sich ganz schwer sagen. Typisch für solche Sentenzen ist, dass sie in ihrer Einfachheit auf viele verschiedene Situationen anwendbar sind. Sie dürfen also nicht zu präzise sein, eher ein bisschen vage, und sie müssen viel mit der Kraft des Assoziativen arbeiten. Berühmt-berüchtigt sind ja die Sätze von Sepp Herberger …

 

… „Ein Spiel dauert neunzig Minuten“ und „Der Ball ist rund“ …

 

Ja, oder auch: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ Solche Sätze kann man abstrahieren, indem man das Substantiv durch eine Variable ersetzt – „Nach dem X ist vor dem X“. So kann man sie auf alle möglichen Situationen anwenden … „Nach dem Weihnachtsmarkt ist vor dem Weihnachtsmarkt“ oder so.

 

Die Sätze von Sepp Herberger haben sich ja vor über 60 Jahren auch ohne Massenmedien und YouTube etabliert …

 

Es sind Sätze, die an sich wenig Informationswert haben, weil sie nur benennen, was eh jeder weiß. Wir nennen das Tautologien – „Der Kreis ist rund“ wäre eine. „Der Ball ist rund“ und „Das Spiel dauert 90 Minuten“ sind verwandt mit der Tautologie, aber eher Implikaturen. Also auch etwas wie: „Krieg ist Krieg“. Damit ist zwar nichts ausgesagt, aber wir suchen trotzdem einen tieferen Sinn dahinter. Weil wir davon ausgehen, dass der Andere nicht nur inhaltslosen Quark erzählen möchte.

 

Auch der Satz „Eier, wir brauchen Eier“ stammt von Oliver Kahn. Warum wurde das so eine bekannte Redewendung?

 

Das ist einer dieser ganz typischen Alltagssexismen, die den Fußball durchziehen. Ein sehr verbreiteter Jargon, der aber normalerweise im verschlossenen Raum bleibt. Die Fußballer wissen ja eigentlich, dass sie sich vor Kameras anders äußern müssen. Da wird in sehr ritualhafter Art immer der gleiche weichgespülte Kram erzählt. Oliver Kahn ist ausgeschert. Und wenn einer nur ein bisschen ausrastet, dann ist der YouTube-Erfolg sicher. Auch vor zwanzig Jahren war der Satz ein Tabubruch, der schnell die Runde machte.

 

Aber was er eigentlich sagen wollte, war ja weniger etwas Biologisches. Sondern: „Wir müssen mutiger, engagierter auftreten.“

 

Genau, es ist offenbar ein besonderer Einsatzwille gemeint. Kahn ist ja auch nicht der Einzige, der die „Eier“ so verwendet. Das letzte Mal habe ich es von Thomas Hitzlsperger bei der WM 2018 gehört, in der Pause des Schweden-Spiels. Aber wenn spielerische Qualitäten mit einer bestimmten Form von Männlichkeit assoziiert werden, die im Umkehrschluss alles abwertet, was davon abweicht, dann ist das einfach sexistisch. Punkt.

 

Haben es Redewendungen aus dem Fußball leichter, sich in der Sprache zu etablieren?

 

Bestimmt. Allein schon durch die große Popularität des Fußballs. Und man kann Dinge so in einen spielerischen Rahmen stellen. Das macht sie zusätzlich attraktiv.

 

Dann gibt es noch die sprachlichen Fehlleistungen, a la „Mailand oder Madrid“ oder „Wäre, wäre Fahrradkette“. Wie sehen Sie die?

 

Ich möchte alle, die sich darüber lustig machen, mal auffordern, nach 90 Minuten Hochleistungssport Interviews zu geben. Auch ist es nichts Fußballspezifisches, dass jemand Redewendungen durcheinanderbringt. Schon in „Don Quijote“ sprach Sancho Panza fast ausschließlich in falschen Redewendungen. Auf der großen Bühne Fußball bekommt das dann eine besondere Aufmerksamkeit – und es gehört auch sicher zur Folklore.

 

Das klassische Fußballmagazin lebt ja geradezu von den alten, schiefen Bildern und Metaphern. Wie kommt das denn?

 

Auch das gehört zur Fußballfolklore. Die Leute wollen das, weil es auch Spaß macht. Ich habe mit meinem Züricher Kollegen Stefan Hauser die Institution des Phrasenschweins im „Doppelpass“ untersucht. Es gibt ja eine passende linguistische Teildisziplin, die Phraseologie. Wir wollten also wissen, ob der Phrasenbegriff im „Doppelpass“ wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Also: Ist das, was dort als Phrase gilt, auch wirklich eine Phrase?

 

Und? Ist es?

Nein, natürlich nicht. Es ist ja keine Systematik erkennbar. Aber worauf es ja eigentlich ankommt: Am lautesten wird geklatscht und am meisten gelacht, wenn die Phrasen fallen und gezahlt werden muss. Oft hauen Gäste auch ganz gezielt eine Phrase raus, um dann unter dem Johlen des Publikums einzahlen zu dürfen. Man kann sich Sympathiepunkte verschaffen, indem man bewusst die Phrasenklaviatur spielt. Es ist sehr fussballtypisch, das zu tun, aber gleichzeitig zu zeigen, dass man weiß, dass man Phrasen drischt.

 

Simon Meier-Vieracker, 41, ist Professor für Angewandte Linguistik an der TU Dresden. Ganz besonders gern forscht er dazu, wie sich Sprache und Fußball gegenseitig beeinflussen. Er betreibt auch deshalb den Blog „fussballlinguistik.de“ und beteiligt sich am Podcast „Die Phrasendrescher“.

„Die Gefahr, ein Arschloch zu werden, war da.“

Albrecht Schuch, es heißt, Sie bereiten sich mitunter auf Interviews und Interviewer vor. Heute auch?

Nein, leider nicht, ich war gerade für Dreharbeiten zwei Monate in Italien am Lago d’Orta und bin gerade erst zurückgekommen. Wenn ich die Zeit und Muße finde, versuche ich tatsächlich, mich auf Interviews vorzubereiten. Damit es ein Gespräch wird – und nichts Einseitiges. Auch, wenn ich für die Vorbereitung auf bestimmte Rollen verschiedensten Menschen gegenübersitze, sage ich: »Hey, lasst uns das Gespräch gleichberechtigt bestreiten, Sie dürfen auch mich alles fragen.« Ich will nicht das schale Gefühl hinterlassen, als hätte ich sie ausgenommen oder ausgesaugt.

 

Sie sagen, die Vorbereitung sei das Schönste am Beruf. Warum?

Sie ist mit das Schönste, ja. Weil ich dabei meinen Horizont erweitere, Leute und Themen kennenlerne – und zwar ganz unmittelbar, nicht nur aus dem Internet oder aus der Bibliothek. Es würde mir nicht reichen, nur aus mir selbst zu schöpfen. Deswegen treffe ich mich mit interessanten Menschen, mit Investmentbankern oder Neonazi-Aussteigern.

 

Für welche Rolle waren die Vorbereitungen am intensivsten?

Auf jeden Fall für die NSU-Verfilmung »Die Täter – Heute ist nicht alle Tage«.

 

Sie haben darin den Rechtsterroristen Uwe Mundlos gespielt.

Weit oben ist auch » Bad Banks «, dafür habe ich mit sieben oder acht Investmentbankern gesprochen. Einer war noch Student an einer privaten Wirtschafts-Uni, noch grün hinter den Ohren, voller Feuer für diese Welt. Der träumte noch. Ein anderer war schon ernüchtert, sagte, dass früher alles besser war. Zu einem der Treffen sollte ich einen Anzug tragen, damit sie mich unerkannt und heimlich durch ihre Abteilung führen konnten, denn das ist eine Art Hochsicherheitstrakt, in dem keine Besucher gestattet sind. Ich habe mich im ICE umgezogen, allerdings erst kurz vor der Ankunft in Frankfurt, denn ich wollte ja in die Rolle schalten, bin dort also als Banker ausgestiegen. Diese Leute wirkten übrigens alle sehr sympathisch, weil sie ja Verführer sind. So charmant, energetisch und aufgeladen, dass man sagt: »Ja, kaufe ich. Ich vertraue dir.« In der Welt der Investmentbanker wird dem Kunden das Gefühl gegeben, man habe hier einen guten Freund, der wirklich zuhört. Woraufhin sich der Kunde so wohlfühlt, dass er zwei Millionen rüberschickt.

 

Wie bereiteten Sie sich bei der neuen Verfilmung von »Berlin Alexanderplatz« auf die Rolle des Drogendealers Reinhold vor?

Da muss ich erst mal überlegen. Das gehört auch dazu: Dass man es irgendwann wieder löscht. Ja, ich wollte mich dem Reinhold von außen annähern. Sonst gehe ich immer von innen nach außen, suche also erst mal in mir. In diesem Fall habe ich mir viele Bilder der Berliner Loveparade in den 90er-Jahren angeschaut. Ich habe in Filmen und auf Fotos nach Gesichtern Ausschau gehalten, die durch verschiedene Substanzen irgendwie entgleist waren. Ich habe auf die Körperlichkeit geachtet, die dadurch entsteht, das hat oft etwas Schlaksiges und Schnelles, auch Rattiges, ich musste an Laborratten denken, warum auch immer. Ich sah auch oft Nervosität, eine dünne Haut, die Angst davor, verletzt zu werden. Dann kam ich auf David Bowie, in der Zeit, als er einmal im Monat seine äußere Erscheinung komplett gewechselt hat und dabei eine gewisse Androgynität ausstrahlte. Die hat mich wahnsinnig interessiert, weil ich diesen Reinhold als geschlechtslos empfand. Ich habe mir aber auch Gustaf Gründgens angesehen, mit Blick auf die Ambivalenz eines Künstlers, der sich von den Nazis hat einspannen lassen. Aber mit Fokus auf seinen Schalk, diese Blicke, die er in Interviews hatte. Ich habe mich für diesen Film so häufig wie noch nie mit einem Regisseur getroffen. Burhan Qurbani und ich waren allein acht Mal auf einem Friedhof.

 

Warum auf einem Friedhof?

Weil es da ruhig ist. Und weil dort das Teuflische als Gegenentwurf zum Himmlischen präsent ist. Ich habe aus Reinholds Sicht auf die Inschriften geschaut: Vertraue mir, komm zu mir – diese Sätze bekamen plötzlich etwas Dämonisches. Zur Vorbereitung gehörte auch, dass ich nach der vorherigen Arbeit länger krank war, und diese Schwäche haben wir mit in meine Darstellung des Reinhold reingenommen. Weil ich eigentlich recht fit bin, hätte ich für den Charakter einiges abtrainieren müssen, um quasi ungesünder zu wirken. Das ist durch die Erkrankung zuvor weggefallen.

 

Wie kam es, dass Sie gleich drei Monate lang krank waren?

Daran war ich selbst schuld. »Systemsprenger« war eine herausfordernde Arbeit, und es kommt oft vor, dass man nach einer so intensiven Zeit erst mal krank wird. Am Theater ist mir das auch ab und an passiert, dann musst du dich drei Tage hinlegen, danach ist es wieder gut. In diesem Fall wollte ich mir den Urlaub nicht nehmen lassen, bin mit Fieber mit dem Snowboard auf die Piste. Und dann ist es richtig reingefahren.

 

Wie lange dauern Ihre Vorbereitungsphasen?

Bei »Berlin Alexanderplatz« waren es vier Monate. Du schleppst das alles ja immer mit dir rum, beobachtest selektiv. So, wie wir jetzt hier stehen … (schaut sich unter den Spaziergängern im Park um) Der mit der blauen Jacke, diese leichten X-Beine, diese Art zu laufen, zu wippen, rechts-links – wäre das was für Reinhold? Ich lasse mich auch gerne in Museen, Konzerten, im Theater oder Kino inspirieren. Dann muss mir oft sagen: »Guck doch einfach mal den Film an und hör auf, an die Arbeit zu denken.« Der letzte Schritt des Weges von außen nach innen waren dann Sitzungen mit Psychologen, da bin ich zum inneren Kern von Reinhold vorgedrungen. Das waren Vier-Augen-Gespräche mit Verhaltenstherapeuten oder Psychoanalytikern, ich stellte ihnen den Charakter vor, sagte, was ihm passiert ist, was er tut und was ich darüber denke. Das ist keine äußere Recherche mehr, das muss ich dann in mich reinlassen.

 

Wann endet die Vorbereitung?

Drei Wochen vor Drehbeginn heißt es: weg damit! Irgendwann hat sich das Unterbewusstsein das herausgefiltert, was wichtig ist. Ich habe bei meinen ersten Projekten zweimal den Fehler gemacht, mit allem, was ich vorbereitet hatte, ans Set zu kommen. Dann schleppt man ein Gewicht herum und verliert den Blick für das, was auch immer dabei sein sollte: die Überraschung.

 

Ist man ohne so eine so intensive Vorbereitung ein schlechterer Schauspieler?

Das würde ich nicht sagen, sicher geht’s auch ohne. Es gibt Kollegen, die lernen nur ihren Text und sind dann messerscharf und wahnsinnig gut. Mir aber würde der Beruf dann nur halb so viel Spaß machen. Es wäre für mich verschenkt, mich nicht auf die Suche nach diesem Schatz zu begeben. Was ich dagegen nicht mag, ist, wenn Kollegen sich schlecht benehmen und nach unten treten. Dann denke ich: Hey, wo ist die Demut? Warum trittst du hier so an? 90 Prozent der Schauspieler dieses Landes müssen sehen, wo sie bleiben und können nur schwer davon leben. Dieser Beruf ist so schön und so viele wollen ihn machen, also lasst uns doch gemeinsam eine schöne Zeit haben.

 

Es war eben schon die Rede von der Rolle des NSU-Terroristen Uwe Mundlos. Wie bereitet man sich auf jemanden vor, der so gar nichts Menschliches zu besitzen scheint, um ihn dann »unerträglich sympathisch« darzustellen, wie ein Kritiker schrieb?

Ich will ihn ja nicht suggestiv spielen, also nicht in der Art, wie bestimmte Medien Überschriften suchen, um Leser oder Zuschauer anzulocken. Um von diesen Überschriften wegzukommen, musste ich ihm zugestehen, dass er zumindest mal ein Jemand mit menschlichen Zügen gewesen sein muss.

 

Sie haben auch mit Nazi-Aussteigern gesprochen.

Ich habe viel gelesen, aber die Begegnung mit den Menschen ist natürlich viel erhellender, direkter, anschaulicher, greifbarer. Mich interessieren dann auch vermeintliche Alltäglichkeiten wie: Wann bist du damals ins Bett gegangen, wie viel hast du geschlafen, was hast du konsumiert?

 

Spielt es eine Rolle, wann ein Nazi ins Bett geht?

Bestimmt, denn wenn man einem anderen eine Ideologie einimpfen will, dann darf der Geist nicht von irgendwelchen Substanzen getrübt sein. Man muss klar sein. Wenn man die Nacht davor gesoffen hat, ist man langsamer, unkonkreter. Man ist nicht überzeugend, kann nicht auf sein Gegenüber eingehen. Der Alltag solcher Charaktere interessiert mich schon sehr.

 

Nach diesem Film ging es Ihnen nicht gut. Was war passiert?

Man schleppt ja eine ganze Menge mit sich rum. Wenn du dich so viel in diese Lektüre einarbeitest, zum ersten Mal »Mein Kampf« liest und das alles mit diesem Mundlos’schen Blick – das hinterlässt Spuren, weil du dich immer mehr darauf einlässt. Es färbt zwar nichts ab von dem Gedankengut, aber es bedeutet schon eine Art Ermüdung. Man findet immer wieder Fusseln und merkt: Hier habe ich vergessen aufzuräumen. Und manchmal schläft man dann schlecht.

 

Seither bereiten Sie nicht nur vor, sondern auch nach.

Ich musste das Wiederauftauchen lernen. Nach der Mundlos-Rolle dachte ich: »Das war easy, einmal geschnipst und weiter geht’s.« Aber das war ein Irrtum. Das hatte auch mit Jena zu tun, wo ich geboren und groß geworden bin, wo wir viel gedreht hatten. So ergab sich bei dieser Rolle auch noch eine seltsame persönliche Ebene. An der Schauspielschule wird dir beigebracht, wie du an etwas näher rankommst, noch tiefer, authentischer und extremer. Aber keiner erklärt dir, wie es wieder zurück geht. Das soll jetzt gar nicht pathologisch klingen, als wenn man nachher ein Wrack wäre oder so. Aber es hinterlässt durchaus Spuren, wenn man nicht aufräumt. Jedes Spiel, das man über eine lange Zeit betreibt, kann ernst werden. Es kann zu Stimmungsschwankungen führen. Deshalb wollte ich für »Berlin Alexanderplatz« Rituale einüben. Um nach dem Drehende den Schalter umlegen zu können.

 

Welche sind das?

Zum Beispiel etwas, das ich » Rollendusche « nenne. Dazu nutze ich Atemtechniken, mache Yoga, führe aber auch Selbstgespräche. Oft nur ein, zwei einfache Sätze. Morgens erst »Hallo Albrecht, jetzt geht‘s zu Reinhold, viel Spaß!«, und abends dann »Schönen Abend, Reinhold, bis morgen!« – »Alles klar, Albrecht, bis dann!« So in der Art. Was ich genau sage, bleibt mein Geheimnis. Ich bin auch oft schwimmen gegangen. Wir vergessen ja in Stress-Situationen sehr oft zu atmen, werden kurzatmig. Deshalb habe ich vor dem Sprung ins Wasser tief ausgeatmet, mir wurde bewusst, wo ich wirklich bin. Dann rein ins Wasser – und schon blieb die Rolle wie eine abgestreifte Haut auf den ersten zwei Metern zurück. Das hat sehr gut funktioniert.

 

Sie wirken in Ihren Rollen physisch sehr präsent. Diese Körperlichkeit ist Ihnen wichtig, oder?

Total. Das Körperliche kommt auch sehr vom Theater. Ich achte auch darauf, was ich anhabe, denn das macht ja etwas mit der Stabilität des Körpers. Schuhe sind mir extrem wichtig, verbunden mit der Frage: Wie läuft dieser Jemand in diesen Schuhen? Die Filmfigur Uwe Mundlos kann nicht irgendwelche Sneakers tragen. Und wenn er sie trägt, dann muss klar sein, warum er das tut. Eine weite Hose macht was anderes als eine enge. Und wenn es eine enge Hose ist, dann macht wiederum der Stoff viel aus. Auch die Grundkonstitution eines Körpers ist sehr wichtig, deshalb der Blick auf den Alltag der Figur: Trainiert er viel? Trinkt er sein Feierabendbier? Was isst er? Denn verschiedenes Essen macht unterschiedlich müde oder wach. Das fließt alles mit ein.

 

Wenn man auf Ihre Vita blickt, scheint es immer nach oben zu gehen – bis hin zu zwei Deutschen Filmpreisen 2020 für die Beste Haupt- und die Beste Nebenrolle. Sind Sie ein Glückskind?

Glück gehört in diesem Beruf immer dazu. Glück ist es, gesehen zu werden. Es gibt so viele talentierte Kollegen, die ungesehen bleiben.

 

Hatten Sie Zweifel, ob Sie dieses Glück haben würden?

Ja, ich habe nach einem der frühen Filme gedacht: »Nie wieder!« Ein halbes Jahr lang wollte ich nichts mehr mit Film zu tun haben. Das Schöne ist, dass mich diese Erfahrung stärker gemacht hat, weil ich daraus viel lernen konnte. Zum Beispiel, wie wichtig eben die Vorbereitung ist. Oder dass man sich mitteilen sollte, wenn etwas nicht stimmt. Ich war noch zu unerfahren, hatte nicht den Mut, Fragen zu stellen. Ich dachte, es sei ein Zeichen von Schwäche. Ich bin froh, dass ich irgendwann begriffen habe, dass ich nicht alles alleine machen muss.

 

Haben Sie Angst, dass irgendwann ein Karriereknick kommt?

Die Angst hatte ich früher mal, jetzt ist es eher ein nüchternes Bewusstsein darüber, dass es wohl nicht ewig so weitergehen kann. Denn ich werde ja wirklich verwöhnt mit tollen Aufgaben, mit Vertrauen und Freiheiten. Es wird auch wieder anders kommen, aber darauf bin ich vorbereitet. Ich beschäftige mich viel damit, was mit Menschen passiert, die Erfolg haben. Wie sie dann innerlich abheben oder
müde werden.

 

Inwiefern sind Sie darauf vorbereitet?

Ich hoffe, dass ich es dann sportlich nehme, und ich habe ja auch noch andere Interessen. Zum Beispiel die Natur. Vielleicht werde ich Förster, Landwirt oder Gärtner. Oder ich biete Wanderungen an, was auch immer. Letztlich muss man die eigene Persönlichkeit verteidigen, unabhängig von Erfolg oder Misserfolg.

 

Bei den Dreharbeiten zum Film »Kruso« in Litauen haben Sie sich manchmal ein Fahrrad genommen, sind am Set herumgefahren und haben die Leute gefragt, wie es ihnen geht. Das klingt, als wären Sie ein sehr netter, sozialer Mensch.

Empathie ist für mich ein großer menschlicher Wert, den ich aber auch für meine Arbeit brauche. Ich mag eine gute Stimmung am Set. Das heißt nicht, dass es nicht auch mal krachen darf, solange es um Inhalte geht und man sich hinterher entschuldigt. Während des Drehs sind viele seltsame Dinge passiert, ein Auto hat gebrannt, es gab hitzige Diskussionen. Und auch das Wetter war schlimm, extrem wechselhaft. Das hat bei uns allen an der Substanz gekratzt. Zudem war mein Charakter jemand, der die Leute zusammenhält. Deshalb passte das.

 

Wann erlebt man Sie schlecht gelaunt?

Häufiger, denn ich bin niemand, der alles weiß und sich immer gut benimmt. Natürlich werde ich auch mal laut, bin auch mal angepisst – und zeige das dann auch. Ich kann Leuten sehr gut die kalte Schulter zeigen (lacht). Glücklicherweise passiert das nur in Ausnahmefällen.

 

Hätten Sie auch ein Kollegenschwein werden können?

Die Gefahr, ein Arschloch zu werden, war auf jeden Fall mal da. Wenn du einmal von etwas Schillerndem gekostet hast, dann kann dich das total irreführen. Da muss man sofort gegenlenken und sagen: »Leute, ich bin’s nur, alles easy.« Das sagt man jetzt nicht wörtlich so, aber man verhält sich entsprechend. Damit man gar nicht erst in irgendeine Hybris-Scheiße kommt – oder eben zum Kollegenschwein wird.

 

Die Erfahrung mit einer echten Droge machten Sie 2012. Nach den Dreharbeiten zu »Die Vermessung der Welt« in Ecuador reisten Sie zu einem Stamm der indigenen Sarayacu, verbrachten dort zehn Tage, um Ayahuasca zu probieren.

Ich brauchte Abstand vom Dreh. Ich hatte vom Land noch nichts mitbekommen, sondern immer nur diese Postkartenpanoramen gesehen. Also bin ich dort hingereist, als eine Art Öko-Tourist. Ich hatte mich vorher schlaugemacht und wusste, dass diese Stämme Ayahuasca nutzen, um mit der Natur zu kommunizieren. Das ist deren größte Gottheit, was mir sympathisch war. Nach vier Tagen hat der Medizinmann gesagt: » Okay, du kannst es machen. « Er hatte mich beobachtet und geschaut, ob ich bereit dafür war. Denn die Droge kann gefährlich sein und die Persönlichkeit verändern, wenn man nicht mit sich im Reinen ist.

 

Wie lief das dann ab?

Man sitzt ums Feuer, der Medizinmann auf einem riesigen geschnitzten Thron. Vor ihm stand ein Holzstumpf, dorthin wird man zum Gespräch gebeten, es gibt ein wenig Weihrauch. Das Gespräch hat mich beeindruckt: Als hätte er meinem Körper zugehört und versucht, einen nicht-intakten Beat herauszufinden. Dann hat er versucht, diesen durch Anpusten und Anklopfen wieder anzuschieben. Dann trank ich den Sud – und es ging los. Ich sah viele Bilder, während ich in diesem Kreis saß, drei Stunden lang – und irgendwann war alles wieder friedlich. Es herrschte eine große Klarheit. Das war Frische und Reinheit, als hätte man 20 Liter Wasser getrunken, wäre fünfmal in der Sauna gewesen, danach noch baden im eiskalten See.

 

Die Sarayacu beeindruckten Sie wegen ihrer Beziehung zur Natur.

Die Natur ist immer ein Ding. Es ist doch erstaunlich, dass es jeder so empfindet, der einen Spaziergang im Herbstlaub macht, durch einen wirklich wilden Wald geht oder am Meer steht. Da ist diese Kraft, die etwas total Befreiendes in uns auslösen kann. Die Natur ist meine Droge, die brauche ich sehr oft. Ich mag die Stille. Weil mich eine Großstadt zwar anzieht, aber auch überfordert und abstößt. Dann ist die Natur immer wieder ein Zurückkommen, ein Aufladen, ein Ankommen.

 

Um noch mehr draußen zu sein, haben Sie sich kürzlich einen alten Bus umgebaut.

Keinen alten Bus, sondern einen ehemaligen Gasflaschentransporter. So einen Sprinter, den haben mein Schwager und ich ausgebaut und teilen ihn uns. Wir waren jetzt gerade in der Schweiz, in Sils Maria, am Malojapass, dann ging‘s weiter nach Italien, schließlich noch Reiten in der Camargue. Die nächste Tour soll nach Finnland gehen. Campingplätze versuche ich dagegen zu meiden, so lange es noch geht. Da frage ich lieber den Bauern, ob’s cool ist, mich auf seinen Acker zu stellen, als dass ich mich in die Reihenhaussiedlung der Camper einfüge. In Frankreich mussten wir mal vier Tage auf den Campingplatz, das war interessant, diesen Kosmos zu erleben.

 

Da gab es für Sie sicher viel zu beobachten.

Die Dauercamper, die der kurzen Wege wegen auf jeden Fall neben dem Klo stehen wollen. Die Freunde, die sich seit zehn Jahren dort treffen. Einmal war unsere Batterie kaputt, da standen ein Ukrainer, ein Franzose und ein Belgier um uns herum und haben ihren Senf dazugegeben. Was irgendwann in großem Gelächter endete. Aber Natur sieht man da halt nicht. Höchstens die Natur der Menschen.

 

Was mich bei meiner Vorbereitung auf Sie gewundert hat: Nirgends liest man etwas über Ihr Privatleben. Ist das Absicht? Oder hat nur keiner gefragt?

Beides. Das ist persönlich, da schaue ich schon, was ich für mich behalte. Was wollen Sie denn wissen?

 

Zum Beispiel: Wie wohnen Sie?

Was schätzen Sie denn?

 

Hm, vielleicht in einem Viertel wie dem Bergmannkiez, 80 Quadratmeter, schöner
sanierter Altbau.

(lacht) Es sind 40 Quadratmeter am Hermannplatz.

 

40? Da leben Sie sicher allein.

Teils, teils. Wir leben mal bei meiner Freundin, mal bei mir. Ich hab‘s noch nicht geschafft, da auszuziehen. Ich mag diese kleine Höhle.

 

Und wie ist die Höhle eingerichtet?

Die Möbel sind zusammengewürfelt, eine Kommode aus der ersten WG meiner Schwester, die Stühle habe ich von den Eltern meiner Freundin bekommen, eine alte Industrielampe, eine Büste. Und ich habe viele Bilder an der Wand: von Freunden, Familie, Freddie Mercury, Larry Clark, Helmut Qualtinger, ein Bild meiner Großeltern, eines von meiner Schwester und mir, wie ich ihr die Haare mache, als Dreijähriger. Dann ein Literaturkalender, ein costa-ricanisches Nummernschild, das ich im Fluss gefunden habe, als wir mit dem Jeep durchgefahren sind. In der Küche steht die 08/15-Stereoanlage, die habe ich, seitdem ich zwölf bin. Auf der habe ich schon meine ersten Kassetten gehört, mit vielen ausgeblichenen Aufklebern vorne darauf. In der Küche stehen auch 15 verschiedene Honiggläser. Ich liebe Honig, ich schwöre darauf. Als Medikament und als Genussmittel.

Eine Stadt geht baden

Etwa ab 7.30 Uhr am Morgen geht das Spiel los. Der Bus 20 B hält, und die Menschen perlen heraus, bestückt mit riesigen Kühlboxen, aufgeblasenen Einhörnern und üppigen Billataschen. Sie reihen sich geduldig in die Schlange ein, denn noch ist es nicht so weit. Christine, die Dame an der Kassa, nimmt es genau. Eine Minute vor acht? Nein, es gibt Regeln! Auf den Gongschlag ruft sie energisch: „Acht Uhr … bitte!“ Die Eisentore werden geöffnet, die Menschen gehen zügig, aber gelassen hinein. Jetzt geht es schnell, denn wer um diese Zeit schon da ist, der zahlt keinen Eintritt, der hat eine Saisonkarte, die er nur kurz vorzeigt.

 

Vieles, was hier im Strandbad Gänsehäufel passiert, wirkt unaufgeregt ritualisiert, folgt einem ungeschriebenen Muster. Manche Menschen kommen seit Jahrzehnten, andere arbeiten hier seit einem Vierteljahrhundert. Sie machen alles wie ihre Eltern, die es von ihren Großeltern haben. Veränderungen gibt es woanders. Es ist eine Maschinerie, die seit mehr als einem Jahrhundert so (und nur so) funktioniert. Das sieht man auch an der Architektur: lange, schachtelartige Gebäude, vollkommen schnörkelfrei und total funktional. An den grauen Häuserwänden wird sehr spartanisch Auskunft gegeben: „Liegenaufbewahrung 217–324“ etwa oder „Kästchen M“ sind die einzigen Aufschriften. Aber wer hierherkommt, der weiß, was all die Zahlen sollen. Die Toiletten heißen „Aborte“, die Duschen „Brause“. Die lang gezogenen Gebäude sind parallel und so gleichförmig angeordnet, dass Kampfpiloten sie im Zweiten Weltkrieg für Kasernen hielten, weshalb das Freibad völlig kaputt gebombt wurde. Und genau so wieder aufgebaut.

 

Das Gänsehäufel ist das größte Schwimmbad Österreichs, eines der größten in Europa obendrein. 28 Hektar groß ist die angeschwemmte Insel in der Alten Donau, die „Haufen“ genannt wurde. Und weil hier früher Gänse gezüchtet wurden, ist der Name schon erklärt. Am 5. August 1907 wurde die bewaldete Sandinsel dann offiziell zur Badeanlage respektive zum „Strandbad der Commune Wien am Gänsehäufel“ und in den 112 Jahren seither längst zur Legende. Über den Sommer kommen rund 600 000 Menschen hierher, an einzelnen heißen Tagen um die 30 000. Auch in Deutschland ist das Bad manchem bekannt durch Rainhard Fendrichs Sommerhit „Strada del Sole“ von 1981, der mit dem Satz endet: „I steh aufs Gänsehäufel, auf Italien pfeif i.“ Ein Satz, der heute noch auf T-Shirts gedruckt wird.

 

Wer das Gänsehäufel verstehen will, der geht vom Eingang weg schnurgerade zum Weststrand. Nach wenigen Minuten finden sich linker Hand die Strandkabinen, rechts bereits erste Vorbaukabinen, die ein paar Meter weiter hinter den Turmkabinen zu einer regelrechten Siedlung anwachsen. Diese Begriffe benutzt man als gelernter Wiener natürlich nicht. Die Vorbaukabinen (weil sie zu dem kleinen, rechtwinkligen Abstellraum noch eine kleine Terrasse haben) heißen Kabanen, die Strandkabinen nur Kabinen. Außer Kabanen und Kabinen gibt es noch Kasterl (Schließfächer verschiedener Größe), aber die sind wieder ganz woanders.

 

Die Kabanen sind die heimlichen Paläste des Gänsehäufels. Sie werden saisonweise vermietet und meist vererbt. Die Wartezeit beträgt derzeit sechs Jahre. Hier bauen die Wiener ihre Campingmöbel auf, hängen kitschige Bilder an die Außenwand, decken liebevoll den Tisch, lassen Rosen ranken und Gartenzwerge aus sonnengebleichten Gesichtern ins Leere blicken.

 

Vor Strandkabine Nr. 111 sitzt Elisabeth Tschapka in einem geblümten Gartenstuhl, ihrem „Sesserl“, und erklärt Nachbarin Irmgard Seifert, wie ihr Smartphone funktioniert. Drüben, im Schatten des Baumes, liegt ihr Mann Wolfgang in seinem Sesserl. An seinem Platz. Alles hat hier seinen Platz. „Es gibt Stammplätze, auf die sich nie ein anderer setzen würde“, erklärt Elisabeth Tschapka und zeigt Richtung Wiese. „Da hinten würde ich nie mein Sesserl aufstellen, weil da kommt der Herr Fritz her.“ Die Tschapkas haben andere Plätze: „Dort drüben, bei den Rosen, dort frühstücken wir.“

 

Wolfgang Tschapka kam schon als Sechsjähriger mit seinen Eltern hierher. Das war Mitte der 1950er-Jahre. Als Kind ist er hier oft ins Kasperltheater gegangen, das es heute noch gibt. Oder zum Minigolf. Oder er hat Hausaufgaben gemacht unter dem Vordach der Kabine. „Bei Regen“, erinnert er sich, „war es dort am gemütlichsten. Draußen hat’s geplätschert, und ich hab hier im Sessel ein Buch gelesen.“ Sie schätzen, dass sie einen Garten haben, in dem sie nicht arbeiten müssen, die gute Nachbarschaft und „die gute Luft, weil es ja eine Insel ist“.

 

Mit der Kabine sind sie hochzufrieden, mehr wollen sie nicht. Die Kabane kostet schließlich rund 200 Euro mehr, exakt 627 Euro pro Saison, inklusive drei Saisonkarten. Es gibt nur 290 Kabanen, dafür aber 2165 Saisonkabinen. Und die Kabane böte lediglich den Vorbau und eine Gaskartusche als zusätzlichen Komfort. „Gut, damit können Sie ein Pfandl oder eine Eierspeise machen oder sich Wasser wärmen. Aber mir geht das nicht ab“, sagt Elisabeth Tschapka. Denn wenn sie mal was aufwärmen will, dann hilft eine Nachbarin. Und auch die Besitzer der Kabanen müssen ja, so wie alle anderen, das Bad um acht Uhr abends verlassen.

 

Die Tschapkas haben ihre Kabine nach innen hin, zum Weg. Ganz anders Familie Joseph, die zum Strand und zum Wasser hin „wohnt“. Heute sind die Zwillingsbrüder Markus und Franz da, Tanten, Mutter und Kusinen mal nicht. Franz Joseph, der tatsächlich so heißt, kommt seit seinem fünften Lebensjahr ins Gänsehäufel, also mithin auch schon mehr als 35 Jahre. „Es ist wie Urlaub auf einer Insel. Einer Insel in Wien.“ Er liebt das System mit den Kabinen, in denen die Josephs ihre Campingmöbel schichten, dazu Badesachen, Tisch und Geschirr. Franz Joseph wohnt im 5. Bezirk, das ist weit weg, aber nach der Arbeit kommt er gern mal her. Weil er dann nicht nachzudenken braucht, ob er Handtuch und Badehose dabeihat, „es ist ja eh alles da“. Auch schön: „Es ist ruhig, und selbst wenn viel los ist, dann ist es immer noch kommod.“ Das schätzt er am Weststrand, den er „Pensionistenstrand“ nennt, im Gegensatz zum Oststrand, für ihn der „Bumbum-Strand“, weil dort die Jungen ihre Ghettoblaster dröhnen lassen. „Es kann hier nicht fad werden, es gibt ja alles“, sagt Franz Joseph. Er meint: Tennis, Tischtennis, Klettergarten, Stand-up-Paddling, Fußball, Basketball, Volleyball.

 

Am Platz von Maxi Orth blüht eine rote Rose in einer Plastikflasche. Die Schönheit im Gänsehäufel ist pragmatisch. „Die hat es angeschwemmt, schon vor einer Woche“, und Orth hat sie aus dem Wasser gefischt. Was ja auch sein Job ist. Wie der genau heißt, das weiß er gar nicht, „Badewart oder Bademeister“, jedenfalls passt er auf die Badenden am Weststrand auf, was in der bis zu 4,60 Meter tiefen Alten Donau wichtig ist. Gerade wenn Schulklassen da sind, denn „nicht immer überprüfen die Lehrer, ob die Schüler schwimmen können“. Dann kann es schon sein, „dass wir springen müssen“, so heißt das, wenn es rettungshalber ins Wasser geht. Das Spannendste im vergangenen Sommer war, „dass wir mal Ringelnattern und Schildkröten fangen mussten“. Genug Zeit also, den schönsten Sonnenuntergang zu genießen, der so ab sieben, halb acht zu bewundern ist. Sein Geheimtipp. Dann rutscht die Sonne langsam hinter die Gebäude der UNO-City am Ufer gegenüber.

 

Das lässt sich auch etwas weiter nördlich beobachten, von der Terrasse des Restaurants Weststrand aus. Unter Angestellten und Stammgästen ist es der Geheimtipp, denn Küchenchef Mario Neppl hält nichts von Freibad-Imbissbuden-Mampf. Natürlich gibt’s bei ihm den obligaten Klassiker – Wiener Schnitzel mit Pommes. Aber schon das energische Hämmern aus der Küche verrät, dass hier täglich Fleisch geklopft wird. Auch alles andere wird frisch zubereitet, und Neppl macht sich immer wieder Gedanken um besondere Tagesgerichte: Zander auf cremigen Eierschwammerlnudeln, Wiener Tafelspitz mit Kohlgemüse und Rösti. Für die Rindsuppe rührt er kein Pulver an, sondern kocht die Knochen selbst aus. Seit 25 Jahren ist er jetzt am Weststrand, damals sei das „ein Würstlstand mit Gulaschkanone“ gewesen. „Ich hab lang genug Abenddienste gemacht, I mog nimmer. Hier ist um 20 Uhr Badeschluss, das ist angenehm.“ Dafür nimmt er in Kauf, dass er von den äußeren Umständen abhängig ist, denn es gibt keine Innenplätze, nur die Terrasse. Aber darauf stellt er sich ein: „Der Wetterbericht und ich gehen Hand in Hand“, sagt er. Und wenn Regen angesagt ist, dann kauft er eben weniger oder gar nichts ein. Denn auch im Großmarkt ist er (fast) jeden Tag ab sechs Uhr morgens.

 

Hinter den Kulissen arbeiten Menschen wie Hannes und Ewald. Die Techniker sind dafür zuständig, dass das Wasser sauber ist. Allein im Wellenbecken sind es eine Million Liter. Lang bevor die Gäste eingelassen werden, müssen sie bereits ihren Hauptjob des Tages erledigt haben – das Rückspülen des Filters. In dem sammelt sich über den Tag alles an, was nicht ins Badewasser gehört: Sonnenmilch, Haare, Feinpartikel, aber auch Laub von den Bäumen und Plastikreste von Wasserbomben. Dabei müssen sich Hannes und Ewald konzentrieren, eine Abfolge von Knöpfen ist zu drücken und zu schieben, und wenn sie sich vertun, läuft der Dreck zurück ins Becken. Das müsste dann für den ganzen Badetag geschlossen werden. Ein Desaster an einem Sonntag bei 32 Grad im Schatten.

 

Hannes und Ewald sind zwei von 75 Angestellten, über die Markus Petrowicz zu wachen hat. Als Betriebsmeister ist er einerseits der Chef des Gänsehäufel, hat andererseits aber den bedauernswertesten Job im Bad: Er sitzt bei jeder Temperatur in seinem Büro. Er macht dort „alles“, wie er sagt. Im Detail wäre das: „Dienstpläne schreiben, Leute einteilen, Bestellungen abgeben, Streit schlichten.“ Und versuchen, das an heißen Tagen krasse Verhältnis von maximal 75 Angestellten zu bis zu 30 000 Badegästen zu moderieren. „Mein Vorgänger hat gekündigt, dem war’s zu viel“, sagt er. „Mir nicht, ich belaste eben meine Mitarbeiter mehr.“ Dann lacht er. War wohl nur ein Schmäh. Vielleicht. Fest steht: „Man braucht eine dicke Haut, muss mit Menschen umgehen können, auch wenn du im Wellenbecken stehst, bei 40 Grad in der prallen Sonne, dazu das Geschrei von den Kindern und aggressiven Badegästen. Das ist nicht so einfach wie bei ,Baywatch‘.“

 

Richtung Ausgang entdeckt man den Bereich, den man am Anfang rechts hat liegen lassen: die sechs Kabinenblöcke (A–F), davor die Bäckereien, Imbisse, die Trafik mit den sortierten, aufblasbaren Schwimmfiguren davor – früher gab’s hier sogar mal einen Friseur. Hier sitzen sie dann und futtern noch Freibad-Pommes mit Chicken-Nuggets, trinken ein Gösser-Radler oder einen Verlängerten, schauen einfach in die Gegend, plaudern oder spielen noch eine Partie Schach. Ein wohliges und sediertes Warten auf das Ende des Sommertags. Denn jeden Abend, pünktlich um halb acht, scheppert blechern dasselbe Lied aus allen Lautsprechern auf der Insel: „Badeschluss“ heißt es, fein melancholisch gesungen von der Wiener Kombo „5/8erl in Ehr’n“: „Badeschluss, es ist vorbei, wo der Tag die Nacht begrüßt.“ Jeden Abend. Denn wie sollte ein Tag im Gänsehäufel auch anders enden als mit einem Ritual?

Hans sucht neues Glück

Es kommt auf die Kleinigkeiten an. Peter Prislin hält den milchigweißen Strohhalm zwischen Zeigefinger und Daumen, dreht ihn, zwirbelt ihn, drückt ihn. Ein ganz ordinärer Trinkhalm eben. Aber eben doch nicht. Denn er ist nicht aus Plastik, sondern aus Zuckerrohr und Pflanzenfasern. Und zu 100 Prozent biologisch abbaubar. Aber auch teurer als ein ordinärer Plastikhalm. Prislin ist bei Hans im Glück als CMO zuständig für das Marketing, und so scheinbare Marginalien wie der Trinkhalm sind zentrale Punkte seiner Arbeit.


Der Kunde, der Gast von heute, achtet auf die Kleinigkeiten, die Summe der Kleinigkeiten macht das große Ganze aus. Und den Erfolg. Bei Hans im Glück verkauft man eben nicht nur Hamburger und Cocktails, sondern auch das gute Gefühl, sich vernünftig zu ernähren und sich dabei halbwegs anständig gegenüber der Umwelt zu verhalten.


Hans im Glück ist eine Erfolgsgeschichte. Eine märchenhafte, wird dann oft dazugeschrieben, weil es halt so gut passt. Dabei wird im namengebenden Märchen der Brüder Grimm etwas ganz Konträres erzählt. Der brave Hans bekommt als Lohn für sieben Jahre harte Arbeit einen Goldklumpen, tauscht ihn munter gegen immer andere Dinge ein, wobei er sich schrittweise im Wert verschlechtert. Schließlich lässt er das letzte Tauschobjekt in einen Brunnen fallen und hat gar nichts mehr. Doch damit ist er dann endlich wieder so glücklich wie am Anfang.

 

Die Geschichte des Münchner Burgerbraters sieht anders aus. Im Jahr 2010 wurde der erste Laden eröffnet, 2018 schon der 66. Es gibt mittlerweile Filialen in allen großen deutschen Städten, in Österreich, der Schweiz – und in Singapur. Der Umsatz stieg im vergangenen Jahr auf 120 Millionen Euro, das sind 17 Prozent mehr als im Jahr davor. Und 2019 kommen weitere 25 Standorte hinzu. Der Goldklumpen ist nicht weg, es werden immer mehr. Und das ist Teil des Problems, das Peter Prislin lösen soll. Aus dem angesagten Burger-Rebellen von einst ist ein stinknormaler Systemgastronom geworden – ein klassischer Fall für die Markenkommunikation.

 

Prislin hatte Hans im Glück von Anfang an im Blick. Auch das ist mehr als eine Floskel, befand sich doch sein Büro bei dem Mobile-Marketer 12snap fast genau gegenüber dem ersten Hans im Glück in der Nymphenburger Straße in München. „Ich war sehr dankbar, dass dort endlich mal ein anständiges Restaurant einzog“, erinnert er sich, damals in erster Linie im Hinblick auf seine Mittagspause.

 

Später, ab 2012, war Prislin noch auf der anderen Seite der Systemgastronomie tätig, er verwaltete für Heye den Etat von McDonald’s. An das Verspielte von Hans im Glück erinnert er sich noch heute gern, die Birkenstämme mitten im Raum, die Schmetterlings-Wandtattoos, die ungewöhnliche Speisekarte, aber vor allem, „dass es dort Burger gab, die hochwertiger waren als die von McDonald’s“ – und das fand man damals noch nicht an jeder Ecke. Seither verfolgt er das „Better-Burger Konzept“ des Unternehmers Thomas Hirschberger, der vorher bereits mit Enchilada und Sausalitos systemgastronomisch reüssierte, mit großer Faszination.

 

Jenes erste Restaurant in der Nymphenburger Straße war 2015 der Anlass eines ersten Rechtsstreits mit der Designerin, die sich das Konzept mit den Birkenstämmen im Gastraum ausgedacht hatte, der bis heute bestehenden Corporate Identity von Hans im Glück. Damals bekam sie 10 000 Euro und forderte nun auch für jedes weitere eröffnete Lokal ein entsprechendes Honorar. Die Geschäftsleitung sah das anders, und so musste das Landgericht München entscheiden. Das Urteil fiel zugunsten der Restaurantkette aus. Erfreulich für Hans im Glück, weniger erfreulich, dass man erstmals negative Schlagzeilen kassierte.

 

Und es gab weiteren Ärger. Dem Lübecker Franchisenehmer Patrick Junge wurde im Jahr 2015 gekündigt. Es gab Reibereien mit der Auslegung der sehr genauen Vorgaben bei Hans im Glück. Junge machte sich mit seinen zwölf Restaurants selbstständig, sie firmieren seither unter dem Namen Peter Pane. Auch hier gab es jahrelanges Gezerre und einen unappetitlichen Rechtsstreit. „Ende des Märchens“, titelte die Süddeutsche Zeitung gar im Februar 2016. Schließlich einigte man sich im Herbst 2018 gütlich, kurz bevor das Oberlandesgericht München sein Urteil verkünden wollte. Details des Deals wurden nicht bekannt. Thomas Hirschberger stritt sich auch 2017 vor Gericht, diesmal mit den neuen Eigentümern von Sausalitos, die ihm vorwarfen, dort wichtige Kräfte zugunsten von Hans im Glück abgeworben zu haben. Juristische Plänkeleien, die dem Image nicht zuträglich waren. „Man darf den Gast nicht unterschätzen“, sagt Prislin, „der verfolgt sehr aufmerksam alles, was seine Lieblingsmarke betrifft.“

 

Denn Marke ist in der Systemgastronomie eben genauso wichtig wie Burger und Salate. Diese Form der Gastronomie befindet sich seit Jahren im Aufschwung. Überhaupt geht man in Deutschland derzeit sehr gern auswärts essen. Oder wie es Peter Prislin ausdrückt: „In meiner Kindheit ging man zum Essen, wenn es etwas zu feiern gab, heute, weil nichts im Kühlschrank ist.“ Der größte Player im Markt der Systemgastronomie ist erwartungsgemäß McDonald’s mit 3,3 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2017 – in 1480 Betrieben. Obwohl dem klassischen Fast Food schon der Untergang prophezeit wurde, geht es dort nach zwei Jahren des Wachstumsrückgangs (2013 und 2014) auch wieder aufwärts. In der Top Ten folgt mit weitem Abstand Burger King auf Platz zwei, dann die Lufthansa Service Holding (LSG Sky Chefs), Autobahn Tank & Rast sowie die US-amerikanische Kette Yum mit Marken wie Kentucky Fried Chicken und Pizza Hut.

 

Im Sog dieser vielen bekannten Fast-Food-Marken aber hat sich längst eine Systemgastronomie etabliert, die höhere Standards anstrebt. Dazu zählt sich auch das Unternehmen Hans im Glück, das in der Rangliste von 2017 (die Zahlen für 2018 erscheinen erst noch) auf Platz 30 liegt. Tendenz steigend. Ein Vorteil der Systemgastronomie liegt für Sandra Warden, Geschäftsführerin der Fachabteilung Systemgastronomie im Dehoga-Bundesverband, ganz klar in der Effizienz. Sei es im „Margenvorteil beim Einkauf“, aber eben auch, „weil sie für den ganzen bürokratischen Kleinkram eine Personal-, eine Technik- und eine Rechtsabteilung haben – was für einen Einzelkämpfer, der die gleichen Probleme zu lösen hat, viel schwerer ist“.

 

Der zweite große Vorteil liege im Marketing. „Wenn ich multipliziert bin, ist es leichter für mich, mich den Gästen bekannt zu machen. Und sehr viele Gäste schätzen es, wenn sie ein bekanntes und bewährtes Produkt besuchen können, wo sie wissen, was sie erwartet“, sagt Warden.

 

Peter Prislin ist der aktuelle Erfolg der Systemgastronomie fast etwas unheimlich, erklären kann er ihn sich nicht. „Es ist wohl eine Sehnsucht danach, zu wissen, was man bekommt, verbunden mit etwas Besonderem. Das scheint ein gesellschaftliches Thema zu sein.“ Was er aber sicher weiß: „Die Menschen essen wahnsinnig gern, sie geben auch mehr Geld für Essen aus, erwarten aber Qualität. Und bei Systemgastronomen bekommen sie gute Qualität für einen okayen Preis.“

 

Dabei ist Deutschland noch ein Entwicklungsland, was die Systemgastronomie betrifft. Den Anfang hatte zwar schon 1955 der Österreicher Friedrich Jahn mit seinen Hendln im Wienerwald in München gemacht, bevor im Jahr 1965 die Schweizer Mövenpick-Gruppe ihr erstes Restaurant in Frankfurt eröffnete. Erst im Dezember 1971 enterte McDonald’s in München den deutschen Markt, gefolgt von Burger King fünf Jahre später in Berlin.

 

Verglichen mit den USA oder Großbritannien, wo es fast nur noch solche Ketten gibt, dominieren in Deutschland aber bis heute die Einzelgastronomen. „Selbst in Frankreich, dem Heimatland der Gourmetgastronomie, gibt es sehr viel mehr Kettenbetriebe als hier“, sagt Sandra Warden.

 

Wo also der Systemgastronom noch einiges Potenzial sieht, da fürchten andere das Verschwinden der Individualität. Inhabergeführte Restaurants und Gaststätten leiden unter der Marktmacht der Systemer oder müssen schließen. Auch wenn sich Warden wie viele Gäste wohl auch wünscht, „dass wir die differenzierte Struktur in Deutschland weiter bewahren können“, so tun sich Einzelkämpfer eben schwer. Was gerade auf dem Land und gegen den Trend zu einem Wirtshaussterben führt. Aber auch Warden weiß: „Letztlich müssen die Gäste entscheiden, was sie wollen.“

 

Dabei sind die Grenzen zwischen Einzelgastronom und Kette nicht immer so eindeutig. Ist der Wirt, dem mehrere Gaststätten gehören, bereits ein Systemgastronom oder noch ein Einzelunternehmer? Und: Auch große Gastrokonzerne setzen oft auf viele kleine Marken. Die wirken dann in der Fläche gar nicht mehr so präsent und suggerieren damit Individualität.

 

Hans im Glück muss das nicht kümmern. Peter Prislin räumt sogar ein: „Wenn man den besten Burger möchte, entscheidet man sich für den lokalen, kleinen Grill. Die können das dort wahrscheinlich am besten, schon aufgrund ihrer Größe.“ Er sagt aber auch: „Wenn man ausgehen will, in netter Atmosphäre und zu überschaubaren Preisen, aber dennoch mit Qualität, dann wird man sich für Hans im Glück entscheiden.“ Die Konkurrenz seien also weder McDonald’s noch der lokal agierende Burgergrill, sondern andere systemgastronomische Full-Service-Konzepte wie L’Osteria oder Coa. Full Service bedeutet: mit Bedienung und in gediegenem Ambiente.

Im Großen und Ganzen

Alles an diesem Ort ist groß. Riesig. Fern jeder Vorstellung. Deutlich wird das, wenn man den Werkzeugkasten sieht, aus dem sich die Arbeiter mit ihren gelben Helmen und den öligen Blaumännern bedienen. Der Kasten ist ein Container, so groß wie eine Garage. Die Halle des Baudocks II ist 75 Meter hoch, 504 Meter lang und 125 Meter breit, es ist das größte Trockendock der Welt. Viele Arbeiter sind mit Fahrrädern unterwegs. Der einzelne Mensch wird hier zur Ameise.

 

Die Dimensionen überraschen nicht, bedenkt man, dass hier die größten Dinge der Welt entstehen, die am Stück ausgeliefert werden: Kreuzfahrtschiffe. Die Meyer-Werft im ansonsten ereignisarmen Städtchen Papenburg baut diese seit 1985 und wurde damit ein Global Player auf einem boomenden Markt. Nur die italienische Werft Fincantieri mit Haupsitz in Triest ist größer – mit den beiden kann lediglich STX France in St-Nazaire mithalten.

 

Im August 2018 ist man einigermaßen gelassen. Viel schiefgehen kann jetzt nicht mehr. In Kürze wird ein Schiff das Baudock verlassen, erst ins Außenbecken der Werft und schließlich ins Meer fahren. Dort finden dann die letzten Montagen und Tests statt, bevor es ab dem 2. Dezember auf Jungfernfahrt geht. Das Schiff, es ist die Aida Nova, wird dann 6600 Passagiere aufnehmen und mit einer Länge von 337 Metern sowie einer Breite von 42 Metern nicht weniger als das größte Schiff sein, das je in Papenburg gebaut wurde.

 

Die Azipods werden montiert. Azipods werden seit einigen Jahren zum Antrieb eingesetzt. Sie sehen aus wie zwei überdimensionale Außenbordmotoren oder Mini-U-Boote und sind gegenüber dem vormaligen Antriebssystem mit Ruder und Wellenleitung sparsamer und besser steuerbar. Sie hängen wie Gondeln unter dem Rumpf und können um 360 Grad gedreht werden.

 

Obwohl weiter oben reichlich Tageslicht in die Halle strömt, ist es unten, knapp unter dem Heck der Aida Nova, dunkel und feucht wie in einer Tropfsteinhöhle. Schiffsbaumeister Bernd Lübbers ist mit seinem sieben Mann starken Team seit sechs Uhr morgens dabei, die fünf Flunken des rechten Azipods zu montieren – auf der Steuerbordseite, wie Lübbers natürlich sagt. Macht insgesamt zehn Propellerblätter bei zwei Azipods. Jedes einzelne so groß wie ein Kleinwagen, und der Schliff des ­Metalls erinnert an die Haut eines Fisches. Allerdings in Gold. „Die fünf sind jetzt vormontiert, da werden noch die Bolzen reingedreht und gut handfest angezogen“, erklär­t Lübbers. Danach müssen die faustgroßen Bolzen natürlich noch richtig angezogen werden, per Hydraulik-Werkzeug.

 

Die Aida Nova ist ein Prototyp, so ein Schiff gab es noch nie. Knapp 40 Monate dauert es, einen Prototypen zu planen und zu bauen, Nachbauten bestehender Schiffe brauchen etwa 25 Monate. „Davon sind etwa 70 Prozent Planungs- und 30 Prozent Bauzeit“, weiß Stephan Schmees, der Chef des Projektmanagements und damit Herr über alle Kreuzfahrtschiffsbauten der Meyer-Werft. Allerdings „überlappend“, wie Schmees sagt. Also während hier noch geplant wird, wird dort schon gebaut. Im Frühjahr 2015 begann das Leben der Aida Nova. Der sogenannte Stahlschnitt, der Baubeginn, war im Februar 2017. In der Zwischenzeit planen und rechnen knapp 500 Ingenieure bei Meyer. Insgesamt können in den zwei Baudocks mehrere Schiffe entstehen, da zunächst kleinere Module gefertigt werden, die man dann zu einem Schiff zusammenfügt.

 

Der Bau eines Kreuzfahrtschiffs ist eine logistische Meisterleistung, denn Komponenten dieser Größe werden gebaut oder geliefert, wenn sie gebraucht werden. „Wir haben viele Millionen Teile pro Schiff, und die müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Unsere Hauptkompetenz ist es, das zu managen“, sagt Stephan Schmees mit pragmatischem Stolz. Nur rund 30 Prozent stellt die Meyer-Werft selbst her, der Rest wird zugeliefert. Das nötige Netzwerk haben sich die Papenburger über die Jahrzehnte aufgebaut, viele Zulieferer siedelten sich eigens an.

 

Ein Schiff dieser Größe besteht im Rohbau vor allem aus Stahl und Leitungen. Überall hängen Rohre und Kabel herum, die irgendwann mit anderen Rohren und Kabeln verbunden werden. Dabei keine Fehler zu machen erscheint als unlösbare Kniffelei. Dann die Kabinen. Mehr als 3000 müssen eingebaut werden. Sie werden meist komplett ausgestattet angeliefert und wie Legosteine zusammengesteckt. So funktioniert das im Prinzip auch mit allen anderen Modulen und Blöcken, die entweder nebenan auf der Werft, im Umland oder auf der Meyer gehörenden Neptun-Werft in Rostock gefertigt werden.

 

Basis für das logistische Orchester ist eine Software. Das Know-how aus mehr als 200 Jahren Schiffsbau vereinigt sich in SEP, dem „Schiffsentwicklungsprogramm“ – einer Software, die Schmees „unser Gebetbuch“ nennt. Streng geheim natürlich. Hier wurden vor einigen Jahren alle Programme und Dateien gebündelt und harmonisiert. Ein Termin- und Ablaufplan quasi, ein riesiger natürlich, wie alles hier.

 

Die Azipods wurden von Hersteller ABB Marine aus Finnland „just in time“ geliefert. Insgesamt elf Meilensteine gab und gibt es während der ganzen Zeit. Auch die Festlegung auf einen Stahl, die Inbetriebnahme, die Überführung, die Ablieferung – alles Meilensteine auf dem Weg von der Idee zur schwimmenden Kleinstadt. Bei welchem davon Schmees am nervösesten ist, kann er gar nicht sagen. Denn die Zeit drängt immer.

 

Herausforderungen brachte die Aida Nova so einige. Schon allein die Größe, die selbst das riesige Baudock II wahrlich ausreizte, aber auch der neue Antrieb mit Flüssigerdgas (LNG), der hier weltweit erstmals eingebaut wurde. Rund zehn Jahre lang arbeiteten die Techniker der Meyer-Werft daran, „endlich ein Schiff mit LNG bauen zu dürfen“, wie es Schmees ausdrückt. Aber erst, als es die Carnival Corporation (Besitzer von Aida Cruises) wagte, als erste Reederei so ein Schiff zu ordern, konnten die Papenburger ihr Wissen umsetzen. Ein Wagnis, weil es neu ist und auch die Infrastruktur noch ausgebaut werden muss. Dennoch war es eine Art Zeitenwende, denn nach der Aida Nova wurden drei Viertel der neuen Schiffe mit LNG-Antrieb bestellt. Und auch wenn dieser deutlich umweltverträglicher ist als Diesel oder Schweröl, ist der CO2-Ausstoß immer noch groß. Stephan Schmees hofft deshalb auf die nächste Evolutionsstufe, die Brennstoffzelle.

 

Jetzt, da an der Aida Nova die Azipods montiert sind und laufen, steht dem Schiff noch eine entscheidende Reise bevor. Denn Papenburg liegt nicht am Meer. Nicht mal nah dran, sondern fast 40 Kilometer landeinwärts im Emsland. Da kommt Wolfgang Thos ins Spiel. Der ist Kapitän zur See, so norddeutsch-trocken, dass es staubt, und er sagt Sätze wie: „Das Revier ist ja verhältnismäßig klein für ein Schiff dieser Größenordnung.“ So kann man es ausdrücken. Oder auch: Wie zur Hölle kommt das größte Schiff, das je in Papenburg gebaut wurde, jetzt bitte ins Meer? Das Prozedere ist nicht ganz neu. Alle Kreuzfahrtschiffe von hier müssen über die Ems in den Dollart verbracht werden. Und das ist immer Millimeterarbeit.

 

Es ist nicht so, dass Thos und seine Crew einfach einsteigen und losfahren. Die Passage wird wochenlang vorbereitet und am Simulator geübt. „Wir kennen die Grenzen, und entlang dieser trainieren wir auch“, sagt der Kapitän. In der Nordsee angelangt, darf Thos zeigen, was er draufhat – er darf quasi die Sau rauslassen. Ein bisschen zumindest, denn er muss das Schiff einmal an seine Grenzen führen. Er fährt Höchstgeschwindigkeit und vollführt Manöver, die mit Passagieren undenkbar wären. Dinge, „die der spätere Kapitän niemals wird machen dürfen“. Man merkt, dass er sich darauf freut.
Vorher wird er das Schiff Mitte September in die Nordsee überführt haben. Die Arbeiter, die an der Aida Nova mitgebaut hatten, werden wie immer auf dem Deich stehen. Manche mit dem Fahrrad ein paar Kilometer nebenher fahren. Ein erhebender Moment. Drei Jahre verbinden eben. Bevor es weitergeht – Blöcke verschweißen und Kabel verbinden. Der ganz normale Alltag in Papenburg.

Drahtseilakt

Igor Marzola ist nervös. Das ist nicht leicht zu erkennen bei einem Mann, der trotz imposanter Statur selten Ruhe ausstrahlt, immer in Bewegung ist, zu Fuß, auf seinem Schneemobil oder in dem viel zu kleinen Geländewagen. „Ich bin aufgeregt“, sagt er an diesem Tag im Oktober. Die ersten Exemplare der Symphony 10 treffen ein. Verspätet, denn irgendwo in Frankreich standen die Sattelschlepper im Stau. Immerhin: Die Sonne strahlt über Wolkenstein im Grödner Tal. Die Augen von Marzola glitzern wie die eines Fünfjährigen unterm Weihnachtsbaum.

 

Symphony 10 ist der Name der Kabinen seiner neuen Seilbahn Piz Seteur oberhalb von Wolkenstein, einem Zugang zum Skigebiet am Sellamassiv. Das Design ist von Pininfarina, drinnen warten zehn beheizte Ledersessel. „Weltneuheit!“, heißt es in der Pressemitteilung, Vergleichbares findet sich momentan nirgends. Ein neuer Beleg, wie in Skigebieten mittlerweile um die Gunst der Wintersportler gerangelt wird. Gut 30 000 Euro kostet eine einzige Kabine. Dafür bekäme Marzola einen soliden Geländewagen, der seiner Masse entspräche. Egal, Marzola hat lieber 81 Kabinen geordert, um bis zu 3450 Personen zu befördern. Pro Stunde. Bei Gesamtkosten von knapp 20 Millionen Euro nur ein kleiner Posten im Budget.

 

Und all das für einen Piep. „Jedes Mal, wenn es piept, bekomme ich Geld“, sagt Marzola. Aber eben auch nur dann. Der Piep ist zu hören, wenn die Skikarte das Drehkreuz öffnet, der magische Ton in der Gedankenwelt des Igor Marzola. Verantwortlich dafür ist die besondere Situation bei Dolomiti Superski, jenem Verbund von zwölf Skigebieten in den Dolomiten mit 1200 Pistenkilometern und 450 Liften. „Das attraktivste Skigebiet der Welt“, vermeldet die Website. Allerdings auch mit knapp 150 verschiedenen Liftbetreibern – Partnern oder auch Konkurrenten. Denn der Urlauber kauft einen Skipass, abgerechnet wird aber nach Anzahl der Benutzungen. Marzola muss also die Touristen aus den Wellnessbereichen ihrer Hotels locken, bei jedem Wetter, und am besten weg von den Liften der Konkurrenten. „Damit sie den Piep bei mir machen“, wie er sagt. Und dazu investiert er ständig in seine 60 Hektar Pistenfläche – in noch schöneren Kunstschnee, noch bessere Pisten und noch feudalere Lifte.

 

Begonnen hat alles im Jahr 2014, denn der Vierersessellift neben Marzolas Hotel Sella genügte nicht mehr den heutigen Ansprüchen. Und so rief Marzola Giorgio Pilotti an, wie immer, wenn er eine neue Seilbahn braucht. Pilotti ist „Vertriebsleiter Italien“ bei Leitner Ropeways in Sterzing. Zwar sei jede Seilbahn anders, sagt Pilotti, „aber natürlich gibt es Standards. Wir arbeiten mit Modulen, die wir für jeden Kunden neu kombinieren. Das funktioniert wie Lego“. Zwei Dinge würden immer wichtiger, sagt der Vertriebsleiter. Das eine sei der Komfort, das andere seien die ökologischen Aspekte, vor allem Lärm und Energieverbrauch. Was also will Marzola? Eine Kabinenbahn ist teurer als ein Lift, darf aber schneller fahren, hat eine höhere Kapazität und bietet mehr Komfort. Andererseits muss der Skifahrer sein Sportgerät abschnallen, was die Zahl der Pieps vielleicht verringert. Marzola hat die Kabinenbahn gewählt. Aber wenn schon, dann eine, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

 

Auch bei der Mittelstation hat sich Marzola für ein Design von Pininfarina entschieden, die Talstation hat der renommierte Wolkensteiner Architekt Rudi Perathoner entworfen. Es wurde natürlich kein beliebiger Zweckbau, und Perathoner ist in seinem Element, wenn er von den Vorzügen der Holzfassade spricht, dem „ruhigen Dunkelbraun“ und der „dynamischen Form“, analog zur Dynamik des Skisports. Es sei immer eine Herausforderung, in den Bergen zu bauen, und man brauche Feingefühl, „damit sich so ein Gebäude ins Gelände schmiegt“.

 

An einem Sonntag im April 2017 endete die Skisaison. Am Montag danach begann Marzola mit dem Abriss der alten Liftanlage. Am 6. Dezember 2017, zum Beginn der neuen Skisaison, muss die Bahn fertig sein. Für Baustellenleiter Heinz Goller ist dieser Druck Alltag. Immerhin eine Woche Zeitpuffer konnte er einplanen. Aber schiefgehen darf nichts.

 

Jetzt, im Oktober, müssen die Symphony-10-Kabinen hoch zur Mittelstation, nur dort können sie eingehängt werden. Dazu bleiben sie auf dem Sattelschlepper, der wiederum an einen vierachsigen Gelände-Lkw gehängt wird, den 8×8, wieHeinz Goller ihn nennt. Auf den schmalen Bergwanderwegen wirkt diese Kombination unwirklich. „Aber es spart Zeit und Geld, weil man nicht umladen muss.“ Natürlich ist dabei höchste fahrerische Kunst gefragt. „Letztes Jahr, auf Schnee“, erinnert sich Goller, „ist der Sattelschlepper, der leer fast nichts wiegt, bergab am 8×8 vorbeigerutscht.“ Adrenalin in einem Job, bei dem er sonst viel disponieren, Material bestellen und koordinieren muss.

 

Für Michael Aschbacher ist das Leben eine Baustelle. Er ist Montageleiter und beaufsichtigt den Bau der Anlage am Berg. Ab und an „darf“ er auch selbst anpacken, „das ist dann wie Urlaub für mich“. Ansonsten arbeiten die Kollegen und Firmen, die er hier koordiniert, so professionell, dass er sie machen lassen kann. Das geht nicht immer, vor allem wenn er irgendwo in der Welt unterwegs ist. „Da muss ich dann vom kleinsten Schräubchen an alles überwachen.“ Und das kann überall sein: Aserbaidschan, Türkei, Südamerika. Im irakischen Kurdengebiet etwa, in Dohuk, konnte er seine Arbeit gerade so beenden, als aus der Ferne bereits das Artilleriefeuer zu hören war. Auch Kolumbien war so ein Abenteuer. Ski wird dort nicht gefahren, vielmehr lösen Seilbahnen die Probleme des öffentlichen Nahverkehrs mancher Metropolen und ermöglichen ärmeren Bürgern eine gewisse Mobilität. Auch ein Grund, warum Michael Aschbacher seinen Beruf so sehr liebt.

 

Ende August war er zum ersten Mal auf der Baustelle in Gröden. Da waren die Fundamente gerade fertig. Und er war zufrieden. „Ich hatte noch nie so gute Betonarbeiten wie hier“, sagt er. „Das ist Millimeterarbeit, bei der ein Vermesser gut arbeiten muss.“ Fünf Millimeter Abweichung könne er noch ausgleichen, sagt Aschbacher, bei zehn Millimetern werde es schwierig. Zehn Millimeter – bei Entfernungen von bis zu fünfzehn Metern.

 

Das Haus, in dem Aschbacher geboren wurde und aufwuchs, stand unter einer Seilbahn, schon als Kind baute er mit Hanfschnüren erste Modelle. Nach Militär, Schlosserlehre und Jobs als DJ war es vor gut 15 Jahren schließlich eine Fügung, dass die Leitner AG einen Montageleiter suchte. Seither lebt Aschbacher seinen Traum.

 

Auch für Igor Marzola war das berufliche Wirken quasi vorbestimmt. Sein Vater Gianni, ein erfolgreicher Rechtsanwalt aus Mailand, kam 1955 nach Gröden, weil er seit seiner Militärzeit in Meran die Dolomiten so liebte. Er stieg ins Skiliftgeschäft ein und gründete 1974 Dolomiti Superski. Der kleine Igor war damals drei Jahre alt. „Wenn du hier aufwächst, dann gehst du Ski fahren, anstatt Hausaufgaben zu machen“, sagt er heute und lacht.

 

Neben der Begeisterung für die Dolomiten hat Igor Marzola noch etwas anderes vom Vater übernommen: Er mag keine Eröffnungsfeiern. So begann der Betrieb am 6. Dezember 2017 ohne jede Besonderheit. Schade, denn Leitner-Vertriebsleiter Giorgio Pilotti hätte gern ein paar seiner Kollegen vorbeigeschickt. Kollegen, die weltweit im Einsatz sind, von Colorado bis China: die 30 Musikanten starke Leitner Werkskapelle.

Feinmotorik

Gut, dass sie keine Haushaltsgeräte herstellen. „Durch das Produkt bekommen wir auch gute Leute von weiter weg“, sagt Thomas Schlager, „was nicht so wäre, würden wir Waschmaschinen fertigen. Das „Produkt“, das Schlager meint, ist ein Motorrad. Oder besser: einige hundert jeden Tag. Ziemlich schicke und auch ziemlich legendäre. KTM heißt die Marke, und Thomas Schlager ist dort gemäß neudeutscher Ausdrucksweise „Head Of Quality Management Engine Plant“, also dafür zuständig, dass die Motoren laufen und das Produkt, umwabert von Mythos und Historie, antreiben. Deshalb und weil es für viele auch ein Hobby ist, kommen die guten Mitarbeiter gern in die Provinz. Mehr als 3000 sind es inzwischen allein hier, und sie ersinnen und bauen eines der begehrtesten Dinge aus österreichischer Herstellung.

 

KTM ist eine durch und durch österreichische Marke, hier gegründet, immer hiergeblieben, auch in Zukunft fest verwurzelt, aber dennoch in aller Welt bekannt. Das M in KTM steht für Mattighofen, jenen sehr unauffälligen 5000-Einwohner-Ort im Bezirk Braunau. Schon 1934 gründete der Mechaniker Hans Trunkenpolz hier eine Werkstätte; 1953 begann er mit der Serienproduktion von Zweirädern, dem Alltagsgefährt der Wirtschaftswunderjahre. Der Name war schnell gefunden: Kraftfahrzeuge Trunkenpolz Mattighofen – KTM.

 

Das heutige Vorstandsmitglied Hubert Trunkenpolz, 55, ist per Namen ein Beleg für die Tradition im Unternehmen. Der Großneffe von Hans Trunkenpolz darf stolz sein auf das, was hier entstanden ist. „Stolz ja, aber noch mehr empfinde ich Freude“, sagt er. „Denn es hätte auch anders ausgehen können, wenn man sieht, wie viele Motorradfirmen verschwunden sind.“ Ein Schicksal, das auch KTM drohte. Das war um 1990, Hubert Trunkenpolz studierte da noch und betrachtete die Firma aus der Ferne, als sie „Spielball von Banken und dubiosen Investoren war “.

 

Einer, der sich an diese dunklen Tage erinnert, ist Kalman Cseh, 73. Er kam schon als junger Mann in die Firma. 1965 war das und KTM ein mittelständischer Betrieb mit rund 200 Mitarbeitern. Eine Zeit des Aufbruchs. Cseh war 21, hatte in London studiert, arbeitete in der Tourismusbranche und wollte nach Wien, in die Großstadt, wie es sich für einen polyglotten, jungen Kerl gehörte. Dann erfuhr er, dass in Mattighofen jemand gesucht wurde, der sich um die Exportmärkte kümmert. Warum nicht, dachte er – zudem nahe bei den Eltern, also daheim.

 

Es ging schnell voran. Cseh kümmerte sich um den Ausbau der Märkte in Deutschland und der Schweiz, aber auch in Portugal, Finnland und Schweden. KTM produzierte damals vor allem Mopeds und Fahrräder. Eine Begegnung auf der Mailänder Messe 1967 leitete die Mattighofener dann auf neue Wege. Der amerikanische Rennfahrer und Unternehmer John Penton suchte einen Hersteller, der ihm kleinvolumige Geländemotorräder baute. Erich Trunkenpolz, der die Firma von Vater Hans übernommen hatte, stand bereit. Ein Prototyp war schnell gebaut, Penton begeistert und 500 Stück gleich bestellt: der Beginn der KTM-Erfolgsgeschichte und Kalman Cseh mittendrin. „Ich hatte viel zu tun, war ständig unterwegs, bis nach Australien und Japan.“ 20 Jahre ging es stetig aufwärts.

 

Der Niedergang begann, als man das Bewährte verließ. Aus der sehr guten Idee, eigene Kühler zu produzieren, um unabhängig von teuren Zulieferern zu sein, entstand die sehr schlechte Idee, diese Kühler auch an andere zu liefern, etwa an die Automobilindustrie. „Das war eine ganz andere Branche mit ganz anderen Vorstellungen. Man musste investieren, brauchte teure Fachleute aus dem Ausland. Und es gab keine Zusagen der Autoindustrie“, erinnert sich Cseh, der all das mit Unbehagen beobachtete und die Firma 1987 verließ.

 

Erst im Dezember 1991 kam er zurück. Es war viel passiert in seiner Abwesenheit, was im selben Jahr im Konkurs kulminierte. „Am 23. Dezember bekam die Cross Holding im Kreisgericht Ried aus der Konkursmasse den Zuschlag für die Motorrad- und Kühlersparte“, erinnert sich Cseh, der damals auf Einladung der Holding als Berater mit im Gerichtssaal saß. Was keiner ahnte: Es war das Ende vom Ende und ein fulminanter Neustart.

 

Zu verdanken hat KTM dies dem Investor Stefan Pierer, der die Cross Holding 1986 gegründet hatte. Noch heute ist er Chef des vierköpfigen KTM-Vorstands, zu dem auch Hubert Trunkenpolz gehört, der 1998 ins Unternehmen kam. Trunkenpolz erinnert sich an einige gute Entscheidungen in dieser Umbruchzeit. Vor allem begann KTM, auch Straßenmotorräder zu bauen – was völlig neue Kundenkreise anzog. „Ein erhebliches unternehmerisches Risiko, aber die richtige Entscheidung“, sagt Hubert Trunkenpolz rückblickend. Oder in Zahlen ausgedrückt: „Als ich zu KTM gekommen bin, haben wir etwa 30 000 Motorräder im Jahr produziert. Jetzt sind’s zehnmal so viele.“

 

Das geschieht in der weitläufigen Montagehalle. An vier Linien werden hier täglich in zwei Schichten die orangefarbenen Kultobjekte zusammengeschraubt. Die Teile werden teilweise zugeliefert (oft von Betrieben aus der direkten Nachbarschaft), sehr vieles aber produziert man selbst. Die vier Linien bestehen aus 17 Einzelstationen. An der ersten findet die „Hochzeit“ statt, hier werden Rahmen und Motor zusammengeführt. Dann wächst das Motorrad an jeder Station um weitere Teile: Federbein und Krümmer (Station 3), Bremsanlage und Kupplung (Station 7), Räder (Station 11), Kotflügel (Station 13) bis zur Sitzbank (Station 17).

 

Am Ende geht’s drei Meter hinüber in die Qualitätsendkontrolle, und dann werden die neugeborenen Zweiräder auch schon in Kisten verpackt. Bei einer Taktzeit von drei Minuten (auch 1:50 wären möglich) ist so ein Zweirad in weniger als einer Stunde komplett montiert.

 

Franz Linecker ist als Vorarbeiter der Linie 3 der Chef von 86 Monteuren. Er trägt das typische KTM-Shirt in Schwarz, sein „Leiberl“, das er natürlich auch „draußen“ gern anhat. In Braunau geboren, lernte er Tischler, machte eine Umschulung zum Mechaniker und fuhr in der Freizeit gern Motorrad. Mit dieser Biografie landet man hier fast zwangsläufig in der Stallhofener Straße. 2001, damals war er 20 Jahre alt, fing er an der Linie an. Bald wurde er Springer, das heißt, er hatte alle Handgriffe an jeder der 17 Stationen drauf, sodass er überall eingesetzt werden konnte. Schließlich beförderte man ihn zum Vorarbeiter. „Wenn man aus der Gegend kommt, ist man stolz auf KTM“, sagt Franz Linecker, der wie viele hier nie den Arbeitgeber wechseln würde.

 

Das wichtigste Einzelteil für Lineckers Leute ist der Motor. Auch den baut KTM in Eigenregie, unter der Aufsicht von Thomas Schlager und seinem Team. Schlager schraubt zu Hause auch mal ein Küchengerät auf, um dessen Zustand zu prüfen. Er kann nicht anders. „Man wird sehr pingelig und betrachtet alles ein bisschen genauer“, sagt er. Das gilt vor allem an seinem Arbeitsplatz. „Wir wollen einen fehlerfreien Motor“, so umreißt der 47-Jährige die Philosophie. Damit das so gut es geht gelingt, kommen täglich verschiedene Bauteile aus den 19 Bearbeitungszonen im Motorenwerk zu Kontrollen in die hochmodernen Prüfgeräte.

 

Das Motorenwerk steht in Munderfing, ein paar hundert Meter die Salzburger Straße hinab, Richtung Süden. Dort befindet sich auch das Logistikzentrum – und seit 2016 auf 18 000 Quadratmetern die Motorsportabteilung, ein gezackter, weißer Quader mit schwarzen Fensterfronten. Sportlich war man schon immer aktiv, aber seit 2017 startet KTM auch in der MotoGP, mithin so etwas wie die Formel 1 des Motorradsports. Doch das ist längst nicht alles. Nebendran wuchert schon die nächste Baustelle: das House of Brands wächst mehrstöckig in die Höhe. Hier sollen ab Sommer 2018 die Verkaufs- und Marketingteams für alle Welt arbeiten, schließlich ist KTM mittlerweile in mehr als 80 Nationen aktiv.

 

Ein Bekenntnis zum Standort nennt man das wohl in der Welt der Wirtschaft. Für Hubert Trunkenpolz eine Selbstverständlichkeit: „Es ist einfach ein hervorragender Standort, denn es gibt hier Motorradbau in der vierten Generation. Das ist wie bei den Uhrmachern in der Schweiz, hier wird Wissen weitergegeben.“

 

Dabei werden in Mattighofen derzeit nicht nur Motorräder gebaut. Im Ortskern entsteht die World of KTM, das Firmenmuseum, das Ende 2018 fertig sein und dann jährlich an die 30 000 Besucher anlocken soll. Natürlich, räumt Hubert Trunkenpolz ein, habe man auch über andere Standorte nachgedacht. Orte, die besser an die gängigen Pfade des Tourismus oder wenigstens an eine Autobahn oder einen Flughafen angebunden sind. All das eben, was Mattighofen nicht hat.

 

Aber letztlich siegte der Idealismus. „Das war unser Geschenk an die Gemeinde und wird sicher ein ganz großer wirtschaftlicher Impuls werden.“ Kein Wunder, wäre es doch „Mattighofens einzige wirkliche Touristenattraktion“, wie Trunkenpolz lächelnd einräumt. Er selbst hat sein Büro ganz oben im Hauptquartier, das im KTM-Orange an der Stallhofener Straße leuchtet. Wenn er aus dem Fenster schaut, blendet ihn manchmal das Silber der in der Sonne leuchtenden Fassade der Entwicklungsabteilung gegenüber.

 

Es läuft in Mattighofen. Das war nicht immer so. „Noch in den Achtzigerjahren war das Innviertel ein wirtschaftliches Notstandsgebiet“, erinnert sich Kalman Cseh. Heute kommen die Leute aus Linz oder Bayern zum Arbeiten in die Gegend. Dank KTM, heute Europas größter Motorradhersteller, und Männern wie Hubert Trunkenpolz, Franz Linecker, Thomas Schlager oder Kalman Cseh, die alle hier geboren, hier geblieben oder zurückgekehrt sind. Trotz „einiger Nachteile“, die Thomas Schlager gern einräumt. Andererseits: „Die Ruhe ist auch wieder schön.“

Nichts zu verbergen

Unten am Hafen sammeln sich an diesem Samstagabend eigentümliche Gestalten. Vor dem Kulturzentrum USF Verftet, einer ehemaligen Sardinenfabrik, warten sie seit Stunden. Junge, smart gekleidete und frisierte Menschen, die so gar nichts von der Grobschlächtigkeit von Matrosen oder Hafenarbeitern haben. Es wird gelacht und getuschelt. Denn die Band, die das Land aufrührt, Kakkmaddafakka, spielt heute in ihrer Heimatstadt Bergen. Das tut sie nur einmal im Jahr – mit ihrem einzigartigen Sound, der es schafft, gleichzeitig fröhlich und melancholisch zu klingen. Und damit so gut zu Bergen passt.

 

Alle, die heute in der Stadt nur zu Gast sind, können die Zeit nutzen, um sich umzusehen. Oder etwas mehr. Denn Bergen ist nicht nur für die Augen interessant, man kann es riechen, hören und spüren. Eine Stadt für alle Sinne sozusagen. In schlechten Reisereportagen oder -führern würden sofort die klassischen Adjektive erscheinen – pittoresk, malerisch, tiefblau (Meer) oder -grün (die Bergwälder drum herum). Und ja, das ist die Innenstadt von Bergen wohl im herkömmlich touristischen Sinne, und deshalb legen hier auch die Kreuzfahrtschiffe an und die Hurtigruten-Fähren ab. Bergen ist aber noch viel mehr als diese Kulisse. Das erlebt man, wenn man sich darauf einlässt. Mit etwas Zeit. Und allen Sinnen.

 

Zunächst ist da das meistverlangte Postkartenmotiv: unten blauschwarzes Wasser, in dem sich rot, weiß und orange die Fassaden von Bryggen spiegeln, darüber die Häuserwände selbst und dann die Berge, dunkelgrün bewaldet. Das alte Hanseviertel ist UNESCO-Welterbe, das immer wieder niedergebrannt ist, zuletzt 1955. Kein Wunder, bei so viel Holz in enger Bauweise. Gleichmütig hat man es immer wieder aufgebaut. Bryggen sehen ist Pflicht.

 

Wenn man das Glück hat, an einem sonnigen Tag durch Bergen zu spazieren, dann fällt auch der Geruch auf. Hier Gebackenes, dort der Duft von frischem Fisch. Von weiter hinten weht sonnengewärmte Seeluft herbei. Es stinkt nirgends, nicht nach Hausmüll oder Abgasen oder seltsamen Parfums, wie in manch anderer Stadt. Da zeigt sich der Vorteil, dass Bergen nicht nur am, sondern im Meer liegt. Auf Landzungen, die weit ins Wasser hineinragen.

 

Und man kann Bergen eben auch hören. Damit ist nicht nur das erfreulich leise Grundrauschen aus Möwen-und Kindergeschrei gemeint, etwa in der Fußgängerzone, der breiten Torgallmenningen, wo man sitzen und die Menschen beobachten kann. Rund um diese Straße ist Bergen urban – keine Holzhäuser und engen Gassen, sondern architektonische Feinheiten. Wie das Kaufhaus Sundt, ein 1938 entstandener Bau des Architekten Per Grieg im Bauhausstil. Faszinierend viel Glas und spannende Kantigkeit.

 

Grieg? Da war doch was? Edvard Grieg (1843–1907), Norwegens großer Komponist, geboren und gestorben in Bergen. Er ist einer der Gründe, warum man Bergen auch hören kann. Axel Vindenes ist ebenfalls in Bergen geboren, auch er ist Norwegens berühmtester Musiker – zumindest 2017. Er ist Frontmann der Band Kakkmaddafakka, die als erfolgreichster Popexport des Landes gilt und jedes Jahr durch Deutschland, Spanien oder Mexiko tourt.

 

Im USF Verftet wird es langsam ernst. Rechts von der Bühne führt ein Gang zum Backstagebereich, in dem sich seit Stunden die Jungs herumdrücken. Allen voran die Brüder Axel und Pål Vindenes, Gründungsmitglieder, Masterminds und Gesichter der Band. „Es ist der härteste Gig, denn hier kennen uns alle, es fehlt das Überraschende“, sagt Axel Vindenes.

 

Die Freundinnen der sechs Bandmitglieder lümmeln sich auf Sofas, denn hier, heute und daheim, das ist Familienabend. Selten genug. Nette Mädels sind das, vom Typ Lehramtsstudentin – keine Models oder Groupies. Um kurz nach acht öffnet sich die Tür, und ein Mann ruft: „It’s showtime!“ Dann geht alles ganz schnell. Die Champions-League-Hymne dudelt durch den dunklen Konzertsaal, einzeln gehen sie auf die Bühne, ein Instrument nach dem anderen beginnt zu spielen, immer mehr Töne und Takte des Lieds „Touching“. Schließlich hüpft Axel Vindenes als Letzter zu lautem Gejohle wie ein Gummiball nach vorn. Es ist Showtime, und die Jugend von Bergen tanzt zum Sound ihrer Stadt, der bereits die ganze Welt begeistert.

 

Axel Vindenes käme nie auf die Idee wegzuziehen. Er mag den „Lifestyle“ der Stadt, die kurzen Wege. „Morgens gehe ich auf den Berg und bin in der Wildnis, wenig später kann ich im Stadtzentrum beim Lunch sitzen“, erzählt er. Man könne gar nichts verpassen, weil alles, was passiere, in der Nähe sei. „Und dieses Wissen gibt uns eine entspannte Haltung. Wenn du nah am Zentrum bist, dann bist du nah dran an der Magie.“ In der Tat sollte man sich Bergen erlaufen. Das ist kein Problem, denn alles in der Stadt ist sehr konzentriert. Niemals käme man auf die Idee, es handele sich um die zweitgrößte Stadt des Landes. Bergen hat zwar mehr als eine Viertelmillion Einwohner, aber die verteilen sich im Wesentlichen auf die Außenbezirke.

 

Bergens Zentrum ist sehr, nun ja, bergig, man braucht gutes Schuhwerk und eine gewisse alpine Trittsicherheit, wenn man durch die Bullerbü-Gässchen mit dem Kopfsteinpflaster, den Treppchen und abschüssigen Straßen von Vierteln wie Nøstet oder Stølen mäandert. Viele Holzhäuser sind dick angestrichen in Gelb, Blau oder Rot. Das ist derart puppenstubenhaft, dass man versteht, warum Norwegen nie aggressiv oder kriegerisch wirkt, sondern immer friedlich und freundlich.

 

Nur einmal benutzt man nicht die Füße: Sieben Minuten dauert die Fahrt mit der Fløibahn auf den Fløyen, 320 Meter hoch. Von hier blickt man auf die miniaturisierte Stadt, erkennt mühelos die Orte, die man eben noch in Groß gesehen hat. Man erkennt auch, wie weit sich die Stadt an reichlich bewaldeten Bergrücken und durch Täler ins Hinterland schiebt. Es sitzt sich gut auf den sonnengewärmten Granitstufen oder im Café. Dahinter geht es in die Wildnis, die Vindenes meint. Das ist wunderbar. Wenn die Sonne scheint.

 

Bergen aber zählt zu den regenreichsten Städten Europas. Das wird schon bei einem Blick in die Schuhgeschäfte deutlich, in denen Gummistiefel sehr prominent neben Sneakers und Pumps ausgestellt sind. Axel Vindenes gibt zu, dass er wohl nur hier leben könne, weil er auch viel reise. „Sieben Monate ist es düster und diesig, das kann sehr deprimierend sein.“ Aber auch: „Es ist wie Yin und Yang. So rau es ist, so großartig kann es sein.“ Wie im Mai, wenn es aufhört zu regnen und heller wird: „Dann haben wir bessere Vibrations als Rio, dann spielen die Leute verrückt, alle kommen raus und feiern.“

 

Wenn es regnet, spielen die Kinder drinnen, dann findet vieles in Bergen im Haus statt. In den Omacafés, in denen man sitzen und ein Buch lesen kann; oder man geht ins Aquarium, ins Kunstmuseum Kode oder ins Theater, das älteste Norwegens. Hier hat Vindenes mit zwölf Jahren den „Michel aus Lönneberga“ gespielt, Astrid Lindgrens Lausbub-Prototyp, dem ständig Unfug einfiel. Er wurde gefeuert, weil er sogar für diese Rolle zu frech war.

 

Klein, blond, frech und doch mit einem melancholisch-verregneten Zug um die Augen – so wie Axel Vindenes ist auch Bergen, und so ist die Musik. „Weil wir ständig schlechtes Wetter haben, sind die Leute gut darin, sich selbst zu unterhalten“, sagt Vindenes. Also gehen sie in Clubs und Übungsräume und machen Musik. „Musik ist heilsam bei schlechtem Wetter.“

 

So geht es hier vielen Musikern, und deshalb wird in den Bars und Musikkneipen die „Bergensbølgen“ („Bergen Wave“) gemacht, die Musik der Stadt, die weit über Norwegen hinaus bekannt ist. Bands wie Röyksopp oder Kings of Convenience (mit dem Tonbastler Erlend Øye) kommen von hier – seit Jahren überragt von den Jungs von Kakkmaddafakka. Das Wort „Wave“, Welle, passt Axel Vindenes gar nicht, „es ist eher ein Fluss oder eine Strömung, denn von hier kommt ständig neue, gute Musik“. Die vielen Künstler in der Stadt, sagt Vindenes, befeuerten sich gegenseitig. „Es ist wie ein Kreislauf. Es werden gute Leute angelockt, und gute Leute helfen anderen, nach oben zu kommen. Ein gesunder Wettbewerb, ganz ohne Neid und Missgunst.“

 

Und wenn man ihn fragt, warum Kakkmaddafakka so erfolgreich ist, dann antwortet er: „Because we are touched by God“ – von Gott berührt. Er meint es wohl ernst, ein bisschen zumindest. Denn die Menschen in Bergen, so sagt man im Rest des Landes, litten ein wenig unter dem Kleiner-Bruder-Syndrom, müssten immer etwas frecher und großspuriger sein, um sich neben Oslo zu profilieren.

 

Nach dem Konzert sind im Backstagebereich alle zufrieden. „Wir sind gerade in großartiger Form, das wird ziemlich gut“, hatte Axel Vindenes vorher noch versichert. Das Publikum war begeistert. Nun kommen noch die Eltern der Musiker herein, die sich ja auch nur einmal im Jahr ein Bild davon machen können, was ihre Kinder beruflich so machen. Trotz des Besuchs steht Pål Vindenes in orangefarbener Unterhose herum. Keiner stört sich daran. Er ist ja auch nur so ein kleiner Bruder.

In einem Zug

Diese Reise ist eine Zeitreise. Ab dem ersten Moment. Ganz hinten, um drei Ecken am quirligen Bahnhof von Pretoria vorbei, liegt die Rovos-Station. Die Hitze lässt die Luft flirren, unter den Schuhen knirschen Kiesel und Schotter. Stille. Im Empfangsraum der Station wartet 100 Jahre alte britische Atmosphäre. Weißes Gebälk mit Deckenventilatoren, schwere Teppiche und Sessel. Das Geschirr trägt das RVR-Logo. Sandwich-Dreiecke und Fruchtspieße stehen auf Etageren bereit, Tee auf der Terrasse, und das Personal ist so freundlich, wie es nur in solch einem britischen Ambiente möglich ist. Alles ist „wonderful“ und „perfect“, und man ist natürlich „more than welcome“. Hier beginnt die Reise mit der Rovos Rail, einem historischen Luxuszug, quer durchs ganze Land, von Pretoria nach Kapstadt.

 

Für 15 Uhr ist die Abfahrt anberaumt. Die Zeit bis dahin vergeht wie im Flug. Man macht Erinnerungsfotos vor der alten Dampflok oder schaut sich das Museum an, in dem Gert van Vuuren, 70, aufpasst. Ein Kerl wie ein Gleis, stahlhart, dünn und immer geradeaus. Auf seinen Stimmbändern könnte man Parmesan reiben, so sehr raspeln sie seine Worte heraus. Neben seinem Schreibtisch steht ein Bild von der Abschlussklasse 1974 des Esselenpark Railway College, das er stolz jedem zeigt. Gert van Vuuren ist Lokführer, mit jeder Faser seines drahtigen Körpers. Einer wie er geht nicht in Rente, er wechselt das Betätigungsfeld. Und so baute er vor drei Jahren das Museum auf.

 

Zurück im Haupthaus. Rohan Vos steht am Rednerpult. Er ist der Besitzer von Rovos Rail, die er 1989 gründete, und begrüßt die Teilnehmer dieser zweitägigen Reise nach Kapstadt. Wo Flugbegleiter von Schwimmwesten sprechen, warnt er davor, in den Bahnhöfen die Fenster zu öffnen – wegen der Diebe. Streichhölzer dürfe man nicht aus dem Fenster werfen, die Wüste sei schließlich sehr trocken. Und: „Der Zug ist niemals pünktlich, dafür gibt es kostenfreie Drinks.“ Gelächter. WLAN gebe es keines. Das Gelächter erstickt.

 

Und dann geht es auch schon los. Der Reihe nach, Waggon für Waggon, werden die Gäste in ihre Suiten gebracht. Dort wartet schon das Gepäck. Und viel vergangener Charme. Das dunkle Holz, die Brokatdecken, die alten Stiche über dem Bett, alles ist aus der Zeit gefallen. Kein Fernseher, kein Radio. Um die Suiten und deren Gäste kümmern sich die Hostessen. Sie wollen nicht Zimmermädchen genannt werden, weil sie so viel mehr tun. In einem Zug dieser Art müsse jeder alles können, irgendwie, sagt Elizabeth Zwane, 28. Sie ist Hostess, früher war sie Stewardess.

 

Als der Zug losruckelt (er wird selten schneller fahren als 60 Stundenkilometer), ist bereits die meditative Kraft dieser Reise spürbar. Pretorias Vororte ziehen vorbei, und die Pendler an den Bahnstationen blicken irritiert herüber. Man bekommt eben nicht nur Einblick in die Natur dieses Landes, sondern auch in seine Zerrissenheit. Wenn man aus dem Luxus des Zuges hinaus in die Realität blickt – in die eingemauerten Vororte, die Zementfabriken, Townships, auf die matten Arbeiter, die auf ihren Zug warten.

 

Der Zug ist ein Biotop, ein geschlossenes System – und nicht nur bei Agatha Christie ein wunderbarer Raum für ein Krimi-Kammerspiel. Lyle Ontong, 25, beobachtet das Theater mit seinem Schauspielerlächeln. Er ist Barmann im hinteren Waggon, dem Observation Car. „Hier sitzen die Ehemänner und erzählen mir von ihrer Frau“, sagt er, und sein Blick verrät, dass es selten Schwärmereien sind. Was ihm erzählt wird, bleibt bei ihm. So müssen Barmänner sein. Sein Tag ist lang. Eigentlich soll um Mitternacht geschlossen werden, aber solang noch mindestens zwei Gäste da sind, wird auch bedient. Einmal blieb Ontong bis 5.30 Uhr morgens auf. Da steht er sonst üblicherweise auf.

 

Am zweiten Tag ist es auch für den Fahrgast ratsam, mal etwas früher aufzustehen und sofort den Rollladen nach unten rattern zu lassen. Vom Bett aus, das den gesamten Raum zwischen Wand und Fenster füllt, wird klar, warum es keinen Fernseher braucht. Erst schweift der Blick, dann die Gedanken, und man fragt sich, warum man das nicht häufiger macht: schweigen und aus dem Fenster schauen. Auf die flache, monotone und unendlich spannende Graslandschaft, den Sonnenaufgang, der die zerfaserten Wolken erst in ein dunkles, dann in immer heller werdendes Rosa färbt. Hinten auf dem Aussichtsdeck sieht man, wie sich das blutorangefarbene Licht des Sonnenaufgangs in den silberglänzenden Schienen spiegelt. Erstaunlich, wie weit das Auge blicken kann, wenn die Landschaft flach und unverbaut ist.

 

Die Angestellten wuseln längst herum. Lyle Ontong stellt Heizstrahler im letzten Waggon auf, es ist überraschend kalt vormittags im südafrikanischen Winter. „Einer der besten Orte zum Erleben eines Sonnenaufgangs ist die Karoo“, sagt er. Ein Großteil der 1600 Kilometer langen Reise verläuft durch die so charakteristische Halbwüstenlandschaft Karoo. Im Speisewagen gibt es Frühstück: Früchte, Käse, Schinken, Vollkornmuffins, Aprikosenmarmelade. Das Britische bleibt erhalten. Die Fahrt führt am Kamfers Dam vorbei, einem See, in dem Flamingos wie rosa Stecknadeln wirken. Zu weit weg, aber das Ziel des Tages ist ohnehin Kimberley. Wieder ein Stück südafrikanische Geschichte, wieder irgendwie zwiespältig, zerrissen. Hier entstand vor 150 Jahren das damals größte menschengemachte Loch der Welt, auf der erbarmungslosen, mörderischen Jagd nach Diamanten, die hier säckeweise gefunden wurden. In den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts galt Kimberley als reichste Stadt der Welt. Davon ist heute nichts mehr zu sehen.

 

Vom Zug geht’s in einen Reisebus mit 80er-Jahre-Sitzmuster und einem Fremdenführer, der ebenfalls der Kategorie „Vintage“ angehört. Dafür hat er einen Humor, der in die trockene Staubigkeit der Gegend passt. Frank Dippenaar heißt er, und als alle endlich auf der Aussichtsplattform von Kimberleys Attraktion stehen, sagt er gelangweilt: „Ich erkläre jetzt nicht, warum es ‚Großes Loch‘ heißt.“ Nicht nötig in der Tat, geht es doch 214 Meter in die Tiefe, wo sich in einem Krater grünliches Wasser kräuselt.

 

Als wir in den Zug zurückkommen, ist das Mittagessen schon fertig. Wie Israel Medupe, 47, und Sarah Serumula, 42, das wieder geschafft haben, ist eines der größten Mysterien dieser Reise. In einer Küche, die nur etwa acht Quadratmeter groß ist, bereiten sie nacheinander Frühstück, Mittag-und Abendessen zu. Einen „scharfen Geist“ benötige er dafür, sagt Medupe, der zuvor schon fünf Jahre für die Rovos-Konkurrenz Blue Train gearbeitet und davor den Vorstand einer großen Bank in Johannesburg bekocht hatte. „Du hast keinen Platz und keine Zeit. Du musst wissen, was du tust“, sagt er, „denn wenn du es nicht weißt, dann bist du ‚fucked up‘.“

 

Medupe liebt die Herausforderung und auch, dass er so vielseitig sein muss. Alles muss da sein, für alle Religionen, für Veganer, für Allergiker, für Heikle und Verwöhnte. „Da muss man schon beim Einladen der Waren sehr gut aufpassen“, sagt der Koch. Ein Wunder – wie seine ununterbrochen gute Laune. Zwischen Wasserdampf und Geschirrklappern dringen aus der Küche immer wieder Gesang und Gelächter.

 

Eine Zugfahrt dieser Art verbringen die Gäste zu großen Teilen im Speisewagen. Die Landschaft hat ihren Zauber auch am reich gedeckten Tisch. Das gelbe Gras, die erdbraunen Termitenhügel, die hell-und dunkelgrünen, gedrungenen Bäume und seltsame Farbtupfer wie das Skelett eines gelben Autos. Dazu ausgewählte Weine, präsentiert von Leandra Wilkens, 20, die im Zug die Sommelière gibt. Gelernt hat sie das nicht: Alles, was sie weiß, hat ihr der Rovos-Sommelier beigebracht, und ein kleines Handbuch. Aber das genüge, findet sie. „Ich kann mit Menschen umgehen, und wenn ich ihnen erzähle, dass eine Kokosnuss Wein enthält, dann glauben sie mir.“

 

Das Besondere der Reise sei der „persönliche Touch“, meint Deputy Manager Lucinda Du Plessis, 28: „Der Zug an sich ist zwar sehr schön, aber es sind die Angestellten, die die Fahrt zum Erlebnis werden lassen.“ Sie balancieren auf der feinen Linie zwischen „Fünf-Sterne-und Spaß-haben-Anspruch“, wie es Du Plessis nennt. Es gelte, die Gäste bei Laune zu halten, sonst drohe der Lagerkoller. „Wir fragen den Ehemann, was die Lieblingsfarbe seiner Frau ist, und wenn seine Antwort stimmt, bekommt er einen Jägermeister.“ Und wenn er falsch liegt? Tja, dann sitzt der Ehemann danach mutmaßlich bei Lyle Ontong und trinkt weit mehr als nur einen Magenbitter.

 

Ein Lagerkoller droht auch den Angestellten. In einem geschlossenen System wie diesem funktioniert die Arbeit nur im Team, nur wenn jeder mit anpackt, wo er gerade gebraucht wird. Dann räumen auch Barmann Lyle Ontong oder Train Manager Daphne Mabala mal die Teller ab. Dieses gemeinsame Funktionieren ist indes nicht immer einfach. „Weil man sich nicht nach Feierabend ins Auto setzen und nach Hause fahren kann“, wie Lucinda Du Plessis erklärt. Die Angestellten leben zusammen in Viererkabinen mit Stockbetten. Da kracht es dann auch mal. „Vor allem die Catfights nerven mich“, sagt Lucinda Du Plessis und rollt mit den braunen Augen. Sie meint damit die sogenannten Zickenkriege. „Männer streiten, geben sich die Hand und trinken einen, aber Frauen … oooohhh.“

 

Eine Frau ist Lucinda Du Plessis übergeordnet: Daphne Mabala, 53, Train Manager und somit die Chefin von allen. In den 16 Jahren, die sie mittlerweile für Firmenchef Rohan Vos in Zügen unterwegs ist, hat sie schon allerlei Situationen erlebt. „Ein rollendes Hotel ist etwas Spezielles. Wenn man zwei Tage auf engstem Raum zusammen ist, dann fühlt sich das wie Familie an“, sagt sie. Und eine Familie macht mitunter einiges durch. Seien es Krisen wie damals, als bei Kimberley nach Regenfällen die Gleise weggeschwemmt waren und alle ausquartiert werden mussten. Oder auch Schönes wie bei jenem Gästepaar, das sich im Zug spontan zu einem großen Schritt entschied, sodass Daphne Mabala über Nacht alles organisieren musste: Pfarrer, Brautkleid, Blumen. Am Tag darauf wurde in Matjiesfontein geheiratet.

 

Hauptsächlich kümmert sich Daphne Mabala aber darum, „dass der Zug fährt“. Ihre Hauptansprechpartner sind deshalb die beiden Herren der Maintenance, der Haustechnik. Meist sind Thabiso Mahlangu, 29, und Jacob Feni, 30, unsichtbar, wenngleich auffällig in ihrer grünen Arbeitshose und mit dem Funkgerät im Anschlag. Unsichtbar und unverzichtbar. Sie sind verantwortlich dafür, dass der Generator läuft, und zwar „smooth and well“, dass immer Wasser im Tank ist, dass die Lampen leuchten und die Klimaanlage funktioniert. Und gerade die macht immer wieder Schwierigkeiten. Aber Thabiso Mahlangu mag das. Nach Abschluss seines Ingenieurstudiums vor gut sechs Jahren fing er gleich bei Rovos Rail an. Er liebt es zu reisen und schätzt die unzähligen Herausforderungen, die dieser Zug bereithält. „Ich lerne ständig was dazu. Gerade für einen Berufsanfänger ist das hervorragend, um sich universell zu bilden, sowohl in Elektronik als auch in Mechanik.“ Mit Feni wechselt er sich alle zwölf Stunden ab, aber auf Stand-by ist er eigentlich immer.

 

Der Vormittag des zweiten Zugtages beginnt mit einer Wanderung. Etwa eine Stunde geht es über sandige Wege nach Matjiesfontein, zum zweiten wichtigen „Landausflug“ auf der Strecke. Ein seltsamer Ort. Wie eines dieser Städtchen, die in Freizeitparks nachgebildet wurden – irgendwie künstlich, irgendwie sehr verlassen. Es gibt ein Hotel, einen Andenkenladen und mehrere – seltsame – Museen. Eines ist in den Bahnhof eingebaut, das Marie Rawdon Museum. Ein Konzept sucht man vergebens, alles wirkt eher wie Omas Rumpelkammer: eine Apotheke mit Einrichtung, eine Nachttopf-und Kloschüsselsammlung, Porzellangeschirr und Küchengeräte, Puppen, Schreibmaschinen, eine Kapelle, mechanische Spielautomaten, Militaria, eine Wurstschneidemaschine aus dem Jahr 1920. Der Besucher schwankt zwischen Faszination und der Frage „Und warum das nun alles?“.

 

Nach gut zwei Stunden geht es weiter auf den letzten Teil der Strecke, mit mehreren Tunneln und dem Hex-River-Pass. Landschaftlich der schönste Teil der Reise: rostrote Felsen, Hügel, Weingüter und Unmengen von Fynbos-Sträuchern in immer neuen Kombinationen. Dazu das Sonnenlicht, mal strahlend, mal verdunkelt, mal bereichert durch einen Regenbogen. Wieder verfällt man in diese meditative, dämmernde Ruhe, die nur manchmal gestört wird, wenn der Zug ruckartig bremst.

 

Mit dauerquietschenden Bremsen schleicht der Zug nach Kapstadt hinein. Fabrikgelände und Townships erinnern wieder daran, dass das Leben kein Luxuszug ist. In Lyle Ontongs Bar läuft Klaviergeklimper von einer CD, es gibt Kuchen und Sandwiches zum Tee. Mattigkeit hat sich breit gemacht. Als der Zug steht, geht es ganz schnell: Das Gepäck wird auf einem Vorplatz bereitgestellt, Taxis und Shuttles kreuzen umher. Daphne Mabala und Crew stehen daneben, verabschieden sich routiniert und nehmen Trinkgelder entgegen.

 

Am nächsten Tag wird es für sie weitergehen. Nach Hause. „Wir sind ein kleiner Haufen Vagabunden und hüpfen mit unserem Koffer von Zug zu Zug“, sagt Lucinda Du Plessis. Daheim in Pretoria kann auch Elizabeth Zwane wieder ein paar Tage frei machen. Mal wieder richtig ausschlafen. Aber auch das wird schwer werden. „Ich habe immer Probleme einzuschlafen, wenn das Bett so stillsteht.“

Jetzt zählt jede Minute

Wenn Gudrun Wronski den letzten Code, #009, per SMS sendet, ist sie glücklich. Dann ist der Auftrag erledigt. Dann hat sie vielleicht mitgeholfen, ein Menschenleben zu retten. Dann ist alles gutgegangen. Schließlich kann manches schiefgehen bei dem Job, den sie ehrenamtlich macht – und von dem so viel abhängt. Gudrun Wronski ist Onboard-Kurier. Sie bringt Stammzellen von dem Ort, an dem sie gespendet wurden, zu dem Ort, an dem sie ein Leukämie-Patient im Kampf gegen den Blutkrebs bekommt. Und das ist nicht so banal, wie es klingt.

 

Denn sie hat weniger als 48 Stunden Zeit, dann ist ein Großteil der Stammzellen schon abgestorben. Und zwischen Spender und Empfänger kann schon mal ein Ozean liegen. Das Entscheidende aber: Weil der Patient bereits durch eine Bestrahlung oder Chemotherapie vorbereitet und dabei sein blutbildendes System komplett zerstört wurde, müssen die Spenderzellen ankommen. »Sonst hat der Patient praktisch keine Überlebenschance«, sagt Gudrun Wronski sachlich. Von ihrer Geschwindigkeit hängt also ein Leben ab. Zudem ist eine Stammzelltransplantation auch immer die letzte Chance, nachdem alle anderen Behandlungsmethoden gescheitert sind.

 

Rund 350 ehrenamtliche Kuriere stehen in der Datenbank des Münchner Kurierdienstes Ontime Onboard Courier. Unter der Adresse onboard-courier.com sucht das Unternehmen immer nach neuen Freiwilligen. »Sie sind bereit, Verantwortung für lebensrettende Knochenmarktransporte zu übernehmen, um an Leukämie erkrankten Patienten die letzte Chance aufs Überleben zu ermöglichen?«, fragt Ontime etwas pathetisch, aber durchaus treffend auf einem Flugblatt. Wer zwischen 25 und 60 Jahre alt ist, wer Führerschein, Reisepass, Smartphone und Kreditkarte besitzt, gut Englisch spricht und ein makelloses polizeiliches Führungszeugnis vorweisen kann, der kann sich melden.

 

So wie Gudrun Wronski, eigentlich Chefin einer Münchner Bildagentur. Sie wollte ihrer Arbeit in einer Branche, »die schnelllebig ist, eine künstliche Welt«, etwas Reales gegenüberstellen. Einfach was Uneigennütziges tun. Sie hat Biologie studiert, deshalb sollte es etwas Medizinisches sein. Je nachdem, wohin das Schicksal Spender und Patienten geworfen hat, entscheidet sich, wohin die Reise geht. Dabei ist Sao Paulo – Sydney genau so möglich wie Leipzig – Freiburg. Die Transporte der nächsten Monate finden die Kuriere auf der Website von Ontime. Falls Gudrun Wronski den Auftrag bekommt, folgt alles einem so routinierten wie exakten Ablauf. Zwei Tage vor Abflug besucht sie die Zentrale des Kurierdienstes, für ein ausführliches Briefing und um die Dokumentenmappe sowie die blaue Transportkühltasche abzuholen. Zu Hause legt sie die Kühlakkus ins Gefrierfach, um sie auf minus 18 Grad zu bringen. Nach 24 Stunden packt sie die Akkus in die Tasche, damit darin nach weiteren 28 Stunden die erforderliche Temperatur von zwei bis acht Grad entsteht.

 

Dann fährt Gudrun Wronski zum Münchner Flughafen. Und schickt per SMS den ersten Status-Code: #000. Heißt: Sie ist nun unterwegs zum Spender. Zum Beispiel nach Krakau. Obwohl allein die DKMS, die Deutsche Knochenmarkspenderkartei, als eine der größten Organisationen ihrer Art sechs Millionen Freiwillige aus aller Welt in ihrer Kartei führt, dauert es oft Monate, manchmal Jahre, bis ein Spender gefunden ist, dessen Stammzellen passen. Vier Stunden lang werden dem Spender die Stammzellen aus dem Blut gefiltert. Die Zellen reichen nur für eine Transplantation, was auch der Grund ist, weshalb man nicht zwei Kuriere auf verschiedenen Routen losschickt: damit einer auch ganz bestimmt ankommt.

 

Während die Stammzellenspende läuft, kann Gudrun Wronski nur warten. Oder sich die Stadt anschauen. Oder frühstücken. Im Krankenhaus wissen ja alle: sie ist in der Nähe und bereit für ihren Flug. Gegen 13 Uhr geht sie dorthin, etwa eine Stunde vor der vereinbarten Übergabe des »Produkts«, wie sie den Beutel mit den Stammzellen nennt. Formalitäten müssen erledigt, Protokolle unterschrieben und das Produkt übergeben und in der Kühltasche verstaut werden. Es ist jetzt bereits 15 Uhr, weil das Auszählen der Zellzahl diesmal länger gedauert hat. Die Uhr beginnt zu ticken. Auf schnellstem Weg muss sie zum Kunden, bevor die Lebensdauer der Stammzellen erreicht und sie wert- und nutzlos werden. Um 16.50 Uhr geht der Flug. Alles ist eng getaktet. Jede Stunde Wartezeit geht auf Kosten der Qualität der Stammzellen. Es darf es nichts schiefgehen. Aber wer schon mal im Berufsverkehr einer Großstadt unterwegs war, wer regelmäßig fliegt, der weiß: Es geht oft etwas schief.

 

Sollte sie irgendwo festsitzen, muss umgeplant werden. Dann ruft Gudrun Wronski in München an, von wo aus ein späterer Flug gebucht wird. Oft aber muss sie sich vor Ort etwas einfallen lassen: Abkürzungen, Schleichwege, den Taxifahrer bestechen, die Polizisten überreden. Egal, was. Hauptsache, das Flugzeug wird erreicht. Das Geld spielt an dieser Stelle nur eine Nebenrolle, erstens geht es um ein Leben, und zweitens verursachen die Kurierfahrten nur einen Bruchteil der Kosten, die für die Suche nach dem Spender und die Transplantation der Zellen anfallen.

 

Zweimal kam Gudrun Wronski in ihren bislang vier Jahren und 20 Aufträgen als Onboard-Kurier in Schwierigkeiten. Einmal ging die Tür des Flugzeuges nicht zu. Zwei Stunden lang saßen mehr als 100 Passagiere und eine lebensrettende blaue Tasche auf dem Rollfeld fest. Der Anschlussflug war nicht mehr zu kriegen. Von München aus buchte man neu und alles wurde gut.

 

Ein andermal wurden wegen eines Wirbelsturms über New York alle Flüge gestrichen. Tausende saßen fest, alle wollten weiter. Gudrun Wronski musste weiter, sonst könnte ein Mensch sterben. In so einer Situation muss sie die Initiative ergreifen, ohnmächtiges Warten ist keine Option. Es ging gut, »weil man immer Leute findet, die einem helfen«, sagt sie. Mitarbeiter der Fluggesellschaft oder eben deren Chefs, immer fragt sie sich so lange durch, bis sie an jemanden gerät, der die Dringlichkeit begreift und sich beherzt der Sache annimmt. Der sie noch vor all die so wichtigen Business-Reisenden, und Meilenkönige setzt. »Man muss sich halt immer mal wieder durchbeißen. Im absoluten Notfall muss ich mich wichtig machen und darf mich nicht in der Schlange anstellen«, sagt sie. »Das ist anstrengend, aber das muss man als Stammzellenkurier können«. Und so kam sie auch diesmal rechtzeitig in Tampa/Florida an.

 

In ihrem aktuellen Fall geht alles glatt, kein Stau, kein abgesperrter Flughafen wegen einer Bombendrohung (auch schon passiert), kein Vulkanausbruch in Island. Der Linienflug nach Chicago, wo Gudrun Wronski noch in ein weiteres Flugzeug umsteigen muss, kann pünktlich starten. Die Tasche trägt sie immer am Körper, und wenn sie sie an der Sicherheitskontrolle kurz abgeben muss, dann behält sie sie immer im Blick. Die Tasche darf nicht durchleuchtet werden, auch das würde die Zellen gefährden. Immer wieder schickt Gudrun die vereinbarten Codes ab: #002, wenn sie im Flugzeug sitzt. #003, wenn sie gelandet ist und durch die Security zum Anschlussflug geht. Und #004, wenn sie endlich die Klinik erreicht hat.

 

Den Job macht sie nicht nur aus Altruismus. Gudrun Wronski suchte sich das Ehrenamt auch aus, weil sie einfach gern fliegt. »Weil es eine Zeit ist, die ich für mich habe, wo ich nicht gestört werde und ich Sachen überlegen kann.« Und am Zielort selbst kann sie auch mal ein paar Tage auf eigene Kosten dranhängen. Das Thema »Fliegen« hat sie auch in ihrem sachlichen weiß-grauen Büro in München-Neuhausen stets im Blick. Auf ihrem Schreibtisch steht ein streichholzschachtelgroßer Origami-Kranich, selbst gefaltet.

 

Gegen 23.30 Uhr hält das Taxi vor dem Krankenhaus. Gudrun Wronski bringt die blaue Tasche auf die Station und lässt sich den Erhalt quittieren. Nun schickt sie den letzten Code nach München, #009. »Mein liebster Code, dann fällt die ganze Anspannung von mir ab«, sagt sie. Denn bei aller Verantwortung, die in den letzten Stunden durch die blaue Kühltasche auf ihr lastete, hat sie vielleicht dazu beigetragen, dass ein todkranker Patient eine gute Chance hat, wieder gesund zu werden. Sie liegt bei gut 70 Prozent bei Kindern, etwas weniger bei älteren Patienten.

 

Gegen Mitternacht kommt Gudrun Wronski im Hotel an, dann schickt sie noch eine letzte SMS nach München. Am nächsten Tag geht es dann wieder nach Hause. Wieder kann sie stundenlang fliegen und ihren Gedanken nachhängen. Eines aber wird sie aus Datenschutzgründen nie erfahren: Ob der Patient es geschafft hat, ob er lebt. Aber das, sagt Gudrun Wronski, sei auch gut so.

Gestrandet in … Erlangen

Nein, Erlangen liegt nicht im Sauerland. Aber das wissen Sie ja. Das weiß jeder. Denn es gibt ja so viel Wissenswertes über Eeeeerlangen. Das Liedchen, erdacht vom Wortkünstler Max Goldt anno 1982 in den Wirren der Neuen Deutschen Welle, es hallt immer noch nach. Nicht in Erlangen, dafür aber überall sonst. Es gibt halt weiter nichts, was einem zu Erlangen einfiele. Den Erlangern ist das ganz recht. Der Franke ist ja eher zögerlich und tendenziell pessimistisch. Da ist es ganz gut, wenn man nicht wahrgenommen wird. Wenn man »sei’ Ruh’« hat.

 

So ist Erlangen: unauffällig und pragmatisch. Wenn Sie am Hauptbahnhof ankommen, merken Sie: Es geht immer geradeaus. Keine Kurven, keine Gässchen, nur rechte Winkel. Ein Relikt der Planstadt, die Ende des 17. Jahrhunderts erbaut wurde, um vielen der protestantischen Hugenotten, die aus Frankreich vertrieben wurden, eine Heimat zu geben.

 

Offen für Flüchtlinge ist man geblieben. Nach dem Krieg siedelte sich ein Weltkonzern an, der aus Berlin vertrieben worden war. Durch die Siemens AG kommen bis heute immer wieder neue high potentials aus aller Welt in die Stadt. Gleiches gilt für adidas und Puma, deren Zentralen keine zehn Kilometer Luftlinie vom Erlanger Stadtzentrum entfernt in Herzogenaurach stehen. Und dann die insgesamt 40 000 Studierenden der Universität Erlangen-Nürnberg, von denen drei Viertel in Erlangen lernen und leben. Da kommt immer wieder viel Welt auf die nur 111 000 Einwohner zu. Nebenan in Nürnberg und Fürth leben die Arbeiter; hier aber Ärzte, Ingenieure, Studenten und Professoren. Erlangen ist klug. Und reich. Im Stillen.

 

Sie gehen also geradeaus zum Hugenottenplatz, dem »Hugo«. Von hier können Sie alles Wichtige bequem zu Fuß erreichen. Aber bleiben Sie noch kurz am Hugo. Zwischen der graubraunen, kantigen Architektur der Neuzeit, für die sich ein Fünfjähriger mit seinen Bauklötzen schämen würde, steht die alte Hauptpost. Ein neobarocker Prachtbau mit Stuckdecke und Marmorsäulen. Darin untergebracht hat der Erlanger ausgerechnet McDonald’s. Im Schloss übrigens residiert die Uni-Verwaltung. Pragmatisch, Sie wissen schon.

 

Sie können jetzt weiter geradeaus gehen, nach Westen, die Universitätsstraße hinab, dann passieren Sie all die teils 200 Jahre alten Uni-Gebäude. Nach dem Kollegienhaus beginnt eine Medizinstadt in der Stadt mit 1400 Betten und 1200 Ärzten. Nach Süden sollten Sie gehen, wenn Sie noch ein paar Weihnachtsgeschenke brauchen. Denn an der Nürnberger Straße finden Sie die Erlangen Arcaden, eine Shoppingmall, die sich wie ein Lindwurm mitten in die Stadt gelegt hat. Und rundherum all die anderen bekannten Kettengeschäfte, die man nicht mehr in die Arcaden reinquetschen konnte. Schön ist das nicht, aber wahnsinnig praktisch.

 

Stoppen Sie unbedingt am Rathausplatz, danach kommt nicht mehr viel. Sie erkennen ihn leicht. Rathaus, Einkaufszentrum (Neuer Markt) und Stadthalle liegen dort herum, als hätte jemand überdimensionales Beton-Tetris gespielt. Und das sehr, sehr schlecht.

 

Sie können aber auch nach Norden gehen. Und das lohnt sich. Gehen Sie also über den Schlossplatz in den Schlossgarten (wo es sogar eine Liegewiese gibt), am Hugenottenbrunnen und der Orangerie vorbei in den botanischen Garten, der hier mitten in der Stadt liegt. Und dann in Richtung Markgrafentheater. Auch typisch Erlangen: das älteste bespielte Barocktheater Süddeutschlands (mit großartigem Ensemble) samt Goldschnörkeln und plüschigem Rot, eingehüllt jedoch in einen Kokon aus Fünfziger-Jahre-Stahlbeton.

 

Biegen Sie 90 Grad nach links, dann 90 Grad nach rechts, und gehen Sie durch die Schiffstraße. Mit schnuckligen Sandsteinhäuschen mit Torbögen, Bäumen und Kopfsteinpflaster, Lädchen und Mini-Boutiquen. Und der Enoteca, wo man im Sommer bis weit in den Abend hinein auf der Straße stehend Wein trinkt, ratscht und lacht. Dann versteht man, was der junge Oberbürgermeister Florian Janik meinte, als er sinngemäß über Erlangen sagte: Erst will man nicht bleiben, dann nicht mehr gehen.
Sie aber machen jetzt kehrt und setzen sich ins Café Mengin am Schlossgarten. Beobachten Sie die Erlanger Mischung: Studenten, Shoppingmüde und gehfähige Patienten. Viele wollten nie hierher, aber nun finden sie es eigentlich ganz schön. Vor allem, weil man sei’ Ruh’ hat.

Liegt in der Familie

Unten im Keller wird die Seele von Zermatt sichtbar. Immer dienstags und donnerstags, immer um 18 Uhr. Im Film. Sehr grisselig, im Kolorit der Fünfzigerjahre. Stets etwas zu rot leuchten die Geranien und die karierten Tischdecken, etwas zu himmelblau der Himmel. Die Kameraführung wackelig, die Schnitte abrupt, die Dramaturgie episch. Und doch sind die Filme, die „Menschen am Matterhorn“ und „Whympers Weg aufs Matterhorn“ heißen, einzigartige Zeitdokumente. Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann, Kommentator und Nebendarsteller: August Julen.

 

„Ja, der Papa“, Heinz Julen lächelt versonnen. Im Keller seines Backstage-Hotels Vernissage befindet sich das Kino, in dem er nicht nur das Neueste aus Hollywood zeigt, sondern auch Älteres aus dem Wallis. Und weil er selbst ein großer Junge ist, Anfang 50, mit großen, feingliedrigen Künstlerhänden und einer Physiognomie wie der mittelalte Maximilian Schell, wirkt das „Papa“ und „Mama“, wie er seine Eltern stets nennt, auch immer etwas kokett.

 

Wer weiß, wie Zermatt heute aussähe, wäre der im Oktober 2015 verstorbene August Julen nicht so ein Visionär gewesen. Dieses seltsam besondere Dorf, in dem Könige und Milliardäre urlauben, durch das aber vor wenigen Jahren noch Bauern ihre Kühe trieben. Zermatt ist umgeben von den höchsten Gipfeln, die die Schweiz zu bieten hat – 38 Viertausender lassen sich von hier aus erreichen. Der „Hausberg“, das Matterhorn, gehört quasi zum Corporate Design der Schweiz. Gleichermaßen ist Zermatt absurd abseitig gelegen, schier endlos dauert die Autofahrt hierher, samt Serpentinen und Autozug. Und selbst dieser Trip endet sechs Kilometer zu früh, denn Zermatt ist für Privatautos gesperrt. Man parkt in Täsch, fährt noch ein Stück mit dem Zug und geht dann zu Fuß oder nimmt das Elektrotaxi.

 

August Julen hat den Skitourismus in Zermatt entscheidend nach vorn gebracht. Es war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und er fast noch ein Teenager, als er eines Tages hinauf auf die Schweigmatten fuhr, wo die Schafe der Familie standen und versorgt werden mussten. Unterwegs sprach ihn ein Amerikaner an, ein Mr Denner. Kurz danach engagierte der den braven August Julen als persönlichen Skilehrer. Später empfahl er ihn weiter – an Paul Getty, den damals reichsten Mann der Welt, an Jack Heinz, den Ketchup-Mogul, nach dem August Julen schließlich seinen Sohn benannte, und an Ted Kennedy, den er aufs Matterhorn führte. Dieser Mr Denner jedenfalls nahm den jungen Skilehrer mit in die mondänen Wintersportorte: St. Moritz, Davos und Klosters, wo August Julen Dinge sah, die das Bauerndorf Zermatt mittelalterlich erscheinen ließen, denn hier setzte man ausschließlich auf den Sommertourismus – und Kühe und Schafe.

 

Dabei hätte es nur einer Weiterführung des Sessellifts von der Sunnegga hinüber zur Findelner Alp bedurft. Im Dorf winkte man ab, denn profitieren würden ja eh nur die Julens und ihr Gasthaus in Findeln. So ging August zu seinem Vater Severin, und der raffte alles Geld zusammen. „Wenn ihr daran glaubt, dann tue ich es auch“, sagte er. Aber so wirklich glauben wollte er es nicht. Auch nicht, als am Ende des ersten Betriebstages ein Angestellter einen Sack Münzen auf den Tisch knallte. Die Einnahmen des Tages, etwa 1000 Franken. Severin wollte das Geld nicht, weil er meinte, es könne nur gestohlen sein. „Er konnte nicht begreifen, dass man mit dem Ding an einem Tag mehr verdienen kann, als eine Kuh wert ist“, erzählt Heinz Julen. Nun hatten es alle in Zermatt verstanden.

 

Pirmin Zurbriggen ist seit knapp 30 Jahren Teil der Familie Julen. Der Olympiasieger von 1988 ist in der Schweiz so etwas wie Franz Beckenbauer und Boris Becker in einem. Bei einem Werbetermin 1986 in Findeln lernte er Moni Julen kennen; drei Jahre später heirateten sie. Seit 1998 lebt er nun in Zermatt und ist begeistert. Von den Menschen und den sportlichen Möglichkeiten. „Das Skigebiet von Zermatt ist das beste in der Schweiz, da brauchen wir gar nicht diskutieren“, sagt Zurbriggen. „Und ich kenne wirklich viele Skigebiete.“

 

Heinz Julen gehört von jeher zu Zermatt. Wenn er über die Gegend spricht, dann vibriert er vor Liebe und Respekt. Solle keiner glauben, nur weil hier die Schweiz zu Ende sei, sei hier auch die Welt zu Ende. Er erzählt, dass der Theodulpass einst die Verbindung zwischen Römischem Reich und Germanien war, dass im Mittelalter das Klima so mild war, dass auf 3000 Metern die Obstbäume blühten, und dass um 1890 noch mal eine Eiszeit kam – in der Zeit, als der Tourismus gerade begann, nach der Erstbesteigung des Matterhorns durch den Briten Edward Whymper im Juli 1865.

 

Will man dem Ursprung der Julens näherkommen, muss man hinauf nach Findeln. Dort stehen die Häuser, in denen die vier Geschwister ihre Kindheit verbrachten: Vrony, die Älteste, wurde 1960 geboren, dann Heinz, der Zweitälteste (1964), und schließlich Leni (1965) und Moni (1967). Hier oben entstand auch die besonders enge Bindung der vier. „Dass wir als Familie zusammenhalten, ist ein großes Glück“, sagt Elia Zurbriggen, Sohn von Moni und Pirmin. Jüngst hat er mit seiner Schwester Maria, seinem Bruder Pirmin junior, seiner Cousine Romaine und seinem Cousin Joel eine erfolgreiche Folk-Pop-Band gegründet. Es bleibt eben alles in der Familie.

 

Oben in Findeln hatten auch schon Elias Urgroßeltern Veronica und Severin Julen gelebt, mit ihren zwölf Kindern auf 30 Quadratmetern. In den Zwanzigerjahren kam Veronica auf die Idee, den vorbeiwandernden Touristen Tee zu verkaufen, die Tasse für einen Franken. Das rechnete sich, kostete ein Schaf damals doch 25 Franken. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren begann die für Zermatt so typische Metamorphose der Julens von der Bauern- zur Gastronomenfamilie, als August Julen in jenem Sommerhaus mit seiner Frau Martina das Restaurant Alpenheim eröffnete. Tochter Vrony wollte nach Ende der Schulzeit einen Sommer aushelfen und ist mittlerweile mehr als 30 Jahre hier. Aus der Hütte mit Tee und Käseschnitten wurde das mondäne Chez Vrony. Auch Leni und Moni halfen immer mit, bekamen später aber andere Grundstücke, auf denen sie ihre eigenen Hotels errichteten. Und Heinz, der Freigeist? „Er war oft in seiner Welt, hat viel gebastelt, Zelte für uns gebaut und mit Lego gespielt“, erinnert sich Leni.

 

So entwickelte sich Heinz Julen zum Künstler und zum gefragten Architekten. Ohne dass er je Architektur studiert hätte. Schon als Jugendlicher zeichnete er das Matterhorn und verkaufte die Bilder an die Touristen im Restaurant. Später dann schraubte und schreinerte er im Keller die ersten Möbel zusammen. Er war noch keine 25 Jahre alt, da schrieb ein Kritiker, man müsse seine Kunst jetzt kaufen, denn bald sei sie nicht mehr bezahlbar. Kunst und Architektur, das gehört für Heinz Julen zusammen. Der Architekturprofessor Michel Clivaz bezeichnete ihn als den „letzten Walser“, weil er den Stil des Wallis so verinnerlicht habe. „Die Walser machten fast alles selbst“, erläutert Julen. „Ihre Architektur war funktional und reduziert auf das Minimum. Dekoration gab es nicht, es ging nur ums Überleben.“

 

Dieser Enthusiasmus und der naive Glaube an Schönheit, Kunst und Architektur und auch an Freundschaft hätten ihn beinah ruiniert. Eines Tages, Mitte der Neunzigerjahre, lernt er Alexander Schärer kennen, Sohn von Paul Schärer, dem Millionär und Eigentümer der Möbelfirma USM. Beide sind Mitte 30, beide jung genug für Dummheiten und alt genug fürs Geschäft. Der eine hat die Mittel, der andere die Vision. Und so entwickeln sie den Traum von einem Hotel, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Im Februar 2000 eröffnet „Into the Hotel“, ein designter Irrsinn mit drehbaren Badewannen, Julens verrückten Möbeln und Blick aufs Matterhorn. Und sieben Wochen später die Katastrophe: Es werden Baumängel sichtbar. Vater Schärer, ein konservativer Unternehmer, gibt Julen die Schuld an allem. Der wehrt sich, aber Schärer und seine Anwälte sind einfach besser in Business-Angelegenheiten.

 

„Es hieß, der Künstler habe alles falsch gebaut. Wenn du mich angreifen willst im Bau, dann hast du natürlich gute Karten. Ich baue ja nichts nach Norm. Aber sie hatten mir von Anfang an einen Bauleiter aufgedrückt, der das alles abgesegnet hat“, erinnert sich Julen. Womöglich haben beide Seiten Fehler gemacht, aber die Eskalation überraschte dann doch. Nur durch Verzicht auf seine Anteile umgeht Julen eine ruinöse Schadenersatzklage. Statt das Hotel zu sanieren und die Mängel zu beheben, lässt Schärer den Bau verrotten und wirft Julens Designermöbel auf den Sperrmüll. „Die ganze Schweiz hat zugesehen. Es tat weh, als jede Hausfrau plötzlich Experte war und ich das Arschloch“, erinnert sich Julen. Der Fall verwirbelte die Schweiz, und auch international wurde berichtet. Das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ brachte eine große Reportage unter dem vielsagenden Titel „Das Alptraumhaus“. Erst Jahre später wird das zum Betonskelett verkommene Hotel wieder aufgebaut und steht heute als The Omnia prächtig da.

 

Heinz Julen rappelte sich wieder auf. Aber es dauerte mehr als zehn Jahre, bis er 2011 mit dem Backstage wieder sein eigenes Hotel eröffnen konnte. Ein bisschen was konnte er retten von den Ideen des Into, aber alles ist moderater, kleiner, preisgünstiger. Die Erfahrungen mit dem Into wertet er als Kunstperformance. So hat er seinen Frieden damit gemacht. Am liebsten ist Heinz Julen noch immer in seinem Atelier. Sieben Leute arbeiten hier, denn es gibt viel zu tun. Die Möbel, die er aus dem zusammenpuzzelt, was andere wegwerfen würden – abgenutztes Holz und ausrangierte Badarmaturen zum Beispiel –, sind weltweit gefragt. Hier ist auch die komplette Inneneinrichtung seines Backstage entstanden.

 

Im Atelier hat Heinz Julen Teile des alten Bahnhofs von Zermatt aufgebaut. „Die sollten zum Alteisen“, sagt er säuerlich. Und ersetzt wurde das Gusseisen von 1889 durch einen düsteren Betonmonolith mit Willkommensgrüßen in Russisch, Französisch und Finnisch. In Papa Augusts Filmen sieht man den alten Bahnhof einige Male kurz durchs Bild wackeln. Er sah dort sehr schön aus. Jetzt tut er das eben in Heinz’ Werkstatt.

Das geht zu weit

Wenn Markus Rehm seine Trainingshose abstreift, zeigt das Publikum oft die gleiche Reaktion: Erst wird es ruhiger in der Sporthalle. Dann ist leises Murmeln zu hören. Aber spätestens wenn Rehm seinen Athletenkörper aufrichtet, in die Menge lächelt und sie zum Klatschen animiert, setzt erleichterter und freudiger Applaus ein. Der Hingucker ist die Karbonprothese, die Rehms rechten Unterschenkel ersetzt. Rehm kennt das.

 

Wenn er dann federnd anläuft, sich bewegt, wie einem Science-Fiction-Film entsprungen, wirkt es etwas unrund. Aber die explosive Dynamik, mit der das linke Bein im Wechsel mit der gebogenen Prothese auf die Kunststoffbahn hämmert, ist famos. Auch deshalb steht er im Mittelpunkt. So wie im Frühjahr beim „Golden Fly Series“ in Rio. Dort knipste er eine Stunde lang Selfies mit Fans, „während die anderen im Bus schon etwas genervt warten mussten«, sagt er. Oder wie im Winter beim „Indoor Grand Prix“ in Glasgow, wo vorher wochenlang nur die Rede war vom Duell zwischen ihm und Greg Rutherford, dem derzeit besten Springer der Nichtbehinderten.

 

Überflüssig zu erwähnen, dass sich Markus Rehm durch seine Behinderung nur selten behindert fühlt. Seinen Unfall vor 13 Jahren empfindet er nicht als Schicksalsschlag. Eher wie eine Fußnote seiner Vita, wie ein anderes Lebensereignis von mittlerem Gewicht – ein Umzug, ein Jobwechsel, eine neue Liebe. Bei ihm eben: die Amputation des rechten Unterschenkels.

 

Markus Rehm ist kein „Behinderter“, er ist vor allem einer der besten Weitspringer Deutschlands, wenn nicht Europas und der Welt. Trotz oder wegen seiner Behinderung? Genau das ist die große Frage. Aber dazu später.

 

Zunächst zurück in den Sommer 2003. Die Familie Rehm macht Urlaub am Main, in der Nähe von Kitzingen. An diesem 10. August, kurz vor dem Abendessen, lässt der 14 Jahre alte Markus auf seinem Wakeboard nach einem missglückten Sprung die Leine los und landet im Wasser. Nicht weiter schlimm, hätte ihn nicht der Fahrer eines Motorboots übersehen. Der rechte Fuß des Jungen gerät in die Schiffsschraube. Eine mehrstündige Operation in der Uniklinik Würzburg kann den Fuß nicht retten – drei Tage danach muss dem Jungen der rechte Unterschenkel vom Knie an abwärts amputiert
werden.

 

So wie er diesen Wendepunkt seines Lebens gemeistert hat, könnte Rehm Psychologieseminare geben zu Resilienz und positivem Denken. „Natürlich gab es Tiefs, vor allem weil die erste Prothese eine riesige Enttäuschung war“, sagt er. Die hat er dann auch gleich gegen die Wand gehauen. Und natürlich musste er „die ein oder andere Träne verdrücken“. Das war es dann aber. „In den letzten Jahren gab es keinen Moment, in dem ich gedacht habe: Oh, ist ja blöd, so ’ne Prothese.“ Manchmal wird es sogar lustig mit ihr. Auf einem Langstreckenflug streckte ein Freund von Rehm das rechtes Bein aus, während eine Stewardess den Trolley durch den Gang wuchtete. „Aufpassen“, rief sie ihm zu, „sonst ist das Bein ab“. Rehm grinst bübisch, wenn er erzählt, wie sich ihr Teint von zartrosa zu signalrot veränderte, als sein Freund sie darauf hinwies, dass das Bein schon längst ab sei. Handicap-Humor.

 

Zur Leichtathletik kam Rehm fünf Jahre nach seinem Unfall. Jemand hatte ihn Trampolin hüpfen gesehen und sein unglaubliches Sprungtalent erkannt. Beim Probetraining bei Bayer Leverkusen traf er Steffi Nerius, damals noch aktive Speerwerferin, aber gleichzeitig schon Trainerin im Behindertensport. „Er hat sich gleich supergut angestellt“, erinnert sie sich. Seither arbeiten die beiden zusammen, fast symbiotisch.

 

Markus Rehm gibt Interviews in rundgeschliffenem Englisch, er lächelt sein Lächeln, das keine Schwiegermutter unberührt ließe, und ist auch beim siebten Interview und beim vierunddreißigsten Autogrammwunsch noch immer nett. Dazu fleißig und diszipliniert. Kein Haken? „Der Haken ist, dass es keinen Haken gibt“, sagt Steffi Nerius. Vielleicht wünscht sie sich ein wenig mehr Sperrigkeit? „Er hat meinen Anspruch versaut. Wenn ein neuer Sportler zu mir kommt, denke ich, dass er auch so sein müsste wie Markus.“

 

Leverkusen im Frühjahr 2016. Markus Rehm rollt mit seinem Skateboard hinunter zur Halle. Nie käme man auf die Idee, dass er nicht mit beiden Beinen im Leben steht. Es ist kurz vor acht und er beginnt seine tägliche Routine: Training. Nur ein paar Sportler verteilen sich an so einem Vormittag in der Halle, hier wird gesprungen, dort gesprintet. Aus den Lautsprechern dudelt Radio Leverkusen die Hits der 80er und verbreitet erschreckend gute Laune. Aber Markus Rehm ist hoch konzentriert. Absolviert alle Übungen ohne Murren. Seine Trainerin sagt: „Markus ist sehr intelligent, aber er hinterfragt nicht alles, er macht auch einfach mal. Und das muss ein Leistungssportler.“ Und so macht Rehm einfach mal: Kugelstoßen mit Hopser für die Schnellkraft. Froschartige Sprünge vom Boden weg. Einmal, fünfmal, zehnmal. „Jetzt sieht man die Anstrengung“, sagt Steffi Nerius, „wenn’s gut läuft, hat er morgen Muskelkater.“ Danach geht es in den Kraftraum. Jeden Tag, außer sonntags, da ist frei. Nach dem Training fährt Rehm auf seinem Skateboard nach Hause, in seine Wohnung gleich hinterm Trainingsgelände. Nur 36 Quadratmeter groß, „aber gut geschnitten“, sagt er. Seine größere Wohnung gab er auf, um noch näher an seinem Sport zu sein. Schnell duschen, dann geht’s weiter. Im mausgrauen Halbarm-Oberhemd seiner Firma fährt er nach Troisdorf, wo er seinem Halbtagsjob als Meister für Orthopädiemechanik nachgeht. Dort, zwischen Fußadaptern, Normgelenken und Eingussankern, wo es immer etwas nach Gummi riecht, hilft er Menschen, die sich an eine Prothese und auch an ein neues Leben gewöhnen müssen. Mit seiner Geschichte und seiner Art macht er es ihnen leichter.

 

Zeit für sich bleibt da kaum. Abends ist er müde, vielleicht noch ein paar Mails schreiben, das war’s dann auch. Dass er den Nachtisch immer stehen lässt und Alkohol die absolute Ausnahme bleibt, versteht sich von selbst.

 

Wozu das alles, könnte man fragen. In seiner paralympischen Klasse ist er konkurrenzlos. Seine Bestleistung liegt bei 8,40 Meter, das ist ein Meter mehr als die seines Hauptkonkurrenten. Rehm würde in Rio wohl auch Gold gewinnen, wenn er sich nur von Nachtisch ernähren würde. Er würde es nie sagen, aber die Paralympics sind fast langweilig für einen Ausnahmeathleten wie ihn. Und so verfolgt er andere Ziele. Er will bei den Nichtbehinderten mitmischen, will den Vergleich, will Inklusion im Spitzensport. Schon mehrfach schrieb er dem Weltverband IAAF, bat darum, dass ein Gutachten veranlasst werde, das klarstellen soll, ob er mit seiner Prothese einen Vorteil hat oder nicht. Ob er bei den Nichtbehinderten starten (und gewinnen) darf oder nicht.

 

Zum ersten Mal sprang er spektakulär in die Schlagzeilen, als er bei den ganz normalen Deutschen Meisterschaften im Juli 2014 in Ulm siegte. Sogleich änderte sich die Stimmung: vom generösen „Lasst-ihn-doch-mal-mitmachen“ hin zum Lamento über einen Vorteil, den die künstliche Sprunghilfe doch biete. Aus dem netten Sportler mit Handicap wurde der „Fall Rehm“, über den sogar die „New York Times“ berichtete. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) änderte mehrfach seine Meinung. 2012 wurden behinderte Sportler von den Wettkämpfen der Normalos ausgeschlossen, 2013 zugelassen, nach Rehms Titel 2014 wieder nicht. Ja, was denn nun?

 

Auch seine Trainerin bemerkte im Juli 2014 einen Stimmungswechsel. „Neid und Missgunst“ seien plötzlich da gewesen, sagt Nerius, „einige Athleten und Trainer veränderten sich total«“ Der DLV nominierte Rehm nicht für die EM 2014 in Zürich. Rehm hätte dagegen klagen können. „Aber das ist kein Weg, der zu einem guten Ziel führt“, sagt er. Seither startet er oft außer Konkurrenz. Und zieht weiter die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Was manche Kollegen stört.

 

Verzerrt die Prothese nun den Wettbewerb oder nicht? Um das zu klären, organisierte Rehm selbst eine wissenschaftliche Studie mit der Sporthochschule Köln, der Universität von Boulder in Colorado und dem Nationalinstitut für Technologie in Tokio. Das Ergebnis wurde Ende Mai verkündet: Rehm hat keine eindeutigen Vorteile durch die Prothese. Natürlich hilft ihm die Federkraft der Karbonprothese nach dem Absprung. Andererseits: „Wenn es ein so großer Vorteil wäre, gäbe es doch viel mehr paralympische Springer mit Weiten über acht Meter.“ Und es gebe ja auch Nachteile: „Ich habe Schwierigkeiten beim Anlauf und ein gestörtes Gleichgewicht“, sagt er. Wahrscheinlich ist es so, dass Rehm einen ähnlichen Vorteil hat wie einst Carl Lewis, der seit 1984 den Hallenweltrekord von 8,79 Metern hält: Der Mann konnte einfach deutlich weiter springen als alle anderen. Wie unfair ist das denn?

 

Es liegt nun am Weltverband IAAF, das Gutachten anzuerkennen oder eigene Untersuchungen zu veranlassen. „Lasst uns doch gemeinsame Wettkämpfe machen“, appelliert Rehm an die Funktionäre. „Es ist für uns Sportler interessant, für die Zuschauer spannend und wir bekommen unseren Sport wieder mehr in die Mitte der Gesellschaft.“ Soll heißen: Die internationale Leichtathletik, durch Dopingskandale gebeutelt, könnte mit Sportlern wie Rehm positive Akzente setzen. „Paralympische Athleten bringen doch ganz andere Werte rüber“, sagt Rehm. „Etwas aus dem Leben zu machen, das Schicksal anzunehmen und sich nicht über das zu ärgern, was man nicht hat.“

Dame schlägt alle

Es ist einer der Tage, die begreifbar machen, warum Judit Polgár Budapest als „eine der schönsten Städte der Welt“ sieht. Blauer Himmel, kühle Morgenluft, und Sonnenschein beleuchtet die Szene. Sie kann es beurteilen, reiste sie im Laufe ihrer Karriere als beste Schachspielerin aller Zeiten doch schon in mehr als 60 Länder. Natürlich ist sie nicht gänzlich objektiv, denn sie hat nie woanders gelebt. Geboren und aufgewachsen in Pest, zog sie vor 15 Jahren auf die andere Seite der Donau. „Diese Panoramablicke, Cafés, Kunst, gutes Essen und junge Leute aus aller Welt. Es gibt keinen besseren Ort“, sagt sie. In ihrem Büro der Judit Polgár Chess Foundation, das in einem eher unscheinbaren Haus liegt, inmitten all der Villen zwischen dem Burgpalast und dem Gellértberg, muss man nicht fragen, was ihr Leben bestimmt. Die Bilder zeigen Schach, und eine Vitrine an der Wand versammelt zahlreiche Schachfiguren aus verschiedenen Jahrhunderten, die von Geschichte und Vielfalt dieses weltbewegenden Spiels erzählen.

 

 

Frau Polgár, warum fasziniert Schach seit Jahrtausenden die Menschheit?

 

Schach ist sehr einfach und gleichzeitig sehr komplex. Es ist eine Wissenschaft, denn man muss viel analysieren, um sich zu verbessern. Es ist ein mentaler Kampf. Es wirkt ruhig und friedlich, aber es kann der blutigste Sport sein, den man sich vorstellen kann.

 

Schach ist ein blutiger Sport?

 

Ja, denn es fordert so viele Nerven und Konzentration. Und man bekommt das Feedback sofort: Entweder hast du gewonnen oder verloren. Es gibt keine Ausreden. Wenn du verloren hast, dann hast du verloren. Und zwar nicht, weil du Pech hattest, sondern weil du schlechter warst als dein Gegner.

 

Bisher klingt es eher grausam. Wo ist das Warme und Optimistische?

 

Schach vereint die Menschen. Es wird quer durch alle Stände und Schichten gespielt, bei Herrschern genauso wie in armen Familien. Man braucht ja nicht viel. In vielen Kulturen war es immer ein Teil des Familienlebens. Der Opa spielte mit dem Enkel. Und dann ist da das künstlerische Element …

 

Schach ist Kunst?

 

Oh ja. Als ich klein war, zeigte mir mein Vater sehr schöne klassische Partien. Es war faszinierend zu beobachten, wie Figuren geopfert wurden, um dem Ziel näher zu kommen. Ich mag diese Schönheit der Kombinationen, dieses strategische Opfern, originelle Ideen, unerwartete Züge. Es kam vor, dass ich gut vorbereitet zu einem Wettkampf ging, aber mitten im Spiel eine Idee hatte und dachte: „Wow, das ist genial, aber es wird nicht funktionieren.“ Und ich es dennoch versuchen musste. Das ist für mich Kunst. Es ist wie ein Feuerwerk.

 

Was kann man beim Schach lernen?

 

Sei geduldig, bis der andere seinen Zug gemacht hat. Denk logisch, was immer hilft, Probleme zu lösen. Analysiere deine Fehler, um besser zu werden. Entwickle neue Ideen, und versuche, den Gegner zu überraschen. Sei kreativ und kombiniere. Ich begegne immer wieder Professoren, Ärzten oder auch Geschäftsleuten, die mir bestätigen, wie sie diese Art des Denkens nutzen: logisch, vorausplanend, die Konsequenzen der eigenen Entscheidungen tragend.

 

Im Jahr 1989 sagten Sie, dass Sie keine Interviews mögen, weil die Fragen immer die gleichen seien. Damals schon?

 

Ich war erst zwölf, reiste dauernd ins Ausland und musste viele Interviews geben. Dann kamen wirklich immer dieselben Fragen. Ich wurde in den USA vor einem Turnier mal von einem Journalisten gefragt: „Was ist Schach?“ Den habe ich dann an einen amerikanischen Spieler, der zufällig neben mir stand, verwiesen. Sollte der sich damit herumschlagen.

 

Träumen Sie manchmal von Schach?

 

Nein. Und das finde ich sehr merkwürdig. Nur einmal, in der Vorbereitung auf eine WM, da habe ich einen guten Zug geträumt. Den habe ich tatsächlich benutzt – und er hat funktioniert.

 

Warum gibt es so wenige Frauen in der Weltspitze des Schachs?

 

Es stimmt, nur etwa fünf Prozent aller registrierten Schachspieler sind Frauen. Mit Intelligenz hat das nichts zu tun. Die Gesellschaft und die Eltern setzen den Kindern Limits, nicht deren Fähigkeiten. Und das lässt sich schwer ändern. Sicher, Männer und Frauen denken unterschiedlich und spielen unterschiedlich Schach. Aber es gibt ja nicht nur einen Weg zum Ziel.

 

Wie kommt es zu den Limits?

 

Bis zum Alter von zwölf Jahren spielen etwa gleich viele Jungen und Mädchen in Clubs Schach. Danach entwickeln Mädchen andere Interessen und sind nicht so wettbewerbsorientiert. Bei einem Jungen heißt es: „Mach weiter, kämpfe!“ Mädchen werden zu anderen Dingen ermuntert, etwa zu einer vernünftigen Ausbildung. Bei mir war das anders. Meine Eltern haben mir und meinen Schwestern immer gesagt: Ihr könnt die gleichen Ergebnisse erreichen wie die Jungs.

 

Ihr Vater László las an die 400 Biografien kluger Menschen, von Sokrates bis Einstein. Als Pädagoge hatte er den Plan, seine Kinder systematisch zu Genies zu erziehen.

 

Ja, er analysierte all diese großen Geister und erkannte, dass sie alle sehr jung begonnen hatten. Je jünger man beim Lernen ist, desto natürlicher ist es in deinem Denken und Handeln verankert. Als mein Vater meine Mutter traf, erzählte er ihr von seinen Ideen. Dass er sechs Kinder haben wolle, die er selbst ausbilden und in einem Bereich spezialisieren wolle.

 

Aber ist es nicht etwas gruselig, ein Kind nach Plan zum Genie zu formen?

 

Kinder werden immer beeinflusst, sei es nun bewusst oder unbewusst. Wenn Eltern wissen, was sie wollen, dann kann das auch gut sein. Keiner fragt mich: „Ihr Leben war so anders, war es denn viel besser?“ Nein, es wird immer der negative Aspekt angesprochen. Mein Vater hatte eine Vision. Viele Eltern heute haben kein Ziel.

 

Hatten Sie eine glückliche Kindheit?

 

Das ist eine knifflige Frage. Was ist „glücklich“? Es gibt viele Kinder, meine eingeschlossen, die nicht besonders glücklich darüber sind, dass sie jeden Tag zur Schule gehen müssen. Ich hatte eine glückliche Kindheit, aber sie war einzigartig. Denn in der Zeit, als wir anfingen herumzureisen, da war es absolut unüblich für uns Ungarn, ins Ausland zu fahren. Dadurch entwickelte ich mich zu einer aufgeschlossenen Persönlichkeit, durfte als Weltbürgerin aufwachsen. Von anderen Kindern wurde ich schräg angeschaut, weil ich zu Hause unterrichtet wurde. Ich spielte Schach, musste mich messen – und gewinnen. Das gelang. Wenn die Dinge gut laufen, warum soll man es anders haben wollen?

 

Gab es überhaupt „normale“ Freunde?

 

Nein, das nicht. Nur meine Schwestern.

 

Wie finden Sie den Plan Ihres Vaters heute?

 

Ab und zu denke ich darüber nach, wie es funktionierte und warum. Das Gehirn eines Kindes ist ja wie ein Schwamm, es saugt Wissen und Fähigkeiten förmlich auf. Aber wenn man nicht daran arbeitet, vergisst es auch schnell. Deshalb hat man die Verantwortung, sein Kind zu begleiten. Und das ist sehr schwer für die Eltern, denn es gibt immer Krisen, man ist viel allein, wird kritisiert. Da muss man schon sehr unbeirrt sein und viel opfern. Bei meinen Eltern funktionierte es, sie gaben ihren Job auf und kümmerten sich ausschließlich um mich und meine Schwestern. Es war die Herausforderung ihres Lebens.

 

Sprechen Sie mit Ihrem Vater manchmal über Ihre Kindheit?

 

Von Zeit zu Zeit. Vor allem, als ich meine Kinder bekommen habe. Jetzt sehe ich, wie schwer es ist, alles richtig zu machen. Er ist nicht besonders glücklich, dass sie in eine normale Schule gehen, er hätte gern, dass ich sie nach seinen Ideen erzöge. Aber die Zeiten haben sich geändert. Als wir mit dem Schach begannen, da gab es keine Computer, kein Internet, und wir waren sehr arm und lebten im Sozialismus. Es ist interessant, dass der Plan funktionierte, meine Schwestern und ich haben sehr viel erreicht. Und wir haben eines gelernt: Wer fleißig ist, muss nicht zwingend talentiert sein. Arbeit schlägt Talent.

 

Muss ein Kind ein Genie werden?

 

Nur weil ein Kind lernt, meinen manche, es leide. Aber wenn es etwas lernt, für das es sich interessiert, und das in einer spielerischen Art, dann ist es keine Qual. Und wenn eine Sechsjährige den eigenen Vater im Schach besiegt, gibt ihr das enorm Selbstvertrauen.

 

War Ihnen klar, dass Sie schlauer sind als andere Kinder?

 

Ich war nicht schlauer, ich spielte nur besser Schach. Durch mein logisches Denken war ich sicher reifer als andere meines Alters.

 

Als Sie elf Jahre alt waren, saßen Sie mit Ihrem Spielzeuglöwen am Schachbrett. Mit einem „Killerblick“, wie die Zeitungen schrieben. Und Sie sagten nach Siegen manchmal ungerührt über Ihren Gegner: „Ich habe ihn vernichtet.“

 

Ich hatte das Image, sehr aggressiv und furchtlos zu sein. Und ich habe sehr gerissen gespielt. Wenige Züge, immer auf Angriff, da hatten die Gegner keine Chance. Und natürlich waren Erwachsene nicht besonders glücklich, wenn sie gegen mich spielen mussten. Sie hatten ja nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren. Gegen ein kleines Mädchen, wie peinlich. Darüber spotteten dann Kollegen, Freunde und die Öffentlichkeit. Der erste Großmeister, den ich schlug, der stand auf und schlug seinen Kopf gegen die Wand.

 

Im Schach waren Sie perfekt. Warum haben Sie schon mit 38 Jahren aufgehört?

 

Es war sicher eine schwere Entscheidung, nach 33 Jahren aufzuhören. Aber ich glaube, dass ich abseits des Bretts mehr fürs Schach tun kann.

 

Sie meinen Ihre Idee, Schach als Schulfach zu etablieren.

 

Darauf habe ich lang hingearbeitet, und 2013 wurde es schließlich in Ungarn in den Lehrplan aufgenommen. Die Kinder lernen mithilfe von Schach, in Verbindungen zu denken. Denn wenn Dinge untereinander verbunden sind, dann fällt es leichter, sie zu lernen. Wir sind nun schon im dritten Jahr, beteiligt sind 500 Lehrer an 170 Schulen, und es gibt 13 Referenzschulen.

 

Spielen Sie manchmal noch aus Spaß?

 

Nein, nie. Wenn du mal an der Spitze warst, ist es schwer zu akzeptieren, dass dein Niveau sinkt. Ohne Training fehlt das Gefühl für die Feinheiten des Spiels. Deshalb lasse ich es lieber ganz.

 

Nicht mal zu Hause gegen Ihren Mann?

 

Als wir uns kennenlernten, haben wir mal zwei oder drei Partien gespielt. Ich habe so locker gewonnen, da wollte er nicht mehr. Ich glaube, es hat an seinem männlichen Ego gekratzt.

Die Maschine

Wenn er über „die Maschine“ spricht, dann muss Andreas Schwabe über das gelungene Bonmot lachen. Nun, die Maschine, die könne er leider nicht herzeigen. Nicht nur, weil sie so geheim ist. Das zwar auch. Nein, vor allem, weil es sie nicht gibt. Manchmal nennen sie die Maschine auch Algorithmus oder Modell. So richtig griffig zu formulieren ist es eben nicht, was die Branche derzeit kräftig durcheinanderschüttelt.

Geschäftsführer Andreas Schwabe gründete 2007 die Booming GmbH, einen Spezialisten zur Optimierung von Kampagnen im Netz und im Fernsehen. Im Mai 2015 schloss er eine strategische Partnerschaft mit der dänischen Mediaagentur Blackwood Seven, die erst zwei Jahre zuvor gestartet war mit der unbescheidenen Vision, „Marketing neu zu erfinden“, und zwar „basierend auf Daten, Transparenz und hoher Automatisierung“. Das war nun auch der Plan für Deutschland. Booming hieß jetzt Blackwood Seven Germany. Und der Algorithmus kam.

 

Auf die Frage, warum niemand derlei früher versucht hat, antwortet Schwabe: „Weil erst jetzt die notwendigen Rechenleistungen möglich sind.“ Und wenn man bedenkt, dass diese ja auch vor 10 oder 20 Jahren nicht allzu übel waren, dass sie vor 40 Jahren sogar schon reichten, um zum Mond zu fliegen, dann lässt sich ermessen, wie enorm die Datenmengen sind, die bei Blackwood Seven „verschnitten“ werden, wie Schwabe es nennt: „Statt in stundenlangen Diskussionen und mit viel Bauchgefühl, kann man innerhalb von Minuten eine sehr exakte Prognose treffen.“ Herr über den Algorithmus ist Michael Green, der Chefentwickler der Datenlogik. Er trägt den geheimnisvollen Titel CAO, was so viel heißt wie Chief Algorithm Officer. Green ist zur Hälfte Amerikaner und zur Hälfte Schwede, arbeitet einen Teil der Woche in München, den anderen in Kopenhagen. Derart global veranlagt, bleibt er äußerlich stets smart und cool, nur in seine Worte ist einige Euphorie eingeflochten. „Wir sourcen das aus, worin der Mensch unglaublich schlecht ist: Entscheidungen treffen“, sagt Green.

 

„Wir erfassen alle Daten, die wir bekommen können – makroökonomische Daten, Branchen- und Kundendaten. Manchmal wissen wir selbst nicht, was dabei rauskommt. Und dann entdeckt unser Algorithmus etwas, findet Synergien. Das ist großartig.“ Das ist das Neue – der so launische menschliche Faktor wird durch unbestechliche Rechenleistung ersetzt. „Das ist keine Hexerei. Wenn Kunden heute in eine Planung einsteigen, machen sie es ähnlich – aber meistens mit einem Excel-Sheet und einer gehörigen Portion Erfahrung“, sagt Schwabe. Der Algorithmus arbeitet bis zu 24 Stunden am Tag und bleibt stets gelassen, auch wenn man ihn mit absonderlichen Daten belästigt: Wirtschaftslage allgemein, Benzinpreise, Dax-Entwicklung, Wetter oder ob bald eine Fußball-EM stattfindet. Alles kann wichtig sein. „Um eine gute Prognose zu erreichen, lassen wir eine Menge Simulationen laufen“, so Green. „Wenn wir etwa glauben, dass Fernsehen einen Effekt auf den KPI hat, dann sagen wir das der Maschine. Der Algorithmus nimmt die Daten, macht Updates und vergewissert sich, ob unsere Annahme zutrifft.“

 

Der Algorithmus kann sowohl die Allokation der Budgets auf die jeweiligen Gattungen als auch einzelne Platzierungen in die Planung einbeziehen und deren Beitrag errechnen, um definierte KPIs zu erreichen. „Es gibt keinen Mediaplaner der Welt, der eine optimale Kampagne machen kann“, sagt Green trocken. „Denn er muss in über 500 Dimensionen denken. Zeigen Sie mir einen Menschen, der das kann, wir werden ihn sofort einstellen.“

 

Für Andreas Schwabe gibt es im Laufe einer Marktumwälzung drei Phasen. In der ersten werde man belächelt, in der zweiten bekämpft und in der dritten schließlich kopiert. „Das mit dem Belächeln ist seit ein paar Wochen vorbei“, sagt er, seit Blackwood Seven für VW arbeite. Nun beginne also die zweite Phase, und fast meint man, er freue sich ein wenig darauf. „Wenn man bekämpft wird, weiß man, dass man auf dem richtigen Weg ist und einen wunden Punkt getroffen hat.“ Die dritte Phase will er gelassen abwarten. Der Algorithmus sei so komplex, dass andere frühestens in zwei Jahren Ähnliches erreichen. Wenn überhaupt.

 

Volkswagen befasste sich schon vor dem Abgasskandal mit Blackwood Seven. Der Autobauer war von den Möglichkeiten des Algorithmus angetan. „Für uns gibt es nichts Besseres, als wenn solide, glaubwürdige Kunden zu uns kommen, die nicht nur auf den kurzfristigen Abverkauf gucken“, sagt Schwabe. Mit den lobenden Adjektiven mag es bei VW inzwischen etwas bröselig geworden sein, aber auch ein Unternehmen mit Problemen sei bei Blackwood Seven gut aufgehoben. „In einem Unternehmen entsteht Veränderungswille dadurch, dass nicht alles optimal läuft. Und die Kunden, die zu uns kommen, müssen diesen Willen mitbringen und offen sein, was Prozesse und Strukturen betrifft.“
Aber dieser Wille zur Veränderung scheint bereits verbreiteter zu sein, als es manchen alteingesessenen Mediaagenturen lieb sein kann. Schon bei einer Roadshow im vergangenen Herbst, wo Schwabe mit vielen möglichen Kunden sprach, stellte er eine „gewisse Unzufriedenheit“ mit Arbeit und Gebaren der marktbeherrschenden Mediaagenturen fest. Zu viel Zwielichtiges ist passiert: Tricks, Hidden Agendas, Kickbacks und vieles mehr.

 

„Es ist mir schleierhaft, wie wichtige Kunden mit relevanten Budgets es sich gefallen lassen, in völliger Intransparenz zu leben“, sagt Schwabe. Gleichzeitig aber hat er auch beobachtet, dass viele Kunden das eben nicht mehr hinnehmen wollen. Namen könne er zwar noch nicht nennen, aber mit vielen „Markenartiklern aus allen Branchen“ sei Blackwood Seven bereits in der Testphase, dem „Prototyp“.

 

Neben Transparenz und sauberer Abrechnung verspricht Schwabe seinen Kunden auch eine Effizienzsteigerung von 15 bis 30 Prozent. „Wenn wir unseren Prototyp gefahren haben, können wir dem Kunden exakt sagen, wie viel bei ihm herauskommt“, sagt er. Bislang waren dies in allen Fällen – und das sind schon über 40 – eben diese 15 bis 30 Prozent. Transparent läuft auch der Einkauf. Denn die Verhandlungen über die Konditionen macht Blackwood Seven in aller Regel mit dem Kunden gemeinsam.

 

Das Schwierigste am derzeitigen Wachstum ist, Mitarbeiter nach München zu locken. „Das ist ja nicht der klassische Standort für eine Mediaagentur“, sagt Schwabe. Andererseits ist es in vielen Fällen auch schon gelungen. „Die Branche wird komisch gucken, wer hier bald alles anfängt“, sagt Schwabe. Denn eine Motivation hat der Geschäftsführer bei manchen neuen Mitarbeitern schon ausgemacht: „Die haben keine Lust mehr, ihre Kunden täglich anzulügen.“ Und weil der wichtigste Mitarbeiter von Blackwood Seven eben ein Algorithmus ist, werden vor allem Mathematiker, Physiker, Informatiker und auch Biologen gesucht. Zwar sagt Schwabe, dass „wir derzeit jeden kriegen, den wir wollen“, macht aber trotzdem vorsorglich Reklame mit den Standortqualitäten: „Wir sind mitten in der Stadt und haben es dennoch sehr ruhig hier. Im Sommer kann man die Fenster aufmachen und hört die Vögel zwitschern.“ Nicht zu vergessen der Blick von der Dachterrasse über die Innenstadt inklusive Frauenkirche.

 

In der Tat ist die Agentur formidabel untergebracht. Auch Freunde der Metapher haben hier ihre Freude. Denn das denkmalgeschützte Haus an der Adelgundenstraße mit der passenden Hausnummer 7 wurde einst entkernt und renoviert, dann ergänzt durch einen sechsstöckigen, gläsern-kantigen Neubau, der das alte Haus überragt und umarmt. So wie Blackwood Seven ja derzeit die Branche entkernt und erneuert. Mittlerweile werden zwei Drittel der rund 1400 Quadratmeter Bürofläche genutzt. Der Rest ist untervermietet. Aber das gilt wohl nicht mehr lange, ebenso wie die eher lockere Sitzordnung der zurzeit 60 Münchner Mitarbeiter. Bis Ende des Jahres sollen weitere 15 bis 20 Kollegen angefangen haben.

 

Neben der Bewältigung des Arbeitsaufkommens wird natürlich auch der wichtigste Mitarbeiter gehätschelt und perfektioniert. Die Maschine, der Algorithmus will Daten. „Das hört nie auf “, orakelt Michael Green, „höchstens, wenn es keine Daten mehr gibt.“ Aber das wird nie passieren.

Hightech Vision: Natur

Es geht nichts über Erfahrung. Wer weiß, was er tut, wer vieles schon ausprobiert, verworfen oder verfeinert hat, wer unter allerlei widrigen Umständen Lösungen finden musste, der hat im Bedarfsfall immer eine Lösung. Erst recht, wenn er die Erfahrung als Designer, Chemiker, Konstrukteur und Erfinder in beachtlichen 3,8 Milliarden Jahren ansammeln konnte. Man ahnt es: Derlei umfangreiches Wissen hat allein die Natur zu bieten. Höchste Zeit, bei ihr in die Lehre zu gehen. Seit einigen Jahren ist der Mensch daher eifrig dabei, ihre Methoden zu kopieren und für sich zu nutzen. „Bionik“ heißt das Prinzip, das in den kommenden Jahren ein beherrschendes Thema werden wird. Gut, dass die Natur kein Patentamt kennt.

 

Für Themas Speck sind es die „Wow-Effekte“, die seinen Job so spannend machen. Speck ist Professor für Botanik an der Universität Freiburg und einer von Deutschlands profiliertesten Bionikern. So einen Wow-Effekt hatte er, als er vor vielen Jahren im südamerikanischen Urwald eine 800 Meter lange Liane untersuchte und staunend feststellte, „was da für ein Wunderwerk an Mechanik und Leitelementen drinsteckt“. Und die Liane kann sich im Bedarfsfall auch noch selbst reparieren. So etwas in technisch nutzbare Systeme umzusetzen, das sei seither seine Triebfeder. „Wir leben im goldenen Zeitalter der Bionik, denn es passt einfach alles zusammen“, sagt er, ganz unwissenschaftlich begeistert.

 

Denn zum einen sind die Möglichkeiten der Analyse deutlich besser geworden. Jetzt kann man der Pflanze und dem Tier auf einer molekularen Ebene näherrücken, „wie das vor 20 Jahren noch unmöglich war“, sagt Speck. Oder damals nur mit Geräten, die für eine herkömmliche Uni unerschwinglich waren. Nunmehr kann nahezu überall geforscht werden. Auch ist es dem Menschen durch die Entwicklung von 3D-Druckern oder Verfahren wie dem Lasersintern erstmals möglich, so wie die Natur zu bauen. Von klein zu groß nämlich, am besten Stück für Stück und Schicht für Schicht. Auch die Materialien (wie etwa bestimmte Kunststoffe) wurden in den letzten Jahren immer besser und sind inzwischen geeignet, die Natur explizit zu kopieren. Ganz zu schweigen von der immer höheren Rechenleistung moderner Computer, die notwendige Simulationen erst möglich machen.

 

Und schließlich sind heutzutage Begriffe wie „Umweltschutz“ oder „Nachhaltigkeit“ keine Randerscheinungen mehr. Zwar sei „Bionik nicht per se nachhaltig“, sagt Speck. Aber die meisten bionischen Anwendungen zeichnen sich eben durch geringen Materialverbrauch oder lange Lebensdauer aus, schonen also Umwelt und Ressourcen. „Die Natur baut zum Beispiel immer bei etwa minus 30 bis plus 40 Grad meistens bei einem Bar Druck. Wir bearbeiten Metalle oft bei bis zu 1000 Grad bei 100 Bar. Allein davon kann man lernen, wie man effizienter mit der Energie umgeht“, sagt Speck.

 

Als erster Bioniker gilt Leonardo da Vinci. Der italienische Allround-Gelehrte schaute sich einst im 15. Jahrhundert die Vögel an und entwarf einen Flugapparat; er sah den Schneckenklee und zeichnete einen Propeller. Auch der Eiffelturm (1889 eröffnet) folgt bionischen Prinzipien und gilt als erstes Ultraleicht-Bauwerk der Geschichte. Konstrukteur Gustave Eiffel erreichte mit relativ wenig Material eine enorm hohe Stabilität – eines der Grundprinzipien bionischen Bauens, denn die Natur hat nichts zu verschenken, nichts über. In den folgenden Jahrzehnten gab es immer wieder bionische Erfindungen wie den berühmten Klettverschluss, den der Schweizer Ingenieur Georges de Mestral 1951 zum Patent anmeldete, nachdem er auf Spaziergängen mit seinem Hund beobachtet hatte, wie sich die Kletten im Fell des Tieres verfingen.

 

Im Jahr 1958 prägte der amerikanische Arzt Jack Steele den Begriff „Bionik“ als Kunstwort aus „Biologie“ und „Technik“. Bis zum endgültigen Durchbruch dauerte es jedoch noch rund vierzig Jahre, und nun, etwa seit der Jahrtausendwende, ist die Bionik das Zukunftsthema schlechthin. „Ich denke, die größten Innovationen des 21. Jahrhunderts entstehen an der Kreuzung von Biologie und Technik. Eine neue Ära beginnt“, ahnte schon Apple-Gründer und Visionär Steve Jobs. Und er sollte wohl Recht behalten.

 

Und tatsächlich: Heute gibt es kaum einen wissenschaftlichen Bereich, bei dem Bionik keine Rolle spielt. Sei es in der Medizin, wo das Cochlea-Implantat den natürlichen Hörvorgang nachbildet oder wo im Februar 2015 die Geschichte eines blinden Amerikaners rührte, der nach zehn Jahren durch ein bionisches Retina-Implantat seine Frau wieder sehen kann. Sei es in der Architektur, sowohl in der Statik, wo man sich von Bäumen und Knochen vieles abschauen kann, als auch bei den Baumaterialien. Sei es im Maschinenwesen mit der Robotik und der Produktionstechnik. Und das sind noch längst nicht alle. Eine Grundlage des bionischen Fortschritts ist es also, die verschiedenen Wissenschaftszweige gut zu vernetzen. Was zumindest in Deutschland schon gut funktioniert, etwa in interdisziplinären Zusammenschlüssen wie dem Bionik-Kompetenznetz Biokon.

 

Dazu kommt, dass bisher von den zehn bis 15 Millionen Tier-, Pflanzen- und Pilzarten auf der Erde bestenfalls 0,1 Prozent überhaupt auf ihr bionisches Potenzial geprüft wurden. Vor allem die Tiefsee, aber auch der Regenwald, wo auf einem einzigen Baum bis zu 1000 verschiedene Arten gefunden werden können, sind dabei weitgehend unerforscht. So wird quasi täglich irgendwo auf der Welt in irgendeinem Labor eine Entdeckung gemacht, die schon in zehn Jahren die Welt revolutionieren könnte. Die Natur wird aber nicht einfach kopiert, sondern ihre Methoden werden abstrahiert‘ übertragen und angewendet, um technische Fragestellungen zu lösen.

 

Der Weg zum Produkt aber ist lang. Denn so gut und ausgereift die Ideen der Natur auch sind, so mühsam ist es für die Forscher, diese auch an die Industrie und damit in Großserie zu bringen. Meistens geht nur etwas voran, wenn Konzerne durch Gesetze und neue Normen zu Veränderungen gezwungen werden. Sonst ist es oftmals billiger und sicherer, an den alten Methoden kleben zu bleiben.

 

Man unterscheidet in der Bionik zwei Vorgehensweisen. Beim Bottom-Up-Prozess entdecken Forscher einen Lösungsansatz der Natur, den sie dann der Industrie zur Verfügung stellen. Die andere Form ist der Top-Down-Prozess, bei dem die Forscher für ein existierendes und mithin erfolgreiches Produkt nach bionischen Verbesserungen suchen. Während ein Bottom-Up-Prozess an die sieben Jahre dauert, braucht es nur knapp ein Jahr, wenn die Industrie selbst nachfragt und sich Verbesserungen wünscht.

 

Deshalb müssen Bioniker ihre Projekte sichtbar machen. Besonders geeignet sind Bauwerke wie der „One Ocean“-Pavillon auf der Weltausstellung Expo 2012 in Südkorea. Dessen Fassade verfügt über bewegliche Lamellen, die sich ohne Gelenke oder Scharniere öffnen und schließen lassen. Das Prinzip schaute man sich bei der südafrikanischen Paradiesvogelblume ab. Eine architektonische Revolution, die die Expo-Besucher beeindruckte. Solche Schaufenster sind jedoch selten und so verschwinden noch zu viele interessante Forschungsergebnis in Regalen und Aktenordern.

 

Nur wenige Firmen tun sich so hervor, wie das Esslinger Automatisierungsunternehmen Festo. So entwickelte der schwäbische Mittelständler in den letzten Jahren eine ganze Reihe künstlicher Tiere und sorgte damit für großes Aufsehen: den Fisch „Airacuda“, die Qualle „AirJelly“, die Libelle „BionicOpter“ und zuletzt ein Känguru. Festo zielt dabei aber weniger auf konkrete Produkte, sondern will seine Konstrukteure auf unkonventionelle Ideen bringen. Immerhin machen sie mit den Tieren einen wichtigen Teilbereich der Bionik greifbar: Die Robotik. Also das Erschaffen von künstlichen „Lebewesen“, die beweglich sind und smart genug, dass sie dem Menschen Arbeit abnehmen können oder auch dorthin gehen, wo es weh tut.

 

Aber auch bei Festo zeigt sich das wesentliche Problem zwischen faszinierender Forschung und der pragmatischen Umsetzung im Alltag. Denn nur wenige ihrer bionischen Entdeckungen (wie etwa ein Greifarm, der einem Elefantenrüssel nachempfunden ist), sind als konkrete Produkte auf dem Markt erhältlich. Das aber könnte sich bald ändern. Denn sowohl im Automobilwie auch im Flugzeugbau wird bionischer Leichtbau künftig unabdingbar werden. Bei Passagierjets sind die nach oben gebogenen Tragflächenenden, die sogenannten Winglets, ja schon seit Jahren sichtbares Zeichen praktisch umgesetzter Bionik. Ein energiesparendes Prinzip, das der Albatros und der Steinadler auf ihren Langstreckenflügen nutzen. Die gespreizten Flügelenden verringern die Luftverwirbelungen. Aber das ist nur der Anfang. Airbus präsentierte jüngst sein „Concept Plane“, dessen Kabinenstruktur dem Skelett von Vögeln gleicht. Deren Knochen sind einerseits hohl, andererseits so geschickt kombiniert, dass mit einem Minimum an Materialeinsatz ein Maximum an Stabilität erreicht wird.

 

Bioniker Thomas Speck ist sich sicher, dass auch die Automobilindustrie bald auf den Leichtbau, vereinfachte Strukturen oder „schlaue“ Materialien setzen wird. Und dass so die Natur immer mehr Einzug hält. Im Design ist sie ohnehin längst fester Bestandteil. „Man kann immer von der Natur lernen, weil sie hervorragend zusammenarbeitet, um die besten Lösungen hervorzubringen“, sagt Filippo Perini, der Leiter des Centro Stile Lamborghini. Überhaupt sei sie „der beste Designer überhaupt“, sagt er augenzwinkernd, „was jedoch kein Wunder ist, sie feilt ja schon seit Milliarden Jahren an den Details“. Für seine Arbeit an den Modellen von Lamborghini hat sich der Designer einiges abgeguckt. So habe der Aventador den Körper eines Insekts und bei der Frontpartie inspirierten ihn verschmelzende Kristalle. Während der Entwicklung des Asterion dachte er eher an die kühle Geschmeidigkeit von Haien und Delfinen. Ein Lack mit Glitzereffekt ist Schmetterlingsflügeln und den Schuppen der Fische nachempfunden. Schon seit er ein Kind war, ließ sich Perini von der Vielfalt und den „faszinierenden Proportionen“ der Natur beeinflussen. „Das hilft mir dabei, die Autos sinnlicher zu gestalten.“

 

Am schnellsten geht es mit den bionischen Ideen aber immer dann, wenn Ökologie und Ökonomie zusammenfinden. Forscher der Hochschule Bremen entwickelten vor einigen Jahren eine Unterwasserbeschichtung, die der Haut von Haien nachempfunden ist. Ein Schiff, das damit lackiert ist, wird zu 70 Prozent weniger von Muscheln und Algen besetzt. Und spart somit Treibstoff ein, weil es haigleich durchs Wasser gleitet. Die Reederei freut es. Und die Natur auch.

Vom anderen Stern

Ein zerknitterter Zettel liegt in einem Koffer. Wer das Papier herausnimmt und glatt streicht, erkennt darauf: 19, 13, 1, 21, 16, 17. Stephan Borde kann sich viel merken, doch den geheimnisvollen Zahlencode braucht er schriftlich. Er arbeitet als Zeugwart beim Deutschen Fußball-Bund und betritt nun als Erster die Kabine im Bauch des Stadions, gefolgt von Physiotherapeut Martin Felgenhauer. Beide tragen Alukoffer herein sowie Plastikkisten mit Bananen, Sojamilch, Honig und Trockenobst. Borde ruft von einem weiß gekachelten Raum in den anderen: »Wo stellen wir das Eisbecken hin?« Ansonsten sind kaum Worte notwendig, jeder Handgriff wirkt wie einstudiert. Borde nimmt besagten Zettel aus dem Koffer und murmelt: »19, 13, 1, 21 …« Nebenan legt Felgenhauer Handtücher auf zwei Liegen. Es riecht nach Massageöl und Hansaplast.

 

Seit 2011 ist Borde Zeugwart des A-Nationalteams der Frauen. Die Vorbereitung der Kabine zwei Stunden vor einem Spiel ist nur eine seiner Aufgaben. Ansonsten wäscht er Trikots und Hosen, organisiert Getränke oder geht »auch mal schnell zum Lidl, um für den Physio ein paar Taschentücher zu holen«, sagt Borde. Die beiden Männer gehören zum »Team hinter dem Team«. Zu den unverzichtbaren Menschen am Rand einer Profimannschaft, die selten gesehen werden.

 

Wie alle hier haben auch sie einen Traum, über den sie nur ungern offen sprechen. Da muss man schon Annike Krahn fragen, mit ihrem westfälischen Pragmatismus und den weit über 100 Länderspielen. »Wenn ich ein Spiel spiele, wenn ich an einem Turnier teilnehme, dann möchte ich es auch gewinnen«, sagt sie und macht dabei hinter jedem Wort einen Punkt. Oder ein Ausrufezeichen. Andere sind zurückhaltender, aber natürlich wollen sie es alle: Weltmeister werden. Und die Arbeit an diesem Projekt läuft hochkonzentriert. Der Algarve Cup, bei dem Borde gerade die Kabine für das Gruppenspiel gegen Brasilien bereitet, ist der letzte große Test vor der WM im Juni und Juli 2015 in Kanada.

 

Fußball steht für alle an erster Stelle. Wenn Melanie Leupolz vom FC Bayern aufzählt, wann sie trainiert, nennt sie jeden Wochentag. Außer Dienstag. Aber da geht sie zur Physiotherapie oder in die Sauna. Oft trifft sich das Team sogar zweimal am Tag. Und sonntags: Ligaspiel. Aber damit nicht genug. »Ich muss an meinen Schwächen arbeiten, da reicht das Mannschaftstraining nicht«, sagt Lena Petermann, die in Portugal ihr Debüt im A-Team gibt. Oft ist sie eine Stunde vorher auf dem Platz, um »Schnelligkeit, Ballkon­trolle und den linken Fuß« zu optimieren. So geht das seit Monaten: Die Spielerinnen geben viel für den Titeltraum. Auch ohne Ball. »Bei allem, was ich mache, achte ich darauf, dass es nicht zu anstrengend ist, dass ich genug schlafe, Kräfte sammle und mich richtig ernähre«, sagt Leupolz. Das Fundament der Träume scheint aus Arbeit betoniert zu sein. Leupolz sieht es anders: »Wir machen das gern. Deshalb kann man nicht von Arbeit sprechen. Sondern von der Lust, besser zu werden und erfolgreich zu sein.«

 

Der Frauenfußball hat sich enorm entwickelt. »Das ist nicht mehr mit früher vergleichbar. Wer weit kommen will, muss viel mehr investieren. Und natürlich geht dabei auch ein Stück Jugend verloren«, sagt Annike Krahn. »Es ist schneller geworden, technisch anspruchsvoller, von daher muss man mehr tun«, sagt Babett Peter, die wie Krahn schon 2007 im Kader stand, als Deutschland zuletzt Weltmeister wurde.

 

Elf Freunde müsst ihr sein – das war schon immer Wunschdenken, bei Männern wie Frauen. »Zur Professionalität gehört, dass man sich in einer Gruppe einfügen und unterordnen kann«, sagt Melanie Leupolz, 21, mit einer erstaunlichen Abgeklärtheit. Der Teamgeist der DFB-Elf ist etwas Besonderes. Das betont auch Bundestrainerin Silvia Neid nach dem mit 3:1 gewonnenen Spiel gegen Brasilien: »Wir haben uns alle ständig gegenseitig geholfen«, sagt sie. Für ein WM-Turnier, das wochenlang dauert, ist die Stimmung im Team ein wichtiger Erfolgsfaktor. Und da sieht Silvia Neid große Stärken in ihren Reihen: »Das sind alles tolle Persönlichkeiten, intelligente Menschen, die immer den Anspruch haben, sich zu verbessern und an sich zu arbeiten. Es macht sehr viel Spaß, mit ihnen zu arbeiten.«

 

Lange bevor Borde und Felgenhauer Koffer und Bananen in die Kabine bringen konnten, war Patrizia Hell in Portugal, um die Lage zu sondieren. Sie ist Teamadministratorin und »locker jedes Jahr 100 Tage unterwegs«, sagt sie. Allein für die Frauen-Nationalelf. Wie alle im Umfeld hat sie ein Mantra: »Die Spielerinnen sollen sich auf den Sport konzentrieren. Einfach da sein, irgendwo einsteigen und dann gehtʼs weiter.« Hell sorgt dafür, dass es nie hakt. Gemeinsam mit dem DFB-Reisebüro sucht sie ein Hotel mit Trainingsplatz, organisiert Testspielgegner sowie Busse, Flüge, Taxis.

 

Sie muss stets improvisieren. Als sich Luisa Wensing beim Algarve-Cup-Spiel gegen China das Wadenbein brach, hieß das für Hell: an die Arbeit. Noch im Stadion recherchierte sie Flüge, damit die Spielerin bald in der Heimat weiterbehandelt werden konnte. Um die Erstversorgung auf dem Feld kümmerte sich Teamarzt Dr. Bernd Lasarzewski. Und noch bevor die Mannschaft nach dem Spiel im Hotel war, hatte Patrizia Hell alles gebucht. »Man kann planen, wie man will, es läuft immer etwas anders«, sagt sie.

 

Erst wenn die Teamadministratorin ihren Job vor dem Turnier erledigt hat, kann Zeugwart Stephan Borde einpacken. Kurz vor der Abreise Richtung Kanada muss er in den, wie er sagt, »riesigen Lagerhallen« des DFB-Depots in Heusenstamm rund fünf Tonnen Material verschnüren, auf Paletten verladen und der Spedition Bescheid geben. 16 Paletten und an die 30 Alukoffer waren es bereits für den Algarve Cup. Und der dauert nur eine Woche. Darunter enorme Mengen an Textilien: Trikotsätze in drei verschiedenen Farben, jeweils Langarm- und Kurzarmversionen, mit Sponsorenlogos, ohne Sponsorenlogos, Trainingsequipment für Team und Betreuer. Aber auch all das, was die Ärzte für ihre Arbeit brauchen. Auch das, was Köchin Sophia Neuendorf ihm schickt, muss demnächst über den Atlantik: Elektrogeräte, Mixer, Messer, Pfannen. »Köche arbeiten eben am liebsten mit ihren eigenen Sachen«, sagt Borde.

 

Der DFB tut gut daran, seinen Frauen beste Bedingungen zu schaffen. Denn bei den Mädchen wächst der größte Fußballverband der Welt noch immer überdurchschnittlich. Seit 2004 stieg der Anteil der weiblichen Mitglieder um 27,1 Prozent, während es bei den Männern »nur« 6,4 Prozent waren. Was natürlich daran liegt, dass die von jeher stark vertreten waren. Beim Handball oder Tennis gehen die Mitgliederzahlen stetig zurück, beim Fußball wurde die Millionengrenze locker überschritten – und damit ist Fußball bei Frauen längst der beliebteste Sport. »Ich denke, die Entwicklung wird kontinuierlich weitergehen. Es wird immer neue Trends geben, Weiterentwicklungen in der Trainingsdiagnostik, Trainingssteuerung, im taktischen Verhalten«, sagt Bundestrainerin Silvia Neid.

 

Man könnte sagen, dass daran rund um die Uhr gearbeitet wird. Denn wenn die Spielerinnen nach dem Match in ihren Zimmern verschwinden, geht es für Jan Heidermann erst los. Der Videoanalyst hat nach dem Spiel mit den Trainerinnen gesprochen und macht sich nun daran, das gedrehte Material zu sichten und die Szenen herauszusuchen, die Silvia Neid und Co-Trainerin Ulrike Ballweg ihren Spielerinnen zeigen wollen. Dabei nutzt er eigenes Material. »Das Fernsehen zeigt nur einen kleinen Ausschnitt, wir aber wollen alle Feldspielerinnen im Bild haben, um taktische Abläufe gut zu erkennen«, sagt er. Um die 20 Szenen pro Partie pickt er heraus, jede bis zu 30 Sekunden lang. Manchmal sitzt Heidermann bis zum Morgengrauen am Laptop.

 

Dann kann es passieren, dass er Oliver Heine begegnet, der gerade seinen Arbeitstag beginnt. Denn noch vor dem Frühstück gegen sieben Uhr nimmt er den Spielerinnen Blut ab. Der Leistungsdiagnostiker vom Olympiastützpunkt Köln baut in jeden zweiten Satz Wörter ein wie »Physiologische Parameter« oder »Herzfrequenzvariabilität«. Letztere kontrolliert er mit Pulsmessern während des Trainings. Mit diesen Werten und nach Analyse des Blutes erkennt er, wie das Training auf die einzelne Spielerin wirkt. So weiß Silvia Neid, wer geschont werden sollte und wer noch Bedarf hat. Bislang machte Heine das vor allem bei Einzelsportlern, seit Februar 2015 auch bei der Frauen-Nationalmannschaft. Wieder einer mehr, der am Titelprojekt mitbastelt.

 

Für Torfrau Nadine Angerer, schon seit 1996 im A-Kader, ist das alles phänomenal. Sie staunt, wie sich über die Jahrzehnte »das Team hinter dem Team extrem vergrößert hat und wir in allen Bereichen Experten hier haben«. Und Babett Peter ergänzt: »Man darf nie ruhen oder rasten. Wir werden hier so gut wie möglich betreut, da haben wir Spielerinnen die Verantwortung, an jeder kleinen Stellschraube zu drehen, um noch ein oder zwei Prozent rauszuholen.«

 

Zimperlich dürfen sie nicht sein. Denn das Team dahinter fordert vom Team vorne ziemlich viel. Und der Umgangston ist freundlich, aber zielorientiert. Nach der Niederlage im Gruppenspiel gegen Schweden beim Algarve Cup, den Deutschland schließlich auf Platz drei beendete, sagte Teammanagerin Doris Fitschen: »Wir waren mit den Spielerinnen nicht zufrieden. Das haben sie analysiert bekommen.« So wie sie das sagte, möchte man nicht allzu oft etwas »analysiert bekommen«. Und als im Training Torhüterin Almuth Schult eine missglückte Parade selbstkritisch mit »Oooh, schlecht« kommentiert, entgegnet ihr Torwarttrainer Michael Fuchs trocken: »Ja!« Dem einzigen Mann im sportlichen Bereich ist es egal, ob sein Schützling nun männlich oder weiblich ist. Wenngleich es Unterschiede gibt. »Mädels machen sich mehr Gedanken über das Leben an sich und sind oft an einem harmonischen Miteinander interessiert, während Jungs sich öfters anfetzen«, sagt Fuchs, der einst Andreas Köpke beim 1. FC Nürnberg scheuchte. Und auch er musste sich umstellen, denn: »Frauen sind akribischer, genauer. Wenn ich mal sage: ›Ach, passt schon irgendwie‹, dann erklären sie mir, dass es eben nicht passt.«

 

Nach einer Stunde hat Stephan Borde die Kabine fertig. Den Zettel kann er jetzt wegpacken. Die ominösen Zahlen sind die Trikotnummern, denn es gibt eine feste Sitzordnung. Da darf er nichts durcheinanderbringen, denn auch das ist vielleicht ein winziger Beitrag zum Erfolg. »Hier wird nichts dem Zufall überlassen«, sagt Pressesprecherin Annette Seitz. Sie lächelt. Aber natürlich meint sie es ernst. Es herrscht Schicksalsverbot. Im Turnier aber, wo sich alles entscheidet, zählt die Akribie der Vorbereitung: rein gar nichts. Chaos, Karten, Brüche und Katastrophen, Komödien und Heldensagen – in 90 oder 120 Minuten kann viel passieren, auch Zufälliges. Darum ist Fußball so groß. Mögen die Spiele beginnen.

YOGI DER NATION

Nach Ende der Yogastunde steht Patrick Broome auf und öffnet das Fenster. So will der Yoga-Lehrer verhindern, dass er von den Schülern angesprochen und gelobt wird für die tolle Stunde. Denn erstens will er keinen Guru-Kult. Zweitens ist nicht er dafür verantwortlich, dass es den Menschen besser geht, sondern sie selbst.

 

Wenn er dann am Fenster seines Studios im Luitpoldblock im feinen Briennerviertel steht und hinausblickt, sieht er unten auf der Straße seine neue Klientel. In Münchens teuerstem Eck sitzen Kanzleien, Versicherungen, Weltkonzerne. Nirgends ist München weniger spirituell als hier. Wegen der astronomischen Miete hätte er das Studio im Herbst 2014 fast nicht eröffnet. Aber die Eigentümer kamen ihm weit entgegen, denn sie wollten ein Yogastudio haben.

 

Broome findet das gut. Denn hier kommen die Menschen, die er bislang nicht erreicht hat. „Männer, die etwas bewegen können“, sagt er. „Ich weiß nach 20 Jahren, wie Yoga die Menschen verändert.“ Wie denn? „Du fängst an, Dinge zu hinterfragen. Und das ist es, was unsere Gemeinschaft braucht.“ Bei solchen Worten könnte man zucken. Ein Weltverbesserer.

 

Broome lächelt. Die Welt verbessern, ja, warum nicht? „Wer sich selbst spürt, spürt auch andere. Und ich will, dass die, die entscheiden, wo es in den nächsten zehn Jahren hingeht, diese Entscheidungen bewusster treffen.“ Denn die Zeiten sind passé, in denen Yoga etwas war, „was Tante Gabi macht“. Broome will viele Männer erreichen. Die, die Angst haben, sich im Beisein junger Studentinnen zu blamieren. Die tröstet er damit, dass „Gelenkigkeit keine Voraussetzung, sondern die Folge von Yoga ist“. Und all die anderen geplagten Kerle. „Bei Rückschlägen oder Krisen bricht ein Mann zusammen oder er wird härter“, sagt Broome. Weil beides aber auf Dauer nicht greife, sei Yoga ein besserer Weg.

 

Als Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners wurde Patrick Broome in Kulmbach/Oberfranken geboren, lebte in Nürnberg, Köln, Frankfurt, bevor er schließlich in München Psychologie studierte und promovierte. Für Yoga begeistert er sich, seit er Mitte der neunziger Jahre in New York Sharon Gannon und David Life begegnete. Die hatten die Jivamukti-Methode erfunden, zu ihren Kunden zählten Sting und Madonna. Jivamukti-Yoga legte mehr Wert auf den Körper als auf den Geist, war hip, schnell, laut und für jedermann begreifbar. Broome brachte es mit nach München.

 

Das musste sich dort erst mal durchsetzen. Ein wenig Erleuchtung bitte, zwischen veganem Lunch und laktosefreier Latte. Für verdrehte Models und Ladys, die im Cayenne vorfahren und für die vor allem ein teurer Yogadress wichtig ist. Ist es im Sinne des Yoga, damit Geld zu verdienen? Klar, warum nicht, sagt Broome. Früher hätten die Menschen ihrem Yogi ja auch Essen und ein Dach überm Kopf gegeben.

 

Richtig bekannt wurde Broome durch einen Zufall. Eine Freundin von Oliver Bierhoff übte bei ihm in der Schellingstraße, seinem ersten eigenen Studio, das er 2003 eröffnet hatte. Dem Teammanager der deutschen Nationalmannschaft gefiel die Idee, und gemeinsam mit dem damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann verordnete er der Mannschaft 2005 ihre erste Yogastunde. „Einige haben gegrinst, einige gelacht, andere hatten Panik in den Augen“, erinnert er sich. Aber alle machten mit. Fortan war Broome bei allen großen Turnieren Teil der Entourage, zuletzt in Brasilien, als das Team unter Joachim Löw den Titel holte. Mit Broome als Jogis Yogi.

 


 

Sein Lachen ist jungenhaft. Man fühlt sich wohl in seiner Nähe. Möchte bleiben. Zuhören. Asanas üben. Einen Tee trinken. Still sein.

 


 

 

Die heutige Spielergeneration weiß, was sie an ihm hat. Denn Yoga hilft einem Fußballer. Die Beschäftigung mit dem eigenen Körper und die Meditation steigern die Konzentration. Das Dehnen und Strecken beugt Verletzungen vor und macht den Bewegungsapparat beweglicher und flexibler. „Das bringt dann die zwei Prozent, die am Ende den Unterscheid machen können“, sagt Broome. Das Siegtor im WM-Finale von Rio schoss Mario Götze, einer von Broomes eifrigsten Schülern. Mit einer akrobatischen Ballannahme und konzentriert-geschmeidigem Drehschuss. Noch Fragen?

 

Die kickenden Millionäre schätzen Broome auch, weil er unaufdringlich ist und viel lacht. Sein Lachen ist jungenhaft. Man fühlt sich wohl in seiner Nähe. Möchte bleiben. Zuhören. Asanas üben. Einen Tee trinken. Still sein.

 

Aber er weiß auch, was Krise ist. Für Broome kam es 2009 ziemlich dicke. Und natürlich alles auf einmal. Erst floppte seine Expansion. Das Studio in Berlin musste wieder schließen, übrig blieben Schulden von 100 000 Euro. Und es kam noch schlimmer. Kurz danach diagnostizierten Ärzte bei ihm Lymphatische Leukämie, was er sofort googelte und etwas las von „tödlich“ und fünf, sechs Jahren, die man noch habe.

 

Er begab sich in die Obhut guter Ärzte, quälte sich durch eine Chemotherapie und schaffte es. Neben der Gesundheit gewann er auch die Erkenntnis, dass „du noch so gesund leben kannst, wenn du nicht liebevoll mit dir umgehst und dich nicht zur Ruhe kommen lässt, nützt das alles nichts“. So erkannte er, dass er vom rechten Weg abgekommen war, trennte sich von seinen Geschäftspartnern und behielt nur das Studio in der Münchner Schellingstraße. Jenes studentische Kabuff, in dem einst alles begonnen hatte.

 

2009, am selben Tag, an dem er seine Krebsdiagnose erhielt, erfuhr er übrigens auch, dass er Vater werden würde. Das Leben hat manchmal einen komischen Sinn für Humor.

Altersruhesitze

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Jogi in geheimer Mission

Es war keine gute Nacht für Joachim Löw. Der Bundestrainer grübelte und wälzte sich von links nach rechts, von rechts nach links, verlagerte sich aus der Defensive in die Offensive und wachte schließlich schweißgebadet im Abseits auf. Das mit den Verletzten war schon schlimm genug. Der Klose hatte ständig was, der Gomez sowieso, der Khedira war seit einem halben Jahr verletzt. Und jetzt auch noch dieses Desaster: Die Bayern flogen im Halbfinale der Champions League hochkantig aus dem Wettbewerb. Und die Bild-Zeitung titelte entsprechend:

 

„Verkackmas jetzt auch bei der WM?“

 

Aber was tun? Irgendetwas, dachte Löw bei sich, womit keiner rechnet. Wie damals mit David Odonkor. Denn das hatte er seinem damaligen Chef, dem Klinsmann, ja formidabel eingeredet, und weil der ohnehin machte, was Jogi ihm flüsterte, war plötzlich dieser Odonkor im Kader. Für die überraschende Pointe in schwierigen Situationen. Was ja auch gegen Polen prächtig funktionierte. Odonkor wurde eingewechselt, tat, wie ihm befohlen, rannte die Außenlinie rauf und runter und legte schließlich das entscheidende Tor vor. Hat prächtig funktioniert, aber noch mal kann man so was auch nicht bringen. Oder doch?

 

In seiner Not telefoniert der Bundestrainer noch am selben Morgen mit Christoph Daum, der hat doch, ähm, eine echte Nase für Überraschendes. Und der Daum, der hat einen Rat parat: „Du bist in Köln? Dann schau doch mal beim Kurt vorbei.“ Denn der Christoph und der Kurt, die kennen sich schon sehr, sehr lange. Also rein in den Nissan X-TRAIL und ab nach Euskirchen, um noch an diesem Nachmittag eine Mission in absoluter Geheimhaltung zu starten, deren Einzelheiten erst jetzt und hier enthüllt werden können. Nicht mal dem Bierhoff oder der Bild sagte Löw etwas, erst musste er Nägel mit Köpfen machen. Erftstadion Euskirchen, 13.30 Uhr. Um 15 Uhr ist Anstoß zum Spiel des TSC in der Mittelrheinliga gegen Viktoria Arnoldsweiler. Und Jogi Löw ist dabei. Aufsehen, so der Plan, wird er keines erregen, denn wer rechnet schon damit, dass sich der Bundestrainer allerhöchstpersönlich auf die Tribüne eines Fünftligastadions hockt und sich eine Bockwurst mit Senf für zwo Euro holt. Ein genialer Plan.

 

„Es ist mir eine Ehre“, sagt Kurt Maus, angereist in Trainingsanzug und mit Regenschirm, als er Jogi Löw, den sein schwarzer Anzug prächtig kleidet, die Hand schüttelt. Kurt Maus ist 70 Jahre alt und als Trainer rund um Köln längst zur Legende gereift. Seit vier Jahren trainiert er nun die Kicker des TSC Euskirchen, den „größten Verein der Voreifel“, wie er stolz verkündet. Löw nickt. Ein Verein, der durchaus Potenzial für gute Kicker hat, spielt doch die
B-Jugend sogar in der Bundesliga, und auch Heinz Flohe, Weltmeister von 1974, begann genau hier seine Karriere. Und auch wenn Kurt Maus bereits seit 50 Jahren Trainer ist, so ist er doch – ähnlich wie seine strahlend weißen Zähne –
fußballerisch auf dem neuesten Stand. „Aus Taktik wird heutzutage eine Wissenschaft gemacht“, sagt er abschätzig, weiß aber: „Verteidigen ist out.“ Und sein kölscher Tipp für den Kollegen Löw ist so einfach wie einleuchtend: „Nimm einen meiner Jungs!“ Löw nickt. Maus grinst. Zwei Männer, eine Vision.

 

Moment mal, ein Fünftligaspieler bei einer Weltmeisterschaft, das ist doch absurd. Oder? Ist es nicht. Es gab in der WM-Historie bei kleineren Nationen immer wieder Spieler aus den unteren Ligen, sogar aus der fünften Liga. Und für Togo kickte 2006 sogar fast einer aus der siebten deutschen Liga mit. Je mehr Jogi Löw darüber nachdenkt, desto weniger absurd erscheint ihm diese Idee. In einer Zeit, da ein jeder Spieler weltweit bis auf die Ersatzbank in der dritten Liga gescoutet ist, da Computerexperten in Mannschaftsstärke mit allerlei Algorithmen die noch so kleinste Eigenheit berechnen und katalogisieren, kann man den Gegner nur mit einem überraschen, den keiner auf dem Zettel hat. Und auch wenn so ein Fünftligakicker konditionell nicht mit einem Profi mithalten könnte – für zehn Minuten würde es schon gehen. Genug Zeit für einen Joker, einen Knipser, einen, der sie alle überrascht.

 

„Meine Jungs können auch Fußball spielen“, sagt Kurt Maus, „und sie würden auch bei der WM keine schlechte Figur machen.“ Überhaupt, es komme ja auf ganz andere Sachen an, dort unten in Brasilien: „Die Luftfeuchtigkeit, die Hitze – der eine kann damit umgehen, der andere nicht“, analysiert Kurt Maus messerscharf. Vor dem Spiel geht Löw mit seinem Kollegen in die Kabine, und nachdem die Spieler des TSC andächtig den Worten von Kurt Maus zuhörten, ergreift Joachim Löw das Wort: „Männer, ihr spielt heute nicht nur für Euskirchen, ihr spielt auch für Deutschland.“ Man hört förmlich die Gänsehaut knistern.

 

Fußball ist Fußball, ob nun Champions League oder Mittelrheinliga, und vom Quatschen hält ein Kurt Maus nicht viel: „Worte sind Schall und Rauch. Man darf der Frau nicht immer nur liebe Worte sagen, man muss auch mal Blumen mitbringen.“ Was immer er damit sagen will, egal, es klingt gut, und es ist angerichtet zum großen Spiel. Etwa 200 Zuschauer sind gekommen, aus den Lautsprechern scheppert es kölsch: „Man müsste noch mal zwanzig sein …“
Vor der Tribüne stehen zwei Biertische,
im Angebot sind Fanta, Kölsch, Snickers und Bockwurst. Oben auf den blauen Plastiksitzen hocken Spielerfrauen,
Spielermütter und die eine oder andere Spieleroma. In den Reihen der Fans sitzen ältere Männer und noch ältere Frauen, die ganz genau wissen, was früher alles besser war und wie genau man Fußball spielen sollte. Gute Tipps gibts somit reichlich und gratis für Jogi Löw, der herzlich auf seinem Beobachtungsposten begrüßt wird: „Den kenn’ ich, kenn’ ich“, ruft einer und winkt aufgeregt.

 

Zur Halbzeit steht es 0:0, und auch wenn Löw neben Maus in der Kabine steht und die Jungs lobt, ihnen noch die kaiserlichen Worte „geht raus und spielt Fußball“ mit auf den Weg gibt, so wirkt sich die Anwesenheit des Bundestrainers nun doch auf die Psyche aus. Kurt Maus hatte befürchtet, „dass die Kamera und der Löw die Jungs nervös machen“. Am Ende hat Arnoldsweiler 2:0 gewonnen. Aber einer hat dennoch überzeugt. „Der Marcel, ja, das könnte einer sein“, sagt Löw zu Kurt Maus. Einer für die überraschenden Elemente, einer für die letzten zehn Minuten. Einer, mit dem keiner rechnet. Nun muss er nur noch den Bierhoff überzeugen. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Noch heute erzählen sich die Zuschauer des Spiels TSC Euskirchen gegen Arnoldsweiler von dem Mai-Nachmittag, als Joachim Löw bei ihnen zu Besuch war. Oder war er es doch nicht…?

„Hut ab vor mir!“

Der Montag nach einem Bundesliga-Wochenende. Unser Treffpunkt mit Thomas Müller, 24, ist ein Hotel in der Nähe des Münchner Marienplatzes. Ein Stück Heimat für den Angreifer, der ein wandelnder Anachronismus im modernen Fußball ist: ein echter Bayer beim FC Bayern. Im Zuge totaler Globalisierung und härtestem Sozialdarwinismus auf dem grünen Rasen sind regionale Helden in den Clubs zur Rarität geworden. Siegeswille, der sich auch über die eigene Herkunft nährt, gibt es nicht mehr. Ausnahme: Müller.

 

Er wirkt gelassen und aufgeräumt, schließlich hat sein Verein am Vortag gewonnen und er ein Tor erzielt. Aber auch wenn das nicht so gewesen wäre, ein Müller ist immer charmant, höflich, vergnügt. Seine Devise ist, nicht immer alles so ernst zu nehmen. Und noch etwas unterscheidet ihn von den allzu glattgemanagten Elitekickern: Müller traut sich, den Mund aufzumachen.

 

Thomas Müller, wird die Nationalmannschaft in Brasilien Weltmeister?

 

Die Erwartung ist da. Ich würde sie auch an die Mannschaft haben, weil wir natürlich immer wieder betonen, dass wir gute Spieler haben. Wir fahren nach Brasilien, um den Titel zu holen.

 

Sind die Erwartungen überzogen?

 

Dieser Erfolgsdruck ist nicht schön, aber wir haben ihn uns selbst erarbeitet. Ich hoffe nur, dass sich im Sommer wieder so eine Stimmung im Land entwickelt. Da sind die Fans gefordert, aber auch die Medien. Wenn wir merken, dass die Fans daheim hinter uns stehen, bringt uns das enorm viel. Allerdings muss auch jeder einsehen, dass man keinen WM-Titel garantieren kann, schließlich sind auch andere Mannschaften sehr gut besetzt. Wir haben sicherlich das Potenzial, aber mit Potenzial hat noch keiner was gewonnen.

 

Was fehlt der deutschen Nationalmannschaft, was der FC Bayern schon hat?

 

Wir haben beim FC Bayern eine große Souveränität entwickelt. Das ist aber eine ganz andere Situation, denn bei der Nationalmannschaft müssen wir immer in unterschiedlichen Formationen spielen. Und es gibt keinen täglichen Trainingsrhythmus, der für die Spielweise des FC Bayern unabdingbar ist. Auch deshalb ist es entscheidend, dass wir vor der Weltmeisterschaft ein gutes Trainingslager absolvieren und uns gut vorbereiten. Ich bin optimistisch, dass das klappt.

 

Was macht Pep Guardiola als Trainer so besonders?

 

Er ordnet einfach alles dem Erfolg unter, zerpflückt das Spiel in seine Einzelteile und versucht, für jeden Gegner und jeden Spieler Lösungen zu finden. Ein Trainer hat ja keinen Einfluss darauf, ob einer mit links gut schießen kann oder nicht. Aber er kann entscheiden, wo er welchen Spieler wann einsetzt, wie das Zusammenspiel zu funktionieren hat, und er kann eine Strategie wählen. In all diesen Dingen ist Guardiola ein Perfektionist. Man sieht auch oft, wie wir im Spiel schon nach zehn Minuten die Positionen wechseln, weil er eine Schwachstelle entdeckt hat. Oder etwas, was man anders machen könnte. In dieser Form habe ich das noch nie erlebt.

 

Und so wird ein Thomas Müller plötzlich zum Mittelstürmer …

 

Zum Beispiel. Aber das ist bei mir nichts Neues, ich war noch nie auf eine Position festgelegt. Ich habe offensiv alles gespielt und bin in dem Bereich gefährlich. Da ist es egal, wo ich eingesetzt werde.

 

Was ist neben Trainer Guardiola das Erfolgsgeheimnis des FC Bayern München in den vergangenen Jahren?

 

Wir haben extrem viel Qualität, egal wer auf dem Platz steht. Im Endeffekt macht das den
Unterschied. Und wir wissen, dass wir uns immer Torchancen herausspielen können. Selbst in  Begegnungen, in denen es mit der Motivation vermeintlich schwierig ist, schaffen wir es trotzdem, guten Fußball zu zeigen. Einfach weil wir unglaublichen Spaß am Spielen haben.

 

Soll heißen, die Bundesliga bleibt auch in den nächsten Jahren langweilig?

 

Ich kann diese Angst verstehen. Es liegt zwar immer im Auge des Betrachters, was er als langweilig empfindet, aber natürlich sind wir in den letzten beiden Jahren schon sehr dominant aufgetreten. Das kann jedoch auch wieder anders werden. Wir werden uns spielerisch sicher nicht verschlechtern, aber eine Bilanz wie in der abgelaufenen Saison ist kaum zu wiederholen.

 

Sie stammen aus Pähl am Ammersee, nur wenige Kilometer von München entfernt. Ist Heimat für Sie wichtig?

 

Nicht übermäßig wichtig, aber in meinem Fall ein willkommener Zufall, dass ich es sportlich beim FC Bayern München geschafft habe. Wenn es nötig gewesen wäre, hätte ich auch woanders mein Glück versucht. Aber es ist schön, dass der aktuell beste Fußballclub der Welt gerade mal 50 Kilometer von meinem Heimatort entfernt ist und schon immer der Verein meines Herzens war. Das passt einfach. Und derzeit will ich auch nichts daran ändern.

 

Was mögen Sie an Ihrer Heimat?

 

Wenn ich an diese Gegend denke, fällt mir immer ein: ein schöner sonniger Tag, Bergblick, der See in Reichweite, tolle Natur. Das Gleiche gilt für München. Die Voraussetzungen, hier ein schönes Leben zu haben, sind einfach sehr gut. Ich kann schlecht einschätzen, wie wir Bayern auf andere wirken, aber ich fühle mich sehr wohl hier.

 

Können Sie sich überhaupt vorstellen, jemals woanders zu spielen als beim FC Bayern München?

 

Ich bin nicht so blauäugig, zu sagen, dass es nie einen Wechsel geben wird. Das Fußballgeschäft ist so schnelllebig und unvorhersehbar, da kann viel passieren. Der FC Bayern ist aktuell die Nummer eins in der Welt, da geht man ungern weg. Aber ich bin sicher keiner, der den Fans irgendwas verspricht und dann klammheimlich anderswo unterschreibt.

 

Sind Sie konservativ?

 

Ich bin mit Traditionen aufgewachsen, in einer kleinen Gemeinde mit Dorffesten und Vereinen, wo noch nach dem kirchlichen Kalender gelebt wird. Und ich schätze Traditionen wie den Leonhardiritt. (In dieser Prozession bitten katholische Pferdefreunde wie Thomas Müller um die Gnade von St. Leonhard, dem Schutzheiligen der Nutztiere; Anm. d. Red.) Aber da ich schon früh in meiner Jugend nach München gefahren bin, um beim FC Bayern zu trainieren, war ich immer offen für Neues: Und ich bin froh, dass ich mehr kennengelernt habe als nur das Biotop eines Dorfes, in dem sich jeder kennt.

 

Sie sind schon als Elfjähriger fast täglich mit dem Zug nach München gependelt. Ein ganz schöner Aufwand.

 

Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Hut ab vor mir, wie ich das durchgezogen habe! Damals hat es mich nicht gestört, da war das ein Teil meines Lebens. Schule, kurz zu Hause, dann ab ins Training. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Diesen Aufwand betreiben sehr viele, die es dann aber nicht schaffen.

 

Ist das ein Argument, das man jedem entgegenhalten könnte, der sagt: Fußballprofis verdienen zu viel?

 

Das ist in jedem Geschäft so, dass man nicht immer erkennt, was einer in den Erfolg investieren muss und welche Opfer er bringt. Der Fußballprofi verdient ja nur deshalb so viel, weil so viele Leute den Fußball als Unterhaltung konsumieren. Wir legen die Gehälter ja nicht fest, die entwickeln sich so – und da sagt man doch nicht Nein.

 

Es heißt, Sie seien normal und natürlich geblieben. Wie schafft man das, gerade beim FC Bayern?

 

Man muss die Welt, in der man sich bewegt, und das ganze Geschäft immer gut reflektieren. Was kann ich für voll nehmen und was nicht? Wo muss ich mir meine eigene Meinung bilden? Die Fußballwelt kann einen blenden, ganz klar, und nicht jeder, der nach einem Sieg dein Freund ist, ist das auch nach einer Niederlage. Ich komme damit zurecht, vielleicht weil meine Eltern einen guten Einfluss auf mich hatten. Und ich habe mal den Tipp bekommen, ich solle einfach so sein, wie ich bin. Damit bin ich immer gut gefahren.

 

Haben Sie deshalb nach Ihren zwei Toren im Achtelfinale der WM 2010 gegen England mal eben Ihre Oma gegrüßt?

 

Das war mein bester Schachzug. Nein, im Ernst, es war natürlich nicht geplant, aber rückblickend kann ich sagen, dass ich es nicht besser hätte machen können. Da ist das Adrenalin durch die Decke gegangen, und weil ich ja ohnehin den Mund nicht zukriege, ist das einfach rausgeblubbert. Ich versuche immer, das Leben locker zu nehmen. Was nicht heißt, dass ich mich nicht auch mit ernsthaften Themen befassen oder unangenehme Gespräche führen kann. Ich bin auch sehr direkt, denn mit klaren Ansagen kann ich besser umgehen als mit Wischiwaschi.

 

Sie wirken sehr abgeklärt für Ihr Alter …

 

Grundsätzlich bin ich mir über die Vergänglichkeit nicht nur des Fußballgeschäfts, sondern des Lebens an sich bewusst – und nehme deshalb alles nicht ganz so ernst. Wobei ich natürlich das Glück habe, in Deutschland leben zu dürfen. Denn wenn man nichts zu essen hat, kommt man mit Lockerheit auch nicht mehr weit.

 

Hat Ihre Lockerheit auch Grenzen?

 

Auf jeden Fall. Wenn ich mit meiner Familie beim Essen bin, und da kommt ein Fan, packt seinen Rucksack auf den Tisch und sucht nach Zettel und Stift für ein Autogramm, dann geht das einfach zu weit. So was gibt’s ab und zu. Ich werde von Jahr zu Jahr konsequenter, wenn es um meine Privatsphäre geht. Früher habe ich mich noch gefreut, wenn ein Fan an der Haustür geklingelt hat, und sogar gefragt, was ich sonst noch für ihn tun kann.

 

So mancher, der wie Sie über Nacht zum Star wurde, ist übergeschnappt.

 

Es ging überwältigend schnell. Vor allem mit der Weltmeisterschaft 2010 gleich nach meinem ersten Profijahr, in dem ich auch noch Torschützenkönig wurde. Allerdings sind auch Druck und Anspruch enorm gestiegen, deshalb konnte ich mich nie auf den Leistungen ausruhen. Wenn man es im Fußballgeschäft nicht mehr bringt, wird man verschwinden. Dessen muss man sich bewusst sein. Denn jeder ist zu ersetzen. Jeder. Das ist die knallharte Wahrheit.

Hier fliegen 3,3 Millionen

Fragte ein Enddreißiger mit zwei kleinen Kindern, einer Frau und Doppelhaushälfte in München um Rat, ob er seinen Job als Geschäftsführer einer global agierenden Designagentur kündigen soll, nur um einem vermeintlich genialen Einfall nachzugehen, den er beim Joggen hatte, die Antwort wäre klar: Lass es lieber sein. Er weiß ja noch nicht mal, ob die Idee überhaupt umsetzbar ist. Und wenn sie es ist, ob die Umsetzung auch finanzierbar ist. Und wenn sie es ist, ob das Produkt überhaupt einen Markt findet. Definitiv zu viele Wenns für einen Enddreißiger mit Familie und Doppelhaushälfte.

 

 

Nikolaj Hviid kann über mangelnden Mumm nur herzlich lachen. „Immer wenn man denkt, das Leben ist perfekt so, dann sollte man es ändern“, sagt der Däne aus dem jütländischen Örtchen Struer, das nicht nur „wunderschön“ ist, wie er meint, sondern auch eine berühmte Firma beheimatet – Bang und Olufsen. Hviid erwähnt das nicht, diese Petitesse über Struer darf man selbst herausfinden, aber eine nette Parallele ist es schon, denn Design, Akustik und wirtschaftlicher Erfolg, das sind auch Themen, die Nikolaj Hviid umtreiben. „Ich bin glücklich, wenn ich mich selbst herausfordere und neue Sachen ausprobiere“, sagt er. Alle fünf oder sechs Jahre, meint er, müsse man sich neu erfinden. Aber der Reihe nach.

 

An dem Tag, an dem sich sein Leben mal wieder völlig ändern sollte, zog Hviid seine neuen Laufschuhe an. Er hatte festgestellt, dass viel Arbeit und einige Geschäftsessen den ehedem sportlichen Körper etwas aus der Form gebracht haben. Es kam, wie es kommen musste: Nach einem Kilometer japste und keuchte er, der Rücken und die Knie schmerzten. Doch anstatt die Schuhe in den Keller zu packen,wie es so mancher in seinem Alter getan hätte, fragte er sich: „Was ist da passiert mit mir?“ Ein Bekannter, Leistungssportler von Beruf, klärte ihn auf, und da wusste Hviid, dass er es völlig falsch angegangen hatte. Am nächsten Tag beherzigte er die Ratschläge seines Kumpels, und schon lief er fünf Kilometer ohne Probleme.

 

Da nun nicht alle einen Leistungssportler zur Hand haben, arbeitete es in Hviid: Es müsste ein Teil geben, das einem sagt, wie man laufen soll, das den Puls und die Sauerstoffsättigung im Blut misst, die Geschwindigkeit und die Entfernung registriert. Und das nebenbei wahlweise Musik spielt oder ein Buch vorliest. Das alles soll sich am besten direkt im Ohr befinden. Schließlich will man nicht immer das schwere Smartphone mit sich herumtragen müssen, dazu die Kopfhörer samt Kabel.

 

Zwei Jahre später, im Herbst 2014, wird „dieses Teil“ nun ausgeliefert. The Dash heißt das Wunderding, ein veritabler Minicomputer, den man sich in den Gehörgang klemmen kann – für knapp 300 Dollar. In den zwei Jahren hat Nikolaj Hviid Erstaunliches erlebt und geleistet. Nachdem er bei Designit, seiner alten Firma, gekündigt hatte, begab er sich mit der Familie auf Reisen. Am Pool, bei ein paar Cocktails, ließ er die Idee sacken, tüftelte danach weiter und entschied schließlich: Ja, es ist möglich, so etwas zu bauen. Er rief ein paar Kollegen und Freunde an und überzeugte sie. Was nicht immer leicht war, einige hielten das Projekt für unmöglich.

 

Aber er fand sie: Designer, Akustiker, Elektroniker und viele andere Spezialisten, die mit ihm dieses kleine Ding erschaffen wollten. Und die auch investierten. Denn Hviid hatte ja nicht nur keinen Job mehr, er musste auch noch einiges Geld in die Hand nehmen. „Man muss immer in Vorleistung gehen, in der Liebe und in der Wirtschaft“, sagt er. Für einen wie Hviid ist das kein Problem, denn: „Es ist nur Geld. Ich will es verwenden, um die Sachen zu machen, von denen ich träume.“ Besitz braucht er nicht, er hat sich noch nie ein fabrikneues Auto gekauft, trägt ausgetretene Chucks zu den Jeans. Und selbst wenn es schiefgehen sollte, weiß Hviid, dass er immer noch etwas gelernt haben wird.

 

So hat er es immer gehalten, schon als er als Student sein erstes von mittlerweile sechs Start-ups gründete und von seiner Bude aus eine IT-Beratung betrieb. Damals lernte er, „dass es wichtig ist, einen guten Buchhalter zu haben“. Der entscheidende Katalysator aber war die Idee, den Minicomputer fürs Ohr per Crowdfunding zu finanzieren – über Kickstarter, eine amerikanische Geldsammelplattform, die weltweit größte. Aber nicht nur die Investitionen reizten Hviid, sondern auch die Rückmeldungen der Interessenten. „Ich wollte das Projekt vielen zeigen und wissen, was sie darüber denken.“ Oft saß Hviid bis um drei am Rechner und beantwortete die Fragen der potenziellen Kleinanleger, darunter auch fachkundige Menschen, die bereitwillig ihr Wissen zur Verfügung stellten.

 

Bis Ende März 2014 sammelte Hviid bei Kickstarter von fast 16000 Investoren insgesamt 3,39 Millionen Dollar ein. Startkapital für seine neue Firma, die er Bragi nannte, und zugleich als das erfolgreichste europäische Crowdfunding-Projekt aller Zeiten. „Wir haben eine Bringschuld. Die Leute haben an uns geglaubt, jetzt müssen wir liefern.“ Und sie liefern. Was da in den letzten Monaten entstand und gerade entsteht – anfangs in einem Abrisshaus, nun in einem etwas schäbigen Hinterhofgebäude nahe des Münchner Hauptbahnhofs –, ist beeindruckend: ein wasserdichter Kleinstrechner, bestehend aus zwei Ohrsteckern, links werden die Laufdaten ermittelt und abgerufen, rechts sitzt der vier Gigabyte große MP3-Player für rund 1000 Musikstücke (über Bluetooth kann man zudem aufs Smartphone zugreifen). Das Design und die Positionierung direkt im Ohr sorgen für störungsarmen Sound in CD-Qualität, eine „Passive Noise Reduction“ ermöglicht auch den Einsatz im Flugzeug. Beim Telefonieren via Bluetooth fungiert The Dash mit einem sogenannten Knochenschall-Mikrophon als kabelloses Headphone.

 

Drei verschiedene Größen wird es einmal geben. Man soll den Apparat derart in die Ohrmuschel hineindrehen können, dass er bei jeglicher Laufbewegung (und sogar beim Schwimmen) festsitzt. Das gelingt bei 94 Prozent aller Ohren, weiß Hviid. „Nur Blumenkohlohren oder extrem kleine oder große könnten Schwierigkeiten machen.“ Mittels App bzw. Computer könne der Besitzer die Daten später abspeichern und auswerten. Wichtig ist Hviid, dass das jeder Nutzer machen kann, ohne seine Daten auf einen Server zu landen. „The Dash gibt nichts raus, außer der Benutzer will es.“ Und das soll erst der Anfang sein. Hviids Leute arbeiten schon an weiteren Funktionen. Streng geheim natürlich, „denn es gibt genug große Unternehmen, die das alles gern wüssten“, sagt Hviid und lacht. Und doch verrät der Däne etwas. The Dash soll irgendwann sogar Krankheiten erkennen können und seinen Besitzer zum Arzt schicken. Feuerwehrleute im Einsatz könnte er über Sauerstoffmangel informieren. Und spricht ein Schwede mit einem Chinesen, könnte er das Gesagte nicht nur übersetzt bekommen, sondern würde auch über kulturelle Hintergründe aufgeklärt werden.

 

Und vielleicht kann The Dash demnächst auch etwas, woran jetzt noch gar keiner denkt – sondern allein Nikolaj Hviid. Er ist stolz darauf, sich etwas bewahrt zu haben, was er bei vielen Menschen verloren sieht. Die kindliche Neugier und der Glaube daran, dass alles realisierbar ist. Vielleicht sollte man es manchmal doch so machen wie Nikolaj Hviid – und sich einfach mal an die Realisierung eines Traums wagen, so seltsam er erst auch klingen mag.

DIE JUNGS MIT DEN EXTRADICKEN EIERN

Als der schwarze Ford Granada durch die dunkle Schaufensterscheibe flog, war mein Tag gerettet. Ein Ford Granada war damals, in den Achtzigern, so etwas wie Gartenzwerg, Eierlikör und Käseigel in einem – spießiger ging’s kaum noch. Natürlich fuhr mein Vater einen. Der war goldmetallic und hatte ein schwarzes Dach. Auf der Rückbank saßen mein kleiner Bruder und ich. Wir schämten uns zwar nicht, dazu waren wir zu jung, aber irgendwie war der Granada schon etwas fad. Und jetzt, als 14-Jähriger, sah ich plötzlich: ein Ford Granada kann auch cool sein. Er muss nur durch eine Scheibe fliegen.

 

Das Intro der britischen Serie „Die Profis“ war ein kleines Fanal, begleitet von peitschender Musik, mit widerborstig jaulendem Bass und quäkenden Blechbläsern. Und mit rasanten Schnitten. In der Schaufensterscheibe hatte sich kurz zuvor noch das Leben im London der späten Siebziger gespiegelt. Die Swinging Sixties mit Mode und Musik, mit Sex, Charme und Melone und seiner bonbonfarbenen Leichtigkeit waren den düsteren Siebzigern gewichen, mit Arbeits- und Perspektivlosigkeit, blutigem IRA-Terror und der Eisernen Lady Margaret Thatcher. Die Wirtschaft lag darnieder, der Staatsbankrott drohte, und die englische Fußball-Nationalmannschaft – 1966 noch Weltmeister – war drauf und dran, schon wieder die Qualifikation für eine Weltmeisterschaft zu verpassen. Es war trostlos. Vielleicht gerieten die „Profis“ deshalb so machoesk, teilweise reaktionär und aus heutiger Sicht geradezu obskur gewalttätig.

 

Als ich Weihnachten 1984 die erste Folge sah, eröffnete sich eine neue Welt aus Männlichkeit und Action. „Die Profis“ zu gucken, das war die Abzweigung Richtung erstes Bier, erste Party und erst mal sehen, ob die Mädels nicht doch was anderes sind als nur doof.

 

Der Hype um Doyle (aka Martin Shaw, aka Agent 3.7) und Bodie (aka Lewis Collins, aka Agent 4.5) mag heute schwer zu begreifen sein. Aber es war die oft zitierte Drei-Sender-Zeit mit Sendeschluss um Mitternacht und Testbild am Nachmittag. In der Bravo, damals noch das konkurrenzlose Zentralorgan für uns Pubertierende, wurde regelmäßig über die beiden berichtet. Samt ausreichender Versorgung mit Postern, Titelgeschichten oder einem „Star-Album zum Rausnehmen“.

 

Es war eine Zeit, als man Gangster noch an ihren knolligen Nasen, dem kantigen Gang und den Nylonstrümpfen überm Gesicht erkennen konnte. In einem London, das immer nass und neblig war, das vollstand mit Backsteinbauten und Hafenlagerhäusern, stets so düster wie Cowleys Miene. Cowley war der Boss von Doyle und Bodie. Seine Idee war es, den CI5 zu gründen, eine Sondereinheit zur Terrorismusbekämpfung. Der CI5 war der Polizei übergeordnet und hatte Lizenz zum Schlägern, Ballern und Killen. Im Sinne Ihrer Majestät der Queen natürlich.

 

In der ersten Episode sagt Cowley zu den Jungs: „Gewalt nur anwenden, wenn es absolut notwendig ist.“ Und es war notwendig. In jeder Folge. Was soll man machen? Als Agenten gehörten zu dieser Einheit ehemalige Polizisten, aber auch gescheiterte Existenzen – falls sie denn Cowley für fähig hielt. So kam Doyle von der Drogenfahndung, während Bodie als Söldner und Fallschirmjäger eher der letzteren Kategorie angehörte.

 

„Die Profis“ waren politisch unkorrekt, lange bevor der Ausdruck erfunden wurde. Die härteste Härte ersparte uns das ZDF. Gleich in der ersten Originalfolge (in Deutschland erst 1991 bei SAT.1 zu sehen) packt sich ein Geiselnehmer eine blonde Krankenschwester und hält ihr nicht einfach nur eine Pistole an die goldblonden Haare, nein, er schiebt auch seine Hand mitsamt einer Handgranate in ihr Dekolleté. Damit man weiß, dass es ihm ernst ist. Doyle erschießt den Schurken, die Handgranate rutscht in die Tiefe. Bodie hechtet sich auf die hysterisch schreiende Frau, ohrfeigt sie, um sie ruhig zu stellen, zertrennt fachmännisch ihre Oberbekleidung, holt die Handgranate hervor und wirft sie zielsicher in eine drei Meter entfernte Blechtonne.

 


Sie neckten und balgten sich und hauten sich auch mal auf die Fresse


 

 

Doyle und Bodie waren echte Buddies, führten adjektivarme Männergespräche in ihrem Ford Capri, während sie über Randsteine polterten oder das Fahrzeugheck per Handbremse herumwuchteten. Sie neckten und balgten sich und hauten sich auch mal auf die Fresse. Sie hielten sich für unverwundbar. Sie waren übermütige, renitente und unreife Lümmel, die sich über ihren Vorgesetzten Cowley lustig machten, hinter seinem Rücken, versteht sich. Doyle und Bodie waren wie wir, obwohl sie im Alter unserer Eltern waren. Sie waren erwachsen geworden, ohne die Kindheit aufzugeben. Was für ein genialer Plan.

 

Auffällig war stets die exzessive Nutzung von Waffen. Eine Fan-Website zählt nicht weniger als 56 verschiedene Arten: von der Pistole (Smith & Wesson, Walther PPK, Beretta, Tokarev etc.) über diverse Gewehre bis hin zu „Spezialitäten“: Handgranate, Panzerfaust, Granatwerfer. Daneben waren Verfolgungsjagden fester Bestandteil der Serie. Oft zu Fuß, meistens aber mit dem Auto. Ab Staffel zwei fuhr man übrigens ausschließlich Ford. So wurde ein weiterer Star geboren: Bodies silbergrauer Ford Capri 2.0 S (mit karierten Sitzen!). Das Modellauto von der Firma Corgi mit den daumengroßen Doyle- und Bodie-Figuren aus Plastik hätte ich sicher besessen, wäre ich mit 14 Jahren nicht schon zu alt gewesen für Spielzeugautos.

 

Cowley (aka Gordon Jackson) war der Mann in der Zentrale für die lauen Zwischensequenzen, die Mutter der Kompanie, ein Mittfünfziger, kriegsversehrt und deshalb irgendwie immer im Büro. Er war der intellektuelle Überbau, gab die Anweisungen – und Doyle und Bodie, die Buben, rannten und ballerten, bis das Böse besiegt war. Cowleys schönster Satz: „Ich übertrete nur alberne Vorschriften, gegen sinnvolle habe ich nichts.“ Doyle und Bodie waren Männer ohne Nerven und Vornamen. (Natürlich hatten sie Vornamen, aber wen interessierten die schon.) Mit Doyle konnte ich nicht viel anfangen. Er hatte ein feminines Gesicht und trug Dauerwelle. Die gleiche wie meine Mutter. Bodie gefiel mir. Er verzichtete gleich ganz auf eine Frisur. Sein glattes Haar klebte speckig am Schädel, und dass er dennoch cool aussah, war allein schon eine schauspielerische Meisterleistung. Damals war ich vor allem dankbar, dass er meine gern als Topfschnitt bezeichnete Standardfrisur veredelte, indem er sie selbst trug. Ich musste, er durfte.

 

Die beiden hatten kein ersichtliches Privatleben. Es gab Frauen in ihrem Leben, aber nur wenn der Dienstplan und die laufenden Ermittlungen es erlaubten. Dann allerdings nach Belieben. In einer Folge geht Bodie auf einen Sonntagsausflug „mit der schönen Michelle“, wie Doyle schmierig grinsend mutmaßt. Dabei ist es ja längst die langmähnige Julia. Die beiden geraten in eine Terroristenjagd, wie das eben so ist, sonntags bei Bodie. Immerhin: Diese Julia konnte leidlich Auto fahren, was sie dann auch tut, während Bodie tapfer und trotz peinigender Handverletzung auf die Terroristen ballert. Julia mäkelt an seinen Methoden herum, bis Bodie schließlich mault: „Er ist ein Bombenleger und Mörder.“ Darauf Julia: „Aber trotzdem bleibt er ein Mensch.“ Statt zu antworten, lädt Bodie noch mal durch. Ende der Diskussion.

 

Lewis Collins war Bodie. Collins wurde 1946 in Birkenhead geboren, in der Nähe von Liverpool, dort wo England stets besonders grau und rau war. Er arbeitete als Lehrling bei einem Damenfriseur und saß nebenher in diversen Bands am Schlagzeug; Bands, die Namen trugen wie The Renegades, The Georgians oder The Mojos. Letztere spielten regelmäßig im Club The Cavern. Als im August 1962 eine andere lokale Liverpooler Band, die dort ebenfalls oft auftrat, einen neuen Schlagzeuger suchte, da meinte ein Kumpel zu Collins, er sollte doch mal vorspielen. Aber der 16 Jahre alte Lewis zog es vor, seine Ausbildung zu beenden und träumte von einem eigenen Damensalon in Liverpool. Was Solides halt. Und so wurde ein gewisser Ringo neuer Schlagzeuger bei diesen Beatles. Blöder Zufall, aber irgendwie typisch: Lewis Collins nahm oft die falsche Abzweigung. Über den Umweg als Roadie, Lexikonverkäufer und Lastwagenfahrer landete er dann im Showbusiness und ließ sich ab 1968 in London zum Schauspieler ausbilden.

 

Collins hatte nur wenige Gesichtsausdrücke. Einer war der gesenkte Kopf mit den nach oben funkelnden Augen, dazu eine grimmige Entenschnute, als trüge er eine überdimensionale Büroklammer um seine Lippen. Mit diesem Blick überwältigte er Gangster und Frauen gleichermaßen. Er war einfach unendlich cool. 1982 war er deshalb als Nachfolger für Roger Moore als James Bond im Gespräch, aber irgendwie vertrottelte er es wieder, weil er den Produzenten als „zu aggressiv“ auffiel. Danach bekam er keine vernünftigen Rollen mehr. Ein paar alberne B-Movies, wie „Geheimcode: Wildgänse“ mit Klaus Kinski durfte er noch anreichern, stets als ballernder Haudrauf, aber das war es dann auch. Zwischendurch bewarb er sich bei der SAS, einer Art britischer GSG 9, und bestand sogar den Eignungstest. Genommen wurde er nicht, weil man keine Fernsehnase in einer semi-geheimen Spezialeinheit brauchen konnte. Nur noch einmal nahm ich Notiz von ihm, von Bodie, dem coolsten Mann der frühen Achtziger. Im November 2013 starb er, grau, ausgezehrt und gerade 67 Jahre alt, an Krebs. Fünf Jahre hatte er dagegen gekämpft. Aber der Krebs ist kein gewöhnlicher Bombenleger. Bodie hatte keine Chance.

 

Martin Shaw, geboren 1945 in Birmingham, hatte von Anfang an seine Schwierigkeiten mit dem Format. Im Gegensatz zu Collins ist er eher ein Feingeist und durchaus ein begabter Schauspieler – er liebt Shakespeare und spielte etwa in Roman Polanskis Macbeth-Verfilmung von 1971 mit. Nach Ende der „Profis“ wurde er ein gefragter und erfolgreicher Bühnen- und Filmschauspieler. Dass er keinen Alkohol trank, nicht rauchte und Vegetarier war, machte ihn auch nicht zu einer Idealbesetzung des Doyle. Aber wie viele seiner Kollegen war es auch für Martin Shaw im Jahr 1977 schwer, an adäquate Rollen zu kommen. Die britische Filmindustrie darbte vor sich hin, und auch am Theater ließ sich wenig verdienen. Also nahm er die Rolle an. Glücklich wurde er damit nicht. Er sah sich als „gewalttätige Marionette“ missbraucht.

 

Nach Ablauf seines Vertrages hatte er erwartungsgemäß keine Ambitionen, die Serie fortzusetzen. Im Gegenteil. Er verbat sich sogar Wiederholungen. Anders als in Großbritannien, wo die Serie in kleineren Dosierungen noch bis 1983 weiterlief, prügelte das ZDF seine 39 Folgen am Stück durch, sodass Mitte 1982 schon wieder Schluss war. Zwei Jahre später wiederholten sie sie, diesmal mit 41 Folgen. Und mit mir. Es waren schwere Zeiten. Ich war 14 und die Pubertät verwüstete alles, was bisher galt. In der Schule focht ich einen aussichtslosen Kampf gegen Mathe und Physik, ich konnte weder bei Heike noch später bei Sabine irgendwie landen, und mein Lieblingsverein war der TSV 1860 München, was damals noch viel weniger lustig war als heute. Da tat es gut, wenigstens ein kleines bisschen wie Bodie sein zu können. Wenn auch nur durch die gleiche Frisur.

 

Was James Bond nur alle paar Jahre auf die Kinoleinwand brachte, boten die „Profis“ im Kleinen jede Woche: Schlägereien, Sprüche, Stunts, Schießereien, Verfolgungsjagden und Männlichkeit. Doyle und Bodie waren in England enorm beliebt. Als 1979 die US-Botschaft in Teheran besetzt wurde, da forderten viele Bürger, man möge doch den CI5 hinschicken, um die Geiseln zu befreien. Sogar Queen Elizabeth II. gestand, die Serie gerne zu sehen. Anfang der Neunziger begann eine bis heute andauernde Wiederholungssendung im deutschen Privatfernsehen. Ich habe mir nie mehr eine Folge angesehen. Ich bin längst erwachsen geworden, aber an dem genialen Plan von Doyle und Bodie habe ich immer festgehalten.

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Die Schneidemeister

Für Admiral Gene Wheatley ist es eine unbehagliche Situation. Er hat zwei Optionen, beide würde er nicht überleben. Der Pilot der U.S. Air Force befindet sich mit seinem Jet über dem Atlantik, umhüllt von schwarzer Nacht. Als er merkt, dass die Atemmaske nicht funktioniert, weiß er: Ohne sie wird er ersticken. Wenn er tiefer fliegt, wo das Atmen ohne Maske möglich wäre, verbraucht er zu viel Treibstoff und stürzt irgendwann ab. Seine einzige Chance ist es, die Maske irgendwie zu reparieren. Ohne Werkzeug, im Flug, in der Nacht. Es gelingt. Mit seinem Taschenmesser, das er seit 23 Jahren bei sich trägt. Ein rotes Messer aus der Schweiz, hergestellt in Ibach im Kanton Schwyz. Sein Lebensretter.

 

Briefe mit solchen Geschichten erreichen Hans Schorno regelmäßig. Der Medienverantwortliche der Victorinox AG hat sie alle in roten Leitz-Ordnern abgeheftet, akkurat beschriftet. Vom kanadischen Arzt, der in Uganda aus Mangel an brauchbarem medizinischem Gerät damit operierte. Von dessen indischem Kollegen, der in den Siebzigern auf einem Inlandsflug einen Luftröhrenschnitt bei einem Kind durchführte, das sich an einem Bonbon verschluckt hatte, und es so vor dem Ersticken bewahrte. Vom Hobbypiloten, der sich aus einem abgestürzten brennenden Sportflugzeug befreite, oder von den Teilnehmern einer Nordpolexpedition, die bei –50 Grad in arge Schwierigkeiten geraten waren.

 

Auch katalogisiert hat Schorno Tausende Presseberichte und einige hundert Werbeanzeigen, die das berühmte Sackmesser (wie es in der Schweiz heißt) abbilden. Denn wann immer ein Unternehmen irgendwo auf der Welt ein neues Produkt für Vielseitigkeit, Einfallsreichtum und Zuverlässigkeit rühmen will, dann kommt gern mal das Schweizer Messer ins Bild. Bei Lufthansa, Microsoft, American Express und vielen anderen.

 

Victorinox stellt das Original her: das Taschenmesser mit der meist roten Schale, auf der ein Schild mit Schweizerkreuz prangt. Ein Werkzeug, das Mount-Everest-Expeditionen rettete und Astronauten im Weltall half, ist es doch seit 1978 fester Ausrüstungsbestandteil im Spaceshuttle. Ein Victorinox-Messer ist als Beispiel für „Gutes Design“ im NewYorker Museum of Modern Art ausgestellt, die Armeen der Schweiz, Deutschlands und weiterer 15 Nationen nutzen es. Es ist das Symbol für die Schweiz, mehr noch als das Matterhorn und der Käse. Eine Legende.

 

Hans Schorno weiß das. „Das ist einzigartig“, sagt er. Schorno ist ein lustiger Mann mit einem bebenden Lachen. Wenn er sagt: „Wir sind hier nicht im Paradies“, er dann eine Pause macht, um zu ergänzen: „Aber wir sind nicht weit weg davon“, und noch ein rollendes „Hohoho!“ folgen lässt – dann versteht man ihn sofort. Ein Tag in Ibach/Schwyz genügt, um es ihm sofort zu glauben. Inmitten einer Zeit, in der es so viel um Globalisierung und Gewinnoptimierung geht, machen sie hier vieles anders. Und damit alles richtig.

 

Das Paradies wird geleitet von Carl Elsener, 55, dem Urenkel des Firmengründers und Messerschmieds Karl Elsener, der das weltberühmte Schweizer Messer im Jahr 1890 ersonnen hatte. Der Junior ist hager, trägt eine Beamtenfrisur und ein kariertes Oberhemd. Stellte man ihn zwischen seine Mitarbeiter, kaum jemand würde erraten, wer von ihnen der Chef einer weltbekannten Marke ist. Zur Arbeit kommt er mit seinem Peugeot 307, sein Büro ist ein Ausweis gelebter Bescheidenheit. Nichts ist hier neu. Der Schreibtisch steht in der Ecke an die Wand gedrückt, ist holzfurniert und abgewetzt. Beim braunen Drehstuhl schimmert der Polsterschaumstoff durch. Das modernste Utensil ist noch der gut zehn Jahre alte Computer, klobiger Röhrenmonitor, schwarze Tastatur. Daneben staubige Plastikablagen und Stiftehalter im Braun der Achtzigerjahre. Ein Casio-Taschenrechner. Ein Stempelkissen. „Gut zuhören. Scharf nachdenken. Lang nichts sagen“, steht auf einem handbeschriebenen DIN-A 4-Blatt an der Pinnwand.

 

Die elsenersche Bescheidenheit führte zu einem erstaunlichen Schritt: Im Jahr 2000 verzichteten Carl Elsener und seine zehn Geschwister geschlossen auf den finanziellen Anteil am Unternehmen. Für immer. Die Victorinox AG gehört seither zwei Stiftungen, und alle Gewinne fließen wieder der Firma und ihren Mitarbeitern zu. Carl Elsener und seine Familie leben von einem Gehalt und dem, was sie zuvor gespart und angelegt hatten. Der einzige Luxus ist die Ferienwohnung im Engadin. Aber dem Unternehmen geht es blendend. Wer hier arbeitet, der tut das sein Leben lang. Die Gehälter liegen über Tarif, der Mutterschutz ist länger als anderswo, und die Angestelltensparkasse zahlt üppige 1,25 Prozent Zinsen. Und mehrmals täglich werden die Mitarbeiter zur Gymnastik gebeten. Mehr als 900 sind hier tätig, weitere 940 in aller Welt.

 

Sein Messer hat Elsener immer dabei. Stolz berichtet er, wie er neulich in einem Hotelzimmer die Jalousie selbst habe richten können. Es ist eine Symbiose, die Elsener mit seinem Produkt lebt, und das tun hier alle. Wenn er sagt, dass „schon die Menschen in der Steinzeit das Bedürfnis hatten, ein Taschenwerkzeug mit sich zu führen“, dann ist das zwar weit ausgeholt, aber eben auch nicht falsch. „Dieses Messer ist ein lebenslanger Begleiter“, weiß er.

 

Etwa 300 Meter Luftlinie von der heutigen Konzernzentrale entfernt steht am Tobelbach ein altes Fachwerkhaus. Dort richtete sich Karl Elsener  seine erste Werkstatt ein. Seither ist man immer in Sichtweite dieses Ursprungs geblieben. Und daran wird sich wohl auch in den nächsten Jahren nichts ändern. Denn auch heute wird der Stahl nicht in Indien gestanzt oder die Messer in China montiert – das alles passiert hier in Ibach. Angeliefert werden lediglich das Kunststoffgranulat für die Schale und der Stahl aus Deutschland oder Frankreich.

 

Die mannshohen Stahlrollen nimmt Reinhard Fuchs in Empfang. Der ist 59 Jahre alt, und wie bei jedem Mitarbeiter hier gibt es eine zweite Zahl – die der Betriebszugehörigkeit. Bei ihm sind es 45 Jahre. Fuchs ist Abteilungsleiter der Stanzerei, verantwortlich für den Stahl der Messer und den ersten Arbeitsschritt, das Ausstanzen der Klingen. Er ist einer von nur fünf Personen, die genau wissen, wie der Stahl zusammengesetzt ist. Und es geht immer um die richtige Mischung aus „Trägheit, Härte und Rostbeständigkeit“, wie Fuchs erzählt. „Wir sagen dem Stahlwerk, wie gekocht wird.“

 

Daran wird hier seit mehr als 100 Jahren getüftelt, denn jede Messerkomponente hat andere Eigenschaften. „Der Schraubenzieher muss stabil sein gegen Verdrehen, aber auch nicht so hart, dass er bricht; die Messerklinge sollte dagegen sehr, sehr hart sein“, erzählt Reinhard Fuchs. Eine Technikabteilung, ein Stahl- und ein Kunststofflabor arbeiten an solchen Feinheiten. Immer wird überlegt, probiert und verbessert; 3-D-Animationen am Computer helfen genauso wie das Wissen und das Gefühl erfahrener Handwerker. „Das hört nie auf“, sagt Carl Elsener, „wir müssen jeden Tag dran sein.“ Sobald man sich über eine Mischung einig ist, wird der Stahl geordert. Weil aber unter 100 Tonnen nichts geht – das entspricht etwa einer halben Million Messerklingen –, sollte die Legierung schon gut berechnet sein.

 

Die ausgestanzten Klingen und Teile werden geschliffen und bei mehr als 1000 Grad gehärtet, damit sich das Material verdichtet. Manchmal wird für ein marginales Teil ein enormer Aufwand betrieben. Zum Beispiel bei der Pinzette: hier gebogen, da gebogen, hier geschliffen, dort geschliffen, dann noch ein Kunststoffteilchen dran. Alles ein eigener Arbeitsschritt, oft mit einem speziellen Gerät. An all diesen Maschinen arbeiten, umwabert vom ratternden Stanzlärm und dem Geruch von Gummi, Lösungsmitteln und Maschinenöl, Männer wie Josef (28 Jahre im Betrieb) oder Christian (34 Jahre dabei) oder Frauen wie Marinda (seit 22 Jahren). Sie produzieren und verarbeiten bis zu 20 Millionen Einzelteile im Monat.

 

Hinter dem Lager für die Einzelteile gelangt man zur Handmontage. Immer noch ein wichtiger Faktor, denn Kleinserien und Sonderanfertigungen machen viel Umsatz. Ein passendes Modell gibt es bei mehr als 360 Varianten ohnehin für jeden. Für den Golfspieler genauso wie für den Pferdezüchter. Für Baumschulen wird ein Rindenlöser aus Messing beigefügt, für Feuerwehrleute eine Funktion zum Zertrümmern von Windschutzscheiben. Die meisten Messer aber sind Konfektion und werden maschinell zusammengesetzt, je nach Größe in „4- oder 8-Lagen-Automaten“, wie sie hier genannt werden. Am Ende einer Produktionsstraße, in der Lage auf Lage geschichtet wird, steht jedes Mal das Anbringen des Schlüsselrings. Mit dem „Ringli-Automaten“. Insgesamt werden 28000 Sackmesser,   32000 Taschenwerkzeuge und an die 60000 Berufs- und Haushaltsmesser hergestellt. An einem Tag.

 

Ein einziges Mal wurde es unbequem im Paradies. Grund waren die Terroranschläge des 11. September 2001. „Da hatten wir gewissermaßen über Nacht einen Umsatzeinbruch von 30 Prozent“, erzählt Elsener. Auf den ersten Blick mag das verwirren, denn was hat ein alteingesessenes Schweizer Handwerksunternehmen mit Manhattan oder al-Qaida zu tun? Beim zweiten Hinsehen erfährt man, dass in den USA die meisten Taschenmesser entweder Werbegeschenke für Geschäftsleute (und die reisen dort mit dem Flugzeug) waren oder im Duty-free-Shop fürs Handgepäck verkauft wurden. Und plötzlich war das verboten. Was tun?

 

Wo andere Unternehmen mit Entlassungen, Kurzarbeit oder ähnlichen betriebswirtschaftlichen Hebeln reagiert hätten, wurde man in Ibach kreativ. Urlaubstage wurden vorgezogen, Überstunden abgebaut und Mitarbeiter in anderen Bereichen eingesetzt. Und schließlich, als alles ausgeschöpft schien, da telefonierte Carl Elsener die Betriebe in der Gegend ab, ob sie nicht Arbeitskräfte „ausleihen“ wollten. Viele wollten, und so wurden in den folgenden Monaten mehr als 90 Mitarbeiter täglich mit dem Bus in der Schmiedgasse 57 in Ibach abgeholt und in der ganzen Gegend verteilt. Entlassen wurde keiner.

 

Dass sich das Unternehmen langfristig erholte, war allerdings der Ausweitung der Produktpalette zu verdanken. Heute gibt es Koffer, Funktionsbekleidung oder Parfum mit dem vertrauten Emblem. Den Anfang dieser sinnvollen Erweiterung hatte 1989 die Armbanduhr gemacht. Heute sorgen die Taschen- und Haushaltsmesser nurmehr für gut die Hälfte des Umsatzes. Eine solide Hälfte: Seit im Jahr 2005 der einzige Mitbewerber (Wenger aus Delémont) übernommen wurde, gibt es nicht mal mehr Konkurrenz. Lediglich der amerikanische Leatherman sei „auch ein sehr gutes Produkt“, wie Carl Elsener so gütig wie gelassen sagt.

 

Hans Schorno (22 Jahre im Betrieb) blättert derweil in einem anderen Leitz-Ordner herum. Es liegen viele auf dem Tisch und noch weitere auf einem Wägelchen, das seine Assistentin hereingeschoben hat. „Jahaa, hier, der Papst mit Herrn Elsener … und da, der Schwarzenegger. Aaah, Al Gore. Mr. Bean. Hohoho!“ Ein Tag im Paradies geht standesgemäß fröhlich zu Ende.

Kinder der Kulisse

Der Weg ins 15. Jahrhundert ist schnell gegangen. Er führt hinauf über grasbüschelgesäumte Feldwege, in die der Regen Pfützen gegraben hat. Das 15. Jahrhundert wurde aus viel Sperrholz gezimmert. Recht schmucklos sieht das von hinten aus. Wie eine Streichholzburg oder wie der Versuch, etwas zum Einsturz Verurteiltes doch noch zu retten. Und davor liegen drei Kanonen im Matsch. Drinnen ist der Petersplatz. Gleich hinter der nächsten Ecke geht es durch die sumpfigen Gassen eines ärmlichen Renaissance-Florenz. Ein Blick in die Höhe zerstört diese Illusion schnell wieder, denn oberhalb der ersten Etage endet das 15. Jahrhundert. Es sind eben Filmkulissen.

 

Auf den Hügeln von Barrandov, dem ruhigen Stadtteil südwestlich der touristengeplagten Prager Innenstadt, haben die Handwerker der Filmstudios das Set für die Fernsehserie „Borgia“ aufgebaut, die wohl größte europäische Serienproduktion aller Zeiten. Für die Studios ist das kein großer Umstand, und auch wenn Rom nicht an einem Tag gebaut wurde, so ging es doch fix: 200 Leute waren sieben Wochen beschäftigt. Die Studios sind für vieles bekannt und geschätzt – für die handwerklichen Fähigkeiten ihrer Schreiner und Stukkateure etwa. Und so fragil das alles wirkt, es steht schon seit drei Wintern. Die zweite Staffel lief jüngst im ZDF, eine dritte ist geplant.
Das Gelände umfasst knapp 40 Hektar. Die Hälfte davon ist bebaut, unter anderem mit Ateliers, die bis zu mehr als 4000 Quadratmeter Platz bieten, mit Ton- und Synchronstudios sowie Werkstätten von Schlossern, Schreinern, Schneidern und Stukkateuren. Der Rest ist Außengelände und bestens geeignet, um mal eben ein bisschen Rom oder London zu errichten. So ist das tschechische Hollywood, gegründet in den Dreißigerjahren, inzwischen eine moderne, kompakte Filmstadt, in der sich zu Fuß alles erreichen lässt, was ein Produzent oder Regisseur braucht.

 

Neben den Babelsberger und den Münchner Bavaria Studios ist Barrandov nicht nur das dritte große „B“, sondern ein Zentrum der europäischen Kinoindustrie. Gut 2500 Filme wurden hier gedreht, neben fast allen heimischen Produktionen auch viele deutsche, französische oder spanische. Und sogar die Amerikaner schauten vorbei und bastelten an Oscar-Prämiertem wie „Amadeus“ oder Kassenschlagern wie „Mission: Impossible“, der „Bourne Identität“ oder „Casino Royale“. Ebenso wichtig für alle um die 40: Barrandov ist der Ort, an dem jene Serien entstanden, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren die Kinder rührten und die heute wohl jeder aus dieser Generation zitieren kann. „Pan Tau“ etwa. Oder „Die „Märchenbraut“. – „Luzie, der Schrecken der Straße.“ – „Die Besucher.“ „Der fliegende Ferdinand.“

 

Nähert er sich den Studios, so erwartet den Besucher am Ende der Straße Lumiérú ein Zweckbau mit zwei Seitenflügeln – sie wirken wie offene Arme. Vom Stil her nicht unschick, erinnert an Bauhaus. Aber einladend ist es nicht, trotz der Geranien am Pförtnerhäuschen, alles zu grau und abblätternd. Errichtet wurde das Haupthaus bereits in den Dreißigerjahren.

 

Irgendwann, wohl 1950, stand Václav Vorlíček in diesem Bau, wo es heute noch nach Sozialismus und Schulhaus aussieht und in den Gängen nach Schweinebraten riecht, da der Kantinengeruch alles durch dringt. Vorlíček hatte weiche Knie, als er fragte, ob sie etwas für ihn hätten, irgendwas, einen Job beim Film. Nein, nein, sagte der Pförtner, da sei nichts vakant. Als plötzlich sein Telefon klingelte. Nach dem Telefonat brauchte man doch jemanden, und Vorlíček war beim Film. So begann seine Karriere als Regisseur, in der er den Kindern der Welt Filme wie „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ oder Serien wie „Die Märchenbraut“ mit der niedlichen Prinzessin Arabella und dem irren Zauberer Rumburak schenkte.

 

Jan Partis ist 65, und färbte er sich seine Haare, dann würde ihm niemand sein Alter abnehmen. Seit Mai 1970 arbeitet er in der Werkstatt gegenüber jenem Studioblock, den einst die Nazis monumental aufs Gelände stellten, um ihre Propagandafilme zu produzieren. Die Sicht ist immer etwas milchig, denn Partis arbeitet als Porzellanbildhauer – weißer Staub ist allgegenwärtig und überzuckert alles. Auch ihn und seine grauen Haare. „Ich gehöre zum Inventar“, sagt er. Einen wie ihn haben sie hier gern, steht er doch für einen Wettbewerbsvorteil: die Liebe zum Handwerk mit Zeit und tschechischer Tradition. „Aber nach 1990 hat sich einiges geändert“, sagt er. Viele seien fortgegangen, in den Westen, hin zum Geld. Es gebe außer ihm nur noch einen Festangestellten in der Abteilung, in der sich alles um Gips und Stuck dreht. Und die anderen? „Das sind gute Leute, aber die machen ihre Arbeit und gehen nach Hause.“ Aber Barrandov, wie er es kennengelernt hat, das war immer mehr. Die Hingabe, die Tradition und der Stolz, hier arbeiten zu dürfen. 40 Jahre lang, in denen er mehr in den Studios als bei seiner Frau gewesen sei, wie er lächelnd sagt. Und auch wenn seine Arbeit selten das Ende der Dreharbeiten überlebt, ist er stolz darauf. Für „Amadeus“ hat er einen Kachelofen gebaut, für „Aschenbrödel“ eine Brosche gebastelt und für „Die Märchenbraut“ eine Schatzkiste.

 

Handwerk bedeutet in Barrandov auch Schneiderei. Martin Růžička sagt, er sei „sehr alt“, dabei ist er erst 61. Seit 1972 arbeitet er hier und hat ähnlich viel erlebt wie Jan Partis. Mit der Brille, dem Schnauzbart und seiner Erklärstimme könnte er eine tschechische Version von Peter Lustig abgeben. Aber Růžička ist in Barrandov Herr über gut 360000 Kostüme und Requisiten, ein Trödler der besonderen Art. „Wir verleihen die Kostüme in ganz Europa, besonders stark sind wir in Barock, Renaissance und Rokoko“, sagt er. Und natürlich in handwerklicher Qualität.

 

Die zwei schachtelartigen Gebäude, in denen diese besonderen Schätze lagern, sind noch düsterer als das Haupthaus, mit graubraunem Putz und rußigen Glasbausteinen, die die Sonne nur sehr widerwillig durchlassen. Drinnen brennt Neonlicht. In einem Raum im ersten Stock sind die Kostüme des Films „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ausgestellt, dazu ein paar Szenenbilder und Anekdoten auf Schautafeln. „Showroom“ heißt das Zimmer leicht beschönigend, denn es hat den Charakter einer Abstellkammer. Es könnte alles glamouröser aufbereitet werden, aber noch gibt es nicht einmal regelmäßige Führungen für Besucher. Es werde daran gearbeitet, sagt Marketingleiter Jan Hlubek etwas verlegen, aber das könne wohl noch dauern. Bis dahin organisiert er Führungen auf Anfrage „für Gruppen oder Grundschulen“. Was ja auch Charme hat.

 

Nach seinem unkonventionellen Einstieg in die Branche stand Václav Vorlíček in den Fünfzigerjahren vor einer Entscheidung. Es gab 50 Regisseure für 25 bis 30 Filme, wovon acht für Kinder sein mussten – Planwirtschaft eben. Diese Projekte aber wollte keiner übernehmen, also griff Vorlíček zu, drehte Kinderfilme, auch Komödien. Und entwickelte da schon den leicht naiven, surrealen Charme, der später auch „Pan Tau“ und Co auszeichnete.

 

Aber erst das deutsche Fernsehen ließ die tschechischen Märchen zum kontinentalen Erfolg werden. Insbesondere dank eines gewissen Gert Müntefering, der seinerzeit das Kinderfernsehen im WDR betreute. Er liebte den Humor von Vorlíček und seinen Mitarbeitern. „Wir alle wohnten in Prag im Umkreis von einem Kilometer. Und wenn einer einen verrückten Einfall hatte, suchte der andere einen noch schrägeren. Wir haben uns kreativ regelrecht hochgeschaukelt“, erinnert sich Vorlíček. Mit WDR-Mann Müntefering besprach er die Drehbücher der „Märchenbraut“-Serie. Für jede Produktion reiste er vier- oder fünfmal nach Köln. Viel öfter, als es nötig war. Doch Konferenzen beim Westfernsehen waren ein guter Vorwand, „in den Westen zu reisen und Geschenke einzukaufen“.
Die Devisen waren ein Grund, warum in Barrandov für den Kapitalismus produziert werden durfte. „Auch den Sozialisten bedeutete Geld etwas“, sagt Schauspieler Jiří Lábus und lacht. Die Rolle seines Lebens hatte er in der „Märchenbraut“, als er mit echten Haaren und angeklebtem Bart den Zauberer Rumburak spielte. „Es war eine Zeit, in der wirklich alles passte“, sagt Lábus, „mit tollen Kollegen, einem genialen Drehbuch und den Kostümen.“ Für Letztere war Theodor Pištĕk verantwortlich, der später sogar einen Oscar für seine Arbeit in „Amadeus“ bekam. Noch heute glänzen die Augen des mittlerweile 63 Jahre alten Lábus, wenn er von der „magnetischen Wirkung“ der „Märchenbraut“ spricht, die die Zuschauer förmlich hineinziehe.

 

„Irrwitzige Ideen haben immer Bestand“, sagt Regisseur Vorlíček, und es scheint, als grinse der Mann mit dem Gehstock in der rechten und der Zigarette in der linken Hand innerlich. Darüber, wie er die Sozialisten ausschmierte oder wie er diese furiose Geschichte um die Vermischung von Märchen und realer Welt ersann. 2010 wurde er 80 Jahre alt. Ein deutscher Radiosender gratulierte ausführlich und erhielt etliche Leserbriefe.

 

Als Vorlíček die Post aus Deutschland in die Hände bekam, rollten bei ihm die Tränen. „Das ist wirklich die schönste Anerkennung.“

LEI(H)DER GEIL

Manches ist für Daniel Bechtel schwer zu begreifen. Da fährt dieser Typ aus Belgien bis in den Kraichgau, nur um eine Stunde lang mit Bechtels Auto herumzufahren. Zweimal siebenhundert Kilometer. Oder dieser Zwölfjährige, dessen innigster Wunsch es war, einmal Beschleunigung in diesem Auto zu erleben. Seine Mama hatte keine Ahnung, wie der Bub darauf kam. Aber Mutterliebe fragt nicht lange und so installierte Bechtel einen Kindersitz – und es konnte losgehen. Schließlich ist Daniel Bechtels Auto auch kein gewöhnliches Mobil. Es ist ein Nissan GT-R. Dennoch: Geplant war das alles so nicht. Eigentlich war und ist Bechtel ein ganz normaler IT-Unternehmer, der im überregional bekannten Örtchen Hoffenheim in der Nähe von Sinsheim lebt und arbeitet. Seine Leidenschaft sind Autos im Allgemeinen und Nissan im Besonderen. „Der Skyline R34 war schon immer das Auto, das ich fahren wollte“, sagt er. Als es nun vor rund sechs Jahren Gerüchte um den Nachfolger gab, als Bechtel dann erste Bilder entdeckte, die runden Rückleuchten und das konsequente Design des Nissan GT-R R35 sah, da bestellte er sofort. Er gehörte zu den Ersten in Deutschland überhaupt.

 

Allerdings arbeitete er so viel, dass er kaum zum Fahren kam. Nach einem halben Jahr hatte er etwa 2.000 Kilometer geschafft. Da kam ihm die Idee, seinen Traum auch anderen zugänglich zu machen. Er bastelte eine Website und bot seinen GT-R nicht nur für Tage und Wochen, sondern auch stundenweise zur Miete an. 2010 war das. Einmalig im deutschsprachigen Raum und, soweit Bechtel weiß, auch darüber hinaus. Es lief bald so gut, dass er es allein nicht mehr bewältigen konnte. Und so stieg sein Kumpel Benny Schäfer mit ein. Heute denken beide an Expansion, wollen einen Mitarbeiter einstellen, der sich ausschließlich um die Fahrten mit dem GT-R kümmert. Für beide ist es ein Hobby und ein netter Nebenverdienst. Üppige Gewinne sind nicht ihr Ziel. So beginnt das Erlebnis mit 89 Euro für eine halbstündige Mitfahrt. Teurer ist es, wenn man selbst fahren will, mit Bechtel oder Schäfer als Instrukteur auf dem Beifahrersitz, am teuersten ist eine Alleinfahrt. Wen wundert es.

 

Es gibt ihn nicht, den prototypischen GT-R Fan, die Kundenmischung ist so bunt wie skurril. Gemeinsam haben sie alle etwas, und das haben Bechtel und Schäfer nun schon zigmal beobachtet: Wenn sie aussteigen, haben sich ihre Gesichtszüge verändert. „Wir nennen es das GT-R Grinsen“, sagt Benny Schäfer.

 

Wir besuchten die Traumwerkstatt an einem gewöhnlichen Samstag und trafen drei typisch untypische GT-R Enthusiasten.

 

Die große Liebe

 

Als Tina ihm zum ersten Mal begegnete, war sie auf dem Heimweg von der Schule. Sie stand an der Ampel, irgendwo in Baden-Baden, an irgendeinem Wochentag. Anfangs hörte sie ihn nur, aber schon das beschleunigte ihren Herzschlag. Dann sah sie ihn – in all seiner Größe und Kraft und seinem strahlenden Äußeren. „Da ist mir die Kinnlade runtergefallen“, sagt sie. Und sie wusste: Den muss ich haben. Innerliche Salti habe sie geschlagen. Nicht die einzigen Symptome, die sie bis heute unverändert zeigt: „Überall Kribbeln am ganzen Körper und entweder hört mein Herz auf zu schlagen oder es rast total.“ Heute weiß sie längst, wie es ist mit ihm, und zu Hause in ihrer Wohnung, da steht auf dem Nachttisch sein Bild. „Dann gehört der letzte Gedanke des Tages immer ihm und ich träume schön.“ Von ihrem Nissan GT-R.
Nur einen Haken hat die märchenhafte Liebesgeschichte von Tina Luft, der 22 Jahre alten Produktionshelferin aus der Nähe von Karlsruhe: Sie „besitzt“ ihren Traumtyp immer noch nicht. Sie muss ihn mit anderen teilen. Den Wagen, in dessen Sound sie sich so unsterblich verliebte, den kann sie sich nicht leisten – aber dank Daniel Bechtel und Benny Schäfer nun immerhin ab und zu erleben. Alle zwei, drei Monate fährt sie in ihrem Nissan MICRA hinüber nach Hoffenheim und gönnt sich eine Stunde mit ihrem Traumtyp.
Dank ihrer Mutter. Denn die hatte sich eingemischt, sie konnte das Schmachten der Tochter kaum mehr mit ansehen. Mama recherchierte und fand die Website von Bechtel und Schäfer. Mama bestellte einen Gutschein, legte ihn unter den Weihnachtsbaum – und machte die Tochter glücklich. „Als ich den Gutschein in der Hand hatte, das war das erste Mal, dass ich vor Freude geweint habe“, sagt Tina Luft.

 

Der schönste Tag

 

Der Tag, an dem Costantino Solimando zum ersten Mal in einem Nissan GT-R saß, war der schönste Tag seines Lebens. Es war der Tag seiner Hochzeit. Mit Jessica. Und Jessica war natürlich auch der Hauptgrund, warum dies der schönste Tag seines Lebens war. Wenn auch nicht der einzige.
Solimando, genannt Costa, ist Nissan Fan von der Haarspitze bis runter zu den Füßen. Er fährt einen 200 SX S13 aus dem Jahr 1995. „Der gefällt mir einfach, er hat schöne Linien.“ Schon als Pubertierender liebte er es, den Skyline R34 auf der Playstation zu fahren, und als er vom GT-R R35 erfuhr, da wusste er: „Oh, da kommt jetzt was.“ Etwas Großes, etwas Besonderes, etwas, das er haben wollte. Unbedingt.
An einem Abend saß er mit seinem Kumpel im Kino, als plötzlich eine eigenartige Werbung über die Leinwand röhrte. Erst ein paar Details, Lenkrad, Motor, Rückleuchten, dann die drei magischen Buchstaben. Der Rest des Spots waren nur Fahrbilder und dazu Motorensound in Dolby Surround. Am Ende die Einblendung: „Rent-a-gtr.com – Sportwagenvermietung. Flyer im Foyer.“ An den Hauptfilm erinnert sich Costa längst nicht mehr, den Flyer nahm er aber mit. Und mit dem Tag der Hochzeit war auch der andere große Tag gekommen: Costa mietete sich den GT-R für diesen sonnigen Tag im Juni.
Nachdem er den Wagen in Hoffenheim abgeholt hatte, fuhr er erstmal ein paar Runden über die Dörfer, dann holte er Blumenschmuck beim Händler ab, um den GT-R zu verzieren. Das opulente Brautkleid samt Jessica passten auch gut hinein. Sie musste jedoch damit leben, nicht der einzige Star des Tages zu sein. „Die Leute vor der Kirche waren total baff von dem Sound und sie waren begeistert von diesem Auto, das sie nie zuvor gesehen hatten.“
„Ich wäre gern noch mehr gefahren“, sagt Costa und schiebt dann jedoch nach: „Aber meine Anwesenheit bei der Feier war dann doch erforderlich.“

 

Das erste Mal

 

Hartmut Brox hat in den 74 Jahren seines Lebens so einiges erlebt. In den 1960er Jahren wanderte er nach Kanada aus, er lebte sechs Jahre in Saudi-Arabien, wo der Diplomingenieur den Einheimischen die Kraftfahrzeugtechnik nahebrachte. Heute lebt er in aller Ruhe im Kraichgau – wenn er nicht gerade beim Touristen-Skirennen mit knapp über 100 km/h den Pistenrekord bricht. So ist er, der Hartmut.
Auch seine Autos waren stets etwas Besonderes. „Ich bin schon alles gefahren, was vier Räder hat, und bin selten langsam unterwegs“, sagt er. In Kanada leistete er sich einen 65er Mustang, später fuhr er einen Daimler V8, der so exklusiv war, dass er heute im Sinsheimer Technikmuseum steht. Neulich erst lieh er sich von einem Bekannten dessen Sportwagen aus süddeutscher Produktion. Der hatte 480 PS, was ihm schon gefiel, ein nettes Fahrzeug war das.
Aber der Nissan GT-R beeindruckte ihn deutlich mehr. Er fuhr ihn an diesem Tag zum ersten Mal. „Der Wahnsinn, das Auto, absolut irre“, sagt er mit hörbuchtauglicher Stimme. Und: „Es ist nicht der Speed, es ist die Beschleunigung. Da bleibt einem fast das Blut im Gehirn stecken.“ Als Hartmut das Gelände verlässt, sich ein letztes Mal nach dem Nissan umdreht, ist es da, wie bei allen – das GT-R Grinsen.

Die kleine Sause

Der Armin, der Rolli, der Uwe, der Helmut, der Tobi und auch die Geli sind schon da. Der Bepfe kommt heut etwas später, aber auf den wartet man immer gern. Er ist doch der Stargast des Abends. Schließlich hat der Bepfe das Zeitmesssystem quasi erfunden: die Software, mit der sie nicht nur hier die Zeit nehmen, sondern die auch auf den meisten anderen Slotcarbahnen in Deutschland verwandt wird. Entwickelt von ihrem Bepfe. „Ach ja, da gab‘s noch nix g‘scheits, da hab ich‘s halt g‘macht“, sagt der 47 Jahre alte Augsburger, der eigentlich Stefan Vogel heißt, entwaffnend pragmatisch. Damals arbeitete er für ein Unternehmen, das Auto-Waschanlagen programmierte. Heute gehört ihm selbst eine Waschanlage.

 

Wir sind irgendwo und nirgendwo. Im Dauerregen von der Autobahn abgefahren, dann über verzweigte Landstraßen bis ins Gewerbegebiet eines Vorortes des Vororts (Bergkirchen) einer kleinen Kreisstadt (Dachau). Feldgeding heißt die Ansiedlung im weiteren Umkreis von München. Das Gewerbegebiet ist wie überall auch hier das Epizentrum der Tristesse. Vor allem freitags, wenn alles Leben schon im Wochenende ist. Wenn aber beim „Krautloher“, bei „TL Electronics“ oder bei „Theobald Lachner Holzbau“ das Licht längst aus ist, dann geht es hier oben erst an, in der ersten Etage einer unansehnlichen Fabrikhalle. Hier haben sich Bepfe und die anderen Mitglieder der „SlotRacers München“ (SRM) einen Jugendtraum erfüllt: eine Carrerabahn von gigantischen Ausmaßen. Natürlich ist es keine Carrerabahn, sondern eine eigens angefertigte (und damit teure) Holzbahn für Slotcars.

 

Aber der stehende Begriff aus jedermanns Kindheit macht anschaulich, was das hier ist: eine Carrerabahn für Erwachsene. Oder Rennsport im Kleinen. Es gibt derlei Anlagen in ganz Deutschland, manche sind schlicht und pragmatisch, andere aufwendig ausgebaut mit Zuschauertribünen, Boxengassen, Bäumen und anderem Schnickschnack. Die Bahn im Münchner Outback ist 45 Meter lang und hat sechs Spuren. Der einzige Schmuck sind zwei windschiefe Plastikfiguren, die auf einem Grasimitatstreifen reichlich verloren wirken – als wollten sie sagen: Das hier ist Sport und kein Modellbau.

 

Gemein ist allen Bahnen das Publikum: kindliche Erwachsene, die zur infantilen Begeisterung das technische Know-how ihrer vierzig oder fünfzig Lebensjahre addieren. Denn Slotcars bieten einen Hauch von großen und teuren Rennen. „Es ist der Motorsport für den kleinen Mann“, sagt Arnold Lehnert, der Chef der kleinen Renngemeinschaft. Denn wie bei Vettel & Co. kommt der Vorbereitung der Fahrzeuge, der Fahrwerksabstimmung, der Reifenwahl und auch gewissen Fahrkünsten eine große Bedeutung zu. Um gut zu sein, muss man viel Zeit investieren – wie im richtigen Sport eben.

 

Grundlage jedes Slotcars ist der „Deckel“, also die Plastik-Karosserie, die den handelsüblichen 1:24-Modellbausätzen entnommen wird. Der Rest des Bausatzes wird weggeworfen. Die „Deckel“ werden nach Gusto beklebt und bemalt, denn in manchen Rennserien wird neben Geschwindigkeit auch die Schönheit der Modelle bewertet. „Da geht es dann bis zur korrekten Prägung des Schaltknüppels“, weiß Arnold Lehnert, und solche Modelle sind dann bis zu 1500 Euro teuer. Es gibt Serien, da kostet ein Motor 300 Euro, und der hält gerade mal die Qualifikation durch. Dafür sind solche Slotcars bis zu 80 km/h schnell. Der Irrsinn in Miniatur.

 

Die Modelle, die in Feldgeding ge- fahren werden, sind kein solcher Luxus. Der 17,5 Volt-Motor, der aus Netzteilen an der Bahn gespeist wird, kostet acht Euro, ein Satz Reifen zwölf. Heute
steht ein Rennen der SLP-Serie auf dem Programm – SLP wie „Slotcar Langstrecken Pokal“. Das heißt nicht nur, dass Modelle aus realen Langstreckenserien verwendet werden, etwa heute Abend der Le-Mans-Veteran Nissan R89C, sondern es geht hier auch eine volle Stunde und über 500 Runden lang zur Sache. Insbesondere bei diesen Langstreckenrennen sind die Nissan „Deckel“ sehr beliebt, weil die Aerodynamik „perfekt“ und die Maße „optimal“ sind.

 

Für 21 Uhr ist der Start anberaumt, etwa drei Stunden vorher treffen die Ersten ein. Es folgen geheimbündlerische Abläufe. Hier wird nicht viel gesprochen, hier weiß jeder, was er zu tun hat und was passiert. Und jeder, der kommt, trägt einen rechteckigen Holzkasten von der Größe eines Arztkoffers herein. Dieser Kasten enthält alles, was die Männer heute Abend brauchen: parkgaragenartig angeordnet links und rechts die „Deckel“ im Maßstab 1:24, dazu verschiedene Schublädchen. Einige sind übervoll mit winzigen und winzigsten Schrauben. Dazu im Koffer: Schraubendreher, Steckschlüssel, Schere, Feilen, etwa zehn Klebstoffe, Zahnspangen-Gummis, Feuerzeug-Benzin, eine Waage, Ritzel und Zahnräder. Und ein Skalpell, ein echtes, denn nichts schneidet so akkurat auch kleinste Teile entzwei. All das braucht man, um das Chassis und die Achsen, die das Herzstück eines Slotcars sind, zu justieren.

 

Andreas Pospiech ist 51 und seit einem Jahr dabei. Er hat als Einziger im
Verein eine Reifenschleifmaschine, mit der er die Moosgummi-Pneus in Form bringt. „Manche machen da eine brutale Wissenschaft daraus“, sagt er, ohne von seiner Maschine aufzublicken, die wie ein Zahnarztbohrer surrt. Hart oder weich, rau oder glatt, rund oder eckig, jeder hat seine Philosophie. „Wenn man viel Grip hat, sollte man die Reifen eckig machen, sonst fängt das Auto zu kippeln an“, weiß Max Huber, der andere Star der „SlotRacers München“. Er ist erst 17 Jahre alt, fährt aber auf nationalen Meisterschaften mit. 2012 wurde er Bayerischer SLP-Meister.

 

Das harte Neonlicht beleuchtet müde Gesichter von Männern, die eher nach innen leben als nach außen. Für viele ist das hier der Höhepunkt ihrer Woche. Und da gilt es, konzentriert zu arbeiten. Geli, die Gattin von Arnold Lehnert und überhaupt einzige Frau in diesem doch sehr männlich geprägten Tun, steht hinter einer Theke. „Wasser, Bier, Spezi, Kaffee, wir haben alles da“, sagt sie stolz. Am besten geht das Bier für einsfünfzig. Geli nimmt auch die Bestellungen entgegen für später, wenn beim Lieferservice noch Pizza geordert wird. Während noch immer Männer mit Holzkästen hereinkommen, fahren die ersten schon ihre Proberunden. Ein bisschen riecht es nach Schweiß, an den Scheiben bildet sich ein Tropfenfilm. Ein Fenster oder die Tür aufzumachen, auf die Idee käme trotzdem keiner. Und das hat Gründe.

 

Sechs Fahrer stehen aufgereiht an der Bahn, denn die Buchsen, in die sie ihre Regler einstecken, befinden sich allesamt dort. Die Regler sind natürlich auch so eine Wissenschaft für sich. Drei Rädchen sind da zu sehen, jedes verfügt über die Stufen von „1“ bis „10“. Mit „Brake“ kann man die Stärke des Bremsverhaltens einstellen, mit „Reduction“ den Strom im Zwischenbereich reduzieren, mit „Sensitivity“ das Ansprechverhalten beim Gas geben. Je rutschiger die Strecke ist, desto niedriger sollte man den „Sensitivity“-Knopf einstellen. „Jede Bahn hat ihren eigenen Rhythmus“, sagt Arnold Lehnert, der dafür sorgt, dass hier alles rundläuft. Er schließt auf und er schließt ab, er pflegt die Website, er sorgt dafür, dass genug Geld reinkommt, um die Miete zu zahlen und um die Bahn in Schuss zu halten. Und auch das ist nicht zu unterschätzen. Bald muss eine Kurve ausgetauscht werden, die Spuren sind ausgeleiert. Das muss ein Schreinermeister erledigen, kosten wird das wohl rund tausend Euro.

 

Viertel vor neun wird es langsam ernst. Die Schraubereien neigen sich dem Ende zu, denn die technische Abnahme steht an. Danach müssen alle Modelle auf einem Regalbrett abgestellt sein und dürfen nicht mehr berührt werden. Da sind die Regeln streng. Die Abnahme läuft routiniert ab, auch hier wird nichts erklärt oder gesprochen, sondern einfach erledigt. Das Slotcar wird gewogen (Mindestgewicht: 200 Gramm), anschließend werden die Reifen und Achsen vermessen (Spurbreite 84 Millimeter). Alles bestens, bei allen. Es kann losgehen.

 

Die Anspannung ist überschaubar. Stoisch stehen die ersten sechs Starter
an der Längsseite der Bahn und halten ihren Regler auf Bauchhöhe. Wenn das Rennen gestartet ist, folgt jeder der sechs (auf jeder Spur fährt einer) einer eigenen Choreografie. Sie fahren die Strecke mit, jede Kurve, jede Beschleunigung wird nachvollzogen – oder vorweggenommen. Bei manchem sieht man es im Gesicht, andere legen den Kopf schief – wie Forrest Gump im gleichnamigen Film
– und wieder andere fahren die Strecke mit dem ganzen Oberkörper, als würden sie ohne Musik tanzen. Siiiirrrt – das surrende Geräusch wird die nächsten drei Stunden einen Klangteppich in den Raum weben, monoton und einschläfernd. Jeweils zehn Minuten geht das so, dann wird die Bahn getauscht, damit keiner benachteiligt ist. Jeder fährt sechs Mal zehn Minuten und versucht dabei, so viele Runden wie möglich zu schaffen.

 

Plötzlich ruft einer „Chaos“. Ein Auto ist aus der Spur geflogen und blockiert die Strecke. Sofort wird der Strom von der Bahn genommen und die Zeit gestoppt, bis der havarierte Wagen wieder in der Spur steht. Weiter gehts. Siiiirrrt. Einer der Pausierenden geht auf die Toilette und lässt die Tür zu lange offen stehen. Zugluft weht herein, die Akteure blicken böse herüber. Einige zetern lautstark und zeigen erstmals am Abend auffällig Emotionen. Denn kalte Luft verändert den Grip der Bahn. Und Grip ist alles. Alles.

 

Die kleinen Modelle sausen um
die Haarnadelkurven, schlagen Ha-
ken wie Hasen auf der Flucht, ohne zu schleudern und zu driften. Da wird klar, wie beachtlich die Kunstfertigkeit der schweigsamen Männer an den Reglern ist. Denn die Slotcars werden allein mittels des fingernagelgroßen Keils unter der Vorderachse in der Spur gehalten. Alles andere ist Können des Lenkers. Und Grip. „Wenn du schnell sein willst, musst du immer an der Haftgrenze fahren“, sagt Bepfe. Er wird Fünfter. Gewonnen hat am Ende ein Junior, der 17 Jahre alte Tobi Münchberger. Er schaffte am Ende 528,05 Runden, fast hundert mehr als der Letztplatzierte.
 Er fuhr also fast 24 Kilometer weit.

 

Kurz nach Mitternacht stapfen
die Männer hinaus auf den Parkplatz. Regenpfützen haben sich im welligen Asphalt gebildet. Die Holzkisten werden in Kofferräume verstaut und einer nach dem anderen fährt davon. Das Endergebnis werden sie morgen im Internet nachlesen. 31 Seiten lang ist das Dokument auf der Vereinswebsite. Jede Rundenzeit ist vermerkt. Bis auf drei Stellen nach dem Komma. Bepfe sei Dank.

Die Waldmeister

Wie Herr Seebauer* mit Vornamen heißt, fällt Markus Schmelmer auch nach längerem Nachdenken nicht ein. Oder wo der Mann wohnt. Oder gar, wie alt er ist. Dieser Herr Seebauer redet nicht viel. Meistens bekommt ihn der Besitzer von Gut Schmelmerhof in St. Englmar gar nicht zu Gesicht. Denn eigentlich kommt Herr Seebauer nur hinten zur Küchentür herein. Und dort geht er auch wieder hinaus. Wortlos. „Herr Seebauer ist etwas scheu“, sagt der Hotelier fast andächtig. „Und er kommt ja auch nur, wenn er was hat.

 
Und wenn Herr Seebauer „was hat“, dann ist es völlig gleichgültig, wie verschroben und geheimnisvoll er ist. „Die Qualität, die er bringt, ist einfach großartig“, sagt Thomas Heinrich, der Sous Chef des Restaurants von Gut Schmelmerhof. Er meint die Pilze, die Herr Seebauer sammelt und verkauft. Während Heinrich für ein Kilo Steinpilze auf dem Markt rund 30 Euro einkalkulieren muss, nimmt Herr Seebauer gerade mal die Hälfte. Und wegen dieses Preis-Leistungs-Verhältnisses nimmt der Koch auch die Schrullen und Unwägbarkeiten des Lieferanten gelassen. „Manchmal kommt er täglich, dann wieder nur alle drei Wochen.“ Aber wenn er am Hintereingang steht, müssen Thomas Heinrich und Chefkoch Alfons Walser spontan reagieren und Pilzgerichte auf die Karte zaubern. Anrufen können sie Herrn Seebauer nicht – seine Telefonnummer hat er nie verraten.

 

„Das sind Schattengeschäfte“, sagt Martin Koller und lächelt. Er betreibt mit seinem Bruder Josef in sechster Generation das Wirtshaus Osl in Bad Kötzting. Und auch er verwendet Pilze von Privatsammlern. Nur Koller hat noch nicht mal einen Namen parat. Und eigentlich will er offiziell auch gar nichts kaufen, denn eine Rechnung mit ausgewiesener Umsatzsteuer und Anschrift stellen die Herren Seebauers natürlich nicht aus. Aber wenn einer der Sammler mit einem Kofferraum voller Steinpilze vorfährt, dann nimmt er ihm halt doch welche ab. Zwei Körbchen für 10 Euro, das ist unschlagbar. Von der Qualität ganz zu schweigen. Frische und qualitativ exzellente Ware ist unabdingbar, „denn die Zeiten, als man den Leuten Dosenchampignons vorsetzen konnte, die sind vorbei“. Falls mal keiner seiner Schattenagenten auftaucht, muss Koller zu den ansässigen „Pilzbaronen“ wie Zwicknagl oder Niklas. „Und das geht dann ins Geld“, sagt er.

 

Pilze stehen fast überall rund um Bad Kötzting auf der Speisekarte. Regionale Küche ist für die meisten Gastronomen hier mehr als ein Lippenbekenntnis und auch keine künstlich kreierte Philosophie, sondern eine über Jahrzehnte gewachsene Selbstverständlichkeit. In diese Gegend kommt selten jemand aus der großen Stadt und macht einen schicken Laden auf. Hoteliers und Küchenchefs sind hier mit glücklichen Rindern, frischen Wiesenkräutern und „Schwammerln“, wie Pilze in Bayern heißen, aufgewachsen. Viele haben den Betrieb von ihren Eltern übernommen.

 

Das Osl gibt es seit 1853. Das Gebäude ist noch älter – es hat seinen Ursprung im 14. Jahrhundert. Innen erwartet den Gast jedoch kein bemüht heimeliges Bauernstüberl. „Es ist alles etwas moderner interpretiert“, sagt Martin Koller und untertreibt ein wenig. Mit dem stilsicheren Interieur, das sie aus dem Holz einer alten Scheune zimmern ließen, mit den lässigen Gerichten von Josef Koller, der einst in München bei Käfer kochte, könnte das Osl auch in einer Metropole bestehen. Muss es aber nicht.

 

Es ist ein frischer Oktobermorgen. Wir wollen dem Geheimnis näherkommen und wandern mit Josef Simmel, einem Fachmann in Sachen Großpilze, Moose und Flechten von der Universität Regensburg, südlich von Bad Kötzting von der Wallfahrtskirche Weißenregen hinunter bis zum Höllensteinsee. Der Nebel klebt über den Wiesen, die Luft riecht erdig und ist so, wie sie es in der Stadt niemals sein kann. Eine solche Luft gibt es nur in Gegenden wie dieser. Das Echte und Unangetastete dieser Region ist quasi zu atmen. Und fast wollen wir glauben, auch die Ruhe hören zu können, was natürlich Unsinn ist – es ist eben einfach nur sehr still.

 

Das Gebiet ist eine gute Pilzgegend für den Otto Normalsammler. Herr Seebauer und die anderen Waldmenschen haben aber wohl ihre eigenen Reviere. Hochgradig geheim, keiner würde je verraten, wo er sucht und wo er mitunter auch findet. Vermeintlicher Konkurrenz wird hier mit paranoidem Argwohn begegnet. Jeder Mitwisser ist einer zu viel, deshalb bleiben Sammler besser unerkannt. „Pilzsucher sind eigen“, sagt Mykologe Simmel und lächelt, „da kann es schon mal zu Handgreiflichkeiten kommen, falls einer den anderen in seinem Gebiet erwischt.“

 

Wir betreten den Gruberwald. Es duftet nach frisch gesägtem Holz. Josef Simmel hat die Witterung aufgenommen. In seinem runden Gesicht sind die Wangen gerötet, sein Blick ist gesenkt, fokussiert aufs Unterholz. „Im gesamten Bayerischen Wald finden sich große Fichtenanpflanzungen, und Fichten sind gut für Steinpilze.“ Der Steinpilz, den jagen sie eben alle. Er ist der absolute Superstar, Simmels Ranglistenerster unter seinen „Top Five“ – gefolgt vom Pfifferling, dem Maronenröhrling und Wiesenchampignon, Rotkappe/Birkenpilz und dem Flockenstieligen Hexenröhrling.

 

An diesem Tag findet Simmel keinen Steinpilz. Warum, das kann auch der Experte nicht erklären. Pilze sind eben unberechenbar. Aber er interessiert sich ja nicht nur für die bekannten Arten, sondern auch für Pilze, die der gewöhnliche Sammler stehen lässt, weil er nicht weiß, ob sie genießbar sind. Zumindest hofft Simmel das, denn bei der Pilzberatung zieht er dann doch immer wieder Hochtoxisches aus den Weidenkörbchen. Und dann hört er immer denselben Satz: „Der sah gar nicht giftig aus.“

 

Josef Simmel geht in die Hocke und zupft vorsichtig einen Pilz heraus, dreht ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, bröckelt ein Stück vom Hut ab, riecht daran. Erst jetzt weiß er: „Ein Gebänderter Milchling – nicht zu empfehlen.“ Manche Arten muss er sogar im Labor untersuchen, um zu wissen, ob sie genießbar sind. Deshalb versteht er nicht, wie unvorsichtig manche Sonntagssammler sind. Simmel deutet auf einen unscheinbaren Pilz mit einem hübschen, goldgelben Hut. „Ein Nadelholzhäubling. Absolut tödlich.“ Und das Verhängnis ist, dass er häufig mit dem essbaren Stockschwämmchen verwechselt wird. Als besondere Pointe der Natur stehen beide oft auch noch einträchtig nebeneinander – oder gar lustig durchmischt in großen Gruppen.

 

Keine 60 Meter weiter stapft Josef Simmel zum ersten Mal ins knöcheltiefe Moos abseits des Wegs. Es fühlt sich an, als laufe man auf einer Latexmatratze. „Da, ein Birnenstäubling. Essbar, wenn er weiß und jung ist.“ Ein paar Schritte weiter entdeckt er einen Wasserfleckigen Rötelritterling, auch er ist essbar, ein mittlerer bis guter Speisepilz. Aber diese Namen? Stinkender Nadelschwindling, Zottiger Schillerporling. Wer um Himmels Willen denkt sich so was nur aus? Bei lang bekannten Arten wie dem Pfifferling sind die Namen seit Jahrhunderten überliefert, für Neuentdeckungen gibt es keine Regel, meist sind ihre Namen angelehnt an die wissenschaftliche Bezeichnung. „Der gebräuchlichste setzt sich durch“, sagt Simmel emotionslos.

 

Und zu entdecken ist noch einiges. Weltweit soll es rund 1,5 Millionen Pilzarten geben. Erforscht seien vielleicht 100 000, schätzt Josef Simmel. Etwa 10 000 gebe es allein in Bayern, davon 3000 bis 4000 im Bayerischen Wald. Simmel kennt sie, denn natürlich war er hier schon unzählige Male. Langweilig wird es dennoch nicht. „Man ist nie fertig“, sagt er, „es können in demselben Gebiet immer neue Arten wachsen.“

 

Wir sind seit dem Betreten des Waldes noch keine 200 Meter weit gekommen, da entdeckt Simmel einen Hallimasch. Wieder so ein Name. Simmel vermutet, er sei abgeleitet von „Heil im Arsch“ – der Volksmund war früher oft derb. Der Genuss des erdigen und bitter schmeckenden Gewächses soll jedenfalls gegen Verdauungsbeschwerden und Hämorrhoiden wirken. „Manche lieben ihn, manche hassen ihn“, sagt der Experte, für einige sei er sogar unverträglich, das hänge ganz von der Körperchemie ab. „Totkochen“ müsse man ihn vor dem Verzehr in jedem Fall. Wie auch immer, der Hallimasch ist ein wunderliches Ding. Wie bei jedem Pilz ist das, was wir gemeinhin als Pilz bezeichnen, ja nur der Fruchtkörper. Das eigentliche Gewächs ist im Boden versteckt. Beim Hallimasch kann das extreme Formen annehmen. Kaum zu glauben, aber das größte Lebewesen der Welt ist ein Hallimasch: Er wächst seit gut 2400 Jahren in Oregon, USA, und ist 880 Hektar groß und etwa 600 Tonnen schwer. Das meiste davon befindet sich unter der Erde.

 

Im Stop-and-go-Rhythmus wandern wir einige Kilometer, und irgendwann wiederholen sich die Pilze nur noch, so dass sich Simmel auch nicht mehr jeden einzelnen genauer ansehen möchte. Der Weg ist wie ein Märchenwald von Wurzeln durchzogen, ein Bächlein rauscht im Hintergrund. Vielleicht versteckt sich Herr Seebauer irgendwo hinter einer Fichte. Wir wissen es nicht, er ist weder zu sehen noch zu hören – kein verräterisches Knacken trübt die vollkommene Stille. Als der Wald endet, ist es noch längst nicht vorbei. An seinem Rand schießen die Pilze – nun ja – eben wie Pilze aus dem Boden. Auf einer lang gestreckten Weide hinunter zum Fluss erspäht Josef Simmel noch ein paar Wiesenchampignons, Maronenröhrlinge und Trompetenpfifferlinge, sodass selbst an diesem unterdurchschnittlichen Pilztag der Korb am Ende proper gefüllt ist.

 

Weder Herrn Seebauer oder einem seiner Konkurrenten noch einem Küchenchef sind wir begegnet. Auch das hätte passieren können, gibt es doch viele Köche, die leidenschaftlich gern Pilze sammeln. Markus Fischer ist so einer. Der Niederbayer hat eine quadratisch-kompakte Statur und ein donnerndes Timbre in der Stimme. Er ist in der Region aufgewachsen, da wird man unweigerlich zum Schwammerlsucher – Fischer selbst macht es seit seinem vierten Lebensjahr. Heute arbeitet er im Restaurant des Adventure-Camps Schnitzmühle nahe Viechtach, dem „ersten Thai-Bay-Restaurant des Planeten“, wie er stolz sagt. In diesem Unikat verbindet er die bayerische mit der thailändischen Küche. Was zu Gerichten führt wie „Schweinebraten thailändisch mit Lauchzwiebeln und Schwammerln“. Letztere hat Fischer nicht selten im Wald hinter dem Restaurant selbst gefunden.

 

Auch die Gebrüder Koller vom Wirtshaus Osl sammeln. Natürlich. „Rotkappen oder Egerlinge, die hol ich selbst, die brauch ich nicht zu kaufen“, sagt Martin Koller. Seine Ausbeute ist ganz ordentlich. Nur an Spezialisten wie Herrn Seebauer kommt er nicht heran. Thai-Bay-Erfinder Markus Fischer erinnert sich, dass einmal einer in seiner Küche stand, der vier Rucksäcke am Körper trug, in denen gut 60 Kilo Pilze waren. Die Ernte eines Tages. Fischer musste sich erst mal setzen. Als ambitionierter Sammler kommt er auf gerade mal 30 Kilo – im Jahr.

Land in Sicht

Die Wolken ballen sich an diesem Morgen graublau über dem Hafen von Civitavecchia. Alexander  Thurein, 45, blickt nach oben, und als die ersten Tropfen in seinem Gesicht landen, beginnt er zu strahlen. Er freut sich. Über das miese Wetter. „Der erste Regen seit Hongkong“, sagt er. Übersetzt in Festland-Zeitrechnung heißt das: Seit etwa sechs Wochen hatten sie nur Hitze. Morgens, mittags, abends und nachts. Schwüle, bullige, feuchte, flirrende, angenehme, trockene oder einfach nur enorme Hitze. Sie fuhren die indische Küste entlang, legten in Dubai an und passierten den Suezkanal. Und nun endlich Regen.

 

Alexander Thurein ist Kreuzfahrtdirektor auf der MS Europa, dem „besten Kreuzfahrtschiff der Welt“, wie er stolz verkündet. Das ist belegbar durch die Bewertung des Schiffskenners Douglas Ward und dessen „Berlitz Cruise Guide“. Der versah im September 2012 die MS Europa zum 13. Mal in Folge mit dem Titel. Denn „5-Sterne-Plus“, die Auszeichnung, die Thurein immer wieder einflicht, hat kein anderes Traumschiff. Und überhaupt: Traumschiff. Das Exemplar aus der bekannten ZDF-Serie gilt für schwimmende Hotels als Blaupause. Und wer den Vergleich weiter strapaziert, für den wäre Thurein so etwas wie Sascha Hehn. Der Kreuzfahrtdirektor ist an Bord verantwortlich für Touristik, Entertainment und Sport. Er repräsentiert und ist charmant. Aber das Traumschiff sei das hier nicht, korrigiert Thurein, „eher die Lindenstraße. Viel weniger glamourös, und es gibt jede Woche eine neue Folge“.

 

Heute also ist Landgang. Das ist nicht selbstverständlich, denn das Arbeitspensum hinter der strahlend weißen Kulisse der MS Europa ist immens. Da bleibt nicht immer die Zeit, um rauszugehen. Hinter einer der vielen unbeschrifteten Türen verstecken sich geheimnisvolle Räume wie das Backoffice. Es erinnert in seiner Schlichtheit, mit den Computern und den Leitz-Ablagen eher an ein Büro im Kreisverwaltungsreferat. Nur Details wie das Mousepad mit der Aufschrift „Enjoy Bora Bora“ oder zahlreiche Fotos von irgendwo – Sydney, Polarmeer, Travemünde – verraten, dass dies nicht der Fall ist. Hier wird ein Großteil der Schiffsarbeit erledigt, die ganz unromantisch aus Excel-Tabellen und E-Mails besteht. Planung, Organisation – das ist auch Thureins halbes Schiffsleben. Deshalb sprechen er und die anderen immer wieder davon, den „Kopf freizukriegen“, wenn es um den Landgang geht.

 

„Das Besatzungsmitglied hat außerhalb der Hafenarbeitszeit Anspruch auf Landgang, so weit die Sicherheit des Schiffs und seine Abfahrtzeit es zulassen.“ So steht es in §61 („Landgang“) des Seemannsgesetzes (SeemG). In früheren Zeiten der christlichen (und unchristlichen) Seefahrt waren diese Ausflüge weit wichtiger als heute. Die Schiffe waren wochenlang auf See, und das Schaukeln, der Dreck, die Arbeit, die immergleichen Gesichter machten den Matrosen das Leben zur Hölle. Da war ein Landgang Paradies, Erlösung und Verheißung. Und wegen der häufig tagelangen Liegezeiten auch gut möglich. Dazu kam mitunter mal Post aus der Heimat. „Ich weiß noch heute, was mir Mutter schrieb / In jedem Hafen kam ein Brief an Bord / Und immer schrieb sie ‚Bleib nicht so lange fort‘“, sang einst Matrosenpoet Freddy Quinn.

 

Vom Programm auf den Landgängen erzählen Hafenviertel wie St. Pauli und seine Reeperbahn. In modernen Zeiten aber gibt es den Landgang nur noch gezähmt und pragmatisch. Moderne Containerschiffe werden innerhalb weniger Stunden entladen, beladen und laufen wieder aus. Da bleibt nur Zeit, sich am Kai die Füße zu vertreten. Und Mutter muss auch keine Briefe mehr in die Häfen schicken, sie skypt mit dem Buben. Bei Kreuzfahrtschiffen wie der MS Europa ist der Landgang dagegen zum Geschäftskonzept geworden. Busweise werden die Passagiere, sobald das Schiff vertäut ist, zu den Sehenswürdigkeiten einer Stadt gebracht.

 

Auch die Crew geht gern von Bord. „Die Enge und das Gefühl, immer präsent und erreichbar sein zu müssen, können auch aufs Gemüt schlagen und nach einigen Monaten zu einem Schiffskoller führen“, sagt Stefanie Lämmerhirt, 33. Die Entertainment-Managerin ist an Bord für die Betreuung der Künstler zuständig. Gegen den Koller geht es heute nach Rom.

 

In dem Kleinbus sitzen außer Alexander Thurein und Stefanie Lämmerhirt auch MS-Europa-Kapitän Hagen Damaschke, 49, und Sous-Chef Robert Schröder, 35. „Es ist hilfreich, mal zwei oder drei Stunden an Land zu gehen. Dann weiß ich, dass statt einer 10-Seiten-Mail auch zwei Sätze genügen“, sagt Kapitän Damaschke, den man umgehend aufs ZDF-Traumschiff schicken möchte. Ein 1,90-Meter-Berg von Mann mit kantigen Zügen, raunzendem Bass und Händen, groß wie Kuchenteller. Er wirkt, als könne er das Schiff zur Not auch mit bloßen Händen aus dem Hafen ziehen.

 

Der Berliner war als junger Mann auf DDR-Frachtschiffen unterwegs und damit einer der wenigen, die schon vor dem Mauerfall irgendwie frei waren. Nach der Wende hatte er mit der Seefahrt eigentlich abgeschlossen, studierte BWL. Aber am Tag der Abschlussfeier kam ein Anruf, ob er nicht Lust habe, mit der MS Hanseatic durch den Panamakanal in die Antarktis zu fahren. „Nachts bei den Pinguinen und den Walen, mein Gott, wer erlebt so was schon?“, fragt er mit blitzenden Augen. Er blieb – natürlich – dabei und kümmerte sich um die Karriereleiter, bis er schließlich im Mai 2001 erstmals Kapitän wurde. Seit 2003 ist er dies auf der MS Europa.

 

In Rom waren sie schon lang nicht  mehr. Robert Schröder überhaupt noch nie. Er wollte sich diesen Ort stets „für später“ aufheben. „Es ist ja nicht nur das Kolosseum, deshalb will ich Zeit haben.“ Denn die Landgangroutine sieht oft genug so aus: „Man fährt dahin, flitzt durch die Gegend, macht Fotos, zack, zack, zack – und dann muss man wieder zurück, sich umziehen, weiterarbeiten.“ Der 35-jährige Sous-Chef sieht aus wie Anfang 20 und  freut sich wie ein Kind auf den ersten Besuch der Ewigen Stadt. Ein reiner Zeitvertreib wird es allerdings nicht, denn er hat von seinem Küchenchef den Auftrag bekommen, auf den Markt zu gehen. Doch das macht er gern. Zuletzt war er in Malaysia auf dem Markt, kaufte frischen Fisch und Schlangenbohnen. In Rom hat er 1500 Euro einstecken, die soll er zum Wohl der Passagiere in Kräuter, Büffelmozzarella, Trüffeln und Olivenöl investieren.

 

Das und die Vorgabe, in knapp sieben  Stunden wieder im Hafen Civitavecchia sein zu müssen, erfordern eine kompakte Route. Los geht es an der Piazza Navona mit ihren drei Brunnen, darunter der berühmte Vierströmebrunnen. Dort sind  schon ein paar Reisegruppen, die einen ersten Eindruck vermitteln vom Getümmel inmitten römischer Pracht. Etwa fünf Fußminuten weiter südlich kommt Robert Schröder zum Einsatz. Der Campo de’ Fiori ist einer der bekanntesten Märkte der Stadt. Schröder huscht durch die Gänge, schnuppert an Grünzeug, drückt an Tomaten und Auberginen herum. Am Ende hat er etwa zehn Tüten in den Händen. Weiter geht’s Richtung Largo di Torre Argentina, wo der Verkehr lärmt und Rom als Moloch erscheint. Wer das ausblenden kann, der bestaunt den Ort, wo einst Cäsar erstochen wurde. Von hier aus gehen die vier Ausflügler um ein paar Ecken zum Kapitolshügel (Monte Capitolino). An dessen hinterer Seite haben sie einen grandiosen Blick über das Forum Romanum. Ein gigantisches Wimmelbild, das jeden Augenblick neue Details verrät. Robert Schröder macht Fotos, zack, zack, zack.

 

Vom Aussichtspunkt geht es hinauf zum Kapitolsplatz (Piazza del Campidoglio), gestaltet von Michelangelo, wo nicht nur der Senatorenpalast (das heutige Rathaus Roms) steht und ein bronzener Marc Aurel zum Vatikan blickt, sondern auch die Musei Capitolini eine Alternative zu vielen anderen überlaufenen Museen der Stadt bieten. Dann wandern die vier zum Fluss und passieren die Tiberinsel. Einst soll die Schlange des Äskulap ausgebüxt und hier verschwunden sein. Jenes Tier, das bis heute das Symbol aller Ärzte ist.

 

Am anderen Flussufer, im vormaligen Arbeiterviertel Trastevere, warten verwinkelte Wege und viele kleine Restaurants und Pizzerien. Nach der Pizzapause führt ein letzter beherzter Fußmarsch auf den Hügel Gianicolo, wo sich auf Höhe der Fontana dell’ Acqua Paola noch einmal das Panorama der Stadt überblicken lässt. „Sie ist riesig groß, beeindruckend, man muss noch mal herkommen, für mehrere Tage, denn man nimmt auch beim dritten Landgang noch nicht alles auf“, sagt Stefanie Lämmerhirt. Der Kleinbus steht bereit, die Zeit ist knapp, und bevor die vier Seeleute wieder zur „Mutti“ (wie sie das Schiff nennen) müssen, wollen sie wenigstens noch kurz zum Petersplatz und zum Kolosseum. Und danach bringt sie der Bus zurück in den windigen Hafen von Civitavecchia.

 

Pünktlich um kurz nach 19 Uhr gibt Kapitän Hagen Damaschke die Kommandos zum Auslaufen und steuert das Schiff von der Kaimauer weg. Der Wind wird stärker und jagt in Böen herüber. Als wolle er die MS Europa hinauspusten. Und der Regen prasselt heftig von oben und auch  von der Seite. Das beste Schiff der Welt verlässt Civitavecchia leise und ohne das sonst obligate Tuten des Schiffshorns. Das nämlich kostet hier 5000 Euro Strafe. Auch so eine Formalie, die ein Kapitän heute im Kopf haben muss.

ADAC Jahrbuch 2013

Wie viele große Institutionen veröffentlicht auch der ADAC einen Jahresbericht. Dass der aber überhaupt nicht trocken oder langweilig daherkommen muss, haben wir hier gezeigt: Sorgsam und intensiv bearbeitete Texte und Themen, Reportagen und Features.

 

TEXTCHEF

Gefeierte Schlägertypen

No Fear! Keine Angst! Wenn Achtjährige das brüllen, klingt es etwas komisch, aber immer noch putzig. Sie haben gelernt: Wer sich fürchtet und zurückzieht, der hat schon verloren. Den Kampf um den lederbezogenen Korkball sowieso – und böse verletzen wird er sich womöglich auch. Aber wer eine Sportart ausübt, bei der man damit beginnt, sich einen Helm aufzusetzen und sich einen Hurley, den Eschenholzschläger, mit voller Wucht gegen das Gitter des Helms quasi ins Gesicht zu hauen, der hat das mit der Angst ohnehin schon längst abgehakt.

 

Es ist das Sommercamp der O’Loughlin Gaels in Kilkenny. An die 60 Kinder und Jugendliche tummeln sich hier, altersgerecht auf drei Gruppen aufgeteilt. Clubs wie die O’Loughlin Gaels gibt es unzählige im County zwischen Dublin und Cork. Und alle sehen sie ähnlich aus: schachtelförmige Vereinsheime mit dem eierschalenfarbenen Charme von Fertigbauten und drei oder vier Grünflächen, an deren Enden je ein Tor steht, das nach oben hin verlängert ist. Wer so ein Areal erblickt, mag an einen lokalen Fußballverein denken und begeht schon den ersten Denkfehler. Hier wird definitiv nicht Fußball gespielt. Nie. Derlei Vermutungen würde ein Ire als Beleidigung auffassen. Zumal Fußball der Sport von Engländern ist – und von verweichlichten, überbezahlten Profis.

 

Die Gaels sind einer von 2718 GAA-Clubs, ihr Sport heißt Hurling. Bestenfalls interessiert sie noch Gaelic Football. Die GAA, die Gaelic Athletic Association, ist die mächtigste, mitgliederstärkste Sportorganisation Irlands. Sie wurde 1884 von Michael Cusack gegründet, mit dem Ziel, im damals noch zu Großbritannien gehörenden Land diese uralten Sportarten und damit die patriotische Bewegung zu fördern. Mit Erfolg. Seit 1887 werden die All-Ireland-Titelkämpfe im Hurling und Gaelic Football ausgetragen, Sportarten, die außerhalb der Insel kaum bekannt sind.

 

Was man wiederum in Irland nicht verstehen kann. „In Kilkenny dreht sich alles um Hurling, einfach alles. Mein Großvater war Hurler, mein Vater, mein Sohn. Und meine Enkel werden auch Hurler sein. Ich habe fünf Kinder und die letzten 20 Jahre damit verbracht, sie kreuz und quer zu Spielen durchs ganze County zu chauffieren“, sagt Hurlinglegende Richie Power senior, 55, dessen Sohn einer der Stars des aktuellen Teams ist. Hurling, das neben Eishockey als schnellste Mannschaftssportart der Welt gilt, lässt sich als Mischung aus Hockey und Rugby beschreiben. Wobei die Spieler eigentlich alles können müssen: rennen wie ein Athlet, robust sein wie ein Boxer, elegant schlagen wie ein Tennisspieler und fangen wie ein Torwart.

 

An diesem Morgen im August, das Wetter ist mal wieder unentschlossen zwischen heftigen Schauern und frühherbstlichem Sonnenschein, kracht es auf dem Gelände der Gaels. Die Hurleys schmettern lautstark aneinander, auch das Ploppen, wenn der Ball geschlagen wird, ist zu hören und das „Swooosh“, wenn die Schläger durch die Luft schwingen. Diese Geräusche und auch das Knallen der Slíotars, der Bälle, gegen die Hauswand, wenn die Kinder das Schlagen üben, kennt in Kilkenny jeder. Es sind die Geräusche, die dem Leben hier den Takt geben. Die Stadt bereitet sich vor. Der August steht traditionell im Zeichen des Hurlings, als dessen inoffizielles Epizentrum Kilkenny gilt. Hier sind die Cats zu Hause, das Auswahlteam der Grafschaft Kilkenny, das seit Gründung der GAA am erfolgreichsten war – denn die 33 All-Ireland-Titel der Cats sind unübertroffen.

 

Ein paar hundert Meter weiter südlich schieben sich zur selben Zeit die Touristen durch die Gassen der Innenstadt zum Kilkenny Castle. Mittendrin viele Menschen in schwarz-gelber Sportkleidung. Auch Hausfrauen tragen das Trikot, dessen Farben korrekt Black and Amber heißen, Schwarz und Bernstein. Kinder und Männer sowieso. Girlanden mit gelben und schwarzen Wimpeln winden sich an Fassaden, in den Läden liegen Hurleys, Slíotars und Helme in verschiedenen Größen. Im Viertel The Butts bemalen sie Zäune und schmücken Vorgärten, denn hier hat der Wahnsinn Methode. Regelmäßig vor den großen Endspielen werden ganze Straßenzüge mit Farbe, Wimpeln und Fahnen zugedeckt. Darüber berichten Zeitungen und TV-Sender, deren Reporter sogar aus Dublin anreisen. „Alles, was sich nicht bewegt, malen wir an“, sagt Hausfrau Ann Duggan.

 

Diesmal trifft Kilkenny bereits im Halbfinale auf den Nachbarn Tipperary. Die beiden Clubs standen zuletzt dreimal im Finale – und ausgerechnet 2010 gewann „Tipp“. Ein traumatisches Ereignis, das bis heute kontrovers diskutiert wird. Ein Sieg hätte für Kilkenny „five in a row“ bedeutet, fünf Titel hintereinander, was in 123 Jahren nicht vorgekommen war. Doch die Cats verloren, unerwartet, völlig unnötig, und die Fehler von damals werden immer wieder besprochen, abgewägt und analysiert.

 

Trainer Brian Cody ist angespannt. Seinen Spielern hat er ein Interviewverbot verpasst, die Presse wird vom Training ausgesperrt. Denn auch hier hatten sie in diesem verflixten Finale von 2010 irgendwie gepatzt, als sie Spielzüge im öffentlichen Training einübten und dabei vergaßen, dass auch Tipperary seine Leute vor Ort hatte. Seit Monaten dürfen Codys Jungs keinen Alkohol trinken, es sei denn, der Chef erlaubt es. Diskutiert wird nicht mit ihm, und das wirkt kein bisschen seltsam in Kilkenny. Selbst gestandene Kerle werden klein, wenn sie ihm gegenüberstehen. Warum aber ist das kleine Kilkenny so gut? Cody zuckt mit den Schultern, sagt, dass es hier eine große Tradition gebe und dass jeder zum Hurling wolle. „Und deshalb arbeiten sie hier alle hart, schulen ihre Fähigkeiten, achten auf ihre Fitness.“ Sich selbst erwähnt er nicht. Das ist gar nicht nötig.

 

In Kilkenny sind derzeit bestimmte T-Shirts begehrt. Darauf abgebildet ist Codys Charakterschädel, daneben steht „The Catfather“. Die Anlehnung an den Film „Der Pate“ – „The Godfather“ – ist nicht nur dem Wortspiel geschuldet. Cody hat einen vergleichbaren Status. Der Grund für die fast absurde Verehrung ist der phänomenale Erfolg: Seit 1999 trainiert der 58-Jährige die Cats; in den 13 Finalspielen bis 2011 fanden nur zwei ohne Beteiligung von Kilkenny statt, dabei holten die Cats achtmal den All-Ireland-Titel. In den vergangenen sechs Jahren allein fünfmal. Schon jetzt ist nur noch offen, wann und wo das Denkmal für Brian Cody errichtet wird. Wahrscheinlich stellen sie es auf The Parade, die Straße, die zum Schloss führt. Dorthin, wo derzeit auch der Walk of Fame entsteht, auf dem Kilkennys größte Hurlingstars verewigt werden.

 

Diese plastische Verehrung macht den Irrsinn, der hier so selbstverständlich wirkt, vielleicht am deutlichsten. Fährt man vom Zentrum Kilkennys ein Stück nach Süden, kommt man im Städtchen Thomastown an einem geschmückten Denkmal vorbei. Ein Sohn des Ortes wird hier geehrt, so denkt der unbefangene Besucher, sicher ein Politiker oder ein Schriftsteller, ein Weltmann jedenfalls, so präsent und liebevoll dekoriert ist das kleine Monument mit seinem gut zehn Meter breiten Fundament. Der Geehrte aber ist Ollie Walsh, ein landesweit bekannter Hurler. Natürlich. Daneben ein Täfelchen mit einem Gedicht, das mit den Worten endet: „Er liebte Hurling, seine Heimatgemeinde und die Schwarz-Gelben. Für uns war er Ollie, der König unter den Torwarten, der Größte von allen.“ Die Gänsehaut, die man beim Lesen bekommt, erklärt sich ausnahmsweise nicht durch das Wetter.

 

Auch Eddie Keher, 71, ist so ein Denkmal. Ein höchst lebendiges allerdings. Er gehört zum Team of the Millennium, also zu den besten Hurlern aller Zeiten. Sein markanter Kopf mit dem vorgeschobenen Kinn zierte einst sogar eine 36-Pence-Briefmarke der irischen Post. Seine Zeit waren die Sechziger und die Siebziger.

 

Dass er einer der Besten überhaupt war, würde er selbst niemals erzählen. Aber das entdeckt man schnell, weil in jeder zweiten Kneipe ein Bild von ihm hängt. Mit seiner tiefen Stimme berichtet er von alten Zeiten, und man kann sich gut vorstellen, wie er abends am Kamin sitzt, umringt von seinen Enkeln, und seine Geschichten zum Besten gibt. Wohl auch die von seinem Treffen mit Muhammad Ali im Juli 1972. Seinerzeit hatte der größte Boxer aller Zeiten einen Fight im Croke Park in Dublin. Ein Treffen wurde arrangiert, und Keher erlebte Ali als sehr freundlichen Zeitgenossen, der ihm erzählte, er habe dieses Hurling die Nacht zuvor im Fernsehen gesehen. „Und“, raunte der Schwergewichtsboxer, „das ist ja ein ganz schön harter Sport.“ Keher muss noch heute schmunzeln. Widersprochen hat er nicht.

 

In anderen Sportarten schwärmen pensionierte Legenden gern von alten Zeiten, vom Sportsgeist und der Abwesenheit von Kommerz, doch das hat Keher nicht nötig. Denn es hat sich nichts verändert. Im Gegenteil. Keher kann die heutige Generation nur bewundern. Der Sport ist athletischer geworden und verlangt den jungen Spielern viel mehr ab. Mit Anfang 30 ist in der Regel Schluss. Wenn auch das Umfeld mit Krafträumen, Zeugwarten und medizinischer Betreuung hochgradig professionell wurde, so ist Hurling nach wie vor ein reiner Amateursport. Der 26 Jahre alte Richie Power junior zum Beispiel ist hauptberuflich Vertreter für Sportlernahrung. Er fährt täglich bis sechs Uhr abends in seinem SUV quer durchs County, um halb sieben muss er zum Training – vier-bis fünfmal die Woche. „Wir tun das, weil wir es lieben“, sagt Power junior, „und weil wir gut genug sein wollen, Kilkenny zu vertreten. Da denkt man nicht an die Opfer, die man bringen muss.“

 

Henry Shefflin, der Superstar des Teams, ist in der Bank of Ireland für Landwirtschaftskredite zuständig. Was dazu führt, dass ein Großteil der Farmer von ihm beraten werden will. Ein Kreditvertrag mit Shefflins Unterschrift ist in Kilkenny ein Wertgegenstand. Und auch Brian Cody lebt nicht allein von seinem Halbgottstatus. In erster Linie ist er Rektor der Grundschule St. Patrick’s De La Salle in Kilkenny. Andere Sportler sind Soldaten, Polizisten, viele auch Studenten. Und kaum einer möchte, dass sich das ändert. Eddie Keher erklärt, warum: „Weil es eine andere Motivation geben muss. Nicht das Geld. Sie tun das für ihre Leute. Und die Freude am Spiel. Ich bin froh, dass mein Sport Hurling war und dass er nicht professionell ist.“ Und sie alle wissen, dass sie etwas bekommen, was ihnen kein Profigehalt bieten kann: echte und dauerhafte Freundschaften und die lebenslange Zuneigung der Menschen im ganzen County. „Ich muss selten für mein Pint oder den Kaffee bezahlen, sie laden mich immer ein“, sagt Richie Power senior und lacht.

 

Nicht allen gefällt es jedoch, dass alle Einnahmen direkt nach Dublin an die GAA fließen. Es wird geraunt, dass sich einige der Vorstandsherren die eine oder andere Annehmlichkeit finanzierten. Sichtbares Zeichen des Wohlstands ist der kapitale Croke Park in Dublin, das Stadion der GAA. Es ist mit 82 300 Plätzen das viertgrößte in Europa. Und das, obwohl Fußball absolut unerwünscht ist. Wie ein Ufo ragt es zwischen den zweigeschossigen, rostroten Backsteinhäuschen im etwas abgeschabten Dubliner Norden hervor, wo die Straßen Kraterlandschaften ähneln und in den gepflasterten Vorgärten Müll liegt und Fahrräder vor sich hin rosten. Der Croke Park ist mit allem ausgestattet, was ein Stadion im 21. Jahrhundert braucht. Inklusive eines Museums, in dem auf zwei Etagen Besucher in Bild und Ton alles über Hurling und Gaelic Football erfahren. Besser geht es nicht. Aber der Hauptteil der Einnahmen fließt laut GAA direkt an die Basis. So besitzt fast jeder Club immerhin ein Sportheim und gepflegte Plätze.

 

Gut beschäftigt ist in diesen Tagen vor dem Match des Jahres Jim Croke, 38. Er entspricht dem Bild, das man von einem typischen Iren hat: kompakter Körperbau, raue Stimme, urwüchsig. Oben rechts fehlt ein Eckzahn. Er ist der wohl größte Fan der Cats und Chef eines skurrilen Clubs – des K-Teams. Mit ihrem schwarz-gelben Van fahren die Fans durchs Revier und überziehen Brücken und Bordsteine mit bunten Farbanstrichen – eine Spaßguerilla, die hier keinen stört. Auch James O’Keeffe, 31, hat viel zu tun. Er ist zwar Schreiner, aber sein Handwerk ist eher eindimensional – er schnitzt und repariert ausschließlich Hurleys. Obwohl ein guter Hurley nur rund 25 Euro kostet, lassen die Stars ihre Schläger lieber reparieren, wenn sie im Zweikampf zerborsten sind. Mit Holzleim und Schraubzwingen ist das gut machbar. „Die Jungs mögen ihre Hurls“, sagt O’Keeffe lakonisch.

 

Für alle haben sich Anspannung und Mühe letztlich jedoch gelohnt. Der Halbfinalsonntag im August wird zum Triumph. Nach schwacher erster Hälfte überrollen die Cats das hilflose Tipp zum Endstand von 36 : 18. Das heimliche Endspiel ist gewonnen, die siebte Finalteilnahme in Folge geschafft. Noch ein neuer Rekord. Beim Saisonabschluss setzt sich Kilkenny schließlich gegen Galway durch und erringt so seinen 34. All-Ireland-Titel. Am Montag danach fährt das Team im roten Doppeldeckerbus, begleitet von Blaskapelle und Dudelsackpfeifern, über die John’s Bridge durch das Spalier Tausender Fans in die Stadt ein. Alles wie gehabt. Kilkenny ist und bleibt die Hauptstadt des Hurlings.

Wir müssen aufhörn weniger zu trinken

Große Weisheiten betrunkener Männer

 

„Man müsste noch mal zwanzig sein – mit den Adressen von heute«, sagte Harald Juhnke und schenkte sich einen ein. Auch Goethe war wohl nicht mehr ganz nüchtern, als er dichtete: »Ein starkes Bier, beizender Toback und eine Magd im Putz, das ist nun mein Geschmack.« Das erste Standardwerk großer gelallter Worte versammelt sie alle: Thekenphilosophie von Dichtern, Denkern … und von Dieter aus der Eckkneipe. Schließlich gilt: Alles ist relativ, nur Wodka ist absolut.“

 

(für einen Blick ins Buch bitte auf das Cover klicken)

 

erschienen im September 2012 bei PIPER

Gesalzene Reise

Wenn Pier Franco Blengini vor seinem Haus steht, dann blickt er auf die große Geschichte. An dem geduckten Hügel, der dort von der Sonne gestreichelt wird, siedelten einst die Römer. Später kämpfte darauf Napoleons Armee. Die Schlacht im April 1796 war für das militärische Fortkommen der Franzosen so wichtig, dass sie auf dem weltbekannten Arc de Triomphe in Paris dargestellt ist. Im Zweiten Weltkrieg versteckten sich Partisanen auf der Anhöhe.

 

Wenn Pier Franco Blengini hinter sei­nem Haus steht, dann blickt er auf Weinberge und im Hügelland verstreute Örtchen, einen Flickenteppich aus grünen und braunen Farbtönen. Und natürlich hinüber zu den Alpen, wo der weiße Monte Viso in der ganzen Pracht seiner 3841 Meter herüber leuchtet. Signor Blengini besitzt ein gepflegtes Anwesen. Die Cascina Monsignore diente dem Bischof von Mondovì früher als Sommersitz. Sie wurde erbaut vor 300 Jahren und von Blenginis Familie vor gut 100 Jahren gekauft. Nachfahre Pier Franco erbte Mitte der Siebzigerjahre jedoch ein verkommenes Schmuckstück. „Un disastro“, sagt Blengini, und man braucht keinen Dolmetscher, um zu verstehen, was er meint.

 

Heute wohnt Blengini, ein älterer Herr von dezenter Höflichkeit und mit gestick­tem Monogramm im Oberhemd, hier mit seiner Gattin. Und mit seinen Weinreben, aus denen er jährlich an die 12000 Liter feinen Dolcetto keltert. Die Blenginis haben im Blick, was unsere Route ausmacht. Hier die aufwühlenden Wirren der Jahrhunderte und der Geschichte, dort die spektakuläre piemontesische Landschaft, wo Hochgebirge und Meer immer nur wenige Kilometer entfernt scheinen. Mittendrin liegt sein privater Weinberg, auf dem die Ruhe greifbar wirkt. Am besten im Schatten „der schönsten Zypresse des Piemont“, wie Blengini lachend betont, während er ein Glas seines hausgemachten Roten einschenkt. Vergleichbare Szenerien dürften die Schöpfer des Begriffs Dolce Vita im Sinn gehabt haben.

 

Nicht nur die Schlachten und Römersiedlungen weisen auf die historische Bedeutung der Region hin. Vom ligurischen Albenga am Meer bis nach Turin transportierten Händler einst einen der wichtigsten und wertvollsten Rohstoffe: Salz. Aber auch andere Güter mussten von der Küste Richtung Norden durch dieses Gebiet. So wuchs im Laufe von mehr als 2000 Jahren eine geschäftige Infrastruktur.

 

Unsere Tour entlang der alten Route startet nördlich von Blenginis Zuhause. Dort, wo einst die Salzstraße endete: in Faule bei Polonghera. Hier am Po wurde die edle Zutat auf Schiffe umgeladen und die letzten Kilometer bis Turin gebracht. Mit Eseln hatte man sie von den Salinen am Mittelmeer über die Berge und durch die karge Ebene gekarrt. Nur eine unscheinbare Trattoria mit Namen Porto di Faule erinnert noch an die ehemals große Bedeutung des Salzhafens am Fluss. In Sichtweite befindet sich der Ort Polonghera, in dem die Trattoria La Via del Sale einen weiteren Hinweis auf die Geschichte gibt. Paolo D’Ambrosio, der groß gewachsene Küchenchef, benannte sein Lokal nach dem alten Weg, der die Kultur der Region bis heute prägt: „Frankreich, das Meer, die Hochalpen – alles ist etwa gleich weit von hier entfernt. Die Salzstraße brachte der Gegend die verschiedensten Zutaten, hier fließen sie zusammen. Und

Unser Star für Le Mans

Berücksichtigt man die Umstände, so wirkt Ben Bowlby recht frisch und munter. „Seit einem Jahr habe ich nicht geschlafen. Ich bin erschöpft“, sagt der kleine und stets fröhliche Brite, der physiognomisch irgendwo zwischen Chris de Burgh und Elton John liegt. Er hatte eben schlicht keine Zeit für derlei Nebensächlichkeiten wie Schlafen und Essen oder für seine Frau und die drei Kinder. Schließlich gelang Bowlby innerhalb weniger Monate eine Revolution – er hat mal eben den Rennsport neu erfunden.

 

Gut, das mag auch wieder etwas übertrieben sein, aber sein DeltaWing sorgt für ziemliches Aufsehen in der Branche. Die Metaphernmaschine lief schon seit der Enthüllung erster Entwürfe 2010 auf hohen Touren. Ein Batmobil, natürlich, weil es schwarz ist und so herrlich untypisch aussieht. Aber die Form  erinnert auch an das Space Shuttle, die Concorde, an einen dieser Hochgeschwindigkeitsrenner, die in amerikanischen Salzseen Rekorde jagen. Wenn man will, kann man in der Form auch etwas Phallisches sehen. Und sollte man bäuchlings und Auge in Auge vor dem DeltaWing liegen, dann funkelt er einen an wie eine erzürnte Giftschlange. Eines ist also gewiss: Dieses Rennauto regt die Fantasie an – und die Szene auf. Das ist schon mal ein Ziel, das Ben Bowlby erreicht hat.

 

Denn ein wenig Wirbel hatte er schon im Sinn, als er im August 2008 mit der Entwicklung seines Projektes begann, weil die Macher der amerikanischen IndyCar-Rennserie für 2012 ein neues Fahrzeugkonzept einführen wollten und nach praktikablen Ideen suchten. Als man sich dort 2010 dagegen entschied, war der DeltaWing aber schon nicht mehr zu stoppen und Bowlby fand schon bald einen neuen Partner: Don Panoz, schillernde Figur in der US-amerikanischen Rennsportszene und Gründer der „American Le Mans Series“.

 

Wieder zurück ins Jahr 2008. Anfangs dachte Bowlby gar nicht daran, die äußere Form zu revolutionieren. „Wir wollten ein konventionelles Auto bauen, aber die gewünschte Performance war damit nicht zu erzielen“, sagt er. Gewünscht war nicht weniger als Top-Speed bei halbem Verbrauch. Und für Le Mans heißt das: eine durchschnittliche Geschwindigkeit von rund 230 km/h und bis zu 340 Sachen in der Spitze. Bowlby störte sich aber schon lange an dem technologischen Wahnsinn im Rennsport. „Ich habe gehört, dass ein Team einen Frontflügel entwickelt hat, der aus 38 Teilen besteht. Nur der Frontflügel“, sagt er und grinst britisch zurückhaltend – bevor er noch einmal erwähnt, dass die gesamte Karosserie des DeltaWing aus exakt sechs Komponenten zusammengesetzt ist. Sechs Teile. Mehr nicht. Und einen Frontflügel hat er erst gar nicht.

 

Entscheidend für die Revolution war Bowlbys Umdenken in Sachen Form. Wenn man, so überlegte er, die Vorderräder ganz nahe zusammenrückt, würde das zu einer Form führen, die das Auto förmlich durch die Luft flutschen lassen würde. Zudem wären die schmalen Vorderräder nur zehn Zentimeter breit und hätten damit nur etwas mehr als ein Viertel der Fläche herkömmlicher Reifen. Das wiederum reduziert den Rollwiderstand.

 

Wie immer jedoch war alles zunächst Berechnung. Am Computer simulierten Bowlby und seine drei Mitarbeiter herum, und als man dachte, man sei der Idealform recht nahe, da ärgerte sich der Chef erstmal richtig. „Als ich die Werte analysierte, war mir klar, dass da irgendwas falsch war“, erzählt Bowlby. Also noch mal von vorn und noch mal. Aber immer wieder kam man zum gleichen Ergebnis. Die unfassbaren Zahlen schienen zu stimmen. Und irgendwann war klar: Mit dieser Form kann man bei gleicher Leistung den Verbrauch um die Hälfte reduzieren. Für Bowlby war es hochgradig faszinierend, „dass wir allein mit Mathematik und Computersimulation zu einem völlig neuen Auto gekommen sind“.

 

In den USA, bei den Veranstaltern der IndyCar-Serie, war man davon allerdings wenig begeistert. Viel zu radikal! Bowlby ließ sich aber nicht entmutigen und klopfte im französischen Le Mans an. Und der ACO, der „Automobile Club de l’Ouest“, Ausrichter des dortigen sagenumwobenen 24-Stunden-Rennens, war angetan – so sehr, dass man Bowlby nicht nur „Garage 56“ versprach, eine Art Wildcard für Konzeptfahrzeuge außer Konkurrenz, sondern obendrein noch die Startnummer „0“ zusicherte. Bowlby ist davon noch immer gerührt, das merkt man ihm an, er spricht von „großer Ehre“, die er „so nicht erwartet“ habe. Und er erwähnt die scheinbar nebensächliche Tatsache in fast jedem Gespräch. Denn diese „0“ ist eine ganz besondere Sache – was schon dadurch illustriert wird, dass sie zuletzt 1963 vergeben wurde, vor 49 Jahren also, an den legendären Graham Hill in einem BRM Rover.

 

Als ihm die Zusage aus Le Mans im Juni 2011 zugestellt wurde, hatte Bowlby längst eine reichlich illustre Belegschaft um sich versammelt: neben Don Panoz auch Dan Gurney, Besitzer des „All American Racers“-Teams und Le-Mans-Sieger von 1967, oder Duncan Dayton, Chef von „Highcroft Racing“ – alle amerikanische Rennsportgrößen. Und sie alle unterstützen den kleinen Briten finanziell und logistisch. Bei Gurney wurde zumBeispiel die Karosserie gegossen. Man verwendete einen neuen Werkstoff namens REAMS (Recyclable Energy Absorbing Matrix System) – leichter als Carbon, genauso stark und wiederverwertbar. Ein wahrer Ökorenner entstand da. Ein Reifenpartner war mit Michelin auch bald gefunden, obwohl es eine nicht zu unterschätzende Herausforderung war, die schmalbrüstigen Vorderreifen renntauglich zu entwickeln – Vorderreifen, die Darren Cox lachend als „die Räder eines Citroen 2CV“ bezeichnet.

 

Darren Cox war schließlich der letzte fehlende Baustein. Der General Manager von Nissan Europa sagte im Herbst 2011 kurzerhand zu, die Motoren beizusteuern. „Nissan hatte den Mut und war bereit, das Risiko einzugehen“, schwärmt Bowlby, denn er weiß: „Innovation tut manchmal weh.“ Einen wie Darren Cox, Typ „Fels in der Brandung“, schreckt das naturgemäß nicht. „Nissan ist auch deshalb so erfolgreich, weil wir Dinge anders gemacht haben“, sagt er. „Wir sind da mit Ben Bowlby einig, dass wir den Menschen da draußen zeigen wollen, dass man im Rennsport auch andere Wege gehen kann.“

 

Allerdings musste man diese Wege nun sehr hurtig beschreiten. Denn erst im Januar 2012 bekam Bowlbys Crew den (dem JUKE entliehenen) 1,6-Liter-Turbo-Vierzylinder, im Februar wurde der DeltaWing in Charlotte (North Carolina) erstmals in den Windkanal gestellt, im März schließlich wurden die ersten Runden gefahren und hier, im englischen Snetterton, hat das Projekt dann endgültig den Fantasiestatus überwunden – drei Monate, bevor er bei einem der härtesten Autorennen der Welt
mitmischen und bestehen soll. Ein unglaublicher Zeitplan!

 

Einem wie Michael Krumm waren die beeindruckenden Berechnungen der Monate und Jahre zuvor sowieso egal. Der 42 Jahre alte Reutlinger ist amtierender FIA GT1-Weltmeister, der als Tourenwagen-Fahrer schon einige Erfolge in Japan feierte und im Jahr 2002 Dritter in Le Mans war. Ihm obliegt es nun, zusammen mit dem Schotten Marino Franchitti und dem Japaner Satoshi Motoyama, eine ganz besondere Aufgabe zu lösen – den DeltaWing in Le Mans zu pilotieren. Und Krumm ist aufgeregt und ziemlich stolz: „So was erleben ja die wenigsten Rennfahrer – und ich in diesem Leben sicher nie wieder: in einem völlig neuartigen Wagen sitzen zu dürfen.“

 

Auf der Strecke lässt der DeltaWing keine Fragen offen. Der 300-PS-Motor dröhnt und spuckt, wie es sich gehört, und was der Karosserie an Wucht und Höhe zu den anderen Le-Mans-Prototypen fehlt, das gleicht er durch Biestigkeit und Charme aus. Die vier Scheinwerfer sind so nebeneinander angeordnet, dass der DeltaWing von vorn aussiehtwie ein startendes Flugzeug in der Dunkelheit – beeindruckend. Die Fahrer scheuchen den Wagen auf deutlich über 300 Sachen. Michael Krumm ist unzählbar viele Runden in zig unterschiedlichen Rennautos gefahren, aber das hier, das ist auch für ihn verblüffend anders. „Ich war sehr nervös, als ich das erste Mal im DeltaWing saß“, erzählt er, „denn das fühlte sich völlig anders an als alles, was ich zuvor gemacht habe. Ich hatte schon Bedenken, überhaupt aus der Box rauszufahren.“ Bei allen anderen Autos konnte er auf eine Referenz zurückgreifen, im DeltaWing erlebte er im reifen Alter ein wirkliches erstes Mal. Aber die Aufregung legte sich umgehend. „Man lenkt ein bisschen nach rechts und nach links und merkt schnell, dass er sich benimmt wie ein normaler Rennwagen.“ Man könne sogar besser damiteinlenken und überhaupt sehr direkt lenken, was dazu führe, dass „er sich sehr präzise fahren lässt“. Auch die Angst, der Wagen könne leicht ausbrechen und unbeherrschbar werden, erwies sich als unbegründet. Einzig beim Bremsen musste sich Michael Krumm stark umstellen. Wegen der geringen Auflagefläche vorn und der ungewöhnlichen Gewichtsverteilung – knapp 75 Prozent der nicht mal 500 Kilo liegen hinten – darf er nicht erst im Scheitelpunkt der Kurve bremsen, sondern muss dies schon vorher tun, eine Umstellung, aber für drei routinierte Fahrer wie Krumm, Motoyama und Franchitti kein Problem. Dennoch wird es ein Abenteuer. Denn Bowlby hat schon jetzt hundert Dinge entdeckt, die er besser machen könnte, würde es die Zeit erlauben. Auch über die vollen 24 Stunden wird der DeltaWing erstmals in Le Mans gehen – wenn überhaupt. Denn die Chance, das Rennen zu beenden, sieht selbst Bowlby als eher gering an.

 

Dass man zudem außer Konkurrenz fahren wird, stört zwar Michel Krumm, der als Profisportler so etwas überhaupt nicht mag, nicht jedoch Ben Bowlby. Er hat seinen Sieg längst errungen – der DeltaWing wird ein Rennen fahren. Und Bowlby hat dann bewiesen, dass das auch mit weniger Material, weniger Sprit und zu deutlich niedrigeren Kosten zu machen ist – wie viel günstiger, will er nicht verraten, aber: „Es ist noch weniger, als man glaubt.“ Zwar könne man in Le Mans nicht gewinnen, aber die Rundenzeiten werden trotzdem gemessen. „Und vielleicht“, sagt Bowlby, „sind wir ja nicht nur kein fahrendes Hindernis, sondern sogar ein wenig schneller als manch andere.“ So etwas nennt man wohl britisches Understatement.

ADAC Neubaubuch

Im Dezember 2011 bezogen die rund 2700 ADAC-Mitarbeiter die neue Zentrale in der Münchner Hansastraße. Europas größter Automobilclub würdigte das spektakuläre Bauwerk mit einem knapp 200 Seiten starken Architekturbuch, für das ich als Textchef verantwortlich war. Rund drei Monate war ich damit beschäftigt die Texte, die teils von Mitarbeitern verfasst waren, in Form zu bringen, eigene Texte zu erabeiten, abzustimmen und zu organisieren und das Projekt organisatorisch stets zu überblicken.

 

Arbeit als Textchef, etwa zwölf Wochen in der Redaktion; System: Adobe InCopy K4

Türkisch für Anfänger

1

 

Lena Schneider war neunzehn Jahre alt und fühlte sich wie Mitte siebzig. Antriebslos, überflüssig und unsexy. Dem gefühlten Alter entsprechend stand es auch um ihr Liebesleben. Wobei Rentner vermutlich mehr Sex hatten als sie. Senioren waren ja heutzutage die neuen Teenies. Ihre Mutter Doris war da ein gutes Beispiel. Und just hämmerte sie an Lenas Zimmertür.

 

»Gurke, kann ich reinkommen oder masturbierst du?«

 

Leider war Doris deutlich unter siebzig, sodass man nicht mal sagen konnte: »Mensch, super, Mutti, dass du noch so agil und … jung geblieben bist!« Nein, sie war Mitte vierzig und deswegen war der einzig passende Kommentar: »OMG, du bist so scheiße peinlich und berufsjugendlich, bitte hör auf, mich auf Facebook zu poken, und versuch nicht, meine Hosen anzuziehen.«

 

Doris quetschte sich mit ihrem debilen Therapeutinnen-Lächeln durch die Tür – sie war vorsichtig, in der Vergangenheit waren des Öfteren Gegenstände geflogen – und sah ihre Tochter erwartungsvoll an.

 

»Mutter, ich masturbiere … erstens gar nicht, wenn du zu Hause bist, und zweitens nicht tagsüber.«

 

Doris seufzte. »Jetzt hat wieder die alte Frau aus dir gesprochen. Du weißt doch. Sex ist nichts, was man im Dunkeln machen muss. Mein bester Sex war …«

 

»NÖÖÖÖT!«

 

Lena imitierte ein Buzzer-Geräusch, um Doris’ Satz vor Erreichen der maximalen Peinlichkeit zu beenden. Doris fand, ihre Tochter war verklemmt. Und Lena wusste, dass sie irgendwo recht hatte. Was sie öffentlich natürlich jederzeit abstreiten würde.

 

»Ja, ist noch irgendwas?«

 

Lena hatte gerade leider nichts zu werfen – außer einem abfälligen Blick.

 

»Frieder ist da!«

 

Doris freute sich. Sie fand Frieder super. Und Frieder fand Lena super. Nur leider fand Lena Frieder gar nicht so super.

 

»Zieh dir doch mal was Hübsches an, du siehst schon
wieder so grau aus.«

 

Doris verschwand. Lena leider nicht.

 

(…)

 

Und hier der Clip von Josephine und Elyas, die mein Buch gekonnt bewerben …

Heilung in der Höhe

Dass sie einem mit Quantenphysik kommt, hätte ich nicht erwartet. Aber: „Die Welt besteht aus schwingenden Feldern. Außer der stofflichen gibt es noch viele andere Dimensionen des Lebens“, zitiert Adelheid Lingg einen Leitsatz aus jenem hochwissenschaft­lichen Teilbereich. Irgendwann spricht die 54-Jährige auch von Naturgeistern und kosmischer Strahlung, doch das ist okay. Denn wir stehen oben, hoch über Deutschland, auf dem Nebelhorn. 2224 Meter über dem Meeresspiegel. An die 100 Kühe sorgen mit ihren Glocken für einen beruhigenden Klangteppich. Es sind die am höchsten weidenden Rinder Deutschlands. Nirgendwo sonst gebe es in dieser Höhe derart saftige Nahrungsmittel für sie. Das zeuge von Fruchtbarkeit, sagt die Naturführerin. So ist das Allgäu: „Es gibt kaum eine vergleichbare Region, diese Mischung aus offenen Freiflächen, Wäldern, Bergseen und Tobelbecken und dazu dieses satte Grün. Das schenkt unserer Seele Schönheit und Heilung.“

 

Was man über die Kräuterexpertin lesen kann, macht ein wenig Angst. Von energetischen Kraftwegen ist die Rede, von Naturgeistern, und in weniger charmanten Berichten stehen Ausdrücke wie „Kräuterhexe“. Auf ihrer Website bietet sie Japanisches Heilströmen und die Antlitzdiag­nose nach Dr. Hickethier an. Sie folgt der Lehre der Geomantie, die besagt, dass die Erde keine Materie sei, sondern ein „energetisches Gewebe“. Das mag man glauben oder nicht, aber dass ein gewisses „Zurück zur Natur“ nichts Verquast-Esoterisches sein muss, wird zu beweisen sein. Und sich als wahr herausstellen. Drei Tage mit einer kräuterkundigen Naturführerin im Allgäu bedeuten drei Wanderungen in ebenso vielen Höhenlagen. Wir beginnen ganz oben. Denn runter kommt man immer – mehr oder weniger.

 

Das Erste, was nach Alpenluft und Kuhglockenklang die Sinne beflügelt, ist der Ausblick. 400 Gipfel sollen von hier oben zu sehen sein. „Das hat man nur auf dem Nebelhorn“, sagt meine Begleiterin stolz. Zum Nachzählen fehlt allerdings die Zeit. Denn Frau Lingg hat viel vor. Forsch geht sie los. Der erste Tag beginnt bei leichtem Wind und 30 Grad im Tal, macht immer noch deutlich mehr als 20 Grad in der Höhe. Heiß genug, wenn man schattenlos und stundenlang unterwegs sein wird. Das erste Teilstück führt durch Geröll. Die Aussicht ist majestätisch, linker Hand er heben sich Kleiner und Großer Daumen, die zu den höchsten Punkten der Republik gehören. Der Weg selbst ist nicht ohne.  „Der Fels“, sagt Adelheid Lingg eindringlich, „wirft dich zurück bis auf die Knochen.“ Soll heißen, hier geht’s an die Subs­tanz. Vor der geistigen Erholung steht die (…)

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ADAC Jahrbuch 2011

Wie viele große Institutionen veröffentlicht auch der ADAC einen Jahresbericht. Dass der aber überhaupt nicht trocken oder langweilig daherkommen muss, haben wir hier gezeigt: Sorgsam und intensiv bearbeitete Texte und Themen, Reportagen und Features, unter Titeln wie „Landsberg lässt es krachen“ (Crashtestzentrum Landsberg), „Motoren nach Malaysia“ (Ersatzteilversand) oder „100 Jahre bei Wasser und Boot“ (ADAC Abteilung Wassersport).

 

Arbeit als Textchef, etwa sechs Wochen in der Redaktion; System: K4

Bernd Eichinger

Die Biografie

 

„Alles, was ich sehe. Alles, was ich lese – für mich ist alles Kino.“ Er war das Kraftzentrum des deutschen Films, stand hinter Erfolgen wie „Die unendliche Geschichte“, „Der Name der Rose“, „Das Parfum“ oder „Der Untergang“: Die Lücke, die Bernd Eichinger nach seinem plötzlichen Tod hinterlässt, ist riesig; die Reaktionen auf seinen Tod waren weltweit von überwältigender Anteilnahme. Die Journalisten Detlef Dreßlein und Anne Lehwald widmen dem bedeutendsten deutschen Filmproduzenten die erste große und umfassende Biografie. Sie lassen Weggefährten Eichingers zu Wort kommen und zeichnen ein atmosphärisches, dichtes Lebensbild des streng katholisch erzogenen Jungen aus dem oberbayerischen Rennertshofen, der zu einer der erfolgreichsten Filmgrößen der Welt, zum Hollywood-Produzenten wurde und der die Menschen mit seinen Filmen weltweit zum Lachen und zum Weinen brachte.

 

erschienen im April 2011 bei HEYNE

 

Für einen Blick ins Buch bitte hier klicken

Tausendmal die Kurve gekriegt

Nein, geliebt hat er sie nicht, die Hatz um tausend Kurven. Und dennoch: Überall, wo Nino Vaccarella auftaucht, sagen Motorsportfreunde nach „Guten Tag“ gleich „Targa Florio“. Sein Name ist verquickt mit diesem Rennen auf sizilianischen Berg- und Dorfstraßen, das bis 1977 die Sportwelt begeisterte. In Le Mans fuhr Vaccarella gern. Auch auf dem Nürburgring. Nur in seiner Heimat nicht.

 

Nein, Spaß hatte der in Palermo geborene Rennfahrer nicht dabei, obwohl er zwischen 1959 und 1975 15-mal an den Start ging und dreimal gewann. Vaccarella wird erstaunlich beweglich, als er sich erinnert. Mit links packt er ein unsichtbares Steuerrad, mit rechts rührt er am nicht vorhandenen Schalthebel und macht Geräusche wie ein nervöser Wolf. Das Jaulen produzierte damals sein Motor. Der Ferrari 512S mit dem 5-Liter-V12-Motor und den 600 PS, in dem er 1970 die Targa fuhr, war zu wuchtig und eigentlich chancenlos gegen die flinken, leichten Porsches. Die tanzten förmlich auf den von Lastwagen zerfurchten Straßen. Trotzdem wurde er mit diesem Ungetüm Dritter. An Steinhäusern, Felswänden und Hunderttausenden Zuschauern vorbei, von denen nicht wenige die Rennwagen berühren wollten – all das war nicht Vaccarellas Ding. „Ich war immer fix und fertig“, sagt er.

 

77 Jahre alt ist Nino Vaccarella, mit seinen weißen Haaren und der Lesebrille wirkt er wie ein Professor. Er lebt in einem quaderförmigen Siebzigerjahre-Wohnblock an der lauten Via dell’Autonomia Siciliana in Palermo. Die Wohnung ist ein kleines Museum mit großen Fotos an der Wand, Pokalen und Plaketten auf den Tischen und Kommoden. Sogar das Telefon ist ein roter Plastik-Ferrari. Natürlich holt er bald einen Ordner aus dem Regal. Schwarzweißfotos hat er hinter Klarsichtfolien gesteckt: Vaccarella im Rennwagen, Vaccarella mit Enzo Ferrari, Vaccarella mit Papst Paul VI. Er war eine Heldenfigur der Sechziger- und Siebzigerjahre, als sein Sport noch nach Benzin, Schweiß und Tränen roch. Aber auch nach tödlicher Gefahr.

 

Am 6. Mai 1906 startete die erste Targa Florio, organisiert von Vincenzo Florio, einem Sohn reicher Eltern, der dem Rennsport verfallen war. Zehn Pioniere tuckerten über die meist ungeteerten Straßen der Madonie-Berge. Dreimal wurde die 148 Kilometer lange Runde absolviert. Der Sieger Alessandro Cagno brauchte gut neuneinhalb Stunden. Ab Mitte der Fünfzigerjahre gehörte die Targa Florio zur offiziellen Sportwagen-WM.

 

Die Bedingungen waren skurril. 1971 lag der Franzose Gérard Larrousse im Porsche 908 vorn, als ein Reifen barst. Er versuchte, ihn zu wechseln, wurde aber von Zuschauern mit Steinen beworfen, sodass er auf der Felge weiterfuhr. Als er die Box erreichte, war die Aufhängung kaputt. Nino Vaccarella im Alfa Romeo zog vorbei – die Sizilianer hatten ihn zum Sieger gemacht. Porsche führte seinen Fahrern in Ermangelung von Trainingszeit auch Filme der Strecke vor. Manchem Profi wurde davon so schlecht, dass er sich übergeben musste. 1974 verlor die Targa Florio ihren WM-Status. Nach dem letzten schweren Unfall, bei dem zwei Zuschauer starben, wurde sie 1977 eingestellt. Die Legende lebt heute nur noch in entschärften Varianten als lokale Rennveranstaltung und als Rallye ohne allzu großes Gefahrenpotenzial fort.

 

Wir begeben uns in einem Alfa Giulietta von 2010 auf die Reise in die Vergangenheit. Fast jeder Mann auf unserer Tour starrt das rote Auto an. Einige berühren es. Die Autoleidenschaft der Sizilianer ist nicht die einzige Spur, die vom legendären Rennen geblieben ist.

 

Kurz vor Cerda passieren wir den Start-Ziel-Bereich: Tribünen, die Boxengasse, eine Linkskurve. Erst viele Kilometer später, im Museum in Collesano, werden wir die Magie des Ortes begreifen: Dort sehen wir Bilder von Männern mit rußigem Gesicht und Clark-Gable-Bärtchen, umgarnt von Frauen mit abenteuerlicher Frisur. Und Tausende Fans. In der Gegenwart ist alles dem Verfall überlassen. Das Haupthaus ein Betonskelett. Nur ein Wort ist im zerbröselnden Putz zu lesen: „Florio“. Nebenan verrottet eine Tribüne, die Neonröhren an der Decke sind staubschwarz, Risse durchziehen das Mauerwerk wie Adern.

 

Ein paar Kilometer weiter: Cerda. Die Hauptstraße des Ortes hat eine …

 

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Ich habe mich versehentlich …

Aberwitzige Sex-Unfälle

 

„Wer gibt schon gerne zu, dass er einen Sex-Unfall hatte? In den Notaufnahmen dieser Welt müssen sich Ärzte und Krankenhaus-Personal oft absurde Erklärungen anhören. Was für die Betroffenen peinlich ist, ist für Außenstehende umso komischer. Die unglaublichsten Geschichten haben die Journalisten Laila Kühle und Detlef Dreßlein exklusiv für dieses Buch recherchiert und zusammengestellt.“

 

erschienen im Juni 2010 bei mvg

 

 

Zu Gast bei Stefan Raab am 4. November 2010

TV Total

 

Text im Magazin Laura:

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„Torwart? Ein geiler Job.“

Die Arena auf Schalke an einem spielfreien Tag ist ein trauriger Ort. Eine betonierte Leiche, die darauf wartet, Atem eingehaucht zu bekommen. Die Presselounge in der Arena an einem spielfreien Tag ist ein besonders trauriger Ort: Die Catering-Firma hat die Bar abgesperrt. Als man endlich, für Unsummen und über weite Wege, Kaltgetränke organisiert hat und eine Kanne mit schwarzer Flüssigkeit, die als Kaffee verkauft wird, kommt auch Torwart-Legende Harald Anton – besser bekannt als „Toni“ – Schumacher, 55, auf Touren. Schalke-Torwart Manuel Neuer, 32 Jahre jünger und ungefähr 87 Bänderrisse gesünder als Schumacher, ist eh auf Betriebstemperatur. Dafür hat Schalke-Trainer Quälix, äh: Felix Magath im Vormittagstraining schon gesorgt.

 

Wie wird man eigentlich Torwart. Weil man schlechter Fußball spielen kann als alle anderen auf dem Platz?

 

Neuer: Ich wollte eigentlich Feldspieler werden, bei Schalke. Der Trainer hat dann gesagt, dass ich ins Tor muss, weil ich neu war. So ist das ja auch auf dem Bolzplatz: Der Letzte muss ins Tor. Ich habe das ganz ordentlich gemacht – sodass ich letztlich nie mehr aus dem Tor rausgekommen bin . . .

 

Der letzte Depp muss ins Tor – war das auch bei Ihnen so, Herr Schumacher?

 

Schumacher: Nein, ich habe überall gespielt – vorne, im Mittelfeld, Verteidiger. Aber meine Mutter sagte: „Geh doch ins Tor, ist ein gemütlicher Job, da musst du nicht so viel laufen.“ So bin ich Torwart geworden. Und das Tolle für mich war, dass man ein anderes Trikot anhat, damit jeder sieht: Du hast deinen eigenen Raum, du bist der Einzige, der den Ball in die Hand nehmen darf.

Krieg um Leipzig

Draußen vor dem Stadion rennt ein Zehnjähriger zu seinen Eltern. Er trägt Grün-Weiß am Körper, in seiner Stimme liegt Entzücken: „Ich wurde schon beleidigt“, sagt er stolz. Die Eltern nicken zufrieden, als hätte der Knirps erzählt, dass er sich erstmals die Schuhe allein gebunden hat.

 

Es ist Lokalderby in Leipzig. Grün-Weiß sind die Farben des FC Sachsen aus dem Stadtteil Leutzsch. Der Arbeiterverein, früher unter dem Namen BSG Chemie bekannt, für die Fans heißt er noch heute so. Der größtmögliche Gegensatz kommt aus Leipzig-Probstheida, ist blaugelb und heißt 1. FC Lok Leipzig. In der DDR der Verein der Parteibonzen.

 

Im Derby entlädt sich eine Rivalität, die schärfer, gnadenloser ist als irgendwo sonst in der Republik: „So wie hier ist es nirgends“, sagt Fan Uwe Herziger, der Vorsitzende des Fanclub-Verbands des FC Sachsen Leipzig, „das ist Hass. Der blanke Hass.“ Begegnungen der beiden Lager erinnern an Bürgerkrieg. Der erste Zaun in einem deutschen Stadion wurde in Leipzig gebaut, 1965 im Chemie-Stadion in Leipzig-Leutzsch. Auch den 27. August 1983 wird hier so schnell niemand vergessen, da eskalierte die Rivalität: 300 wutschnaubende Lokisten versprengten 1000 Chemiker in der wohl größten Massenschlägerei, die die Stadt je gesehen hatte. Im Buch „Von Athen nach Althen“ des Szenekenners Thomas Franke wird ein namenloser Lok-Fan zitiert, ein Stimmungsbild jener Zeit: „Wir nahmen uns jedes Haus einzeln vor, in jeden Scheißkeller stiegen wir, holten die raus und haben die zusammengefaltet.“ Der Tiefpunkt.

 

Nach der Wende kamen Sozialfrust und sportliche Erfolglosigkeit hinzu – das machte den Hass nicht kleiner. Im Februar 2007 zogen marodierende Lok-Hooligans durch die Innenstadt. Sie jagten Polizisten durch die Straßen, es gab Schusswechsel, demolierte Einsatzwagen, und 39 Polizisten blieben schwer verletzt zurück. Im Dezember desselben Jahres überfielen Hooligans die Weihnachtsfeier der linken „Diablos“ in der Vereinskaschemme „Sachsenstube“. Dass keiner getötet wurde: reiner Zufall.

 

In den Fanblocks tummeln sich Rechte und Linke, Nazis und Ultras, Hooligans und Kommunisten. Der FC Sachsen litt lange am Krieg im eigenen Fanblock, den Schlachten zwischen den extrem linken Ultras und den Rechten. „Nur zwei davon sind aber Nazis“, beruhigt Sachsen-Fan Herziger. „Wir sind im Osten, wir sind in Leipzig“, sagt er, „hier hast du Arbeitslosigkeit, Jugendkriminalität, und die jungen Leute wollen ihre Aggressionen rauslassen.“ Die Empfehlungen des Jugendamts findet er auch nicht gerade hilfreich: „Wir sollen Gewalttäter und Rechtsradikale nicht mehr betreuen. Das ist doch hirnrissig. Wir sind doch gerade dafür da, die wieder hinzubiegen.“ Aber er weiß auch, dass viele frustrierte Jugendliche den Hass zwischen den Fans für Gewaltexzesse ausnutzen. Zum Schaden der Clubs.

 

Nirgendwo in der Fußballrepublik hassen sich zwei Fanlager so innig wie die des FC Sachsen und des 1. FC Lok Leipzig. Und plötzlich stehen sie zusammen auf einer Seite, mit ihrem Herzblut, ihrer Fanromantik, ihrem Misserfolg. Denn in Leipzig hat die eisgekühlte, zuckrig-klebrige Zukunft des deutschen Fußballs begonnen. Der Getränkekonzern Red Bull möchte im großen Fußball reüssieren. Und wie das ein Konzern eben so macht, hat er sich ein Konzept zurechtgelegt, einen Businessplan, Ziele und eine Kosten-Nutzen-Strategie. Die zwei Traditionsvereine, innig im Hass vereint, gegen das Projekt Red Bull: Es wird eine Saison der Extreme in der NOFV-Oberliga, Gruppe Süd.

 

Als sei ein Ufo gelandet: Ein ausrangierter Lkw-Aufleger aus der Formel 1 ist das mobile Büro, drinnen schafft bläuliches Neonlicht eine surreale Stimmung. Laptops auf weißen Schreibtischen, an der Wand zwei fast mannshohe Getränkedosen. In der Ecke Umzugskartons mit Fanartikeln. Es gibt Schals, Kappen und Tshirts. Das Sortiment wird noch erweitert.

 

Die Mitarbeiter blicken scheu auf Eindringlinge. Fragen solle man sie nicht, wird mitgeteilt. „Bei uns steht die Dose im Vordergrund und nicht der Mitarbeiter“, sagt Jürgen Eckstein, ein drahtiger Dreißiger mit alpenländischem Akzent.

 

Das Ufo heißt Red Bull, und es hat sich Markranstädt auserkoren. 15 Kilometer von Leipzig entfernt, vorbei an Käffern wie Dölzig und Priesteblich, an halb fertigen Windrädern und verfallenen Vorkriegshäusern. Hier wirken die smarten Red-Bull-Lifestyle-Typen wie Teile aus dem falschen Puzzle: dasselbe Prinzip, passt aber nicht. „Ich bin mit den schlimmsten Befürchtungen ins Flugzeug gestiegen“, sagt Eckstein über sein Ankommen hier und lächelt zaghaft. Es soll ein Scherz sein.

 

Pressesprecher Hansgeorg Felder stellt klar: „Wir müssen mit Budgets umgehen und können hier nicht wie Prinz Karneval das Geld rauswerfen.“ Die Rede ist von 100 Millionen in zehn Jahren. Ein Dutzend Profis wurde angeheuert. Der prominenteste ist Ingo Hertzsch, 32. Er spielte sogar zweimal für Deutschland. Und nun 5. Liga. Hertzsch sagt: „Ich will einfach nur Fußball spielen, egal, in welcher Liga.“

 

Bisher war es so einfach hier: Chemie gegen Lok, Grün-Weiß gegen Blau-Gelb, Assis gegen Snobs. Jetzt sind beide im Niedergang vereint. Der FC Sachsen wirtschaftete sich trotz der gut 15 Millionen von Kino-Unternehmer Michael Kölmel in die Pleite, stieg im Sommer in die Fünftklassigkeit ab. Das einzige Saisonziel: einen weiteren Abstieg vermeiden.

 

Sachsen-Mann Uwe Herziger, 48, hat traurige Dackelaugen und Mehrtagebart. Auf seinen Armen verblassen drei Tattoos. Rechts eine Nackte, links eine Rose und ein Wappen der BSG Chemie. „Jugendsünden“, knurrt er. Jahrzehntelang folgt er seinen Grün-Weißen, so oft man sie auch umbenannt hat. Ob nun Chemie, Grün-Weiß oder eben Sachsen, ob erste, zweite, dritte oder nun fünfte Liga. „Einmal Leutzscher, immer Leutzscher“, sagt er. Einmal war er auch im Zentralstadion. Europapokal. „Da hab ich Maradona spielen sehen“, sagt er und blickt hinüber auf die frisch gestrichenen Schalensitze. Mit dem Blick, der sagt: vorbei. Dennoch – im Sommer richteten sie ihr Stadion her, den Alfred-Kunze-Sportpark, erneuerten herausgerissene Sitzschalen, strichen alles in frischem Grün und Weiß. „Am ersten Tag standen 40 Freiwillige da, waren froh, was zu tun zu haben.“ Der Verein hätte nichts bezahlen können, er durchlebt gerade die zweite Insolvenz.

 

Zwei Insolvenzen hat auch Lok, das sich nach der Wende VfB Leipzig nannte, hinter sich. Die zweite war tödlich, 2004 wurde der Verein aufgelöst. Endgültig, eigentlich. Doch einige Fans, darunter der bekennende Ex-Hooligan Steffen Kubald gründeten den 1. FC Lok, und der startete in der untersten Liga, der 3. Kreisklasse Leipzig. Mit grandiosem Erfolg: Zum ersten Spiel gegen Böhlitz-Ehrenberg erwartete man 300 Fans, hoffte auf 700. Bei 1000 gingen die Eintrittskarten aus, bei 5000 hörte man auf zu zählen. Lok-Stürmer René Heusel, der in jener Saison Torschützenkönig wurde, erinnert sich: „Es war wie in der DDR, wenn es frische Bananen oder Pfirsiche gab.“

 

Aber dann geriet Lok immer wieder bundesweit in die Schlagzeilen. Unter die Nostalgiker mischten sich Rechtsradikale und Hooligans und verdarben Lok den Ruf. Jetzt muss Kubald, als Vorsitzender, „den Spagat schaffen zwischen Fansein und Verantwortung“.

 

Keine leichte Aufgabe: dass mal versucht wurde, auf der Tribüne ein Hakenkreuz zu formen? Kubald wiegelt ab: „Die wollten das Präsidium ärgern. Und nur mit viel Fantasie ist da ein Hakenkreuz zu erkennen.“ Dass Unbekannte die Weihnachtsfeier der „Diablos“, der linksorientierten Ultra-Gruppe des FC Sachsen, niederprügelten? „Was irgendwelche Kriminelle außerhalb des Stadions machen, ist Sache der Polizei.“ Kubald antwortet mit der Gelassenheit, die weit über hundert Kilo – verteilt auf 1,90 Meter – verleihen.

 

Im Bruno-Plache-Stadion des 1. FC Lok haben viele Randalierer und Rechtsextreme Stadionverbot. „Wir haben in den letzten Jahren gute Arbeit geleistet“, sagt Kubald, „haben Zivilcourage bewiesen und uns von denen getrennt.“ Lok hat sich vielleicht von den Nazis getrennt. Aber nicht die Nazis von Lok. Denn bei Auswärtsspielen sind sie nicht zu kontrollieren. Ein polizeibekannter Rechter war früher für den Verkauf der Fanartikel zuständig, ein anderer für das Internet-Radio. Kubald sagt, er könne ja nicht das Parteibuch jedes Zuschauers kontrollieren. Und außerhalb des Vereins gebe es kaum Handhabe. So kommt es vor, dass die NPD vor dem Stadion Kugelschreiber und Aufkleber verteilt und politische Agitation bei den Fans betreibt. Dort wird sie gehört. Es gab Transparente, auf denen stand: „Wir sind Lokisten, Mörder und Faschisten.“

 

Auch wenn er früher wohl zu oft weggesehen hat – Kubald kämpft tapfer für einen sauberen Club. Er mag das alles nicht mehr hören. „Schreiben Sie doch mal über unsere hervorragende Jugendarbeit.“ Oder darüber, dass man einen Weltrekord aufstellte, beim Spiel gegen Großdeuben: 12.150 Zuschauer, mehr kamen noch nie zu einem Spiel der untersten Liga, weltweit.

 

Alles in allem also eine ziemlich verfahrene Lage in Leipzig. Eine Situation, die Red Bull lockte: eine Stadt mitten in der Republik, mit einer halben Million Einwohnern, Flughafen und Autobahn, mit WM-Stadion und weitläufigem Umland.

 

Der ideale Standort.

 

Abgeordnet wurde Andreas Sadlo, 41, gebürtig in Kitzbühel, früherer Spielerberater und Manager des FC Tirol Innsbruck. Ein hagerer Mann, Typ Marathonläufer, mit hohlen Wangen unterm Dreitagebart. Er lacht wenig und wird nicht gern fotografiert. Alles hier erweckt den Anschein einer Geheimveranstaltung, Sadlo immerhin gibt Auskunft. Spricht stets von dem „Projekt“ und formt Sätze wie aus einer Imagebroschüre: „Wir haben uns die Standorte Berlin und Düsseldorf angesehen und glauben, dass Leipzig für so ein Projekt perfekt geeignet ist.“ Oder: „Was uns auszeichnet, ist die Langfristigkeit, mit der wir Projekte angehen.“ Oder: „Wir machen kein Sponsoring, wir betreiben den Sport selbst.“

 

Seit über einem Jahr ist er mit dem „Projekt“ zugange. Er sondierte den Markt, beobachtete viele Oberliga-Spiele, „um einen Eindruck zu bekommen von der fußballerischen Qualität“. Und erkor schließlich den SSV Markranstädt aus für den Take-over. Die Übernahme war freundlich – man spricht von der überzeugenden Kraft von 350.000 Euro im Jahr –, aber konsequent. Das Produkt, das Red Bull dafür erhielt: die erste Mannschaft samt Platz in der Oberliga, dazu Reserve- und Jugendmannschaften. Alles das heißt nun RB Leipzig, offiziell „RasenBallsport“ – werbliche Vereinsnamen sind in Deutschland untersagt – die dürfen nur Clubs wie Bayer Leverkusen oder Carl Zeiss Jena tragen, die traditionell so heißen, weil sie einst als Werksportclubs gegründet wurden. Der Aufstieg ist für RB Pflicht, er steht im Businessplan. Spätestens ab der 3. Liga wird man ins Zentralstadion umziehen, die einzige brachliegende Arena der WM 2006.

 

„Fußball gucken und sich nicht Köpfe einschlagen: Das ist, was die Leute wollen“, sagt Toni Freytag, 26, einer der unpolitischen Fans in der Stadt. Und einer der wenigen RB-Fans. Er hat die L.E. Bulls gegründet, den ersten Fanclub des Retortenvereins. Dass man ihn und seine 30 Kollegen im Fanblock anfeindet – egal. Er will stressfreie Nachmittage mit gutem Fußball.

 

Die traditionellen Anhänger halten nicht viel von RB: Vor dem ersten Spiel hoben sie ein Grab aus, nagelten ein Holzkreuz zusammen mit der Aufschrift: „Hier stirbt der Fußball.“ Beim Spiel in Jena pöbelten sie die Spieler an, bespuckten sie. „Das Feindbild verlagert sich – Richtung RB“, sagt Lok-Mann Kubald.

 

Er sieht die Situation gelassen. „Red Bull hat in der Formel 1 was gerissen, und die fliegen mit Flugzeugen durch Pylonen“, sagt er. Aber Fußball? „Da wird niemand klein beigeben, nur weil Red Bull kommt.“ Auch Herziger, der Grün-Weiße, ist sich sicher: „Die werden sich umgucken, wie es in Auerbach oder Pößneck auf die Socken gibt.“

Yes, he can

Der Parteivorsitzende wühlt und kämpft sich durch die Menge, er lächelt sein Lächeln von der Stange. So stimmt man Wähler milde. Doch das Gemurmel, das Gerede und Gelache hört nicht auf, und der Parteivorsitzende wird ungehalten. Schließlich geht es hier ja nicht um irgendwas, es geht ums große Ganze. Der Parteivorsitzende hebt die Stimme, bittet, nur noch fast freundlich: „Vielleicht könnte da hinten mal einer Bescheid geben, dass hier Politik gemacht wird.“

 

Staatsmänner müssen manchmal auf den Tisch hauen.

 

Schnell kehrt Ruhe ein, und der Parteivorsitzende begrüßt seine Wähler und Fans: „Vielen Dank … hier in, äh, Dings, ich liebe diese Stadt so wie keine.“ Freundlicher Applaus. Wir sind in Köln.

 

Martin Sonneborn heißt der Parteivorsitzende, und seine Partei heißt PARTEI, Die PARTEI. Einerseits, sagt er, unterstreiche der Name „den Alleinvertretungsanspruch, den Willen, andere Parteien überflüssig zu machen“. Andererseits sagten ihm nicht wenige eintrittswillige Anrufer: „Schon mein Großvater war in der Partei, ich will auch zu euch.“ Mit den Bundesbürgern im Osten war das ähnlich. Zumal das offizielle PARTEI-Lied dort vielen bekannt vorkommt: „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht . . .“

 

Seit 2004 mischt Die PARTEI (Kurzform für „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“) die deutsche politische Szene auf. Mit acht politikmüden Mann begann man; nun zählt Die PARTEI 8000 Mitglieder und hat zehn Landesverbände. Und auch am 27. September will man antreten.

 

Das Wichtigste an einer Partei? Das Personal und die Programmatik. Das Personal ist im Wesentlichen Sonneborn. „Und unser Programm haben wir bei den Grünen abgeschrieben und ein bisschen frisiert“, sagt Sonneborn.

 

Auf Seite 14 des Programms steht etwa: „Die fünf Länder Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sollen dabei zu einem starken Ost-Bundesland zusammengefasst werden. Um wirtschaftliche Impulse zu erzeugen, soll dieses neue, starke Bundesland eine Sonderbewirtschaftungszone (SBZ) bilden. (. . .) Diese Sonderbewirtschaftungszone (SBZ) soll auch baulich vom Rest der Bundesrepublik getrennt werden.“ Sprich: die Mauer möge doch bitte wieder aufgebaut werden. Sonneborn hat den Passus seinen politischen Weggefährten ohne Probleme unterjubeln können. „Das ist so durchgegangen. Die haben wohl nur bis Seite 13 gelesen“, vermutet er.

 

Doch Die PARTEI steht nicht allein da: „Wir sind der politische Arm des Faktenmagazins ,Titanic‘“, sagt Sonneborn. Lange Zeit war er Chefredakteur des Satiremagazins.

 

Schon damals hat er die deutsche Seele geprägt, wie sich an diesem Abend noch zeigen wird, wenn Sonneborn auf der Jagd nach Unterschriften auf der Straße von potenziellen Wählern erkannt wird. Einer plärrt ihm entgegen: „Ey, du hast doch die WM nach Deutschland geholt.“ Sonneborn lächelt huldvoll, sagt nur: „Ja, das stimmt.“ Und erklärt dann dem mehr oder weniger alkoholisierten Beobachter, dass dies „die Position der FAZ, der ,Tagesthemen‘ und Rudi Völlers“ sei. Er selbst jedoch sehe das differenzierter. Aber dass ein Fax der „Titanic“ Charles Dempsey, dem 78 Jahre alten Neuseeländer, bei der WM-Vergabe so zusetzte, dass er sich der Stimme enthielt und Deutschland somit knapp vorn lag, ist erwiesen. Die „Bild“-Zeitung veranstaltete daraufhin eine große Telefonaktion. Bei der konnte man Sonneborn und Kollegen mal die Meinung sagen. Mit einer WM, findet „Bild“, spaßt man nicht. Sonneborn sammelte die Meinungsäußerungen und brachte ein „Best-of“ auf CD heraus, mit Sprüchen wie diesem: „In einem Rechtsstaat gehören Leute wie Sie in ein KZ.“

 

Der PARTEI-Vorsitzende ist dennoch populär. Nicht nur wegen der WM. Potenzielle Wähler grüßen ihn, verwickeln ihn in politische Grundsatzdiskussionen. Auch wenn einer dieser politischen Laufkunden nicht davon abzubringen ist, dass es sich bei dem Herrn im Anzug um den bekannten Fernsehproduzenten Friedrich Küppersbusch („Raus aus den Schulden“) handeln müsse, und Sonneborn Stellungnahmen zum Zustand des deutschen Fernsehwesens abnötigt. Was Sonneborn dann auch kompetent erledigt. Denn er gibt dem Wähler, was der Wähler will. „Steuersenkungen“, sagt er, „würde ich niemals versprechen – außer wenn Sie das möchten.“

 

An diesem Abend verspricht er dies in einer dem Anlass, der Wichtigkeit der Fragen unwürdigen Lokalität. Es riecht nach Rauch und nach Hackbraten aus der Küche. Das Publikum trägt Bart, pink gefärbte Rastalocken und ausgebeulte Jogginghosen. Wahlkampf halt. Aber auch der ideale Ort, um an den „Bodensatz“, wie Sonneborn das Wahlvolk hier nennt, heranzukommen. Die von der PARTEI entwickelte Form des politischen Diskurses, „Trinker fragen – Politiker antworten“, ist wie gemacht für Lokalitäten wie diese.

 

Der Parteivorsitzende kennt und spielt seine Rolle als Staatsmann perfekt. Er betont immer die erste Silbe, trennt bedeutungsvoll und füllt so leere Worthülsen phonetisch mit Inhalt. Und bedankt sich artig für jeden noch so dahergelallten Einwurf: „Vielen Dank für diese Frage.“

 

Nur manchmal, da gerät die Fassade ins Rutschen, da presst er die Lippen aufeinander, als müsste er gleich losprusten. Aber schnell und professionell fängt er sich wieder und widmet sich mit dem gebührenden Ernst der wichtigen Frage eines verunsicherten Wählers.

 

„Ich habe nichts verstanden“, muss er zugeben, „aber ich bin dagegen.“ Applaus. „Und wenn ich sehe, wie uns das Sympathien bringt, so bin ich doppelt dagegen.“ Noch mehr Applaus. Martin Sonneborn kann sich sicher sein, wieder Wählerherzen erobert zu haben. Und er setzt noch einen drauf: „Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort. Ich wiederhole: mein Ehrenwort.“ Dass ihm hierbei eine erste Schweißperle die Schläfe hinunterwandert, mag an dem gleißenden Scheinwerfer und dem Billiganzug von C&A liegen, der zur inoffiziellen Parteikleidung avanciert ist. „Wenn wir an der Macht sind, werden alle solche Anzüge tragen“, verspricht Sonneborn nordkoreanische Verhältnisse in Deutschland.

 

2005 trat Die PARTEI erstmals zu einer Bundestagswahl an, wurde tatsächlich vom Wahlleiter zugelassen. Mit kumulierten 10.379 Stimmen blieb man zwar weit unter 0,1 Prozent. Und damit auch weit hinter der Tierschutzpartei, der Bayernpartei und der Gruppierung Die Frauen – aber ein Anfang war gemacht.

 

Fortan trat man auch zu Landtagswahlen an, zum Beispiel 2007 in Hamburg mit den Spitzenkandidaten Heinz Strunk und Rocko Schamoni. Der Slogan „Wähler aufgepasst: Ole von Beust ist schwul“ schien viel versprechend. Denn, sagt Sonneborn, „manchmal sagen wir auch die Wahrheit. Wenn es uns nutzt.“ Aber die Parole löste Proteste aus, die CDU tobte und sprach von einer Schmutzkampagne. Martin Sonneborn ging in sich und änderte den Slogan. „Schwule aufgepasst: Ole von Beust ist in der CDU.“

 

Auf „Staatsbesuch“ waren Sonneborn und seine Kader auch schon, damals 2007 in Georgien. Man traf sich immerhin mit dem Führer der oppositionellen Arbeitspartei. Sonneborn beschreibt die Begegnung anschaulich in seinem Standardwerk „Das PARTEI-Buch. Wie man in Deutschland eine Partei gründet und die Macht übernimmt“ – vom Reisebus mit den Einschusslöchern über das Angebot, für 10, 15 Euro ein paar Frauen zu organisieren, bis hin zum Besuch in der Parteizentrale. Dass man nicht 30 Sitze im Bundestag hatte, wie vom ehrwürdigen Chef der Georgischen Arbeitspartei angenommen, verschwieg man. Entschuldigte sich aber höflich für den Bruch des Hitler-Stalin-Pakts („Die Sache tut uns leid, es soll nicht wieder vorkommen“) und probierte auch von dem Höllenschnaps in grünen Plastikflaschen. Es heißt, die georgisch-deutschen Beziehungen seien seither besser geworden.

 

Schwerpunkt bleibt aber die Innenpolitik: Auch 2009 will Die PARTEI mit ihrer altbekannten Forderung nach einer Zusammenlegung der neuen Bundesländer politisch punkten. „Wir haben eher wenig Inhalte, vertreten die aber vehement“, sagt Sonneborn. Und: „Wir sind unseriös, populistisch, machtorientiert, schmierig – wir sind eine Partei neuen Typs.“ Vor allem also ehrlich. Im Wahlkampf machte man sich beliebt mit wertvollen Geschenken statt alberner Fähnchen oder Kugelschreiber aus Plastik. Der Kölner Spitzenkandidat Marc Benecke verteilt Plüschhandschellen, Nylonkrawatten und lebende Schaben.

 

Der Bundeswahlleiter hat – anders als noch 2005 – der PARTEI die Teilnahme an der Bundestagswahl verboten. Er verschanzt sich hinter dem Bundeswahlgesetz (§ 18 Abs. 4), für Sonneborn ein Skandal. Er will kämpfen, um doch wieder antreten zu können. Schließlich habe man erst kürzlich in einem Casting eine Kanzlerkandidatin ernannt. Die bildhübsche Samira El Ouassil sei kompetent genug, der Parole „Frau ja, aber schön!“ Gestalt zu geben.

 

Der Wahlkampfabend in Köln: ein Triumphzug. Unter tosendem Applaus verabschiedet sich Martin Sonneborn mit der Gestik des Staatsmanns: die zur Siegerpose verschränkten, erhobenen Hände, das gnädige Nicken.

 

Und staatsmännisch auch seine Schlussworte: „Viele sehen uns als Parodie auf die etablierten Parteien. Aber wenn unser Land uns ruft“, sagt Parteivorsitzender Sonneborn, „dann sind wir gewillt, uns der Verantwortung zu stellen.“

Oh, wie schön ist Tschernobyl

Der Himmel, gestern noch strahlend blau, ballt graue Wolken zusammen. Trotzdem ist heute kein schlechter Tag für eine Fahrt ins Blaue. Neun Uhr morgens, im Zentrum von Kiew, der Hauptstadt der Ukraine. 46 Touristen aus ganz Europa sitzen im Mercedes-Reisebus und sind gespannt. Nach einer kräftigen Rückkopplung raunzt Sergei Ivanchuk ins Busmikrofon: „Es geht nach Tschernobyl.“ Mitten ins militärische Sperrgebiet. Schon seit sechs Jahren veranstaltet Ivanchuk als Chef des Kiewer Reisebüros Solo East Travel diese Kaffeefahrten.

 

Und lockt damit ein breites Publikum an: Ökoaktivisten; Leute, die bremsen, wenn auf der Gegenspur ein schlimmer Unfall zu bestaunen ist; ganz normale Touristen. 145 Dollar haben sie für die Fahrt nach Tschernobyl im klimatisierten Reisebus bezahlt. Es geht bis direkt zum Reaktor 4 des vormaligen Kernkraftwerks. Mit anschließendem Besuch der verlassenen Stadt Pripjat und einem kleinen Lunch.

 

Spanier, Schotten, Schweden, Finnen – die Stimmung im Bus ist übermütig aufgeregt. New York, Freiheitsstatue – da war jeder schon. Paris, Eiffelturm auch. Aber Tschernobyl, wer hat das schon in seinem Fotoalbum? Tschernobyl: der Ort, der bis heute für das nukleare Grauen steht. Für das Versagen der Technik, für das Versagen der Sowjetunion oder für das Versagen des Menschen – je nachdem, wie man das sehen will. Oder, wie Reiseführer Sergei sagt, für das, „was passieren kann, wenn jemand den falschen Knopf drückt“.

 

Der Mittdreißiger, eine Mischung aus Popeye und Kirmesboxer, rattert routiniert die Fakten der größten Technikkatastrophe des vergangenen Jahrhunderts herunter: Am 26. April 1986, kurz nach Mitternacht, gerät hier vieles außer Kontrolle. Ein Sicherheitstest ist anberaumt, Routine, aber irgendwo hakt die Technik. Obwohl alle Warnsysteme zur sofortigen Abschaltung mahnen und der Schichtleiter abbrechen will, besteht der stellvertretende Chefingenieur Anatoli Djatlow darauf, den Test durchzuziehen. Er will nicht wieder von vorn beginnen. Um 1.23 Uhr kommt es zur atomaren Kettenreaktion und zur Explosion. 250 Tonnen Grafit verbrennen, radioaktives Jod-131 und Cäsium-137 werden über die Wolken Tausende Kilometer weit getragen. Der Super-GAU ist eingetreten.

 

Die Landschaft auf den 130 Kilometern zwischen Kiew und Tschernobyl ist unspektakulär. Ein Österreicher erklärt der Gattin aufgeregt die Landkarte: „Die Städte in Klammern sind alle verlassen.“ Noch zweieinhalb Stunden bis zum Checkpoint. Wir holpern über zernarbte Straßen, hinter rußenden Lkws und Ladas aus der Stalin-Zeit. Die Sowjetunion, hier lebt sie noch. An der Straße stehen Mütterchen in Reihe und verkaufen Blumen und Kartoffeln aus Plastikeimern. Der erste Checkpoint. Ab hier ist Sperrgebiet, ein 30-Kilometer-Radius um den Unglücksreaktor. 200.000 Menschen wurden evakuiert und umgesiedelt, drei Städte und 92 Dörfer. Jetzt leben hier wieder 3000 Menschen. Weitere 3000 werden täglich hergekarrt, um die Ruine zu verwalten.

 

Ankunft in jenem Dorf, das den Namen der Katastrophe trägt, Tschernobyl. Es beherbergt heute die Arbeiter und Wissenschaftler, weil der Ort weniger belastet ist als die meisten anderen Dörfer in der Umgebung. „Keine Souvenirs mitnehmen“, mahnt Sergei. Vor dem Einsteigen in den Bus sollen wir die Schuhe nur abklopfen und den strahlenden Staub nicht in die Sohlen reiben.

 

Am Straßenrand steht ein Denkmal, sowjetisch, kitschig, grau. Es ist den 28 Männern der Werksfeuerwehr gewidmet, die sich in jener Aprilnacht 1986 den Flammen entgegengeworfen haben. Sie sind längst tot, Leukämie. „Zwei Minuten Fotopause“, brummt Sergei. Die Kameras klicken. Es herrscht glucksende Vorfreude, bald sind wir da, am Reaktor Nummer 4. Zigarette aus, die Schuhe abgeklopft, weiter geht’s. Nach dem zweiten Checkpoint wird es immer verwilderter. Im inneren Ring haben Zivilisten nichts verloren. Gänseblümchen und Schafgarbe sprießen hier im Überfluss. All die kleinen dreieckigen gelben Schildchen mit den Zeichen für Radioaktivität können sie nicht lesen. Zwischen Flora und Fauna ein Kanal, die Rudimente von Reaktor 5 und 6 bauen sich vor uns auf. Hier sollte mal das größte Kernkraftwerk der Welt entstehen, zehn Reaktorblöcke. Übrig geblieben sind Betonruinen und ein paar rostige Kräne. Wir fahren an der Längsseite des Reaktors entlang. Eine riesige Fabrik des Grauens, von Zeit und Regen und Schnee in alle möglichen Grautöne getüncht. Selbst der Himmel hat sich angepasst. Im Bus steigt der Lärmpegel, aus den hinteren Reihen ertönen „Oohs“ und „Aahs“. Zeigefinger deuten hinaus. Ein Norweger fühlt sich an seine Bustour nach Auschwitz erinnert. Auch das ein gängiges Touristenziel.

 

Der Bus stoppt hundert Meter vom Sarkophag entfernt, dem Betonschutzmantel um die Reaktorruine. Die Hülle haben seinerzeit ahnungslose Arbeiter und Soldaten zusammengeschustert und über die Jahre immer nur leidlich geflickt. Es bröckelt und rostet. Sollte die Hülle einstürzen, würde eine radioaktive Staubwolke die Region erneut kontaminieren. Aber die Ukraine hat kein Geld – und der Westen hat das Problem offenbar vergessen.

 

Sergei erzählt, dass im Innern noch einige Ingenieure arbeiten, immer nur kurze Zeit, so lange, bis das Dosimeter rebelliert. Wer sich zehn Stunden dort aufhält, stirbt. In ein paar Meter Entfernung aber, dort, wo wir stehen, ist die Strahlung nur leicht erhöht, nicht bedrohlich. Ein Franzose hat extra sein eigenes Messgerät dabei – er ist enttäuscht: Im Flugzeug nach New York war die Strahlung höher. Auch andere haben Geigerzähler dabei und vergleichen ihre Messwerte. Wie hoch die Belastung ist, hängt davon ab, wie schlimm der radioaktive Niederschlag im April und Mai 1986 war. Es gibt Gegenden in Weißrussland, Hunderte Kilometer entfernt, in denen die Belastung vielfach höher ist als direkt am Reaktor.

 

Beeindruckender als der Reaktor selbst ist es zu sehen, was er angerichtet hat – etwa in Pripjat, der 1970 erbauten Stadt, die die Arbeiter des Atomkraftwerks beherbergte und die im Volksmund nur „Atomgrad“ hieß. Wohnungen waren so gut wie umsonst, es gab ein Einkaufszentrum, ein modernes Hallenbad, Schulen. Die Stadt war eine der jüngsten und lebendigsten in der Sowjetunion, eine Art nukleares Schlaraffenland. Erst Tage nach der Explosion in Reaktor 4 hat man die 48.000-Einwohner-Stadt geräumt. Man hat den Pripjatern vorgelogen, sie könnten bald zurückkehren. Doch niemand ist zurückgekehrt – außer den Plünderern. Sie räumten die Kühlschränke und Fernseher raus – hochkontaminiert – und verhökerten sie in der ganzen Sowjetunion. Nur was niet- und nagelfest war, rottet seitdem vor sich hin. Ein gigantisches Freilandexperiment. Die Natur holt sich zurück, was der Mensch ihr einst nahm. Der Lenin-Boulevard: ein schmaler Waldweg, den der Bus gerade so befahren kann. Die Plattenbauten: zugewachsen mit dichtem Urwald. Im Hallenbad gähnt die Leere des Tauchbeckens unter dem Sprungturm. In der Grundschule, wo einst die kleinen Pripjater zu ordentlichen Parteigenossen erzogen wurden, vergilben die Bücher. Auf einer schimmligen Tafel mahnt ein Comic-Wolf vor den Gefahren der Elektrizität. Auf dem Basketballfeld regieren jetzt die Birken. Pripjat – das Pompeji des Atomzeitalters.

 

Die Bushupe röhrt, wir müssen weiter. Es geht zurück zum äußeren Checkpoint, alle müssen noch auf ein Messgerät steigen. Grünes Licht, wir sind sauber und dürfen zurück nach Kiew. Morgen geht’s weiter, die einen machen Sightseeing in Kiew, andere fahren auf die Krim. Wieder andere nach Paris, Florenz oder Stockholm. Sehenswertes fotografieren. Tschernobyl ist ja jetzt im Album.

„Ich war zu nett“

Nach Wanderern sehen die Touristen auf knapp 1000 Meter Höhe nicht aus: Badelatschen, Bermudashorts und handsignierte Fußballtrikots ersetzen hier Kniebundhosen und rote Socken. Die Fans begleiten ihren VfB Stuttgart ins Trainingslager im Tiroler Dörfchen Leogang, um die Stars zu bewundern. Allen voran Jens Lehmann. Wir trafen Deutschlands ehemalige Nummer 1 zwischen zwei Trainingseinheiten.

 

Herr Lehmann, müssen wir uns vor Ihnen fürchten?

 

Lehmann: Das kommt darauf an.

 

Worauf?

 

Nur, wenn Sie auf dem Platz gegen mich ein Tor schießen wollen. Jetzt bin ich entspannt.

 

Ist die Angst des Gegners das Erfolgsrezept eines guten Torwarts?

 

Man hat es allgemein schwerer mit Spielern, bei denen man weiß, dass man sich wehtun kann.

 

 

Der Staatsfeind Nummer Eins

(FÜR DEN VOLLSTÄNDIGEN TEXT BITTE AUF DAS ARTIKELBILD KLICKEN)

Wieder aufstehen

Die Autobiografie von Natalie Simanowski

 

Wie fühlt es sich an, wenn dich jemand umbringen will? „Bei mir so: Ein Schlag, wie mit der Faust, nicht mit der flachen Hand, auf den Rücken. Wie wenn man in ein Schlagloch fährt und die Wirbelsäule gestaucht wird […].“ Die bewegende Geschichte einer Sportlerin, die sich nach einem Messerattentat wieder an die Weltspitze kämpfte!

 

erschienen im April 2009 bei mvg

 

Für einen Blick ins Buch bitte hier klicken

 

Affentheater Hollywood

Es gibt Schlimmeres, als am Pool zu sitzen, sich der modernen Kunst zu widmen und einmal die Woche bei McDonald’s auf einen Cheeseburger und eine Cola light vorbeizuschauen. Vor allem, wenn man sich in Erinnerung ruft, wie es meinen Kollegen ergangen ist: „Free Willy“ starb in einem einsamen Fjord an einer Lungenentzündung, Flipper brachte sich um, er hielt einfach die Luft an, wie es depressive Delfine tun, und Mr. Ed, der Arme, verreckte an einer Überdosis Tranquilizer. Aber ich bin nun fast 77 Jahre alt, der laut „Guinness-Buch“ älteste Schimpanse aller Zeiten, auch wenn es Neider gibt, die das anzweifeln. Und Neider gibt es, das können Sie mir glauben. Aber alles, was mich wirklich plagt, ist Altersdiabetes.

 

Das Rauchen musste ich deshalb aufgeben. Dabei hat es mir immer sehr geholfen, damals, in den goldenen Dreißigern, als ich Hollywood eroberte. Eine Zigarette brach das Eis zwischen mir und einem anfänglich feindseligen Bogie, eine Zigarette festigte meine lebenslange Freundschaft mit Gary Cooper. Oh, was wurde damals gesoffen und gefeiert! Ich erinnere mich an Partys, wo ich den Koks von den Brüsten von Constance Bennett geschnupft und den Rolls-Royce von Douglas Fairbanks geschrottet habe. Johnny fand es eine gute Idee, mich fahren zu lassen.

 

Es waren gute Zeiten. Johnny Weissmuller war Tarzan, Maureen O’Sullivan war Jane, und ich: war ich. Nur Maureen war schwierig. Eine alte Schachtel, eine so schlechte Mimin, dass sie Zuneigung zu Tieren nicht mal spielen konnte. Und wenn Sie glauben, ihr permanentes Herumgezicke war Schauspielkunst – als ich ihr etwa laut Drehbuch beim Baden die Klamotten klauen musste –, dann täuschen Sie sich. Sie war furchtbar! Ich habe immer gehofft, dass sie Jane rausschreiben, dass Johnny und ich allein weitermachen können. Als perfektes Dschungel-Duo. Johnny war großartig. Einzigartig. Der Größte.

 

Aber auch ich war einer der größten Stars damals, und das nicht etwa, weil ich ein Affe bin. Das macht höchstens zehn Prozent meines Erfolgs aus, der Rest war Talent. Ich bin Komödiant und kein Intellektueller. Das wollte ich nie sein. Wir haben damals Unterhaltung gemacht, Johnny und ich. Insgesamt elf Tarzan-Filme von 1934 bis 1948. Seit 1967 bin ich Rentner, mein letzter Film, „Dr. Doolittle“, war ein Megaflop, dank meines „Partners“ Rex Harrison, den ich mit folgenden Adjektiven treffend umschreiben kann: impotent, alkoholkrank, gemein, eitel, reizbar, snobistisch.

 

Jetzt lebe ich hier in Palm Springs, dort, wo auch Bob Hope, Dean Martin und Frank Sinatra ihre Rente genossen. Im Casa de Cheeta, einem Altersheim für tierische Showgrößen. Betrieben von Dan Westfall. Dessen Onkel Tony hatte mich einst 1932 in den Wäldern Liberias entdeckt. Dort lebte ich mit der Verwandtschaft im Dschungel, aufgezogen von meiner wunderbaren Mutter, der schönsten Schimpansin der Welt. Mit einem Fell, das schimmerte wie Coca-Cola auf Eis.

 

Tony brachte mich dann in einen anderen Dschungel, nach Tinseltown, wie wir hier das gute alte Hollywood nennen. Ich erinnere mich noch, wie ich vom Schiff aus die Lichter New Yorks erblickte. Ein Glanz, den ich nur noch einmal ähnlich wiedersah, in den vom LSD gekrümmten Augen eines Cary Grant. Dan sagt immer, er kenne nur einen weiteren Affen, der ebenso erfolgreich sei wie ich, und das sei Sylvester Stallone. Dan ist ein lustiger Kerl.

 

Ganz anders als Charlie Chaplin. Ein völlig überschätzter und unlustiger Scharlatan, ohne jeden Sinn für Humor. Ich erzähle Ihnen dazu eine Episode von 1938, an die ich mich sehr lebhaft erinnere, weil ich dabei meine Unschuld verlor. Johnny und ich waren bei Chaplin eingeladen. Er liebte diese Einladungen in seiner Mansion oben am Summit Drive. Johnny erzählte mir auf der Fahrt, dass Chaplin explizit darum gebeten habe, dass ich mitkomme, denn er liebe ja Tiere und habe auch diesen kleinen Zoo in seinem Garten. Wenn Sie mich fragen, eine laue Begründung: Jeder Mensch liebt Tiere. Nein, Chaplin war heiß auf mich, weil die Presse unseren Film „Tarzan Escapes“ gerade hochlobte. Ich gebe ja nichts auf Kritiken, ganz anders als etwa Charlie, dem gute Presse so wichtig war wie Bela Lugosi sein Morphium oder Mary Astor ein erigierter Penis. Aber wenn ich mich recht entsinne, schrieb „Variety“ damals vom „hübschen Antlitz des Affen Cheeta“. Und der „Hollywood Reporter“ befand, „dass der Film dem Affen seine komischsten Momente verdankt“. Nicht, dass mir so was wichtig wäre – ich wollte es nur erwähnt haben.

 

Wir kamen also an, und Johnny rief sein obligatorisches „Tarzan brings Cheeta“ in die Menge. Charlie winkte kurz. Und wandte sich sofort wieder seinen anderen Gästen zu. Was für ein aufgeblasener Typ!

 

Und immer am Quatschen, meistens hörte ihm ein Haufen blutjunger Mädels zu, das gefiel ihm. Sagt er doch zum Beispiel: „Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist nicht seine Ratio, dass er Werkzeuge herstellen oder sprechen kann. Der größte Unterschied ist der Humor. Wir sind die einzige Spezies, die lacht.“ Dann zog er ab. Und weil ich leider feststellen musste, dass die Mädels sich kaum noch für mich interessierten, ließ ich mir etwas einfallen. Man ist ja nicht umsonst im Show-Business. Ich sah also Chaplins Melone herumliegen – und ich sage Ihnen, ein Affe mit Hut ist immer ein Bringer. Mehr noch als ein Affe mit Zigarette. Also spazierte ich damit ein wenig durch den Garten, ich war ja auch schon nicht mehr nüchtern und ein wenig melancholisch. So stolperte ich quasi in Chaplins kleinen Privatzoo. Ich war entzückt: ein halbes Dutzend Schimpansen, alles Weibchen.

 

Es war mein erstes Mal, ich stellte mich wahrhaftig nicht gut an. Aber mit einer Zigarette in der Hand und Chaplins Hut auf dem Kopf fühlte ich mich großartig. Erst spät registrierte ich das rhythmische Klatschen der anderen Partygäste. „Hey, Charlie“, riefen sie, „schau, das bist du. Char-lie, Char-lie, Char-lie.“ Chaplin rannte herbei und wollte entsetzt einschreiten. Man sagte ihm, dass es lebensgefährlich sei, Tiere während der Paarung zu stören. Und ich muss sagen, sie hatten Recht. Es war großartig, ein williges Weibchen nach dem anderen zu begatten, angefeuert von allen Partygästen und mit Chaplins Hut auf dem Kopf.

 

Tja, die Frauengeschichten. Da fällt mir noch Marlene Dietrich ein, von der ich Ihnen aber leider sagen muss: Wenn das die „gute Deutsche“ war, dann möchte ich die anderen gar nicht kennen lernen. Sie war vielleicht – vor ihrem Abstieg in Alkoholismus und Wahnvorstellungen – eine ganz passable Köchin. Aber sonst? Ich habe auf einer Party ein kleines Techtelmechtel mit ihrer Kollegin Mercedes de Acosta beobachten müssen. Sie knutschten und fummelten und redeten dummes Zeug, was mich tödlich langweilte.

 

So war das damals. Vor mir hatten sie keine Hemmungen: Jack Warner habe ich im Büro mit seiner Sekretärin überrascht, Lupe Vélez (die sich später Johnny angeln sollte) trieb es mit Ward Bond auf Errol Flynns Yacht. Und Gary, Gary Cooper, dachte ja nur an Fressen, Sex und Saufen. Sind eben auch nur Menschen, die Hollywood-Stars. Ich hatte ja auch meinen Spaß. Bis sie mich irgendwann kastriert haben. Ich sei zu aggressiv, hieß es.

 

Alles, was mir heute fehlt, ist Anerkennung. Seit Jahren kämpfen meine Fans darum, dass ich endlich einen Stern auf dem Walk of Fame bekomme. Wer ist da nicht schon alles: Donald Duck, Micky Maus, Lassie, Rin Tin Tin und neuerdings sogar Tinker Bell. Die Elfe aus „Peter Pan“. Ich bitte Sie! Aber wo Disney und deren Geld dahinterstehen, da läuft das eben so.

 

Einen Oscar haben sie mir auch nie gegeben. Wie keinem meiner tierischen Kollegen. Es wäre höchste Zeit. Die Rede habe ich längst vorbereitet.

Die Geschichte basiert auf dem Buch „Me Cheeta – The Autobiography“. Es ist bei Fourth Estate in London erschienen und kostet £16,99.

Im Alleingang

Als der Spanier tot war, blieb keine Zeit für Sentimentalitäten. Zweimal hatte Ueli Steck versucht, ihn zu reanimieren. Vergeblich, der Puls war weg. „Jetzt geht’s um mich“, dachte er. „Ich muss meine eigene Haut retten.“ Auf 7500 Metern ist kein Platz für Trauer. Wer hier überleben will, muss schnell handeln.

 

Drei Tage lang hatte Steck nicht geschlafen, hatte nichts gegessen außer täglich einem Süppchen. Und erlebt, dass da ein Mensch neben ihm stirbt und er nichts machen kann. „Ich war völlig am Arsch“, erzählt er. Dabei hatte er probiert, was ging. Er fütterte und wärmte den nahezu bewegungsunfähigen Kollegen. Alles umsonst. So viel Energie hatte er investiert, um das Leben des spanischen Bergsteigers zu retten – nur, um seine Leiche am Ende aus dem Zelt zu zerren.

 

Als ihn der Notruf erreichte, war Steck gerade dabei, die Südwand des Annapurna zu bezwingen, den mörderischsten Berg der Welt, diese 8091 Meter hohe Wand im Himalaja. Im Vorjahr war er an ihr gescheitert. Diesmal wollte er es schaffen. Doch dann erreichte ihn dieser Hilferuf, der ihm sagte, dass der befreundete Bergsteiger Iñaki Ochoa in Not geraten sei. Ueli Steck war am nächsten dran. Nur vier Tagesmärsche entfernt, quasi ums Eck. Doch allein, das wusste er, konnte er wenig ausrichten, nur hoffen, dass eine Gruppe Russen rechtzeitig eintrifft. Mit Sauerstoff, da hätte man Ochoa vielleicht noch helfen können. Vielleicht. Das Leben seines Kollegen konnte Steck nicht retten. Trotzdem hat er etwas getan, was kaum ein Alpinist in diesen Höhen tut: Er hat sich um einen anderen gekümmert und dafür Kopf und Kragen riskiert.

 

Der 32 Jahre alte Schweizer ist der derzeit beste Alpinist der Welt. Nicht nur, weil er sich an die steilsten Wände auf den schwersten Bergen wagt. Sondern auch, weil er schneller ist als alle anderen. Was die Sache anspruchsvoll macht. Und gefährlich. Denn je mehr man sein Leben mit Seilen und Karabinern absichert, desto langsamer wird man. Steck verzichtet auf maximale Sicherheit. Selbst auf 6000, 7000 Metern und mehr, wo die Luft so dünn wird, dass kein Rettungshelikopter mehr fliegen kann. Und weil ihm selbst das noch nicht reicht, geht Steck am liebsten allein. „Wenn du allein unterwegs bist, nur dann ist es auch wirklich deine Leistung“, sagt er. „Es ist nicht der Kollege, sondern bist allein du. Außerdem ist man viel schneller unterwegs.“ Längst ist der Annapurna für ihn so etwas wie eine Lebensaufgabe geworden. Nur einer von 14 Achttausendern, aber doch ein alpiner Schreckensmythos. Mehr als 100 Bergsteiger wollten den Berg schon bezwingen – die Hälfte kam dabei um. Stürzten ab, verloren die Kräfte, erfroren. Bei 7000 Metern beginnt die Todeszone, hier ist man eher im Weltall als auf der Erde. Die Luft ist dreimal dünner als unten, die Temperatur schwankt um bis zu 50 Grad, und der Wind bläst auch an ruhigen Tagen mit 160 km/h und mehr.

 

Stecks Fixierung aufs Tempo ist hier keine Laune, sondern bittere Notwendigkeit. Denn das schöne Wetter zeigt sich hier oben selten und kurz. Erblinden, Halluzinationen, Lungen- und Gehirnödeme sind der Preis, den die Extrembergsteiger entrichten müssen. Dem Erstbesteiger Maurice Herzog musste man nach dem Abstieg alle Finger amputieren. Der Brite Chris Bonington, in der Branche als „Held der Steilwände“ berühmt, stand hier und heulte wie ein Fünfjähriger.

 

Ueli Steck lebt in Ringgenberg bei Interlaken. In Sichtweite von Eiger, Mönch und Jungfrau. An der Eigernordwand ist er als Bergsteiger groß geworden, sie kennt er länger als seine Frau. Vor einem Jahr stellte er dort einen neuen Speed-Rekord auf: zwei Stunden und 47 Minuten für eine Tour, die auch erfahrene Alpinisten lieber in zwei Tagen bewältigen. Die alte Bestleistung lag bei etwas unter vier Stunden, aufgestellt im Februar 2007, von Ueli Steck.

 

Sichelartige, dünne O-Beine krallen sich spinnenartig an die glatte Wand, dazu die Pranken eines Bauarbeiters: Wenn Steck in der Kletterwand hängt, könnte er als Schimpanse durchgehen, so behände und schwerelos hangelt er über die Vorsprünge. Auch beim Free Solo, dem Freiklettern ohne jegliche Sicherung, wo nur Ruhe, Können und ein bisschen Magnesium an den Fingerkuppen vom Sturz in den Tod abhalten, ist Steck Weltklasse.

 

Ein Draufgänger ist er nicht. Er spricht mit leiser, fast flüsternder Stimme. „Eigentlich bin ich zu selbstkritisch, im Alltag mache ich mir einen Riesendruck für nichts. Aber beim Trainieren ist das natürlich hilfreich.“ 30 Stunden trimmt sich Steck pro Woche, ein Full-Time-Job. „Es gibt nicht viele Bergsteiger, die so konsequent trainieren wie ich“, sagt er. Denn Fitness, Kraft und Ausdauer, all das muss stimmen dort oben in der Todeszone. Erst nach zwei Jahren Vorbereitung wagte sich Steck das erste Mal an den Annapurna. Geduld ist eine wichtige Tugend für diesen Berg, auch im Basislager auf 5000 Metern: warten auf gutes Wetter, manchmal wochenlang. „Viele scheitern am Warten“, sagt Steck, „sie verlieren die Nerven und gehen nach Hause.“ Er genießt diese Zeiten. Dann kann er nachdenken. Und Krimis lesen.

 

Vier Menschen haben bislang versucht, die Südwand des Annapurna auf der direkten Route zu bezwingen. Zwei wurden von Steinen erschlagen, einer stürzte in den Tod, nur der Franzose Jean-Christophe Lafaille überlebte, nachdem ihm ein Steinschlag fast den Arm abgerissen hatte. Für ihn ist die Wand der „Rachen einer Bestie“. Ein Jahr bevor das mit Iñaki Ochoa passierte, wäre auch Ueli Steck fast an der Wand gescheitert: Als er aufwacht, liegt er irgendwo im Schnee. Sein Helm ist akkurat in zwei Teile gespalten. Er war gut vorangekommen, den Biwakplatz auf 6500 Metern würde er locker vor der Dunkelheit erreichen. Daran erinnert er sich noch, an mehr nicht. „Die Festplatte ist gelöscht“, sagt er. Erst später hat er erfahren, dass ihn ein Felsbrocken traf, dass er 300 Meter abwärtsrutschte, nur abgefedert durch den lebensrettenden Schnee, dass er rund eine Stunde bewusstlos war. Und dass er danach dem Erfrierungstod nur entging, weil er zufällig seine Markierungen wiederfand. Knapp war das. Aber wenigstens hatte er keinen Fehler gemacht. Steinschlag, sagt er, ist höhere Gewalt: „Bergsteigen ist eben gefährlicher, als im Büro zu sitzen.“

 

In diesem Jahr macht er Pause vom Annapurna und kümmert sich um andere spektakuläre Projekte. „Hohe Achttausender, technisch schwere Routen, Dinge, die noch nie im Alleingang gewagt wurden.“ Zwischenschritte sind das. Erst nächstes Jahr will er am Annapurna seinen dritten Versuch starten. Dann will er der Erste sein, der gesund zurückkommt. Und einer der wenigen, die überhaupt zurückkommen.

Ein Mann, ein Trick

„Wie schön er ist“, sagt er andächtig, „fast wie ein Kunstwerk. Es gibt ihn seit Tausenden von Jahren, er füttert deinen Körper.“

 

Aber am Ende kann er es dann doch nicht lassen: Er nimmt den Löffel, reibt ihn sorgfältig mit Daumen und Zeigefinger, bis sich das Besteckteil biegt, erst leicht, dann immer stärker. Ein mitgebrachter Löffel, kein vorbereiteter. Uri Geller hat mal wieder seinen Trick gemacht. Den einzigen Trick, mit dem er seit 35 Jahren im Gespräch ist. Das ausdauerndste One-Hit-Wonder der Showbranche. Auch weil es 35 Jahre lang keiner geschafft hat, diesen einen Trick zu erklären. Trotzdem: ein reichlich dünnes Portfolio, bedenkt man, welch magische Materialschlachten die Herren Copperfield und Kollegen führen. Aber mit denen habe er ohnehin nichts zu schaffen. Er sei „Mystifier“, sagt er.

 

Playboy: Herr Geller, was ist ein Mystifier?
Uri Geller: Ich verzaubere Leute, sende Energie. Und wenn das mal nicht klappt, dann bin ich wenigstens ein guter Motivator.
Playboy: Davon gibt es viele.
Geller: Aber keinen, der Löffel verbiegen kann. Die anderen sind nicht Uri Geller. Ich bin einzigartig in der Welt. An mir ist etwas Mystisches.

 

Geller ist Israeli, aber er spricht mit einem Akzent, der französisch klingt. Und mit Worten, die den Gesprächspartner in einen Kokon voller Mystik und Geheimnis spinnen. Das kann er gut: aus nichts ein Rätsel formen. Um einzelne Wörter eine Aura bauen. Mit Sprüchen vom Wühltisch der Motivationslehre. Seit Kurzem sucht er mit ProSieben wieder seinen Nachfolger. Wobei er nicht viel mehr zu tun hat, als dekorativ auf dem Sofa zu sitzen.

 

Playboy: Haben Sie die Acts im Vorfeld schon gesehen?
Geller: Nein, aber ich kenne Fotos und Namen der Darsteller.
Playboy: Viele Leute halten Sie für einen Spinner. Wie leben Sie mit der Kritik?
Geller: Sie kräftigt mich. Als ich 20 war, dachte ich, die Kritik bringt mich um, das ist das Ende von Uri Geller. Aber ich bin immer noch da. Größer als je zuvor.
Playboy: Die Kritik macht Ihnen gar nichts aus?
Geller: Es gibt keine schlechte PR, mich interessiert bei Artikeln nur, wie groß, wie breit und wie lang sie sind. Und dass mein Name richtig geschrieben ist. Die Leute, die mich zerstören wollen, wissen nicht, wie PR funktioniert.

 

Uri Gellers Haus liegt versteckt in einem sehr britischen Reisekatalogdorf namens Sonning-on-Thames, rund 40 Kilometer westlich von London. Schilder warnen vor Wachhunden und Überwachungskameras, verbunden mit der Drohung, dass jedermann, der sich ungebührlich nähere, verklagt werde. Und Geller klagt gern.

 

Der Weg zum Haus, das der Vorbesitzer im Stil des Weißen Hauses zu Washington errichten ließ, führt vorbei an der Skulptur einer verbogenen mannshohen Gabel – dem Werkzeug, das Geller reich und berühmt machte. Ehre, was dich füttert! Drinnen läuft Kaufhaus-Pianomusik in allen Räumen. Ein Panoptikum von stilfreien Dingen. Nichts passt zusammen. Sein Schwager und Assistent Shipi Shtrang begrüßt mich und platziert mich im Kaminzimmer auf ein Velourssofa, hellblau mit Brokat, das sich über zwei Wände erstreckt. Davor ein gigantischer Fernseher, so riesig, als habe man das Haus drum herumgebaut.

 

Überall Nippes: Figürchen aus Jade, Bergkristalle, in der Ecke ein Haufen Aliens aus Überraschungseiern oder dem „Star Wars“-Merchandising. Ein roter Bürodrehstuhl komplettiert das Chaos. Hier wird Uri Platz nehmen, der Reporter auf dem Sofa. Wie in allen Interviews, er hat das durchchoreografiert. Er wird sagen: „Genau dort hat Michael Jackson gesessen.“ Dann kommt er herein, sehr hager, aber für seine 62 Jahre unheimlich gut aussehend. Die Haare akkurat, womöglich gefärbt. Die randlose Brille verschwindet fast in seinem Gesicht. Das T-Shirt verwaschen, doch modisch, nur die Jeans steht ihm nicht richtig. Als er 1974 erstmals im deutschen Fernsehen Besteck verbog, ging ein Aufruhr durch die Republik. Dem „Spiegel“ war’s die heilige Titelseite und 14 Seiten wert. Viele haben seither versucht, seinen Trick zu entlarven: Mit Chemikalien habe er hantiert, mit roher Gewalt, mit vorbereiteten Löffeln. Schlüssig war das alles nicht. Wochen später war er aus der deutschen Öffentlichkeit dann entschwunden, bis er 2004 bei RTL mit der „Uri Geller Show“ plötzlich wieder erschien.

 

Wo war Geller all die Jahre? Hatte er sich selbst weggezaubert? „Ich musste mich um mein Vermögen kümmern“, sagt er. In Mexiko suchte er nach Öl, in Brasilien nach Gold, eine australische Minengesellschaft zahlte ihm angeblich 350.000 Dollar für das Aufspüren von Diamanten. Gefunden hat er nichts, kassiert hat er gern: 50 Millionen Dollar soll Geller schwer sein. Auch weil in Brasilien, Israel und England weiterhin seine TV-Shows liefen, er esoterischen Nippes via QVC verschacherte und weil viele Promis seine Nähe suchten. Von John Lennon etwa hat er das Ei eines Außerirdischen geschenkt bekommen (sind also keine Säugetiere) – Lennon habe es bei sich zu Hause gefunden.

 

Playboy: Sie glauben an Aliens?
Geller: Ich glaube, dass wir nicht allein sind, auch wenn ich noch nie Aliens gesehen habe. Aber ich habe schon Ufos gesehen!
Playboy: Aber was soll das bringen, denen Botschaften zu senden? Die wären doch bestimmt Lichtjahre unterwegs . . .
Geller: . . . wer sagt denn, dass sie nicht längst mit ihren Ufos hinter dem Mond parken?
Playboy: Und warum kommen sie dann nicht zu uns?
Geller: Ich wünschte, ich wüsste es. Vielleicht sind wir nicht bereit, und sie beobachten uns, wie wir mit der Wirtschaftskrise oder der Erderwärmung umgehen.

 

Uri Geller sagt, er habe für die CIA gearbeitet und russischen Diplomaten auf einem Flug die Disketten gelöscht. Er soll Michail Gorbatschow zu Glasnost und Perestroika bewegt haben. Er sagt dazu: „Ich streite es nicht ab, und ich bestätige es nicht.“ Er öffnet seinen Sekretär, er ist voll mit Silberlöffeln, es müssen an die hundert sein, sie liegen kreuz und quer. Dieser sei aus dem „Savoy“-Hotel, sagt er, und während ich noch die Augen auf dem Löffelberg im Sekretär habe, reibt er schon. Einen kurzen Moment lang ist man abgelenkt. Was dann passiert, kennt man: Geller reibt, der Löffel biegt sich, keine Gewalt. Vielleicht ist er präpariert, aber ich habe noch eigene, unverdächtige Löffel dabei. Geller mag aber jetzt nicht mehr. Der aus dem „Savoy“ sei doch viel schöner. Und überhaupt: „Ich möchte nicht herausgefordert werden“, sagt er.

 

Angefangen hat alles im Alter von fünf Jahren: Ein Lichtblitz im Garten, Klein-Uri fiel um, und beim Abendessen bogen sich die Suppenlöffel. Als junger Mann kämpfte er im Sechstagekrieg, arbeitete als Model. Und wanderte schließlich mit seiner Suppenbesteckverbiege-Begabung über die Bühnen und durch die Studios in Israel, den USA und schließlich in Deutschland. Wir gehen in die Garage. Hier steht sein Cadillac. Und jetzt plötzlich möchte er doch meine Löffel haben. Ich soll ein Foto machen, sagt er, und als ich noch an der Kamera nestele, hat er schon anfangen. Wieder habe ich den Moment verpasst, als es losging. Dann wieder: sanftes Reiben, eindeutiges Biegen. Ich stecke den Löffel ein. Später wird Uri Geller sagen: „Schau auf den Löffel, er ist jetzt im 90-Grad-Winkel gebogen.“ Ich nehme ihn aus meiner Innentasche – tatsächlich. Uri Geller führt mich durchs Haus, zeigt mir abenteuerliche Teller, die er getöpfert hat, seine Teddybärensammlung, den Salon mit einer Sitzgruppe aus Glasmöbeln, die aussehen wie aus Eis geschnitten. Dann beendet er zügig das Interview („So, jetzt weißt du alles“) und gibt mir reichlich warme und liebende Grüße an Kollegen und Familie mit. Zum Abschied umarmt er mich.

 

Man muss ihn irgendwie mögen. Wenn er nur nicht immer so einen Quatsch erzählen würde. Vielleicht lassen die Außerirdischen ihn noch ein paar Jahre auf der Erde. Wäre ja irgendwie schade um ihn.

Hängepartie

Die beiden Monster strecken sich gewaltig. Gute sechzig, vielleicht siebzig Meter ragen ihre tonnenschweren Arme in den nebligen Abendhimmel. Sie drehen sich, sie winden sich, langsam, aber zielsicher. Ihr tiefes Wehklagen tönt durch die Herbstluft – es klingt wie Walgesang oder wie der Soundtrack von „Jurassic Park“.

 

Die beiden Dinos tragen profane Namen: LG 1750 und LR 1750. Beides Serienanfertigungen. Riesige Kräne, der eine auf einer Raupe unterwegs, der andere auf Rädern, auf 16 mannshohen Reifen. Monstergeräte, die Filigranarbeit leisten. Denn hier und heute kommt es auf jeden Millimeter an. Jede Unstimmigkeit zwischen den Kränen, die gemeinsam ihre Last nach oben hieven sollen, hätte fatale Folgen.

 

Nur für Männer wie Franz Schöberl, 52, und Manfred Kapeller, 44, ist das ein Routinejob. Die beiden Kranführer wissen genau, wie sie die beiden Hauptfiguren in diesem Logistikspektakel dirigieren müssen. Denn LG 1750 und LR 1750 tun, was immer man ihnen befiehlt. Dafür haben sie Joysticks und Monitore, auf denen dreistellige digitale Zahlenkombinationen durcheinander wirbeln.

 

Eine Zementfabrik in Piechcin, mittendrin in Polen. Zur Modernisierung der Fabrik wurde ein gigantisches Silo gebaut – 37 Meter hoch, aus Beton. Nur das Dach fehlt noch. Es liegt fertig verschweißt und montiert neben dem Silo. Wie schwer es ist, kann keiner exakt sagen: Laut Berechnungen irgendetwas zwischen 340 und 370 Tonnen. Aber genau wird man das erst wissen, wenn die Kräne das Riesendach angehoben haben. Und erst dann wird sich zeigen, ob auch genug Ballast aufgelegt wurde, ob alles statisch passt und ob die Schweißnähte überhaupt halten.

 

Noch nie wurde in Europa ein Gegenstand mit einem solchen Durchmesser gehoben: 58 Meter, deutlich größer als die Kuppel des Petersdoms. „Noch nie“ – das kennt Gottfried Hrast, der Einsatzleiter. Der 61-Jährige, kaum 1,60 Meter groß, ist er der wahre Herr über die Riesenkräne. Sein Mantra lautet: „Ruhe, Ruhe, Ruhe. Nur nicht nervös werden.“ So wie 2004 in Athen: Da waren sie beim Bau des Olympiastadions hoffnungslos in Verzug. Hrast mit seinen Kränen und seiner ruhigen, präzisen Art hat „die Olympischen Spiele gerettet“. Er sagt es nur halb im Spaß.

 

Heute nerven ihn die Sicherheitsauflagen der polnischen Behörden. „Sicherheit geht vor, ja ja, aber bei so viel Sicherheit, da kannst ned arbeiten“, sagt Hrast in seinem kehligen Tiroler Dialekt. Es ist ja noch nie was passiert. Seit 40 Jahren ist Hrast im Kran-Geschäft, „da kennst die Materie“. Nur ein einziges Mal kam er in Schwierigkeiten, noch zu DDR-Zeiten in den Achtzigern. Als er im Leuna-Chemiewerk mit einem Dreißigtonner umkippte. Alles drehte sich, er war kopfüber irgendwo gegen geprallt, und kurz durchzuckte es ihn: „Jetzt bist tot.“ War er aber nicht. So haben sie den Kran schnell wieder hingestellt, und weil es schon Abend war, hat keiner was mitbekommen.

 

Wer mit Riesenkränen ein Riesendach auf ein Riesensilo heben will, muss warten können. Sehr lange warten. Lähmend langsam gehen die Aufbauten voran. Bis die Statiker wieder irgendetwas neu berechnet haben, bis die Sicherheitsmenschen grünes Licht geben – immer warten. Bis es endlich wieder weitergeht, nach zehn Minuten oder nach zehn Stunden. Eine gute Woche haben zehn Mann täglich zehn Stunden gearbeitet, um die zwei Kräne aufzustellen.

 

Drei Monate hat die Vorbereitungszeit insgesamt gekostet. Allein zwei Wochen hat man in der Projektabteilung der österreichischen Firma Felbermayr an der „Method Study“ herumgerechnet. Bis alles im Rechner durchsimuliert war, die genaue Position der Kräne, jede ihrer Bewegungen. Funktionieren soll es nun so: Beide Kräne heben das Dach bis auf 40 Meter. Dann fährt der Raupenkran – der andere bleibt stehen – langsam einige Meter zurück, während gleichzeitig beide einschwenken und das Dach auf dem Silo absetzen.

 

Die Raupe, den LR 1750, mussten 76 Schwertransporter nach Piechcin verfrachten. Doch der Aufwand lohnt, sagt Radoslaw Buchta von der polnischen Baufirma Zeman HDF, der Auftraggeber. „So konnten wir simultan arbeiten“, sagt er. „Es hätte fünf Monate länger gedauert, das Dach erst auf das fertige Silo zu bauen.“ Die Polen haben alles vorbereitet. Haben den Boden verdichtet, damit der Kran auch wirklich aufgestellt werden kann. Haben Schotter und Beton Schicht um Schicht aufgetragen, damit die Kräne mit ihrer Last von bis zu 750 Tonnen sicher stehen. „Des hams gut gemacht“, lobt Hrast. Er lobt nicht oft.

 

Hrast ist müde. Nicht nur heute, sondern überhaupt. „Seit 40 Jahren bin ich unterwegs“, denn gebaut in dieser Größenordnung wird überall auf der Welt, ständig und immer aufs Neue. Aber nie dort, wo sein Zuhause ist. „Es bleibt so viel zurück, das kann man nie mehr aufholen“, sagt er. Sein Urlaub dieses Jahr: drei Tage Adria. Nächstes Jahr will er sich zur Ruhe setzen. Auf Johannesburg, wo beim Stadionbau für die WM 2010 bald die Kräne seines Arbeitgebers stehen werden, kann er gut verzichten.

 

Die letzten Gegengewichte sind montiert, die Behörden scheinen besänftigt. Kranführer Manfred hat sich noch einmal aufgeregt, hat auf seinen Kollegen Franz geschimpft. Die beiden wirken wie ein altes Ehepaar, fast wie Walter Matthau und Jack Lemmon. Denn trotz all der Streiterei, wo der eine den anderen gepflegt als „Depp“ oder „Oarsch“ bezeichnet, können die zwei nicht ohne einander. Sie müssen filigran zusammenarbeiten. Die Choreografie hier ist Handarbeit. Weicht einer nur Millimeter ab, kann das bei diesen Hebelverhältnissen an anderer Stelle eine Abweichung von einem halben Meter ergeben. Gefährlich viel.

 

Um kurz nach fünf am Freitagnachmittag, nach über einer Woche des Aufbauens und Wartens, hebt das Dach ab. Der weiße Stahlkoloss schwebt etwa 50 Zentimeter über den Stützen. Hrast ist zufrieden, das Dach hat sich kaum verwunden. Das Warnlicht bei Kranführer Franz blinkt aufgeregt. Er hat seine Weste und seinen Helm drübergehängt – so kriegt es keiner mit. Denn wenn die übereifrigen Sicherheitsaufseher irgendwo irgendwas blinken sehen, muss wieder alles neu berechnet werden, dann kommt vor Mitternacht keiner ins Bett. Franz weiß, was richtig ist und was gefährlich, viel besser als jede Warnlampe.

 

Nach einer Viertelstunde ist der Test vorbei: Alles hält, Wind moderat. Jetzt geht es nach oben, mit einer für die Zähigkeit der letzten Tage atemberaubenden Geschwindigkeit. Nach zehn, fünfzehn Minuten wirkt das Dach, von unten mit goldgelbem Licht beschienen, völlig unwirklich. Wie ein Ufo, das majestätisch abhebt in die Dämmerung. Independence Day in Piechcin.

 

Gottfried Hrast ist in einen roten Käfig geklettert und wird nach oben gehoben. Er muss mit dem Dach auf gleicher Höhe bleiben, um die Balance zu kontrollieren. Hin und wieder raunzt er in sein Walkie-Talkie, das am Kragen klemmt. So etwas wie „Manfred, stopp“, wenn der zu schnell hebt. Das Dach hat den höchsten Punkt erreicht, jetzt wird eingeschwenkt und abgesetzt. „Den Rest machen’s allein“, sagt Hrast und meint Manfred und Franz. Nach zwei Stunden ist das Dach auf dem Silo. Die Kräne haben ihren Job erledigt.

 

Der LG 1750 darf noch hierbleiben, für letzte Arbeiten am Silo. Der Raupenkran LR 1750 muss weiter, noch am Abend werden ihm die ersten Teile abgeschraubt. In drei Tagen muss alles verladen und auf dem Weg nach Niederösterreich sein. Dort ist eine Trockentrommel in einem Spanplattenwerk zu montieren. Eine sehr große.

Der Prügelknabe

Seit Monaten nervt ihn sein Freund Bernd: Er will ihn zum Boxtraining schleppen. Aber Firat lacht nur. „Schau uns doch an“, sagt er und zündet sich noch eine Zigarette an: „Die töten uns im Ring.“ Rauchen, saufen, feiern – das können sie. Aber boxen? Klar, in der Schule hat man sich geprügelt, man musste sich ja Respekt verschaffen. Aber richtig boxen?

 

„Respekt“, das ist noch heute Firats Lieblingswort, in jeden zweiten Satz strickt er das Wort hinein. Viel zu lange hat er keinen Respekt bekommen. Umso mehr fordert er ihn jetzt ein. Als kleiner Junge hat Firat, das Türkenkind, viel einstecken müssen. Seine Mutter zieht ihn und einen Pack Brüder allein auf. Er wird gemobbt, er schlägt zurück. Dem ein oder anderen macht er Angst – aber Respekt bekommt er nicht.

 

An diesem Abend mit Bernd vor 19 Jahren drückt Firat seine Zigarette aus und sagt: „Was soll’s, morgen fangen wir mit dem Boxen an.“ Und dann sagt er noch: „Ich werde Weltmeister.“ Was man halt so sagt als 18-Jähriger. Was dann passiert, ist ein Wunder. 19 Jahre später ist Firat Arslan aus Süßen bei Stuttgart tatsächlich Weltmeister, WBA-Weltmeister im Cruisergewicht. In einem unermüdlichen Kampf gegen den Favoriten Virgil Hill holt er sich den Titel. Wer mit 18 das Boxen beginnt, ist viel zu spät dran, um noch etwas zu werden. Mit 18 ist die Technik kaum noch zu korrigieren. Eigentlich. Aber Firat will das Gegenteil beweisen.

 

Das Glück, entdeckt und gefördert zu werden, hat Arslan lange Zeit nicht. Er ist Anfang zwanzig und immer noch Wasserträger. Fahrer und Sparringspartner, der Depp der Kompanie. Er darf den württembergischen Meister, Trainers Liebling, zu seinen Kämpfen fahren. Ihn selbst ignoriert der Trainer. Er brüllt ihn nicht an, erklärt ihm nicht seine Fehler, schmeißt ihn nicht raus – er ignoriert ihn einfach. Erst nach drei, vier erbärmlichen Jahren, da sagt der Trainer: „Firat, ich hab noch nie einen gesehen, der so schlecht boxt und dabei trotzdem so gut aussieht. Zeit, dass du boxen lernst.“

 

Endlich interessiert er sich für ihn. Arslan bekommt einen deutschen Pass und wird ein passabler Amateurboxer. Mit 27 ist er Profi. Aber Profi zu sein heißt nicht, dass Firat vom Boxen leben kann. Er jobbt als Kaufhausdetektiv und öffnet in schmierigen Stuttgarter Clubs die Tür. Mit Mitte dreißig, ein Profiboxer als Türsteher. Trotzdem macht Arslan weiter. Die Härte, mit der er sich durchs Leben boxt, zeigt er auch im Ring. „Wenn ich wüsste, dass ich sterbe, ich würde weiterkämpfen“, sagt er. Es klingt, als hätte er ein bisschen zu oft „Rocky“ gesehen.

 

Aber so ist Firat: Einmal ist sein Kiefer doppelt gebrochen – doch er kämpft weiter. Was bei anderen zum heroischen Akt stilisiert wird, erfährt bei Arslan gar keiner. „Ich habe mich geschämt zuzugeben, dass mir jemand den Kiefer gebrochen hat.“ Immer wieder erlebt er diese Momente, wo er hätte aufhören müssen. Und immer, sagt er, „ist dann ein Zeichen von Gott gekommen“.

 

So wie 2001. Arslan ist als Profi mäßig erfolgreich. Er fliegt nach England – er ist alt und braucht das Geld. Zweimal in Folge hat er verloren, diesen einen Kampf will er noch probieren. Eine Niederlage, schwört er sich, und er hört auf. Doch Arslan hat zu wenig Trainingszeit, der Gegner ist zu schwer für ihn: Arslan wird übel verprügelt. Sein Trommelfell platzt in Runde zwei, er weiß kaum noch, wo rechts und wo links ist im Ring. Nach der sechsten von acht Runden kauert er in der Ecke und denkt: „Das war’s dann wohl.“ Nach Punkten liegt er hoffnungslos zurück. Er betet. Dann die siebte Runde. Arslan setzt drei Aufwärtshaken, links, rechts, links – Mark Hobson platzt die Augenbraue. Blut spritzt. Aufgabe. Arslan hat gewonnen. Ein Zeichen.

 

Doch auch danach läuft es für ihn nicht wirklich besser. Man holt ihn als Aufbaugegner, als Fallobst. „Mein Foto war oft nicht mal auf dem Plakat des Kampfabends.“ Ein Niemand, mit 35. Zäh boxt er sich in die Weltrangliste. Immer noch ohne großes Management. Er klopft bei Universum an – mitleidiges Kopfschütteln. Schließlich holen sie ihn – als Prügelknaben für Grigory Drozd. Denn der, Drozd, der wird einer. Denken sie. 25 Kämpfe, 25 Siege, die meisten durch K.o. Da kommt dieser etwas zu wilde, etwas zu alte Boxer Arslan gerade recht.

 

In Runde fünf passiert, was niemand vermutet hätte. Der Ringrichter bricht den Kampf ab. Er entscheidet, dass Firat Arslan zu stark, zu gut, zu überlegen für seinen Gegner ist. Bald ist er, Firat, die Nummer eins der Weltrangliste. Nächste Station: WM-Kampf. „Jetzt bin ich endlich da“, denkt er. Am Ziel, mit 36 Jahren – ein Box-Opa. Bis man ihm sagt, er müsse noch einen Gegner aus dem Weg räumen. Dann bekomme er seinen großen Kampf. Er könnte lamentieren, stattdessen beißt Arslan die Zähne zusammen: „Scheiß drauf, kämpfe, besieg ihn, dann hast du deinen großen Kampf.“ So wird auch der Russe Valery Brudov Opfer der Arslan-Taktik: den Gegner entnerven, indem man die härtesten, gezieltesten Schläge einfach wegsteckt. Dann selbst wild draufloshauen. „Box-Bulldozer“, „Kampfmaschine“, „Haudrauf“ – so nennt man ihn.

 

Im November vorigen Jahres dann besiegt er Virgil Hill, den Mann, der einst Henry Maskes Karriere beendete. Firat Arslan ist Weltmeister. Im Frühjahr verteidigt er erstmals den Titel, und jetzt, am 27. September – einen Tag vor seinem 38. Geburtstag –, steht die nächste Titelverteidigung an. Bernd bekommt heute noch glasige Augen, wenn er an Firat denkt – den Jungen von damals, den Weltmeister von heute. Bernd fing damals nach einer Woche wieder an zu rauchen, nach vier Wochen hörte er mit dem Training auf.

Der Kreuzweg

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„Wir haben alle mal gekifft“

Latzhose, Bauwagen, Basteln. Man denkt: „Der Peter Lustig ist ein ganz aktiver Grüner.“ Aber stimmt das auch?

Das sind Klischees, weil „Löwenzahn“ ein wenig ökologisch ausgerichtet war und die Leute dachten: „Hm, das ist ein Müsli.“ Blödsinn. Einmal saß ich im Lokal, habe ein Steak bestellt, da kam es vom Nebentisch: „Herr Lustig! Das hätte ich nicht von Ihnen gedacht.“

 

Was tun Sie dann für die Umwelt?

lch verwende Sparlampen und fahre einen Smart. Wenn das nichts ist.

 

Für ganze Generationen waren Sie ein Vorbild. War das eine Belastung für Sie?

Ja. Denn ich gehe gerne mal bei Rot über die Ampel – wenn kein Auto kommt. Ich würde auch gerne mal in der Nase bohren, aber das geht nicht, weil alle dann sagen: Der Lustig bohrt sich in der Nase.

 

Sie unterschreiben Autogrammkarten schon mal mit „Saddam Lustig“ …

… (lacht) Ich mache das nur für das ZDF, damit sich die Redakteure nicht langweilen. Dann müssen die den ganzen Stapel Autogrammkarten, den sie von mir unterschrieben bekommen haben, ganz genau durchsehen, ob sich nicht so ein „Fehldruck“ eingeschlichen hat. Von Rasputin über Stalin bis Lumumba.

 

Sie haben kürzlich Ihren 70. Geburtstag gefeiert. Hatten Sie Angst, Sie könnten ihn nicht mehr erleben?

Sehr oft sogar. Das war schon Ende der achtziger Jahre so, als auch die Ärzte keinen Pfifferling mehr auf mich gaben. Und mein alter Professor wundert sich immer, dass ich noch lebe. Ich besuche ihn jedes Jahr. Der hat mich damals ein paar Mal operiert in Berlin und mir gesagt: „Herr Lustig, das wird nichts mehr.“ Ich hatte schon ziemlich abgeschlossen. Und er auch. Da haben wir gewettet. Ich sagte: „Wetten, das wird doch.“ Um eine gute Flasche Rotwein.

 

Haben Sie den Wein auch bekommen?

Nein, aber ich schenke ihm jedes Jahr eine Flasche. Er hat nun mal genial geschnippelt. Es war eine ganz besondere Operation, ich hatte nur noch eine halbe Lunge, ein Loch in der Luftröhre und in der Speiseröhre.

 

Damals, nach der Operation, rauchten Sie wieder. Ziemlich unvernünftig …

… hat der Professor auch gemeint. Aber ich habe mir immer gesagt: „Zweimal kriegt man doch nicht Lungenkrebs.“ Eines Tages hat es mir dann einfach nicht mehr geschmeckt.

 

Wie lange haben Sie sich mit dem Ausstieg aus „Löwenzahn“ beschäftigt?

Vielleicht einen Monat.

 

Nur einen Monat, um etwas zu beenden, das Sie 25 Jahre lang gemacht haben?

Ja. Vielleicht habe ich es vorher auch weggeschoben, mich hingeschleppt und gesagt: „Es muss gehen.“ Wobei es ja eh ein Wunder war, dass ich nach meinen Operationen wieder drehen konnte. Selbst als ich mit meiner Krebserkrankung in der Klinik lag, habe ich mich immer wieder rausgeschlichen, um ein paar Folgen zu drehen. Das war Ende der achtziger Jahre. Das hat mich am Leben gehalten.

 

„Löwenzahn“ hat Sie also auch ein bisschen gesund gemacht?

Ganz bestimmt. Ich konnte planen und meine Texte schreiben, mich ablenken. Wenn ich einen normalen Job gehabt hätte – ich weiß nicht, ob ich das überlebt hätte.

 

Wir lesen in den Zeitungen immer häufiger von verwahrlosten, sogar von verhungerten Kindern. Brauchen wir eine Art Eltern-Führerschein?

Ja, das wäre toll. Dafür plädiere ich schon seit längerem. Ein Auto darf man nur fahren, wenn man eine Prüfung gemacht hat. Ein Kind verderben darf jeder.

 

Was sagt der Umgang mit Kindern über unsere Gesellschaft aus?

Dass sie zerbröselt. Denn wenn die Alten wegsterben, was haben wir denn dann? Die Produkte dieser ungenügenden Erziehung. Da wird kein Wissen mehr weitergegeben, keine Ethik, keine Moral. Und da hilft es auch nicht, an Familien Kindergeld zu zahlen, die sich davon dann einen neuen DVD-Player kaufen. Die Kinder brauchen eine andere Politik, bessere Schulen, bessere Bildungsmöglichkeiten. Früher hatte man eine dufte Großfamilie, da war ein Rahmen da. Heutzutage ist der Rahmen flöten gegangen.

 

Waren Sie denn immer ein guter Vater?

Soweit ich eben konnte. In der Zeit, als mein Sohn in einem erziehbaren Alter war, lag ich mehr oder weniger dauernd im Krankenhaus. Ich konnte mich gar nicht so um ihn kümmern, aber ich habe jetzt eine sehr gute Beziehung zu ihm.

 

Hat er jemals eine Ohrfeige bekommen?

Nie, nicht mal im Affekt. Ich war schon mal sauer auf ihn. Aber mit Gewalt irgendwas durchsetzen, das hat mir nie gelegen.

 

Haben Sie bei Ihrem Sohn mal Cannabis gefunden?

Nein. Aber wenn ich ein Tütchen bei ihm gefunden hätte, dann hätte ich gewusst, dass er das mal probiert oder sich ab und zu mal ein Ding reinzieht, wie wir das früher alle mal gemacht haben; und da wäre ich beruhigt gewesen.

 

Peter Lustig hat gekifft?

Sicher. Hin und wieder mal ein Tütchen, ein Haschzigarettchen.

 

 

Das Gespräch führten

DETLEF DRESSLEIN und TIM GUTKE

 

Donners Tag

Ich bin ein Kuchenteig. Zumindest kann ich nachvollziehen, wie man sich so fühlt als Kuchenteig. Wenn man in einer Rührschüssel klebt und durchgewalkt wird. Meine Rührschüssel trägt den Namen Blackburn B-103 Buccaneer und ist 1038 Stundenkilometer schnell. Mein Bäcker heißt Mike Beachy Head, ein reichlich brummiger Brite und ehemaliger Air-Force-Pilot. Einer, der kein Erbarmen kennt mit mir, dem Rührteig.

 

Die Maske vor meinem Gesicht rutscht auf einem leichten Schweißfilm immer weiter nach unten. Sie ist so schwer, als hätte ich Bleiplatten auf der Nase. Und dann ist da noch dieses Bauchgrummeln, immer lauter. Es fühlt sich an wie eine schwere Magengrippe – nur dass ich dafür normalerweise keine drei Monatsgehälter zahlen muss.

 

Beachy Head fliegt mit mir das gesamte Air-Show- Programm einmal durch: 90-Grad-Drehung, noch mal 90 Grad, Looping, Überkopfflug. Als mir das alles im Briefing vorab erklärt wurde, flüsterte mir ein anderer Pilot mitleidig zu: „Besser, du erschießt dich.“

 

Mike Beachy Head hat am Flughafen von Kapstadt eine Garage stehen, rund zwanzig Meter hoch und so groß wie anderthalb Fußballfelder. In diesem Hangar stehen zwölf Kampfjets und ein paar Hubschrauber, mit Direktanschluss zur Startbahn. Jeder kann hier zum Kuchenteig werden – jeder, der sich der Achterbahn entwachsen fühlt und bis zu 10.000 Euro für einen 35-Minuten-Flug zahlt.

 

Manchmal kostet es auch etwas mehr. Doch an Kundschaft mangelt es trotzdem nicht. Jedes Jahr wagen rund 120 Leute den Ritt. Denn Thunder City, so heißt Beachy Heads Kleinunternehmen, ist einzigartig in der Welt. Nirgendwo sonst stehen so viele Kampfjets für private Mitflüge bereit. Und nirgendwo sonst erlaubt die Regierung derart freie Flüge über Land und Meer, durch Täler und über Berge.

 

Pilot David Stock steht in einem schäbigen Raum mit abgeschabtem Konferenztisch. Hier wird dem Flugschüler erklärt, dass der Flug durch die Wolken eine schaukelige Angelegenheit wird, wie er im Notfall die Maske abnimmt und wie das geht mit dem Schleudersitz.

 

„Der kommt in exakt zwei Fällen zum Einsatz“, sagt Stock: „Feuer an Bord oder Ausfall beider Triebwerke.“ Der Pilot, erklärt Stock, werde in einem dieser Fälle laut „Eject, eject, eject“ rufen, und beim dritten „eject“ muss ich dann an dem schwarz-gelben Band ziehen und so meinen Sitz hochreißen. Missbrauch, sagt Mike Beachy Head, sieht er nicht so gern: „Wenn du hier ziehst, ohne dass ich es veranlasst habe, werde ich dich töten“, sagt er.

 

Noch während ich darüber nachdenke, ob er das wirklich ernst meint, geht es los. Beachy Head fliegt eine lange Kurve. Ich habe das Gefühl, immer kleiner zusammengedrückt zu werden. Zusammengestaucht wie ein unförmiger Klumpen Kuchenteig. Die Hände sind wie auf die Knie geschweißt, ich kann sie kaum anheben, und wenn, dann nur unter großer Kraftanstrengung. Ich spüre, wie das Blut nach unten fließt, und erinnere mich an einen guten Ratschlag aus dem Briefing vorhin: „Versuch, das Blut im Kopf zu behalten“, hat man mir dort gesagt.

 

Ja, aber wie denn nur? Die Schwerkraft zieht und zerrt an mir, ein unangenehmer Flugbegleiter. Sie geht mit fast 6 g auf meinen Körper los. Das klingt nach wenig, so manche Achterbahn erreicht solche Werte. Aber das hier ist keine Achterbahn. Es ist schlimmer als jede Achterbahn.

 

Drei Flugzeugtypen erfüllen hier jeden Wunsch. Da ist die kleine Hawker Hunter für die Akrobatik, für Loopings, Rollen, Überkopfflüge. Eine Stunde Waschmaschinen-Vollprogramm kostet rund 4000 Euro. Da ist die Buccaneer, ein Jet, der früher mit Atomwaffen bestückt war. Die sind heute abgeschraubt, aber sie kann immer noch sehr tief über dem Boden fliegen: zwanzig Meter über Land, zehn über Wasser. Eine Stunde kostet 8000 Euro. Die Electric Lightning ist die Königsklasse, mit ihr kann man in 18 Kilometer Höhe fliegen, Mount Everest mal zwei.

 

In dieser Höhe kann man die Erdkrümmung sehen, das können sonst nur Astronauten. Der Horizont als eine Kurve hellblauen Lichts, das immer dunkler wird und in das Schwarz des Alls übergeht. „Das zu sehen verändert jedermanns Leben“, sagt David Stock. Sein Brotjob – er fliegt eine 747 bei South African Airways – sei dagegen wie Busfahren.

 

Den Piloten zahlt Mike Beachy Head nur eine Aufwandsentschädigung. Neben dem Alltagsjob bei einer Fluglinie oder bei der Luftwaffe sind die Taxiflüge im Kampfjet für sie eine schöne Abwechslung. Die Männer erinnern an die „Space Cowboys“: zerfurchte Gesichter, kleine Bäuche. Doch alle wirken sie beruhigend cool. Wie Männer, die bei doppeltem Triebwerksausfall erst mal einen Schokoriegel aufreißen würden.

 

Pilot Robbie Robinson ist schon von Anfang an dabei. Zwölf oder 13 Jahre sei das her, erzählt er, da rief ihn ein Typ namens Mike Beachy Head an: Er wolle eine Hawker Hunter von London nach Südafrika fliegen. Ob Robbie mit dem Papierkram helfen könne. „Als ich auflegte“, sagt Robinson, „dachte ich nur: Der Typ ist verrückt.“

 

Es war der Beginn von Thunder City, und es war der Beginn einer wahren Männerfreundschaft. Beachy Head hatte gehört, dass in London bei Sotheby’s ausrangierte Militärjets versteigert werden. Sie waren billig zu haben: Für sein erstes Spielzeug zahlte er gerade mal 10.000 britische Pfund.

 

Höchstpersönlich flog er sie bis nach Südafrika. Mit einem Militärjet in Tarnfarben und mit kurzer Reichweite durch die Krisenregionen Schwarzafrikas. Das waren aufregende Tankstopps „in seltsamen Ländern“, erinnert sich der Flugzeugfreak. Auf einem Flughafen in Eritrea wurden sie misstrauisch: Ob er ein Überläufer sei? Er antwortete frech: „Wenn ich überlaufen würde, dann sicher nicht hierher.“

 

Für die Electric Lightning allerdings verweigerte ihm die britische Regierung die Fluggenehmigung. Also ließ er die vier Jets auseinanderschrauben, in 50 Containern verschiffen und am anderen Ende der Welt wieder zusammenbauen. Acht Monate dauerte es, bis in Kapstadt die letzte Schraube eingedreht war.

 

Zweiter Flugtag, ich werde in die Electric Lightning geschnürt. Der britische Abfangjäger ist ein Grund, warum die Piloten hier umsonst arbeiten. „Sie ist eine der größten Errungenschaften der Luftfahrt, es ist eine Ehre, sie zu fliegen“, sagt mein Pilot David Stock. Dank Nachbrenner und zwei übereinanderliegenden Düsentriebwerken erreicht die Maschine 2450 Stundenkilometer.

 

Meine Unterschenkel werden mit Bändern an den Sitz gezurrt. Zu meinen Füßen erkenne ich ein kleines Schild, darauf steht: „Bomb Door“. Es riecht nach Schmieröl und Lagerhalle. Pilot David Stock sitzt hinter staubigen Uhren und abgeschabten Knöpfen.

 

Zum Start, hat Stock mir versprochen, würde es einen „wirklich guten Tritt in den Arsch“ geben. Stimmt, jedenfalls so halbwegs. Es ist mehr, als würde man von einem Staubsauger angesaugt und dann wieder weggeschleudert.

 

Das Schlimmste sind diese ruckartigen Richtungswechsel: Heute lernen sich mein Magen und meine Milz, mein Kleinhirn und die Lungenflügel erstmals aus der Nähe kennen. Ich merke: Mit mir würde die Luftwaffe keinen Krieg gewinnen. Pilot Stock legt die Maschine aufs Dach, der Ozean rast mit über 1000 Sachen über mir vorbei.

 

Erst als wir längst wieder am Boden sind, kommt mein Körper dazu, sich zu fürchten: Tränen kullern. Pochende Zahn- und Kopfschmerzen, meine Oberlippe ist pelzig wie nach einer Spritze beim Zahnarzt. Die Beine zittern, ich torkele über die Landebahn wie ein besoffener Matrose. Der Magen schaltet auf Vollwasch-Schleuderprogramm – jetzt brauche ich Selbstbeherrschung. Oder die weiße Papiertüte aus dem Cockpit. Während des Fluges hatte ich dafür einfach keine Zeit.

Ein Bombenjob

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Der Welt-Torhüter

Vom Tag, an dem er starb, erzählt er gern. Am liebsten mit dem Unterton eines Abenteurers, der genau weiß, dass seine Geschichte für Gänsehaut sorgt. An Weihnachten vor sechs Jahren war’s. Kalt war’s und regnerisch im mittelenglischen Bradford. Lutz Pfannenstiel spricht hektisch, so wie fast alles an ihm irgendwie rastlos wirkt: das Sitzen, das Sprechen, die Blicke. Er erzählt, wie ihm der Gegenspieler das Knie in den Oberbauch rammte und wie er bunte Farben sah, die sich wie in einem Kaleidoskop drehten. Dass er im Krankenhaus wieder aufwachte. Und erst abends im Fernsehen sah, was eigentlich passiert war.

 

Er sah den Zusammenprall, den Physiotherapeuten, der versuchte, ihn zu reanimieren, und die weißgelbe Flüssigkeit, die aus seinem Mundwinkel rann. Er sah die Zuschauer, als der Physiotherapeut brüllte: „He’s dead, he’s fucking dead.“ Und er sah seinen Trainer, der heulte wie ein Kind. Dreimal war er weg. Dreimal holte ihn der Physiotherapeut zurück. Zurück in ein Leben, das außergewöhnlicher kaum sein könnte. Lutz Pfannenstiel will bald der erste Fußballprofi sein, der auf allen Kontinenten dieser Welt angestellt war. Ein Rekord für die Ewigkeit. Nur Südamerika fehlt noch, aber die Verhandlungen laufen bereits. Im nächsten Jahr, so hofft er, könnte es klappen.

 

In Argentinien. Dann ist er der weitestgereiste Torhüter der Welt – der einzig wahre Welttorhüter. Lutz Pfannenstiel wurde 1973 in Zwiesel geboren. Lange tat sich nichts Besonderes. Er spielte Fußball, ging zur Schule, fuhr in den Ferien mit den Eltern an die Adria. Mit 17 wechselte er ins Jugendteam von Bayern München und stand sogar im Kader der Jugendnationalmannschaft. Er hätte den normalen Weg gehen können: Nachwuchsteams, Reserve, Bundesliga-Profi. Aber den Lehrlingsvertrag beim FC Bayern wollte er nicht unterschreiben. Er wollte sofort Profi werden. Es gab ein Angebot. Aus Malaysia. Er ging hin. Seit 13 Jahren kann die Mama nun schon nicht mehr richtig schlafen, weil ihr Lutz das tut, was er tut.

 

Seit seinem 18. Lebensjahr hat er keine deutschsprachige Freundin mehr gehabt. Seit Jahren passt sein Leben in ein paar Sporttaschen. Er bringt immer nur Klamotten und ein paar persönliche Sachen mit, den Rest stellt der Verein. Die Wohnung ist komplett eingerichtet, vom DVD-Player bis zum Dosenöffner. In Indonesien schaffte er es fast in die Nationalmannschaft. Weil gute Torhüter in Asien selten sind – erst recht solche mit 1,90 Metern –, wollten sie ihn einbürgern. Er hätte in Jakarta vor 100.000 Zuschauern gespielt. Aber die Scheidung von seiner indonesischen Frau verhinderte das. Die Frauen sind ein ganz eigenes Kapitel in seinem unkonventionellen Lebenslauf. Seine chinesische Ex bestand auf einem Schultertattoo. Sie wollte „Ich liebe dich“, er konnte sie auf „Liebe“ runterhandeln.

 

Jetzt liebt er Amalia aus Usbekistan. Anfangs war er nicht besonders nett zu ihr. Rief sie nachts um drei an, weil er dem Taxifahrer in Kiew nicht erklären konnte, wohin er wollte. Aber das war nun mal ihr Job. 24 Stunden am Tag sollte sie ihm als Dolmetscherin zur Verfügung stehen.

 

Sein Verein hieß Volyn Lutsk. Kiew, das war schön, ein bisschen wie München. Trotzdem blieb er nur drei Monate. Auch wegen der seltsamen Methoden dort. Der Trainer ohrfeigte seine Spieler. Die 100 Agenten, die Pfannenstiel inzwischen kennt, geben den Rhythmus vor. Er wählt das beste Angebot, sportlich und finanziell. Egal wo. Deshalb ging er – bis auf ein Jahr in Burghausen – nie mehr nach Deutschland zurück. Das Ausland war immer spannender. Und lukrativer. Mal bleibt Pfannenstiel nur ein paar Monate, mal ein Jahr oder zwei. So wie in Valkeakoski, wo er finnischer Meister wurde. Dagegen war ein Monat Malta für ihn mehr als genug, in dieser „Hammel-Liga“. Auch in Johannesburg hielt er es nicht länger aus als zwei Monate. Auf dem Weg zum Training musste er sich als Weißer auf dem Beifahrersitz ducken, damit man ihn nicht sehen konnte. Bei den Spielen der Orlando Pirates in Soweto haben sie ihn beschimpft. Und mit Colaflaschen beworfen. Nur wenn er – der einzige Weiße im Team – überragend hielt, ließen sie ihn in Ruhe.

 

Er wohnte im „Holiday Inn“. Dort sagte man ihm, er solle selbst tagsüber nicht spazieren gehen. Er lernte diese britische Rucksacktouristin kennen, die später allein das Hotel verließ, obwohl der Concierge sie gewarnt hatte. Zwei Tage später fand man sie. Ermordet, von 27 Männern vergewaltigt. In Asien dagegen würde er jederzeit wieder anheuern. Wenn diese Sache in Singapur nicht passiert wäre. Er war dort ein Star. Wurde auf der Straße erkannt und hatte regelmäßig Auftritte in Sportsendungen. Aber eines Tages kamen die Männer von der Korruptionspolizei und brachten ihn weg. Der Vorwurf: Spielmanipulation, Bestechung. Das Absurde daran: Pfannenstiel sollte Geld bekommen haben, nicht etwa, damit er absichtlich verliert, sondern damit er gewinnt.

 

Die Vernehmung lief ab wie in einem schlechten Film: Er musste sich ausziehen. Dann drehten sie die Klimaanlage auf zehn Grad runter. Sie klemmten seine Finger in der Schublade ein. Sie brüllten ihm ins Ohr und schlugen ihn ins Gesicht. Zwölf Stunden lang.

 

Es war ein Riesenprozess, mit mehr als 100 Journalisten aus aller Welt. Die Richterin war erst 27 und sehr nervös. Sie wollte alles richtig machen. Sie sagte, er habe extra gut gehalten, besser, als er eigentlich könne. Pfannenstiel konnte nicht fassen, was mit ihm passierte. Er fragte die Richterin, ob sie je ein Fußballspiel gesehen habe. Während des Prozesses kam er auf Kaution raus. Es wäre leicht gewesen, sich mit falschen Papieren nach Thailand abzusetzen. Pfannenstiel wollte nicht. Das hätte wie ein Geständnis ausgesehen. Das Urteil lautete auf 14 Wochen Gefängnis. Schlafen konnte er in der Zelle kaum. Nicht, weil er sich ohne Kopfkissen auf einen Betonboden legen musste oder weil die Latrine so stank. Es waren die Albträume, die ihn am Schlafen hinderten. Wegen einer Exekution, die er einmal mit angesehen hatte. Jeden Freitag, fünf Uhr morgens auf dem Innenhof, wurden Gefangene getötet. Das Bild der drei Männer, die am Strick hingen, wollte nicht mehr verschwinden. Als er aus dem Gefängnis kam, brauchte er sechs Monate, bis er nachts nicht mehr schweißgebadet hochschreckte. Damals wollte er mit dem Fußball aufhören, heim nach Zwiesel. Etwas Bodenständiges anfangen. Aber dann überredete ihn ein Agent, in Bradford auszuhelfen. Dort starb er fast.

 

Pfannenstiel ist jetzt 34. Momentan spielt er wieder in Norwegens zweiter Liga, weil es zuletzt als Spielertrainer bei Bentonit Idjevan in Armenien nach ein paar Monaten schnell zu Ende war. Dem Verein war das Geld ausgegangen. Wenn die Knochen irgendwann nicht mehr mitmachen, will er als Agent arbeiten oder eine Fußballschule eröffnen. In Neuseeland. Dort, wo er bei Otago United sogar einen eigenen Fanclub hatte. Oder in Kanada, wo es sich auch gut leben ließ. Besser jedenfalls als bei seiner vorletzten Station. Das war Vllaznia Shkoder, erste Liga Albanien. Ein Albtraum. Näheres will Pfannenstiel darüber nicht erzählen. Denn das könnte Ärger geben.

 

Canal Grande

„Shit“, brüllt Christof Wandratsch, während ihm das eisige Salzwasser in den Mund läuft, „das ist zum Kotzen, ich will hier raus!“

 

Sein Trainer Stefan Hetzer ignoriert ihn, als habe er gar nicht hingehört. „Schöööön, Christof, guuuut so“, antwortet er dann. Oder: „Halt’s Maul, schwimm weiter.“ Im Ärmelkanal wird nicht blumig gesprochen – nicht, wenn man auf Rekordjagd unterwegs ist. In weniger als sieben Stunden will Christof Wandratsch die 33 Kilometer zwischen Dover und Calais durchschwimmen.

 

Schneller als jeder Mensch vor ihm.

 

Hetzer ist der Mann, der ihm dabei helfen soll. Einer aus der alten DDR-Schule. Er hat schon Olympiasieger „produziert“, wie er selbst es nennt. „Kanal ist wie in den Krieg ziehen“, sagt er, „da weiß man nicht, was einen erwartet oder ob man den Nervendruck aushält.“

 

Die 33 Kilometer zwischen Dover und Calais sind eiskalt und strömungsreich. Es ist die meistbefahrene Wasserstraße der Welt – und für Schwimmer der größte Mythos, den ihr Sport zu bieten hat. „Den muss man gemacht haben“, sagt Christof Wandratsch. Den Weltrekord von sieben Stunden, drei Minuten und 52 Sekunden hält er seit 2005. Jetzt will er sich selbst unterbieten. Ohne Hilfsmittel und ohne Neoprenanzug. Erlaubt ist nur ein Badeanzug, die Arme und Beine des Schwimmers müssen frei bleiben.

 

Wandratsch ist 40 Jahre alt und einer der besten Langstreckenschwimmer der Welt. Je ungewöhnlicher die Stecke, desto besser wird er. Der gebürtige Mittelfranke lebt seit 15 Jahren in Burghausen, wo er als Hauptschullehrer arbeitet. Wie es sich für einen echten Franken gehört, spricht er nur dann, wenn’s unbedingt sein muss. Er ist ein wenig pausbäckig, auch an den Hüften etwas füllig: wegen der Fettreserven, die er dringend braucht für das, was er vorhat. Im Wasser wird aus dem unscheinbaren Lehrer einer mit „Killerinstinkt“, wie es Trainer Stefan Hetzer ausdrückt.

 

Wandratsch hat alles erlebt. Die „normalen“ Sachen wie etwa 15 Weltcup-Siege im Langstreckenschwimmen. Er wurde deutscher Meister, Europameister, Weltmeister. Und er hat die irren Sachen gemacht. Ist 88 Kilometer durch den Río Paraná in Brasilien geschwommen, in Weltrekordzeit ums Kap der Guten Hoffnung, von einem Weltmeer ins andere. Im Juni hat er, quasi nebenbei, einen neuen Weltrekord für die Straße von Gibraltar zwischen Spanien und Marokko aufgestellt. Aber die Königsdisziplin ist und bleibt der Ärmelkanal.

 

„Du Arschloch, wo bleibt meine Banane?“, brüllt Wandratsch mit nassen und nasalen Worten. „Was für mich eine Minute ist, kommt Christof wie eine Stunde vor“, sagt Hetzer verständnisvoll. Zwischen Coach und Krauler geht es manchmal ruppig zu. Wenn es Hetzer zu blöd wird, wirft er seinem Schützling schon mal einen Pappbecher an den Kopf. Denn auch für ihn ist so eine Kanalquerung harte Arbeit. Sieben Stunden Hochspannung, Dauerbewegung, Dauerquasseln. „Motivieren, manipulieren, sanktionieren“, das sei sein Job. Hetzer kann ziemlich schnell reden. Man muss sich schon sehr konzentrieren, um seinen Monologen zu folgen – er sächselt auf fastforward. Wenn Wandratsch in Frankreich ans Ufer krabbelt, hat Hetzer genau wie er vier Kilo abgenommen, ist heiser und hat tagelang Kopfschmerzen.

 

Wandratsch motiviert das: „Was er sacht, hör ich zwar ned“, sagt er, „aber’s wär dödlich, wenn er im Boot sitzt und Zeitung liesd.“ Hetzer weiß: „Das ist wie bei einer Katze, die versteht mich auch nicht, aber sie weiß genau, was ich meine.“ Die Nachrichten, die Wandratsch erreichen sollen, schreibt Hetzer ihm mit abwaschbarem Filzstift auf eine weiße Tafel. Die Zeit, seine Schlagfrequenz, aber auch Aufputsch-Botschaften wie Erinnerungen an vergangene Triumphe und bestandene Herausforderungen. Dann schreibt er: „Santa Fe 2003“. „Wien 1995“. „Frankenpower“. „Denk an Mama.“

 

Der Wahnsinn, den Ärmelkanal nur in der Badehose zu durchschwimmen, begann 1875. Seitdem fndet auf Englands Kreidefelsen jeden Sommer der gleiche Tumult statt. Aus aller Welt reisen sie an, die Infizierten. Wer sich in den Kopf gesetzt hat, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, der probiert es auch. Sein Leben lang. Tragödien haben sich abgespielt auf diesem Flecken Weltmeer. Manche sind ertrunken, weil sie dachten, es geht auch ohne Begleitboot. Manche mussten nach zehn, zwanzig Stunden kurz vor dem Ziel aufgeben, weil die Gezeitenströmung die letzten hundert Meter nicht mehr zuließ.

 

Vor 132 Jahren durchschwamm der legendenumspülte Kapitän Matthew Webb in 22 Stunden als Erster das etwa 16 Grad kalte Wasser. Er hatte die Strömung falsch berechnet und war deswegen 70 Kilometer geschwommen. Die „Times“ titelte seinerzeit, was Webb getan habe, sei mit den Heldentaten von Herkules vergleichbar. Webb selbst war darob auch kaum bescheiden und verkündete, dass es wohl nach ihm kein Zweiter mehr schaffen würde. Er war fortan als Stuntman unterwegs. Acht Jahre nach der Kanalpremiere bot man ihm 12.000 Pfund (nach heutigem Wert über eine Million Euro) dafür, die Niagarafälle hinabzuschwimmen. Er ließ sich überreden. Seine Leiche fand man nach vier Tagen.

 

Natürlich blieb Webb nicht der Einzige, wenngleich der Kreis der Kanalschwimmer bis heute ein sehr exklusiver ist. Knapp 600 haben es seither überhaupt geschafft, und auch dieses Jahr werden nur wenige dazukommen. Sie reisen aus der Südsee hierher, aus Tschechien oder Australien. Sie versuchen es allein, in Vierer- oder Sechserstaffeln. Und sie warten. Tagelang, oft wochenlang. Sie warten auf gutes Wetter. Manchmal geht ein Sommer vorbei, ohne dass etwas passiert. Dann kommen sie im Jahr darauf wieder.

 

Für 1500 Pfund bekommt man zwischen Dover und Folkestone ein Begleitboot und zwei Schiedsrichter, alles muss ja seine Richtigkeit habe. Das gilt auch für Wandratsch, obwohl der Star der Szene Sonderrechte genießt: Sie werden ihn anrufen, wenn das Wetter passt, dann fliegt er hin und startet. Wie immer man sich den härtesten Schwimmer der Welt vorstellt, als Mischung aus Dolph Lundgren und Lance Armstrong – Wandratsch ist das ziemliche Gegenteil davon. In Zivil und mit seiner runden Brille sieht er eher aus wie Peter Lustig in Jung.

 

Gestärkt durch sein Wettkampf-Frühstück – Rührei (hält lange vor), Weißbrot mit Honig (ist leicht verdaulich) und Kaffee (muss einfach sein) –, stand er damals in der Dämmerung am Shakespeare Beach. „Du weißt, wenn die Sirene ertönt, dann geht es los, dann rennst du rein in das schwarze große Nichts vor dir“, sagt Wandratsch mit leichtem Zittern in den Stimmbändern. So wird es diesmal wieder sein. „Das Schlimmste ist der Gedanke, dass ich jetzt wieder sieben Stunden schwimmen muss und nicht ausruhen kann.“ Sobald er das Boot berührt, so sind die Regeln, ist der Rekord verloren.

 

Wie gut, dass das Wasser so viele Balken hat. Meistens jedenfalls. Er drückt sich mit der flachen Hand an dem Widerstand ab, hangelt sich Meter um Meter nach vorn. Das ideale Wassergefühl. Manchmal allerdings ist es nicht da. „Das ist dann der Wahnsinn“, sagt er, dann fühlt er sich, als könne er gar nicht schwimmen. Wenn es gut läuft, dann drückt sich Christof Wandratsch von einem Balken zum nächsten, Schlagfrequenz 80, 84 oder auch mal 90 pro Minute. Fünf Stunden lang, sieben Stunden lang, manchmal auch zwölf. Irgendeine Zeitung nannte ihn „Kraulmaschine“.

 

Wandratsch schwimmt durch ölverdreckte Meere, hellbraune Flüsse, tiefschwarze Seen. Im Río Paraná trieb mal eine tote Kuh an ihm vorbei. Im Ärmelkanal, sagt er, ist es erstaunlich sauber. Außer gammligen Plastiktüten und leeren Flaschen begegnete er nur mal einer Euro-Palette. „Wenn du dagegen stößt, isses aus“, sagt er. Wie gut, dass Wasser so viele Balken hat. Und so wenig Euro-Paletten.

 

Die Quallen allerdings sind ein Problem. Einer kann er ausweichen, einem ganzen Schwarm nicht. „Wenn du zu viele Verbrennungen hast, kannst du Krämpfe kriegen. Das ist doof“, sagt Wandratsch in teilnahmslosem Tonfall. Unterwegs ist Essen wichtig. Alle zwanzig Minuten strecken sie ihm mit einem ausfahrbaren Stab einen Becher Kohlenhydratmix hin. Ab und zu ein Stück Banane oder Pfirsich, das stärkt. Die fruchtige Süße übermalt wenigstens kurz den ekligen Salzwassergeschmack. Und auch das Trinken darf er nie vergessen – trotz der Wassermassen, die ihn umgeben.

 

Stefan Hetzer lobt seine „phänomenale mentale Stärke“. Im Wasser „denke ich nur an das Rennen, an nichts anderes“, sagt Wandratsch. Hetzer teilt die monströse Strecke in Blöcke ein, in Intervalle, die sein Schwimmer der Reihe nach abhaken kann. Das hilft der Psyche. Die allein reicht nicht, um die Schmerzen in den Schultern und den Oberarmen in den Griff zu kriegen. Manchmal geht es nicht ohne Pharmaka, die er von Hetzer lautstark anfordert: „Schmerztablette, schnell.“

 

Die letzten zwei Stunden wird es kritisch. Hetzer gibt ihm Etappen vor: zehn Minuten Tempo machen – durchhalten – nur bis da vorn noch. Doch Wandratsch protestiert auf seine typische Art. „Mann, leck mich am Arsch, mir ist kalt, und da vorn ist es genauso kalt. Ich mag nimmer“, schreit er verzweifelt. Und krault weiter, maschinengleich.

 

Wenn er zu viel Salzwasser schluckt, muss er sich übergeben. Und krault dabei weiter im Takt. Auch alle Arten von Stuhlgang erledigt er, ohne zu unterbrechen. „Man lässt einfach laufen“, sagt er stoisch fränkisch. Dann kriegt er halt einen Becher warmes Wasser, zur Magenberuhigung, und weiter geht’s. In der letzten Stunde gibt es alle zehn Minuten ein paar Schluck Cola. Keinen Tee, „da muss man die siebenfache Menge pinkeln“, sagt Wandratsch.

 

Das Silikonfett, mit dem er sich eingeschmiert hat, ist allenfalls ein psychischer Wärmeschutz. Physisch ist Körperfett am allerbesten. Deshalb lebt Wandratsch seit einem halben Jahr auf Kanaldiät: viele Nüsse, Öl über den Salat, Erdnussbutter und Nutella aufs Brot. „Und in der Pause zwei, drei Leberkäs-Semmeln, abends ein Glas Rotwein, das setzt auch ganz gut an“, sagt er. Von den sieben, acht Kilo, die er sich zulegt, merkt er im Wasser ja nur ein Zehntel. Das kennt man aus dem Physikunterricht.

 

Kanalschwimmer sind eine besondere Art Schwimmer. „Das ist nicht so wie im Becken“, sagt Wandratsch. Man pflege eine gewisse Rivalität. Die einen gelten als Spinner, die anderen als Weicheier.

 

Dabei ist Wandratsch selbst eher wasserscheu. Im offenen Meer schwimmt er nur, solange er stehen kann – weiter raus nur mit Begleitboot. Und auch wenn er daheim frühmorgens um sechs in den Wöhrsee – 16,5 Grad Celsius – zum Abhärtungstraining muss, ist er nicht immer der Mutigste. „Ich bewundere die alten Leute, die da reinspringen, als hätte es 30 Grad“, sagt der härteste Schwimmer der Welt.

 

Zentimeter um Zentimeter tastet sich Wandratsch ins Wasser. Erst die Zehen, dann der Fuß, bis zum Knie, die Arme keusch vor der Brust verschränkt. Dann wird diskutiert. Hetzer sagt, er soll reingehen. Wandratsch sagt, er will nicht, es sei ihm zu kalt.

 

Einmal ging das zwei Stunden so. Dann stieg Wandratsch wieder aus dem Wasser.

„Auch Frauen sind Idioten!“

Herr Jaud, Sie sind seit zwei Jahren nahezu ununterbrochen in den Bestsellerlisten vertreten, länger als viele der Großen wie Günter Grass oder Michael Crichton. Sind Sie ein bisschen stolz?

 

Wer seinen Arsch aus dem Fenster hält, muss damit rechnen, dass er geküsst wird. Im Ernst: Mir geht keiner ab, wenn ich mal eine Woche vor einem Crichton stehe. Bestsellerlisten sind keine Literatenranglisten.

 

Klingt nach fränkischer Bescheidenheit.

 

Vielleicht. Franken sind vor allem chronisch pessimistisch. Jetzt, wo mein neues Buch kommt, denkt der Franke in mir natürlich: „Die ersden zwei sind so gud gelaufen, da kefft des dritte garantiert kee Sau.“ Und was die Bescheidenheit betrifft: Ich fühle mich einfach wohler damit, denn ich bin schüchtern. Schon bei Referaten in der Uni wurde ich rot. Im Kleinen ist allerdings Popularität ganz nett. Ich war kürzlich im Urlaub in Ägypten, und in meinem Club lasen sechs oder sieben Leute „Vollidiot“ oder „Resturlaub“ …

 

… die klassische Urlaubslektüre.

 

Ich konnte dann nicht anders und habe jemanden beobachtet, der „Vollidiot“ las. Der Typ hat während einer Stunde kein einziges Mal gelacht. Meine Irritation wurde zunehmend größer. Ich bin dann unauffällig an ihm vorbeigelaufen, um zu sehen, an welcher Stelle er gerade ist. Es war eine sehr lustige Stelle. Am nächsten Tag hat er ein anderes Buch mit an den Strand genommen.

 

Der Untertitel Ihres Millionenerfolgs lautet: „Nicht alle Männer sind Idioten. Einige sind Vollidioten“. Spricht nicht gerade für unser Geschlecht.

 

Spricht aber auch nicht fürs andere. Denn Gleiches gilt natürlich für die Frauen. Ich bin mir sicher, dass sich Frauen und Männer in puncto Idiotie nichts nehmen. In meinem neuen Buch vertritt mein Held übrigens eine neue These: Ein Drittel der Menschheit ist bekloppt. Manchmal ist es auch die Hälfte, das hängt vom Wetter ab.

 

Wie viel Biografisches steckt in „Vollidiot“?

 

Ziemlich viel. Gott sei Dank nicht alles. Ich habe weder im T-Punkt gearbeitet, noch bin ich mit meinem besten Kumpel zum All-You-Can-Fuck-Abend ins „Pascha“ gegangen. Es sind viele Sachen drin, die ich „an-erlebt“ habe und dann weitergesponnen. Ich habe mich zum Beispiel tatsächlich in einem Schwulen-Fitnessclub angemeldet. Der sah chic aus, und da waren auch ein paar scharfe  Frauen. Das waren dann aber wohl Lesben oder Pornodarstellerinnen, die in Ruhe gelassen werden wollten. Irgendwann merkte ich, was los ist, habe aber nicht gekündigt und bin halt nie in die Sauna gegangen.

 

Sie waren jahrelang sehr erfolgreich als Comedy-Autor für Serien wie „Ladykracher“ oder die „Die Wochenshow“. Wie kam es zu Ihrem ersten Buch?

 

Ein Buch zu schreiben erschien mir die größtmögliche Freiheit. Irgendwo auf der Welt mit einem Laptop am Pool sitzen. Erst jetzt weiß ich, dass man am Pool gar nicht schreiben kann, weil die Sonne das Display blendet. Alles fing mit einer Kurzgeschichte an, die schon so eine Art Simon Peters, den „Vollidiot“, als Hauptfigur hatte. Die hab ich dann zwei Lektoren in die Hand gedrückt.

 

Und dann?

 

Sie fragten, ob ich einen Roman draus machen kann. Ich sagte, dass ich das nicht kann. Gut, haben sie gesagt, dann schreib einfach viele Kurzgeschichten mit einem roten Faden. Darauf sagte ich: Ist das dann nicht ein Roman? Ja, war die Antwort, aber das große Wort mit dem „R“ solle mir keine Angst machen, und überhaupt könne ich jetzt endlich mal anfangen, statt herumzudiskutieren. Das war echt hart für mich als Autor von Sketchen. Ein Sketch ist nach fünf Minuten zu Ende, und nun sollte es 200 Seiten dauern.

 

Hat Sie der Erfolg überrascht?

 

Mein Minimalziel war, dass ich noch ein Buch schreiben darf. Als die Meldung kam, „Vollidiot“ hätte sich 10.000-mal verkauft, hab ich richtig gefeiert. Damit hatte ich nicht gerechnet. Mein Verlag schon. Es gab noch weitere Feiern, aber mit größeren Abständen. Jetzt machen wir gerade Feier-Pause. Ist auch gut so, weil ich sonst wahrscheinlich schon in der Betty-Ford-Klinik neben Maradona läge.

 

Mittlerweile ist die Geschichte sogar bereits verfilmt. Sind Sie mit Oliver Pocher in der
Hauptrolle zufrieden?

 

Ja, sehr. Am Anfang habe ich mich gefragt: „Kann der das überhaupt?“ Aber er hat genau das Verstrahlte von Simon Peters. Er ist auch ein Typ, der spaltet. Wie ich. Dumm nur, dass pünktlich zum  Filmstart auch der wärmste und sonnigste April seit Beginn der Wetteraufzeichnungen begann. Unser Publikum saß geschlossen im Park und grillte.

 

War es für Sie wichtig, das Drehbuch selbst zu schreiben?

 

Ja. Ich musste mir aber auch Hilfe holen, denn es war mein erstes Filmdrehbuch, und bei der vierten Fassung war ich ratlos. Jedes Mal, wenn die Produzenten etwas kritisiert haben, natürlich nie zu Recht, habe ich das Drehbuch einfach neu geschrieben, statt es zu ändern. Ist auch eine Art von  Protest.

 

Auch Ihr zweites Buch, „Resturlaub“, ist ein Erfolg und wird nächstes Jahr verfilmt. Hatten Sie Angst, das Buch könnte floppen?

 

Die Angst hat man immer. Kann sein, dass ich deswegen meine Ursprungsidee in letzter Minute auf Eis gelegt habe. Es ging um einen erfolglosen Event-Manager, der sich in einem Ferienclub das Leben nehmen will.

 

Woran scheiterte der Roman?

 

An mir. Es gab keine zweite Ebene und war leider unfassbar konstruiert. Ich hatte alles monatelang durchgeplant, aber als ich fertig war, wollte ich es nicht mehr schreiben. Da hat der Verlag gesagt: „Du kannst gern was anderes schreiben – es muss nur ,Resturlaub‘ heißen und in einem halben Jahr fertig  sein.“ Weil das Cover schon gedruckt war.

 

Also haben Sie das Buch zum Cover geschrieben?

 

Genau. Glücklicherweise hatte ich eine ähnliche Geschichte wie mein Romanheld erlebt. Ich war für drei Wochen in Buenos Aires, um Sprachunterricht zu nehmen; eine totale Katastrophe! Die Stadt war laut. Ich hatte ein winziges Zimmer und keine Sau kennen gelernt. All das hatte ich im Kopf, und ich dachte mir: Warum schreibst du nicht darüber? Die lange Version von „Ich war noch niemals in New York“ von Udo Jürgens. Von einem Typen, der Fernweh kriegt und dann wirklich geht.

 

Die Kritik hat Sie verrissen.

 

Die Bücher hatten auch viele gute Kritiken, manchmal schienen sie sogar wider Willen geschrieben zu sein. Manche Kritiken sind allerdings runtergeschriebene Wutanfälle. Da habe ich wohl durch meinen unerhörten Versuch, „nur unterhalten zu wollen“, eine ganze Branche in den Schmutz gezogen. Ich bin allerdings keine Witzrakete auf Tanzmusikniveau. Einen gewissen Anspruch habe ich schon. Das sieht man auch an der Programmierung meiner Fernbedienung, wo arte, Phoenix und 3sat vor SAT.1 liegen. So was wie ich tummelt sich sonst nicht in unserer Belletristik. Das scheint zu irritieren.

 

Dabei sind Sie studierter Germanist.

 

Aber ich war eher dabei als mittendrin. An der Uni dachte ich mir immer: „Über was zum Teufel redet der Prof da vorn?“ Dann bin ich in den Irish Pub und hab mir Sketche ausgedacht. Bizarrerweise bin ich jetzt wahrscheinlich der Einzige, der Bücher schreibt. Bestimmt die Hälfte meiner Kommilitonen  fragt sich: „Um Himmels willen. Ausgerechnet der?“

 

Schon damals haben Sie die „Harald Schmidt Show“ beliefert.

 

Die riefen morgens an mit den Themen des Tages. Und dann habe ich mich vor der Uni zwei Stunden hingesetzt und …

 

… Humor produziert

 

Ich hab’s probiert. Einen One-Liner nach dem anderen nach Köln gefaxt. Zum Beispiel: „Der Bundestag soll verkleinert werden.“ So, mach was daraus! Ich hab geschrieben: „Der Bundestag soll verkleinert werden. Er heißt ab sofort Bundesvormittag.“ So. Klack, 150 Mark. Eine harte Schule. Weil du oft denkst: „Boah, rattengeiler Witz.“ Und dann wurden 19 Mark oder so was überwiesen, weil acht andere den gleichen Gag hatten und geteilt wurde.

 

Vor allem die Männer fühlen sich von Ihnen verstanden.

 

Vielleicht, weil ich in „Vollidiot“ die Zustandsbeschreibung eines furchtbar gestressten Mannes liefere. Da erkennen sich viele, denken: Mist. So bin ich doch auch!

 

Worauf kommt es bei einem lustigen Buch an?

 

Dass man den Figuren halbwegs glaubt. Dass es nicht zu übertrieben ist und eine Wahrheit beinhaltet, die die Leute kennen. Du bist Mitte 30, seit acht Jahren mit deiner Freundin zusammen und fragst dich: „Kann es das gewesen sein? Will ich ein Haus bauen oder lieber doch in Brasilien einen Currywurst-Stand aufmachen?“ Die essenziellen Fragen des Lebens.

 

Und Ihre Antwort?

 

Die Currywurst-Bude mache ich schon mal nicht, da es mir nicht sicher genug ist in Brasilien. Die ganzen Überfälle, die Staatsverschuldung. Mit 20 wäre man auf eine so dämliche Ausrede gar nicht gekommen!

 

Trotzdem könnten Sie bei einer Million verkaufter Bücher die Füße hochlegen.

 

Zumindest für eine Weile. Tu ich natürlich nicht. Aber ich leiste mir den Luxus, eine längere Roman-Pause zu machen. Ich habe in kurzer Zeit diese drei Bücher abgeliefert. Dann darf auch mal eineinhalb Jahre nichts kommen. Ich will das nicht melken.

 

Ihr drittes Buch, das Ende Juli erscheint, trägt den Titel „Millionär“. Worum geht’s?

 

Simon Peters lebt auf Hartz IV, schaut gern Dokus wie „Die Auswanderer“ oder „Perfektes Dinner“. Dann zieht eine sehr reiche Frau in das Penthouse über ihm und nervt ihn. Allein schon dadurch, dass sie mehr Geld hat. Dass sie einen pinken Hummer H2 fährt und all die Sachen hat, die er gern hätte: Nintendo Wii, Video-Beamer, Sex. Das nervt ihn so, dass er sie loswerden muss: Dazu muss er Millionär werden und das Haus kaufen. So entsteht die Rampe für eine Geschichte.

 

Hat das Buch eine Botschaft?

 

Wenn man unbedingt will, ja. Was passiert mit uns bei einem sozialen Abstieg? Simon Peters etwa beschwert sich über alles. Bei Sony Ericsson, dass Worte wie „Schnellfickerschuhe“ im T9 fehlen, und bei Knorr, weil keine Umlaute in der Buchstabensuppe sind. Die Freunde wissen nicht, was sie mit ihm machen sollen, denn denen geht es gut. Letztendlich dreht sich ja oft alles ums Geld. Man kann nicht mehr mit den Jungs weggehen oder in Urlaub fahren, will sich aber nicht einladen lassen. Aus Stolz. Aber es sind mal wieder eher die Comedy-Ansätze, die ich suche. Und sicher nicht: Hey, ich habe eine Message für all die armen Männer.

 

Aber vielleicht für unsere Leser. Wie stehen Sie zu dem Begriff „Glück“?

 

Superinteressant. Warum ist der eine glücklich und der andere nicht? Warum stellt sich manchmal keine Freude ein, wenn ein lang ersehntes Ereignis endlich kommt? Und warum ist man manchmal grundlos glücklich? Bis zu einem gewissen Grad ist Glück planbar. Wer über seinen Job jammert und nicht kündigt, ist selber schuld. Andererseits: Ein toller Partner, Gesundheit und Geld sind eben keine Garantie, mit einem Lächeln in den Tag zu treten

„Fernsehen macht uns alle doof“

Herr Kalkofe, sagen Sie doch mal was Positives übers deutsche Fernsehen.

 

Kalkofe: Es gibt überdurchschnittlich viele Kanäle, auf denen man theoretisch sehr viele schöne Programme senden könnte. Man beachte den Konjunktiv.

 

Die Lage ist also hoffnungslos?

 

Wenn es eine Neustart-Taste gäbe, würde ich sie sofort drücken. Oder wir sprengen die Sender und rufen eine kulturelle Revolution aus: „Hört auf, uns zu verarschen und zu verachten.“

 

Vielleicht wollen wir genau das? Die Quoten scheinen doch zu stimmen?

 

Es gibt eine ganz große Menge von simplen Geistern. In jedem Land auf der Welt. Und für die gibt es einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Es ist ja auch überhaupt nichts dagegen zu sagen, den zu bedienen. Aber eben nicht nur.

 

Offenbar ist es schwer, ein Format zu entwickeln, das zugleich unterhält und bildet. Was könnten Sie sich vorstellen?

 

Ich habe ja gar nicht den Anspruch, dass Fernsehen mich bilden soll. Es soll mich nur nicht verblöden. Ich möchte unterhalten und überrascht werden. Die Amerikaner machen es uns ja vor und produzieren permanent tolle Serien wie „Lost“ oder „24“.

 

Wer trägt die Schuld?

 

Die Programmmacher. Deshalb haben wir das traurigste Fernsehprogramm der Welt. Unglaublich eigentlich, denn wir haben gleichzeitig eines der vielschichtigsten. Viele Sender, viele Möglichkeiten, viel Geld. Aber es gibt überhaupt keinen Willen mehr, etwas Eigenes zu kreieren. Wir sind in einer furchtbaren Zeit des Stillstands.

 

Woran liegt das?

 

Die Macher haben Angst. So bitter es ist: Die wollen nur überleben. Ohne Arbeit. Beim Fernsehen möglichst gut verdienen, eine große Fresse haben, auf ein paar Empfänge gehen und ein paar Promis  kennen. Das ist die Motivation der meisten. Es ist unfassbar, mit wie wenig Geld und Aufwand da etwas gemacht wird und mit wie wenig Liebe zum Detail. Die sagen sich: „Hey, wir können Stunden füllen, indem wir ein Flipchart aufstellen, einen armen Vollidioten da hinstellen, der nach vorn guckt und sich vier Stunden vor dem gleichen Bilderrätsel den Restverstand aus der Rübe labert. Es funktioniert. Und die Trottel rufen noch an und finanzieren uns den Dreck.“ Und weil das geht, wird es gemacht.

 

Mit Ihrer eigenen Sendung, „Kalkofes Mattscheibe“, profitieren Sie geradezu von diesen Inhalten …

 

… stimmt, ich lebe quasi parasitär von dem Ungesunden des Mediums, quelle als Pickel raus und zeige das.

 

Wie oft kommt es vor, dass sich Parodierte bei Ihnen beschweren?

 

Ab und zu schon. Judith & Mel zum Beispiel, das Heimatduo, die nannte ich mal die „Gandersheimer Gesichtsbaracken“. Immer wenn wir die in der „Mattscheibe“ hatten, kam danach ein heftiger Beschwer

 

 

Hundstage

Ich solle mir noch ein Sandwich machen, sagt Michael, mein schwedischer Teamkollege. Dabei habe ich gerade erst zwei gepflegte Portionen Rühreier mit Speck verspeist, zubereitet von Frauen, deren ganzer mütterlicher Gestus zu sagen scheint: „Junge, iss was.“

 

Wozu also ein Sandwich? Trotzdem folge ich brav, lege ein paar Scheiben Roastbeef zwischen zwei Scheiben Weißbrot und wickle das Ganze in eine rote Serviette ein. Nicht ahnend, dass mir Michael mit diesem Sandwich das Leben retten wird.

 

Mir steht das ungewöhnlichste und härteste Abenteuer meines Lebens bevor. Aber auch davon ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Dabei hätte mich schon die Anreise warnen müssen. Wir sind am Vorabend in Tromsö gelandet, einer Stadt, 500 Kilometer nördlich des Polarkreises. Von dort aus ging es weiter in immer einsamere Gegenden. Das Blockhaus mit den norwegischen Hausmüttern war unsere letzte Nacht unter einem festen Dach.

 

Die Anmeldung hatte das Fjällräven Polar Race lapidar als 350-Kilometer-Rennen auf einem Hundeschlitten durch unberührte Natur angekündigt. Aber das ist ziemlich untertrieben. Es ist das härteste Hundeschlittenrennen für Amateure weltweit. Mit Etappenorten, die Väkkäräjärvi oder Jäkkälävaarajänkkä heißen. Durch Gegenden, in denen man tagelang auf keine Straße stößt, geschweige denn auf Häuser, Hochspannungsmasten oder Pommesbuden. Vier Tage und drei Nächte. Irgendwo in Lappland. Im Zelt. Ohne Dusche, Klo, Heizung oder fließend Wasser.

 

Nun muss gesagt werden, dass ich nicht direkt der Outdoor-Typ bin. Ich habe seit 15 Jahren nicht mehr im Zelt geschlafen. Dort, wo ich mich normalerweise aufhalte, sind Hotels und Pensionen jeder Kategorie immer in Laufnähe. Ich fühle mich in der berührten Natur weit wohler als in der unberührten. Selbst meine Liebe zu Hunden ist überschaubar. Ich mag sie. Aber nur, solange sie mir nicht zu nahe kommen und ich sie weder hören noch riechen muss.

 

Und nun das. Nach einer Nacht mit Pelzmütze auf dem Kopf liege ich in einem engen Schlafsack. Es ist eiskalt. Später sagt man mir, dass es etwas mehr als 25 Grad minus gewesen seien. Draußen jaulen die Hunde. Der Magen ist leer. Nur ansatzweise gefüllt mit einer kleisterartigen Masse aus der Tüte gestern Abend, Geschmacksrichtung „Tandoori“.

 

Sehnsüchtig denke ich zurück an das schnucklige Hotel nahe der Stockholmer Altstadt, in dem wir uns zum Einkleiden trafen. Wir erhielten diverse Mützen, Handschuhe und Sonnenbrillen. Campingkocher, Stirnlampe, Besteck, Klopapier. Schlafsack, Stiefel, Isomatte. Dann die Kleidung: erste Schicht Unterwäsche, zweite Schicht Unterwäsche, Schutzschicht, Isolierschicht. Das Fjällräven Polar Race will beweisen, dass jedermann in jeder Umgebung jede Situation meistern kann – mit dem richtigen Equipment. Das jedenfalls behauptet Martin Axelhed, der General Manager von Fjällräven. Wir sollen zum Schlafen nur die oberste Schicht ausziehen, rät er. Alles andere bleibe vier Tage am Körper. Spätestens an diesem Punkt hätte ich stutzig werden müssen. Erst recht, als Axelhed unsere Einführung mit dem Satz beendet: „Etwa 50 Prozent kommen zurück, den Rest verfüttern wir an die Hunde.“ Wir dachten, das sei ein Scherz.

 

Am nächsten Tag, hoch droben in Signaldalen/Lappland, bekommen Michael und ich die Startnummer acht und Espen Hamrvik als Schlittenführer zugeteilt. Espen ist 24 Jahre alt, ein „typischer“ Norweger mit rosigem Teint und blondem Schopf. Zu dritt werden wir versuchen, dieses Rennen zu gewinnen. Dann lernen wir unsere Hunde kennen. Sie begrüßen uns mit kakophonischem Jaulen und Bellen. Gewöhnungsbedürftig. Mein Leithund heißt Fido, seine Untergebenen von vorn nach hinten: Beauty, Lenin, Kottan, Gandalf und Inka. Inka ist läufig, was im Verlauf dieses Rennens noch zu Verwicklungen führen sollte. Dazu später.

 

Ich lege den Hunden das Geschirr an. Das ist die erste Lektion auf dem Weg zum Hundeschlittenpiloten: Kopf durch die Schlaufe, dann einzeln die Füße durch. Schlittenhunde sind sehr geduldig. Und sehr ungeduldig. Sobald sie merken, dass es losgeht, kennen sie kein Halten mehr. Der Schlitten ist deshalb an einem Baum festgebunden. Gandalf gräbt ein 50 Zentimeter tiefes Loch in den Schnee – so geil ist er aufs Loslaufen.

 

Gleich zu Anfang übernehme ich mich, weil ich mit den anderen mithalten will, anstatt mein eigenes Tempo zu finden. Immer wieder geht es bergauf, immer wieder muss ich laufen, denn die Hunde können mich bergauf nicht ziehen. Ich muss schieben, schieben, schieben. Und das oft mit Beinen, die bis zu den Knien im Schnee stecken.

 

Ich lenke durch Gewichtsverlagerung (vorher gelernt) und durch Schlittenherumwuchtung (nachher angewöhnt). Als Bremse dient eine Hakenkralle, vor allem aber die Füße, die ich dafür in den Schnee hacke. Später erfahre ich, dass wir am ersten Tag 700 Höhenmeter überwunden haben. Ich bin definitiv tot – und hätte an diesem Punkt wohl aufgegeben, wäre die nächste Etappe nicht etwas einfacher gewesen.

 

Moderate Steigungen. Die Schmerzen in den Knochen vertreibt die klare polare Luft. In einer Kurve rutsche ich von den zweifingerbreiten Holmen. Jetzt hilft nur noch festhalten. Denn die Hunde bleiben nicht stehen. Niemals. Wenn ich den Schlitten loslasse, ist er weg. Auf den Knien schleifen mich die Hunde über den Schnee. Irgendwie gelingt es mir, in voller Fahrt die Füße wieder auf die Holme zu bringen. Espen zeigt mir den Schumi-Daumen. Nur zweimal in diesen vier Tagen den Halt verloren, nie losgelassen – eine gute Quote.

 

Zwar folge ich, so gut es geht, dem Leitgespann von Espen, aber Lenin hat eine starke Tendenz nach rechts. Ausgerechnet Lenin. Immer muss ich leicht mit Armen und Beinen korrigieren, was nach vier Stunden in grauenhaftem Muskelkater mündet. Auf den schmalen, kurvigen Waldwegen ist das Überholen abenteuerlich. Weil Inka läufig ist, zieht sie das Interesse der anderen Gespanne auf sich: Die scharfen Jungs springen in meine Spur, einer rutscht unter meine Kufen. Der ist hin, denke ich. Aber der Hund schüttelt sich nur kurz und rennt weiter. Noch eine Lektion: Schlittenhunde sind unzerstörbar.

 

Abends, wenn die Sonne weg ist, wird es unkommod. Mit der Stirnlampe auf dem Kopf stapfen wir durch den Schnee und machen die Hunde an Bäumen und Gestrüpp fest. Dann füttern wir sie. Espen kocht Wasser, in dem wir eine animalisch stinkende Wurst aus Gänseschmalz und Rindfleisch auflösen. Ich habe Hunger. Nach dem ganzen Tütenkleister will ich nicht mehr ausschließen, dass ich auch mal probiere.

 

Danach wird das Zelt aufgebaut. Erst muss der tiefe Schnee geplättet werden, damit das Zelt überhaupt ausgebreitet werden kann. Was schon am Gardasee bei Tageslicht lästig wäre, ist hier fast unerträglich. Es dauert beinahe eine Stunde, bis das Zelt endlich steht. Ich will nur noch schlafen. Bloß kein Eis und keinen Schnee mehr schmelzen, um eine weitere Tüte Bolognese-Kleister aufzuwärmen.

 

„Du musst etwas essen“, befiehlt Michael, der hier in Lappland seinen Militärdienst geleistet hat. Aber auch danach darf ich noch immer nicht schlafen. Die Bettruhe will in der Schneewüste extrem behutsam vorbereitet sein. Nur keine Feuchtigkeit ins Innenzelt bringen. Das ist leicht gesagt, zumal die Schuhe unter den Schlafsack müssen, damit sie innen nicht feucht werden. In den Schlafsack gehören: die Gaskartusche, mein Kontaktlinsenbehälter, die Wasserflasche – alles, was nicht einfrieren darf.

 

Statt mich in den Schlaf zu weinen, knabbere ich an meiner illegal eingeschmuggelten Bitterschokolade und trinke ein bisschen Whisky dazu. Beides habe ich eher zufällig im Stockholmer Duty-Free-Shop gekauft. Offiziell ist Alkohol bei diesem Rennen natürlich verboten. Aber das ist mir jetzt egal.

 

Um fünf Uhr ist die Nacht zu Ende. Ich öffne das Innenzelt, Raureif rieselt auf mein Gesicht, die Fellmütze ist feucht. Wer kein Morgenmuffel ist und schon früh immer bester Laune, sollte mal in eine gefrorene Schneehose schlüpfen. Alles ist Eis – die Brillengläser, die Feuchtigkeitscreme, das Trinkwasser. Spätestens jetzt wird klar: Das wirklich Schlimme hier sind nicht die Anstrengung, die minus 25 Grad, das Zelt im Schnee. Schlimm ist, dass man sich nie richtig aufwärmen kann. Es ist immer kalt – morgens, mittags, abends, nachts.

 

Weiter geht’s. Kilometer machen. Espen packt der Ehrgeiz, er will gewinnen. Er voraus, dann Michael mit seinem Schlitten, am Ende ich. Nach der vierstündigen Erholungs- und Mittagspause – es gab „Pasta-Chicken“-Kleister und wässrigen Instantkaffee – machen sich erste geistige Ausfälle bemerkbar. Eine Fata Morgana. Auf dem Hochplateau, das wir seit Stunden überqueren, ist nichts außer Weiß zu sehen. Verkrüppelte Baumbastarde ragen aus dem Schnee. Im Augenwinkel sehe ich graue vierstöckige Mietshäuser. Ich drehe meinen Kopf dorthin. Nichts. Nur Schnee. Der Gedanke an eine Cola und ein Snickers nimmt widernatürliche Dimensionen an.

 

Espen steckt uns beim Zwischenstopp in Kamas (kein Ort, nur drei verrammelte Holzhütten) heimlich zwei Müsliriegel zu – granithart und fünf Monate über dem Haltbarkeitsdatum. Wir sollen sie während der Fahrt essen. Als er das sagt, kaue ich bereits am zweiten Riegel. Ich bin dem Wahnsinn nahe. Obwohl wir noch weit von dem entfernt sind, was im Vorjahr passierte, als der Polarsturm einige Teilnehmer durchdrehen ließ, ein Norweger sich das Schlüsselbein brach und eine deutsche Teilnehmerin den Knöchel. Immerhin sind wir nach dem zweiten Tag auf Platz fünf. Das tröstet.

 

Am dritten Tag erfahre ich, was Hunger ist. Kein Magenknurren, sondern ein dämmriges Gefühl der Ermattung. Da erinnert mich Michael an mein eingewickeltes Roastbeefbrot, längst steinhart gefroren. Michael errichtet eine Kochstelle im Schnee, nimmt von Espen, was der noch hat, ein paar Cracker und ein bisschen Remouladensoße aus der Tube. Er brät das Roastbeef, röstet das Brot – und zaubert die herrlichste Mahlzeit meines Lebens. Michael lacht weiße Wolken. „Mehr ‚Nichts‘ als hier ist nicht möglich“, sagt er.

 

Der letzte Tag. Gelassene Gleichgültigkeit macht sich breit. Alles schmerzt, die Knie und die Ellenbogen vom dauernden Geratter. Die Fingerkuppen sind blutig, der Muskelkater lähmt. Aber es hat sich gelohnt: Ich weiß nun, was ich im Extremfall aushalten kann. Und auch die Natur wirkt auf mich jetzt phantastisch. Kein Haus, kein Telegrafenmast, keine Straße. Absolute Stille. Dazu die strahlende Sonne, die den Schnee funkeln lässt.

 

Auf einem zugefrorenen See ist das Ziel aufgebaut, die Einheimischen klatschen. Wir laufen mit knapp 20 Stunden Rennzeit auf Platz sechs ins Ziel. Und haben es überlebt.

Job mit Tiefgang

Sie wissen genau, was passieren wird, als aus der Dunkelheit vier englisch-holländische Kriegsschiffe auftauchen. Den Kontakt zu ihrer schützenden Flotte haben die Männer des portugiesischen Transportschiffs „San José“ verloren. Die halbe Mannschaft und der Steuermann liegen unter Deck, erkrankt an einem rätselhaften Virus. Auch Kapitän Francisco Mascarenhas hat es böse erwischt. So beschließen die übrig gebliebenen Seeleute trotz der zerfetzten Segel, der Brandschäden und des gebrochenen Hauptmasts den Fluchtversuch allein. Zurück an Land, wo die portugiesische Festung São Sebastião an der Küste von Mosambik Schutz bieten würde. Doch die Nacht des 23. Juli 1622 meint es nicht gut mit der Mannschaft. Am Riff verliert die steuermannlose „San José“ ihr Ruder. Das Schiff bricht auseinander und sinkt – 28 Meter tief. Für immer verloren.

 

384 Jahre später. Alejandro Mirabal und Nikolaus Graf Sandizell – man kann sie vereinfachend „Schatzsucher“ nennen – haben ihr Gitternetz über der Stelle ausgelegt, an der die „San José“ gesunken ist. Fünf Monate hatte es gedauert, bis der Metalldetektor endlich anschlug. „Rasenmähen“ nennt Sandizell das, weil man immer wieder akkurat und parallel seine Bahnen an der Wasseroberfläche zieht – so lange, bis Magnetometer und Sensoren anschlagen. Ihr Schiff heißt „Zanj“, ein vierzig Jahre alter Kutter. Das Holz ist abgeschabt, die Farbe verdreckt oder abgeblättert. Durch die verölten Scheiben hat schon lange niemand mehr die Sonne gesehen. Im Bauch des Schiffes riecht es nach Diesel, geputzt wird nur sporadisch.

 

Der gebürtige Düsseldorfer Sandizell ist Vorstandsvorsitzender der Arqueonautas Worldwide, einer Gesellschaft, die sich mit dem Bergen von Schätzen beschäftigt. Rund 200.000 werthaltige Wracks, hat die Unesco ermittelt, liegen noch auf dem Grund der Weltmeere. Viele davon prall gefüllt mit Silbermünzen und chinesischem Porzellan.

 

Spätestens seit der Amerikaner Mel Fisher in den Achtzigern aus dem Wrack der „Nuestra Señora de Atocha“ Schmuck, Golddublonen und Silberbarren im Wert von 250 Millionen Euro barg, herrscht Goldrausch am Meeresboden. Doch bevor Gold und Silber zu heben sind, müssen die Schatzsucher erst mal Geld investieren. Viel Geld. Ins Blaue hinein. Denn niemand weiß, ob sich die Investition auch rentiert. Bis zu einer Million Euro können allein an Vorlaufkosten entstehen – für die oft langwierige Recherche in Archiven und die zentimetergenaue Abtastung des Meeres.

 

„Es ist eine Detektivarbeit, die vor Hunderten Jahren begann“, sagt Mirabal. Als irgendein Chronist einen Bericht an den König verfasste, in dem er die Umstände und den Ort des Untergangs festhielt. Selten kümmerte man sich um die Zahl der Toten, dafür umso detaillierter um die Ladung. Das ist die Basis jeder Schatzsuche. „Von zehn Wracks, die wir untersuchen, sieht eines so aus, also könne man eine Bergung riskieren“, sagt Sandizell. Verspricht das Schiff nicht mindestens Schätze im Wert von einer Million Euro, geht erst gar kein Taucher runter.

 

Trotzdem liegt auch der Arqueonautas-Chef manchmal daneben. Die 1770 vor den Kapverden gesunkene „Leijmuiden“ etwa versprach reichlich Goldbarren. Aber die Taucher fanden nichts. Schatzräuber waren schneller gewesen. „Über die Hälfte der Wracks, die wir finden, sind ganz oder teilweise geplündert“, sagt Sandizell. Ohne Investoren mit einem Faible für Risiko könnte niemand das Geschäft betreiben. Allein ein Tauchtag kostet 2500 Euro, egal ob gesucht werden kann oder nicht – wegen Sturm oder starker Strömung. Kapitalgeber können sich bei Sandizells Gesellschaft an einzelnen Projekten beteiligen. Eine Geldanlage, die allerdings nicht für Kleinanleger taugt. „Niemand sollte seine Altersvorsorge riskieren“, warnt der Geschäftsmann. Denn im Schatzsucher-Business kann alles passieren: Totalverlust oder Millionengewinn.

 

Immerhin: Durch die konsequente Vorgehensweise der Arqueonautas wird das Risiko minimiert. Sandizell geht nur in Gebiete, wo mehrere Wracks vermutet werden. „Auf nur ein Schiff zu setzen wäre reines Roulettespiel, bei zehn in einem Gebiet kann ich mir auch Fehlschläge leisten.“ Vor Mosambik hat seine Gesellschaft insgesamt 36 werthaltige Schiffswracks ausgemacht. An dreien wird derzeit gearbeitet. Alejandro Mirabal ist Sandizells oberster Angestellter, er ist der Projektleiter, der Mann vor Ort. Acht Monate im Jahr lebt der Meeresarchäologe und Biologe auf der Ilha de Moçambique, an einem Ort, den man von Europa aus erst nach zweitägiger Reise erreicht. Weit weg von geteerten Straßen, Multiplexkinos oder auch nur einem Supermarkt. Tagsüber wird der Strom abgestellt, gelegentlich auch das Wasser. „Es ist eine andere Realität, aber man gewöhnt sich daran“, sagt Mirabal, der Kubaner.

 

Vor seinem meeresbiologischen Studium war er einer der populärsten Soap-Stars seiner Heimat. Berühmt für seine azurblauen Augen. „Das größte Problem hier ist die Logistik, wir sind mitten im Nichts“, sagt Mirabal. Deshalb muss er sorgfältig vorbereiten, vieles doppelt und dreifach mitnehmen. Nachlieferungen dauern mindestens drei Wochen. „Wir müssen die Probleme vermeiden“, sagt er, „weil wir sie nicht lösen können.“

 

Eine erfolgreiche Schatzsuche besteht aus vielen kleinen Schritten. „Wenn nur einer nicht funktioniert“, sagt Sandizell, „fällt das ganze Projekt zusammen wie ein Kartenhaus.“ Nach der historischen Recherche folgen die Verhandlungen mit der zuständigen Regierung, die 50 Prozent an den gehobenen Schätzen für sich reklamiert. In einem Land wie Mosambik ist es wichtig, sich möglichst schnell auf die Eigenheiten einzustellen. Politik funktioniert hier anders. Um halb vier hat Sandizell einen Termin beim Gemeinderat, um fünf einen beim Bürgermeister der Ilha de Moçambique. Der residiert in einem alten Kolonialbau mit vier Meter hohen Wänden und einem staubigen Dachbodengeruch. Mit einer laut röhrenden Klimaanlage, zerschlissenen Sesseln und einem wuchtigen Safe in der Ecke. Sandizell redet eine halbe Stunde auf den Bürgermeister ein, versucht ihm mit deutscher Gründlichkeit seine Wünsche zu verdeutlichen. Der Bürgermeister hört zu. Immerhin. Ob etwas passiert, bleibt offen. Nachher, auf der Straße, wird Sandizell sagen, dass mit Schmiergeld alles viel runder laufen würde. Aber Korruption, das will er gar nicht erst anfangen. Bei seinem letzten Projekt auf den Kapverden wechselte die Regierung während der Bergungsarbeiten. Quasi über Nacht waren viele seiner Verträge hinfällig.

 

Am Ende der Kette steht die optimale Vermarktung, der Verkauf oder die Versteigerung von Artefakten und Münzen. So ein Projekt verlangt viele Experten. Weil Sandizell nicht in einer Person Historiker, Taucher, Seefahrer, Bankier und Verkäufer sein kann, sucht er sich Hilfe von Fachleuten wie den international renommierten Meeresarchäologen Margaret Rule und Mensun Bound von der Universität Oxford. Auch das ist ein Grund, warum er mit seinen Arqueonautas mittlerweile zu den vier weltweit erfolgreichsten Explorationsunternehmen zählt. Über die Jahre haben Sandizell und seine Taucher aus 16 Wracks fast 100.000 Münzen und 7000 Artefakte geborgen.

 

Als er vor gut zehn Jahren Chef der Gesellschaft wurde, hatte Sandizell viele der bis dahin gelaufenen Schatzsuchen detailliert analysiert. „Wobei mich vor allem diejenigen interessierten, die gescheitert sind. Und die Gründe dafür“, sagt er. Die fand er oft darin, dass die meisten Unternehmen „One-Man-Shows“ sein wollten, was der Komplexität der Aufgabe nicht im Geringsten gerecht wird. Während Sandizell die Geschäfte von Lissabon aus führt, überwacht Mirabal das Team vor Ort. Viele Taucher kommen aus Kuba, andere aus Frankreich, Holland oder Israel. Acht Monate sind sie hier, am allerletzten Ende der Welt. Die Familie ist weit weg. Die Privatsphäre bilden ein knarziges Holzbett mit Moskitonetz im 4-Mann-Zimmer, ein paar zerlesene Taschenbücher und ein Stuhl für die Klamotten. Der einzige Luxus ist ein Satellitenfernseher. „Du musst hier alles vergessen, was du weißt, und bei null anfangen. Wie Robinson Crusoe“, sagt Taucher Faure. „Ob man hier Spaß haben kann, das hängt von der Vorstellung ab, die man von ,Spaß haben‘ hat“, sagt Teamleiter Mirabal. Diese Vorstellung sollte jedenfalls nicht sehr weit über eine Art Disco mit infernalisch scheppernden Lautsprechern und billigem Bier der Marke „2M“ hinausgehen.

 

Die „San José“ liegt acht Stunden von der Küste entfernt. Für die Arbeiten dort bleibt man mindestens zehn Tage vor Anker, solange Wasser und Tiefkühlvorräte reichen. Sechs Stunden täglich sind die Männer unter Wasser. Von Entdeckergeist ist da wenig zu spüren. „Du bist nicht da unten, um etwas zu finden, du suchst einfach nur ein Planquadrat ab. Eins nach dem anderen“, sagt Taucher Alejandro Mirabal junior, der Sohn des Teamleiters. „Machst du es einmal, ist es cool, machst du es jeden Tag, ist es ermüdend.“ „Wracks“, sagt Sandizell, „sind nicht so, wie es sich der Laie vorstellt“, also ein dreidimensionaler Schiffskörper, „wo vielleicht noch ein Skelett am Steuerrad steht.“ Ein Schiffswrack ist meist vollständig platt gewalzt, „wie mit einem Nudelholz“. Es ist – je nach Strömung – mit mehreren Schichten Sediment bedeckt und die Ladung im weiteren Umkreis verteilt. Bei der „San José“ nicht weniger als 3,8 Kilometer weit. So groß muss man das Raster legen und dann jedes einzelne Planquadrat umgraben. Zwar nutzen die Taucher den Airlift, eine Art Unterwasser-Staubsauger, mit dem das Sediment und der Sand kubikmeterweise abgetragen werden können, aber sobald sie auf etwas stoßen, müssen sie mit den Händen weitermachen. Um bloß nichts zu beschädigen. Das zehrt.

 

Dazu kommen die herkömmlichen Gefahren beim Tauchen. Boris wurde einmal von zwei Haien umkreist, immer enger und enger, bevor sie glücklicherweise abzogen. Kollege Ramiro hatte immerhin eine Harpune dabei. Er konnte den angreifenden Hai töten. Manuel brachen zwei Rippen, als er von einer Riesenschildkröte gebissen wurde. Dazu permanent das teils hochgiftige Kleingetier, rasierklingenscharfe Muscheln und Quallen. Trotz aller Gefahren – einen anderen Job will an Bord der „Zanj“ keiner machen. Youri, dessen Frau und zwei Kinder in Havanna leben, sagt: „Dinge zu finden, die seit 400 Jahren keiner gesehen hat, das ist romantisch.“ Immer wieder entdecken die Taucher skurrile Gerätschaften. Dinge, von deren Existenz sie nie zuvor gehört haben. „Am interessantesten ist oft die Bordapotheke“, sagt Sandizell. „Auf einem Wrack von 1648 fanden wir eine Pumpe, mit der man bei Magenbeschwerden Rauch in den Darm geführt hat. Man dachte, das reinigt.“

 

Bis die „San José“ endlich gefunden war, hatten Sandizells Mitarbeiter zwei Jahre in Archiven von Sevilla bis Goa recherchiert. Fünf Monate dauerte dann noch die Suche nach dem Wrack. Heute, nach einem Jahr Bergung, haben die Schatzsucher gerade mal 15 Prozent der vermuteten Ladung ausgegraben. Aber das sind immerhin schon 25.000 Silbermünzen im Wert von 4,5 Millionen Euro. 140.000 weitere Münzen vermuten die Männer noch am Meeresgrund. Es könnte ihr größter Fund werden. Könnte.

Die Alp-Träumer

Gescheitert. Aber das ist nichts Ungewöhnliches. Scheitern gehört dazu. Das weiß Alexander Huber. Er wäre niemals der beste Kletterer der Welt geworden, wenn er nicht immer wieder auch gescheitert wäre.

 

Aber jetzt will er nicht scheitern. Nicht auf diesem Stein. Vor ihm ragt die 500 Meter hohe Felswand der Großen Zinne in den Dolomiten senkrecht nach oben. Er wollte sie auf der Route „Direttissima“ bezwingen. Wollte hinaufklettern, nur mit der Kraft seiner Arme und Beine. „Free Solo“ – ohne Seil. Ohne doppelten Boden. Jeder minimale Fehler hätte katastrophale Folgen für ihn. Oder wie es Alexander Huber, 37, reichlich nüchtern ausdrückt: „Hundertprozentige Todeswahrscheinlichkeit.“

 

Es sind solche spektakulären Aktionen, die aus ihm und seinem zwei Jahre älteren Bruder Thomas die Stars der globalen Kletterszene gemacht haben – die „Huberbuam“. Die Männer aus Berchtesgaden werden sogar von Reinhold Messner, der ansonsten eher sparsam lobt, fast überschwänglich gefeiert. „Die Huber-Brüder haben das Klettern neu erfunden. Alexander ist derzeit der Kreativste und der Beste im alpinen Gelände“, sagt Messner. Immer wieder gehen die beiden neue Wege, andere als ihre Konkurrenten. Schnellere, schönere, gefährlichere. Von den drei großen Herausforderungen für Alpinisten lässt Thomas Huber nur eine gelten.

 

Den El Capitan in Kalifornien beherrschen sie perfekt, er gehört ihnen quasi. Der Mount Everest interessiert sie nicht, denn „das ist der Aldi unter den Bergen“, sagt Thomas, „der Ausverkauf des alpinen Gedankens“. Aber die dritte Aufgabe, die reizt die beiden Brüder wirklich. Und sie steht ihnen unmittelbar bevor – die Bewältigung des Cerro Torre in Patagonien, auch genannt der „unmögliche Berg“. Mitte Januar 2007 geht’s los. Dort werden sie alles geben müssen. Ihren Mut, ihre Kraft, ihre Ausdauer. So wie seinerzeit an der Großen Zinne in den Dolomiten.

 

Es war an einem strahlenden Frühlingstag vor vier Jahren. Wie immer bat Alexander Huber seinen guten Freund Heinz Zak, selbst ein erfahrener Bergprofi, die Fotos zu machen. Doch Zak weigerte sich. „Ich will nicht sehen, wie du stirbst“, sagte er. Alexander nahm es mit Gleichmut hin. „Er wusste ja nicht, wie es in mir aussieht. Von außen mag es haarsträubend wirken, aber ich war mir sicher, dass ich es kann. Ich hatte mich entschieden.“

 

Dabei hatte er in der Nacht schlecht geträumt. Auf dem einstündigen Weg zum Einstieg schieben sich immer wieder diese Bilder in seine Gedanken. Er sieht sich selbst aus 200 Metern nach unten stürzen. „Würde ich einen Aufprall noch spüren?“, fragt er sich. Dann klettert er los. Nervös ist er, zu nervös. Nach nur acht Metern „hat mich das Adrenalin überflutet“. Langsam steigt er zurück. Es geht nicht. Er kauert auf dem Stein.

 

Nach Minuten der Stille, die wie Stunden wirken, fasst er seinen Entschluss: Der „Point of no Return“ liegt bei 80 Metern, danach gibt es nur zwei Möglichkeiten – ans Ziel oder in den Tod. Bis dorthin will er es versuchen. Aber er weiß: Dieser zweite Versuch ist sein letzter. „Wenn ich wieder gescheitert wäre, hätte ich die Versagensängste vor dieser Wand nie mehr aus dem Kopf bekommen.“ Am „Point of no Return“ hält er kurz inne. „Ich war souverän und konnte das Adrenalin kontrollieren, war konzentriert und nicht nervös“, erinnert sich Alexander Huber. „Das Überschreiten des ,Point of no Return‘ habe ich sogar genossen, weil ich wusste, ich kann es – der Weg war frei.“

 

Stück für Stück kämpft er sich hoch, fühlt die Feinstruktur des Felsens, drückt dann mit doppelter Kraft seine Finger auf den Stein. Die doppelte Kraft ist beim „Free Solo“ seine Lebensversicherung gegen das Abrutschen. Nach zweieinhalb Stunden ist er oben. Erst jetzt nimmt er die Umgebung wieder wahr, sieht die Wolken, die von der Thermik nach oben getrieben werden, hört den Wind, riecht die frische Bergluft. Er setzt sich hin mit starrem Blick und denkt an gar nichts. Denn in so einem Moment „gibt es weder Vergangenheit noch Zukunft“. „Free Solo“ ist die Königsdisziplin. Nur „die paar Quadratzentimeter des nächsten Griffs beschäftigen einen“, sagt Alexander. Die Große Zinne sei noch immer so präsent in seinem Kopf, „dass ich mich noch in 50 Jahren minutiös an diese Tour erinnern werde“. Tage später erfährt Mutter Maria daheim in Oberau bei Berchtesgaden von dem Abenteuer aus dem Radio. „Und dann hat mir meine Mama erklärt, was ich in Zukunft zu tun und zu lassen habe“, sagt Alexander. Nicht, dass er sich daran hält. „Es gibt Notlügen und Notversprechen“, sagt er.

 

Die Mutter hat es nicht leicht, denn auch ihr Mann ist Kletterer. Schon als Kinder proben die Jungs auf dem Apfelbaum hinterm Haus ihre ersten Kletterrouten. Als Alexander dann später in München Physik studiert, hat sie noch die Hoffnung, er würde als Diplomphysiker arbeiten, denn „sicherer wär’s schon“. Aber der Drang zum Klettern ist stärker. Über „Free Solo“ sollte man mit Mama Huber besser nicht sprechen, aber auch die anderen Aktionen ihrer Buben sind ihr nicht so recht: „Auch dieses Speedklettern freut mich gar ned.“ Aber gerade in diesem Bereich haben die Hubers Meilensteine gesetzt. Im kalifornischen Yosemite-Nationalpark steht der El Capitan, das „Zentrum der Kletterwelt“, wie ihn Thomas Huber nennt. Ihn kennen sie fast genauso gut wie die Berge um Berchtesgaden. Vor drei Jahren stellten sie dort ihren spektakulären Rekord im Speedklettern auf. Auf der Route „Zodiac“. Ein 600 Meter hoher, steiler Granit, auf den die Sonne gnadenlos herunterbrennt. Der Rekord lag bei knapp sechs Stunden, als die Hubers ihn sich vorknöpften.

 

Beim Speedklettern zählt nur das Tempo, alle Hilfsmittel sind erlaubt. Allerdings kann auch das tödlich enden, denn in den leichten Passagen verzichten Alexander und Thomas auf jegliche Sicherung. Um Zeit zu sparen. Deshalb trinken sie auch nicht. Ein Kaugummi muss reichen, um das Durstgefühl zu verdrängen. Bereits nach ihrem ersten Versuch lag der neue Rekord bei rund vier Stunden, ein Jahr darauf schafften es die „Huberbuam“ in einer Stunde und 51 Minuten. „Dieser Rekord wird lange Bestand haben“, vermutet Alexander. Es ist weniger Hybris als Realismus. Aber alles Erreichte wird überlagert von der geplanten Reise nach Patagonien im Januar 2007.

 

Dort stehen die drei mythischen Gipfel. Drei Gipfel, an denen sich Tragödien abgespielt haben, an denen berühmte und hoch begabte Bergsteiger erfroren, abstürzten oder scheiterten und aufgaben. Es sind der Torre Egger, der Cerro Standhardt und vor allem der Cerro Torre, der „unmögliche Berg“, wie er in Fachkreisen heißt. Das Wetter dort zermürbt selbst die härtesten Könner. Der Sturm soll sogar Steine nach oben blasen können. Dazu kommen Lawinen, ständig wechselnde tosende Winde, Schnee, Eis und die Wolken, die den Berg oft wochenlang verhüllen. Bis 1970 galt der Berg als unbesteigbar, bis der Italiener Cesare Maestri mit einem Kompressor Hunderte von Steigeisen hineinrammte. Damit wurde der Cerro Torre zwar bezwungen, aber nur auf der „Kompressor Route“, die für Alpinisten eher Treppensteigen als Klettern gleicht. Thomas und Alexander Huber wollen nun alle drei Gipfel überschreiten. In einem Zug. „Für mich eine der größten Geschichten des Alpinismus“, sagt Thomas.

 

Vor einem Jahr hatte er, der Ältere, bereits den Cerro Standhardt und den Torre Egger bewältigt, aber das Wetter verschlechterte sich, er musste aufgeben. Nun wollen es beide zusammen probieren. 60 Tage werden sie brauchen, für diesen „Grenzgang der neuen Dimension“, wie Thomas die Expedition nennt. „Es ist der Höhepunkt unserer Karriere.“

„Ich bin jedem Hormon dankbar, das abhaut“

Sie haben vor 13 Jahren die österreichische Staatsbürgerschaft abgelegt und wurden Deutscher. Seitdem geht es mit Österreich bergauf, mit Deutschland abwärts. Sehen Sie da einen Zusammenhang?

 

  1. Mit Sicherheit. Es sind ja mehr und mehr Leute, die aus Österreich kommen und Deutschland erfolgreich unterwandern.

 

  1. Zum Beispiel?

 

  1. Die Fernsehleute Thoma, Zeiler und Kofler, die ganzen Theatermacher, aber auch so schreckliche Typen wie André Heller. Wir alle tragen in uns die genetische Verpflichtung, den österreichischen Schmäh in der Welt zu verbreiten. Ich glaube, das Christentum ist so ähnlich entstanden – hinausgehen und predigen. Und weil das einigermaßen erfolgreich läuft, sind wir schlimmen Typen weg von Österreich. Dadurch geht es dort wirtschaftlich enorm aufwärts, mit weniger Arbeitslosen und mehr Vernunft – während wir das Virus der Verarschung nach Deutschland verpflanzen, mit den entsprechenden Folgen.

 

Warum Deutschland?

 

Wegen der ähnlichen Sprache. Man glaubt, man versteht sich. Wobei es mir eigentlich egal ist, wo ich bin. Ich fühle mich in der ganzen Welt nicht zu Hause.

 

Wie sehen Sie die Zukunft?

 

Pessimistisch. Nicht nur, was Deutschland betrifft, sondern auch Europa und die ganze so genannte westliche Zivilisation. Ich meine, dass wir so allmählich dem Untergang geweiht sind.

 

Was für ein Bild der Deutschen treffen Sie auf Ihren Reisen an?

 

Ein viel zu gutes, obwohl ich ein schlechtes Beispiel bin. Ich habe manchmal Schwierigkeiten, wenn mich Leute im tiefsten Afrika nach einem gewissen Ballack fragen, den ich nicht kenne. Da wird gleich angezweifelt, dass ich Deutscher bin. Aber man kann sich mit einem deutschen Pass wunderbar in der Welt tummeln und ist überall willkommen.

 

Sind Sie ein Abenteurer?

 

Eher neugierig als ein Abenteurer. Reinhold Messner ist ein Abenteurer. Obwohl ich auch mal mit Reinhold Messner gewandert bin. Aber nur 100 Meter.

 

Wieso nur 100 Meter?

 

Das war in Südtirol, auf einer Burgruine beim Drehen. Messner geht sehr unbekümmert voran. Er dreht sich nie um und nimmt keine Rücksicht. Wenn man da mithalten will, kommt man schwer ins Keuchen, während Messner wie ein Steinbock durch die Gegend springt. Unsereins muss sehen, wo man hintritt, ihn kümmert das nicht. Es gibt ja die Geschichte, wie er mit dem Arved Fuchs zum Südpol gelaufen ist. Da hat er erst nach 300 Kilometern gemerkt, dass der Fuchs gar nicht mehr neben ihm war.

 

Ist das der Autismus von Genies?

 

Klingt gut, weil ich nämlich auch ein paar ausgeprägte soziopathische Züge habe. Ich könnte nie am Biertisch sitzen und kumpelhaft plaudern. Ich gehe nie auf Partys. Sie werden mich nie grundlos in der Öffentlichkeit sehen, auch meine Frau nicht.

 

Wer erledigt die Einkäufe?

 

Da teilen wir uns den Schmerz. Sie geht zum Supermarkt und ich auf den Wochenmarkt. Rundherum ist die Post, der Zeitungskiosk und der Metzger. Das schaffe ich innerhalb von zehn Minuten. Mein Überlebensbereich, den ich niemals verlasse.

 

Außer wenn Sie verreisen.

 

Wenn ich mal ein bisschen Ruhe haben will, dann muss ich verreisen. Da reicht auch schon eine so abwegige Stadt wie München. Ich muss nicht extra zum Kap Hoorn.

 

Was ist denn der schlimmste Ort, an dem Sie jemals waren?

 

Köln im Karneval. Also Weiberfastnacht und so weiter. Können Sie das bitte in der Kölner Ausgabe des Playboy schwärzen?

 

Nein

Die Kanalarbeiter

Fünf Sekunden können verdammt kurz sein. Vor allem für Bobfahrer. Ein Jahr lang müssen sie sich für diese fünf Sekunden schinden. Sekunden, in denen sich fast alles entscheidet. Denn die Startzeit ist für Bobsportler die Basis ihres Erfolgs. Wer hier ein Zehntel verschwendet, dem fehlen im Ziel drei oder vier davon. „Für diese fünf Sekunden trainieren wir Tag und Nacht“, sagt Martin Annen, Schweizer Bobpilot und erster Anwärter auf olympisches Gold 2006.

 

Wenn am Startbalken die Ansage „Track is clear“ durch die Lautsprecher scheppert, setzt sich ein eigentümliches Schauspiel in Gang. Genau eine Minute haben die Bobfahrer jetzt noch Zeit, um zu starten. 60 Sekunden für urmännliche, animalische Rituale. Die einen brüllen sich an, andere klopfen sich mit beiden Fäusten rhythmisch gegen die Brust.

 

Die Schweizer klatschen ab. Dabei wirken die drei Bremser dermaßen angespannt, dass man sie besser in Ruhe lässt. „Wenn mich in diesem Moment einer anspricht, dann hat der ein Problem. Dann kann es sein, dass der ganz weit wegfliegt“, sagt Andi Gees.

 

Ruckartig bücken sich die Fahrer hinunter zum Bob. Mechanisch greift sich Gees den Holm. Es folgt ein Moment, in dem alles eingefroren scheint. Nur noch die Oberschenkel zittern, kaum wahrnehmbar. Den Blick starr nach vorn gerichtet. Kein Wimpernschlag. Kein Zucken der Iris. Viermal 110 Kilo Lebendgewicht, bis zum Zerplatzen gespannt. „Du fröstelst“, sagt Gees, „aber nicht vor Kälte, nur allein vom Adrenalin.“ Stehend auf den vorderen Fußballen, unter denen sich an den Schuhen Hunderte nadelfeine Spikes befinden. „Du konzentrierst dich voll auf die Beine“, sagt Gees. Dann brüllt der hinterste Bremser „GU-ET“, und Martin Annen ruft auch „GU-ET“. Dann: „UND.“ Das löst die inneren Federn – es geht los. Eruptiv.

 

Die Spikes krallen sich ins Eis, das Sportgerät rumpelt los wie ein leerer Güterzug. Nach dreißig Metern wuchten sich die Männer in den Bob. Die Einsneunzig-Bodybuilder wirken fast filigran, wie sie sich da ineinander, hintereinander in den 67 Zentimeter breiten Schlitten schwingen. „Das wird hundertmal eingeübt“, sagt Annen.

 

Für diese paar Augenblicke quälen sich Andi Gees und die anderen einen ganzen Frühling, einen Sommer und einen Herbst lang. Stemmen täglich bis zu 250 Kilo auf den Schultern, um die Schenkel aufzupumpen. Siebzig Zentimeter Umfang hat jeder. Dafür schieben sie jeden Tag ihr „Wagerli“, eine Art Einkaufswagen, über die Tartanbahn oder einen Bob mit Rollen den Berg hinauf und hinab. Dazu Sprung-, Sprint- und Krafttraining. Täglich drei bis vier Stunden. Alles für ein paar Zehntel.

 

Denn nach dem Start und dem Sprung in den Bob gibt es für drei Viertel der Besatzung während der knapp einminütigen Fahrt nichts mehr zu tun. Nur noch ducken und vertrauen. „Wir können dem Piloten zwar helfen, weil wir hinten die Fehler eher mitbekommen“, sagt Beat Hefti, der zweite Bremser im Bob „Schweiz I“. Aber diese Hilfe beschränkt sich auf das Gespräch danach. Während der Fahrt sind sie, bis auf gelegentliche Gewichtsverlagerung, nutzfreier Ballast. Kauernd und hoffend.

 

Das Binnenverhältnis im Viererbob sieht etwa so aus: vorn die Technik, dann zweimal die Kraft und ganz hinten die Schnelligkeit. Der Bob wiegt 180 Kilo, als Gesamtgewicht sind 630 erlaubt. Je schwerer die Besatzung, desto schneller fährt der Bob in der Bahn.

 

Für den Start allerdings braucht es schnelle Leute, und die wiegen eher wenig. Es gilt, die optimale Mischung zu finden: schnelle Leute mit viel Kraft und nicht zu leicht. Um jene Sekundenbruchteile besser zu sein als die Konkurrenz, beschäftigt Martin Annen eine ganze Riege Hochleistungssportler. Keiner im Team hat in seiner Jugend mit diesem Sport angefangen. Annens Sport war Schwingen, auch so eine Schweizer Merkwürdigkeit. Eine Art Ringkampf.

 

Annen suchte sich die besten Leute aus und schulte sie akribisch auf die Anforderungen des Bobsports um. Er bezahlt den ehemaligen Ringer Gees, den Leichtathleten Beat Hefti und den 10,32-Sekunden-Sprinter Cédric Grand einen ganzen Sommer lang nur dafür, dass sie sich für ihn fit machen. Das System hat Annen perfektioniert. Er hat die besten Schweizer bei sich im Team. Sollte einer ausfallen, rückt ein Gleichwertiger nach – etwa Leichtathlet Thomas Lamparter.

 

Das alles kostet Annen eine Menge Geld. Zur Finanzierung gründete er die Martin Annen Bobsport GmbH, ein kleines Unternehmen mit fünf Angestellten. 300.000 Euro sammelt er pro Jahr von seinen Sponsoren ein. Ein Zweierbob kostet 26.000 Euro, ein Vierer 46.000.

 

Reichlich teuer für ein karges Gerät aus Stahl und Karbon, „das keinen Motor hat und das man auch noch selbst schieben muss“, sagt Annen. Trotzdem kauft er jedes Jahr am liebsten neues Gerät. Noch weit mehr aber kosten die Gehälter, Reisekosten oder Bahngebühren. Vom Rest lebt die fünfköpfige Familie Annen. Gerade so. „Wenn ich vor acht Jahren gewusst hätte, was mir bevorsteht, ich hätte es nicht gewagt. Die Angst wäre zu groß gewesen“, gibt der Schweizer offen zu.

 

Ein geglückter Start ist im Bobsport viel wert. Erst danach kommt es auf den Fahrer an. „Man muss das schon können“, sagt Martin Annen. Kleinste Fahrfehler führen zu Stürzen. Einmal die Kurve falsch genommen, und schon liegt der Bob auf der Seite. Ganz zu schweigen vom Verlust weiterer Hundertstel durch minimale Abweichungen von der Ideallinie.

 

Die Streckenläufe hat Annen alle im Unterbewussten gespeichert. Schließlich gibt es keine zwanzig Bahnen weltweit, und die muss er blind fahren können. Kann er auch.

 

Vor dem Start geht jeder Pilot die Strecke im Geiste durch. Dabei zieht er auf Brusthöhe fäustlings an imaginären Lenkseilen, geht in die Knie, dreht sich um die eigene Achse, mal dreißig Grad rechtsherum, dann vierzig nach der anderen Seite. Was wie ein einsamer, langsamer Tanz aussieht. Oder wie Tai-Chi.

 

Die Gefahren sind allen im Team bewusst. „Jeder Sport, bei dem man einen Helm trägt, ist auch gefährlich“, sagt Annen lakonisch, um gleich nachzuschieben, dass ja eigentlich nichts passieren kann, wenn man aufpasst.

 

Bis zu 150 Stundenkilometer erreicht der Bob, die Insassen erdulden Kräfte von bis zu 5 G, der fünffachen Erdbeschleunigung. Den letzten Todesfall im Bobsport gab es vor zwei Jahren. „Früher waren es wesentlich mehr“, sagt Annen. Überhaupt sei es nur dann lebensgefährlich, wenn der Bob die Bahn verlässt.

 

Mehr noch als das Leben sind die Schultern der Bremser gefährdet. Es kommt vor, dass der Bob kippt und in Seitenlage schlittert – dann entstehen infernalische Schürfwunden. Wenn die blanke Haut – der Rennanzug ist im Grunde genommen nur ein zartes Nichts – mit mehr als 100 Stundenkilometern übers Eis schmirgelt. Fast je- der Bobfahrer hat an den Schultern handtellergroße Brandmale. Teamarzt Andreas Gösele weiß gar von Hauttransplantationen an diesen Stellen zu berichten.

 

Die Olympischen Spiele von Turin und der Eiskanal von Cesana, der ihm gut liegt, sollen Martin Annen zwei Goldmedaillen bringen. Eine für den Zweierbob, eine für den Viererbob. Dafür, sagt er, hat er sich die letzten vier Jahre gequält und ging er bis an seine finanzielle Schmerzgrenze. Bis zum Start in Turin bleibt den Mannen um Annen jetzt nur noch eines: Starten. Immer wieder.

 

Der freie Mann

Der Kaiser ist spät dran. Um 16.30 Uhr sollte er da sein, jetzt ist es schon kurz nach fünf, als die Tür zum gastraum im Hotel Rebstock in Schonach aufgerissen wird und Franz Beckenbauer hereintritt. Er musste auf dem Privatflugplatz von Lahr landen, danach fast eine Stunde durch dunkle und verschneite Schwarzwaldstraßen hierher gefahren werden. Die Lokalzeitung wird morgen eine halbe Seite zu diesem Ereignis bringen – und zwar über den Mann, der die Ehre hatte, den Kaiser durch den Schwarzwald zu chauffieren. Bis nach Schonach, einem Wintersportdörfchen mit 4.000 Einwohnern. Ans Ende der Welt, also.

 

Viel Zeit hat Franz Beckenbauer nicht, für eine Tasse Kaffee nur oder zwei, bevor es hinübergeht ins 500 Meter entfernte „Haus des Gastes“, wo er zusammen mit Wolfgang Niersbach, dem Vizepräsidenten des Organisationskomitees der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, vor der Jahreshauptversammlung des Verbandes deutscher Sportjournalisten den Stand der Dinge zum Besten geben wird. Hier wird sich Beckenbauer wie immer präsentieren: als charmanter, unverbindlicher, aber stets amüsanter Plauderer, der auch beim tausendsten Gespräch so frisch und freundlich ist wie beim ersten. Ein Naturtalent der Öffentlichkeitsarbeit.

 

Vor diesem x-ten Pflichttermin in Sachen WM 2006 gibt er Champions ein Interview, in einem fast leeren Gastraum tief im Schwarzwald. Am Tisch sitzen noch Wolfgang Niersbach, zwei seiner Mitarbeiter und der Bürgermeister von Schonach. So einen prominenten Gast hatten sie hier noch nie. Beckenbauer sagt, er finde es toll hier, werde aber wohl nicht wiederkommen, schließlich sei das hier ein Wintersportort und er lebe doch in Kitzbühel, mitten in den österreichischen Alpen. Zwischendurch isst er ein Stück Erdbeerkuchen und trägt sich ins Gästebuch des Gasthofes ein, unterschreibt aber unter Wolfgang Niersbach, den das ärgert. Es gibt doch schließlich Hierarchien! Beckenbauer kontert: „Eben. Du bist der Ältere.“ Und wieder hat er seinen Sympathie-Lacherfolg. Ein Journalist sagte mal über ihn, der gerne viel redet, dass sich zwischen all seinen Anekdoten auch manchmal ein wenig Information verstecke.

 

Damit hat er es immerhin zur unangefochtenen Instanz in Deutschland und der ganzen Welt gebracht. Im Fußball sowieso, denn nicht wenige sehen ihn als kommenden FIFA-Präsidenten. Manche gar als idealen Bundespräsidenten. Mit seiner Nonchalance gewann er Weltmeisterschaften und Frauenherzen. Fehltritte nimmt man ihm nicht übel, nicht mal, wenn er im katholischen Bayern Vater von zwei Kindern wird, deren Mutter aber nicht seine Frau ist. „Der liebe Gott freut sich über jedes Kind“, sagte er und lachte. Die Sache war erledigt.

 

Die Zeit drängt während des Interviews, was Beckenbauer nicht weiter beeindruckt. Er beantwortet alle Fragen routiniert, ohne lange zu überlegen, aber auch ohne jede Vorsicht oder Angst, er könne etwas Falsches sagen. Denn „falsch“ und „richtig“, das sind Kategorien für normale Leute, nicht für Kaiser.

 

Wie bewerten Sie den aktuellen Zustand des deutschen Fußballs?

 

Man braucht doch bloß nachlesen in der Weltrangliste, da sind wir nicht mal unter den ersten zehn. Das war mal anders. Wir sind zur Zeit nicht in der Weltspitze. Man sieht das auch an den Ergebnissen. Zwar wurden wir Vizeweltmeister, hatten aber Schwierigkeiten mit der Qualifikation gegen die Ukraine. Die Vizeweltmeisterschaft war ein großer Erfolg und wir haben uns auch recht sicher für die Europameisterschaft qualifiziert. Aber die Ergebnisse dazwischen, in Freundschaftsspielen, da haben wir seit Jahren gegen keinen Großen mehr gewinnen können, egal ob Brasilien, Argentinien, England, Spanien oder Italien. Das heißt aber nicht, dass man bei der EM nicht erfolgreich sein kann. Das kann dann wieder genauso laufen, wie bei der letzten Weltmeisterschaft.

 

Und wie geht es dem Vereinsfußball?

 

Da schaut’s gleich noch schlechter aus. Wir waren, was die Champions League betrifft, ja schon letztes Jahr in Erklärungsnotstand – die Bayern gleich in der Vorrunde raus, Leverkusen und Dortmund nach der Zwischenrunde. Auch da haben wir schon gesagt, das ist Zufall, das kann mal passieren. Aber es geht jetzt schon seit Jahren so, wir können es nicht immer aufs Pech schieben. Der deutsche Fußball ist eben im Moment nicht besser. Was wiederum im Widerspruch zu den Zuschauerzahlen steht. Einerseits wird’s immer schlechter, andererseits rennen sie dir die Bude ein.

 

Gerade im Vergleich zu Italien, Spanien und England ist Deutschland zurückgefallen. Was machen die anderen besser? Oder liegt es an den finanziellen Möglichkeiten?

 

Mehr Geld haben sie nicht, sie machen höchstens mehr Schulden. In Italien oder Spanien wären ja fast alle pleite, wenn die nicht ihre Mäzene hätten. Die leben alle über ihre Verhältnisse, das tun wir halt nicht. Deswegen werden wir aber auch nie einen Beckham, einen Figo, einen Raul oder einen Ronaldo nach Deutschland holen können.

 

Uli Hoeneß hat immer wieder den Zusammenbruch einiger Top·Klubs in Italien oder Spanien prophezeit. Kommt der irgendwann, oder wird es ewig so weitergehen?

 

Ewig vielleicht nicht, aber es ist sicherlich richtig, dass man schon lange darauf wartet. Aber es gibt dann immer wieder Lösungen, siehe Parma.

 

Wie wichtig ist für die deutschen Klubs die UEFA Champions League?

 

Enorm wichtig, schon allein für das Image. Denn die Champions League ist wie eine Europaliga, da ballen sich die großen Namen. Sportlich ist sie wichtig, weil man gegen die besten Mannschaften der Welt spielt, und finanziell natürlich auch, obwohl da die großen Zeiten vorbei sind. Aber wenn du dich einigermaßen geschickt anstellst, kannst du immer noch gutes Geld verdienen.

 

Wird der deutsche Fußball irgendwann zu alter Stärke zurückfinden?

 

Ich glaube schon. Wenn die neuen WM-Stadien in Deutschland fertig sind, dann haben wir hier eine Infrastruktur, die es sonst auf der ganzen Welt nicht gibt. Dann denke ich schon, dass vielleicht auch Superstars in die Bundesliga kommen, die sich bisher geziert haben und lieber nach Italien, England oder Spanien gingen. Es hilft schon, solche Stadien zu haben. Hoffe ich jedenfalls.

 

Was sind Ihre schönsten Europacup-Erinnerungen?

 

Die ersten Pokale waren die schönsten. 1967 der Sieg im Pokalsiegerwettbewerb in Nürnberg gegen die Glasgow Rangers und dann natürlich 1974 der erste von drei aufeinanderfolgenden Siegen im Pokal der Landesmeister. Damals gab es ein Wiederholungsspiel,das wir klar gegen Atletico Madrid gewonnen haben. Wenn du etwas zum ersten Mal gewinnst, bleibt es immer besser haften. Und die Tatsache, dass wir die Wiederholung nur erreichten, weil Katsche Schwarzenbeck im ersten Finale in der 120. Minute noch der Ausgleich gelungen ist, verstärkt den Eindruck natürlich noch.

 

Ein Jahr später, gegen Leeds, gab es umstrittene Schiedsrichterentscheidungen …

 

Ja, das stimmt. Ich kann mich erinnern, dass Leeds ein Tor geschossen hat, ich glaube durch Billy Bremner, das wegen Abseits nicht anerkannt wurde (Es war Peter Lorimer). Hinterher hat man im Fernsehen gesehen, dass es eine Fehlentscheidung war. Später habe ich noch den LeedsStürmer A1lan Clarke im Strafraum gefoult und hätte mich nicht beschweren können, wenn es dafür Elfmeter gegeben hätte. Wir sind zwar nicht massiv bevorteilt worden, aber es gab schon einige Schiedsrichterentscheidungen, die unglücklich für Leeds waren. Ihr Protest damals war also nicht ganz unbegründet.

 

Die großen Mannschaften waren Anfang der 1970er Ajax Amsterdam und Bayern München. Wie kann man sie vergleichen?

 

Wir haben Ajax, die vor uns dreimal den Landesmeister-Cup gewannen, quasi abgelöst. Das war eine Mannschaft, von der man sagte, sie spiele mit Johan Cruyff den „Fußball 2000“, das war schon großartig. Auch wenn wir ähnlich erfolgreich waren, so muss man zugeben: Der Fußball von Ajax war irgendwie spektakulärer. Wir haben eher sachlich gespielt. Deutsch eben.

 

Hat dieses Aufeinanderprallen der beiden damals erfolgreichsten europäischen Systeme ins WM-Finale von 1974 (Deutschland gegen Holland) hineingespielt?

 

Sicherlich. Im Finale 1974 waren sechs Spieler vom FC Bayern dabei und viele von Ajax. Das war schon fast wie Bayern gegen Ajax.

 

Wer ist der beste europäische Fußballer aller Zeiten?

 

Johan Cruyff. Wenn man Alfredo di Stefano Südamerika zuordnet.

 

Und die herausragenden Teamkollegen in Ihren Mannschaften?

 

Ganz klar Gerd Müller mit seiner unnachahmlichen Art, Tore zu schießen. Das hat es vorher nie gegeben und nachher auch nicht mehr. Ich kenne keinen, der mit solch einer Zuverlässigkeit die Tore geschossen hat. Einzigartig. Und dann noch Sepp Maier im Tor. Man sprach ja nicht umsonst von der Achse Maier, Beckenbauer, Müller.

 

Hatten Sie ein Vorbild?

 

Auch ganz klar: Fritz Walter. Wenn wir als Kinder auf der Straße gespielt haben, war ich immer Fritz Walter. Meine Mutter hat mir die „10“, die er immer trug, aufs Trikot genäht. Das Finale 1954, als er die deutsche Mannschaft in Bern zum Titel führte, habe ich am Radio erlebt. Es gab zwar ein paar Gasthäuser, wo ein Fernseher stand, aber die waren so voll, da hatte ich als Neunjähriger keine Chance, was zu sehen. Später haben wir das Finale dann gegen die Nachbarstraße nachgespielt. Wir haben allerdings höher als 3:2 gewonnen.

 

Sie haben die WM 2006 nach Deutschland geholt. Was bedeutet Ihnen das?

 

Nicht ich, sondern mein Team hat diese WM geholt. Ich war dabei, aber alleine kann man so einen Erfolg nicht erreichen. Ich war vielleicht der Kapitän der Bewerbungsmannschaft. Je näher jetzt das Ereignis rückt, desto begeisterter wird die Stimmung sein. Das ist ein Erlebnis, das gibt es nicht wieder. In den nächsten 50 Jahren wird in Deutschland sicherlich keine Fußball-WM mehr stattfinden. Das ist eine unglaubliche Chance, sich darzustellen, die Spiele der letzten WM wurden zusammengerechnet von 30 Milliarden Menschen gesehen. Eine Weltmeisterschaft zu holen und zu organisieren, diese Chance hat man nur einmal im Leben. Sie zu spielen und zu gewinnen, dazu gibt es mehrere Gelegenheiten. Somit ist für mich dieser Erfolg mehr wert als meine WM-Siege 1974 als Spieler und 1990 als Teamchef

 

Wie ist der Stand der Dinge?

 

Alle Projekte laufen, wir haben keine Probleme. Die Stadien sind alle im Bau und werden-rechtzeitig fertig. Läuft alles bestens.

 

Wer wird in diesem Jahr Europameister?

 

Einen direkten Topfavoriten kann ich nicht nennen. Auch die deutsche Mannschaft hat Chancen, wenn sie die Vorrunde übersteht. Es wird aber sicher einer von den großen Favoriten wie Frankreich, Spanien, Italien, Holland oder England. Ein Außenseiter hat da keine Chance.

 

Während Ihrer großen Zeit als aktiver Fußballer wagten Sie auch einmal einen sehr abwegigen Ausflug: Sie spielten im Kinofilm „Libero“ die Titelrolle. Was sind Ihre Erinnerungen an Ihr Abenteuer auf der Filmleinwand?

 

Das war meine erste Erfahrung als Schauspieler, ein richtiger abendfüllender Spielfilm. Ich habe danach aber meine Schauspielkarriere abgebrochen und mich wieder dem Fußball gewidmet. Ich glaube, das war vernünftiger. Schon allein, weil mir das Drehen viel zu ruhig war. Zwischen den Einstellungen hast du stundenlang nichts zu tun, da sind so viele Pausen drin. Ich brauche mehr Bewegung, den Spielfluss. Aber es hat Spaß gemacht, weil ich die Schauspieler alle gut kannte, das war ein wunderbares Miteinander.

 

Da dies ein internationales Magazin ist: War das Wembley-Tor ein Tor?

 

Es war sehr strittig, es gab die Diskussion zwischen Linien- und Schiedsrichter. Wobei ich bis heute nicht weiß, wie sie sich verständigt haben. Der eine war doch Schweizer, der andere ein Russe. Aber man muss fairerweise sagen – und das habe ich immer gesagt: Ob der Ball nun drin war oder nicht, England ist verdient Weltmeister geworden.

 

Ein Mensch namens Müller

Wie jeden Tag hat Gerd Müller auch an diesem Tag keine Zeit. Seit halb acht ist er auf dem Trainingsgelände des FC Bayern München. Gefrühstückt hat er schon zu Hause. Gleich noch eine Besprechung mit dem Trainerstab, dann das Vormittagstraining, danach zwei Stunden Tennis, danach Mittagspause, dann wieder das Training mit der Mannschaft. So sieht der Tag aus und so muss er aussehen, damit Gerd Müller nicht zu viel Zeit hat. Damit die Welt an ihrem Platz ist, damit alles einen Rahmen hat, aus dem man nicht mehr so leicht fallen kann.

 

Als alles anfing, passte alles in einen Rahmen. Der Fußball war schwarzweiß und der FC Bayern zweitklassig. Gerd Müller kam aus dem schwäbischen Meteoritenkrater Nördlingen nach München, gestärkt durch den Kartoffelsalat von Mutter Katharina und 180 Tore in einer Saison für den heimischen Turn- und Sportverein. Jahre zuvor war er beim TSV Nördlingen aufgetaucht und der Kapitän der Jugendmannschaft sagte: „Was will denn der Diekwanst hier?“ In München sagte sein erster Trainer, Zlatko Cajkovski, den sie alle Tschik nannten: „Was will ich mit einem Gewichtheber?” Kränkungen, die Gerd Müller anspornten, aber auch sehr verletzten. Und sie kommen einem sofort in den Kopf, wenn man Gerd Müller sieht: Zu kurze Beine für einen zu langen Oberkörper, zu dicke Oberschenkel (Umfang: 64 Zentimeter) für zu schmale Schultern – Müller sieht aus wie einer dieser Kraftmenschen, die Hanteln stemmen und osteuropäische Namen tragen. Bestimmt ist er ein begabter Gewichtheber. Aber Fußball?

 

So saß Gerd Müller erst mal draußen, als der FC Bayern in der Regionalliga startete. Zehn Spiele fanden ohne Müller statt und im elften durfte er nur mitmachen, weil es Präsident Wilhelm Neudecker nachdrücklich wünschte, Er stieg gut ein, mit zwei Toren gegen den Freiburger FC. Jetzt nannte ihn Cajkovski „kleines, dickes Müller“. Das klang schon liebevoller. Der Gewichtheber war Tschik ans Herz gewachsen. 140 Mark bekam Müller von den Bayern und nochmal 400 von einem Möbelhaus am Münchner Ostbahnhof, für das er Schränke bis ins vierte, fünfte Stockwerk hinaufschleppte. „Damals durfte man noch nebenher arbeiten“, sagt Müller. Er sagt wirklich „durfte“.

 

Mit dem Aufstieg der Bayern und ihren ersten Erfolgen wurde auch Gerd Müller immer bekannter. Er schoss Tore, Tore, Tore und bald war er der „Bomber der Nation”, obwohl er eigentlich kein Bomber war: Er bombte den Ball nicht ins Netz. Er drehte, schaufelte, rutschte, stupfte den Ball irgendwie hinein, Und weil man irgendwann für all diese seltsamen Bewegungen mit sämtlichen im Fußball erlaubten Körperteilen keine Begriffe mehr fand, nannte man es „müllern”. Er müllerte im Sitzen, mit dem Hintern, im Stehen, Fallen und Liegen. „Der Sechzehner war mein Revier”, sagt Müller. Und solange sich das Leben in den 665 Quadratmetern vor dem Tor abspielte, so lange war alles im Rahmen.

 

Der Rahmen wuchs, als der Fußball bunt wurde. Ab der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko waren die Fernsehübertragungen farbig und auch das Drumherum änderte sich: im LST-Rausch entstandene Tapetenmuster, sexuelle Revolution, Glamrock. Spieler wie Günter Netzer, der sich einen Sportwagen kaufte, eine wilde Frisur und diverse Blondinen spazieren führte. Spieler wie Paul Breitner, der sich unter einem Mao-Poster fotografieren ließ, mit Uli Hoeneß in Unterhosen vor einem Oldtimer posierte. Spieler wie Franz Beckenbauer, der mit einem Film namens Libero in den Kinos unterging und der mit Schallplatten wie Gute Freunde kann niemand trennen zwar keinen Erfolg hatte, deren Melodien aber noch heute im Olympiastadion angestimmt werden. Auch Gerd Müller schleppten sie ins Tonstudio. Dann macht es bumm, „sang“ er. Dass sie die Single nach einem Vierteljahr wieder eingestampft hätten, sagt er ohne Bitterkeit, eher schon mit Belustigung darüber, welche Situationen er erleben musste, weil plötzlich alle verrückt spielten. Weil es nicht genug war, immer und immer nur Tore zu schießen. „Ich hab die Partydeppen net gmocht”, sagt er, er verbrachte die Abende lieber daheim bei Ehefrau Uschi. Udo Lattek sagt, Müller hätte mehr aus sich machen können, „aber das war eben nicht sein Ding“. Lattek trainierte Anfang, der 70er fünf Jahre lang die Bayern und erlebte einen Gerd Müller auf dem Höhepunkt.

 

Alles wurde anders in dieser Zeit, nur Gerd Müller nicht – oberflächlich betrachtet. Die Veränderung spielte sich drinnen ab. Doch davon merkte man noch nichts. Erst wurde er zur Legende, zum besten Stürmer der Welt, zum bis heute unerreichten Torproduzenten, Zum Gerd Müller, der 365 Tore in 427 Bundesligaspielen schoss (Rekord), 68 Tore in 62 Länderspielen erzielte (Rekord), der Torschützenkönig der WM 1970, Europa- und Weltmeister, Europapokalsieger, deutscher Meister und siebenmal Bundesliga-Torschützenkönig wurde, der das Silberne Lorbeerblatt der Bundesrepublik Deutschland und das Bundesverdienstkreuz am Bande erhielt.

 

Das Tor, das Deutschland gegen die besseren Niederlande zum Weltmeister machte, hätte ein Ronaldo, ein Zidane, ein Raúl nie geschossen – denn ihnen wäre der Ball nicht drei Meter weggesprungen. Müller schon. Und so liefen drei Holländer ins Leere, während er sich unter den Ball hebelte und ihn ins Tor drehte, in exakt 43 Hundertstelsekunden. Gerd Müller reagierte halt oft schneller und war beharrlicher als die Mitspieler und Gegner. Torinstinkt? „Ich bin neunmal umsonst glaufen und beim zehnten Mal hat der Torwart den Ball fallen lassen. Man muss stur sein.“ Das ist alles? „Du musst wissen, wo’s Tor steht.” Gerd Müller ist ein Freund einfacher Erklärungen. „Des hast du oder du hast es net”, sagt er. Und auch: Er sei einfach immer schon der Torjäger gewesen. „Drrr Torrjägrr”, sagt er. Müller spricht schnell und hart, er knödelt die Worte noch immer im Nördlinger Dialekt heraus. Viele seiner Sätze kommen einem bekannt vor, aus den früheren Interviews. Gerd Müller hat nicht so viele verschiedene Sätze, er ist nur ganz wenigen Einladungen vom Fernsehen gefolgt. „Mir liegt des net so”, sagt er, „aber der Franz – der Franz ist des schon eher gewohnt.” Einer wie Beckenbauer war er nie.

 

Uli Hoeneß, der ihn 1970 zum ersten Mal traf, war beeindruckt: „Ein Athlet mit unglaublichen Oberschenkeln, sehr gute Hebel. Der Gerd konnte sich auf engstem Raum sehr schnell drehen und vor allem schießen wie ein Ochse.” Außerhalb seines Reviers war Müller „höflich, nett, freundlich, zuvorkommend“, sagt Udo Lattek und kann sich nicht erinnern, „jemals wieder mit einem so angenehmen und sympathischen Spieler gearbeitet zu haben”.

 

Andererseits war Müller auch ein „sehr offener Mensch, ein geradliniger Typ, der immer gesagt hat, was ihm nicht passt, und das dann konsequent durchgezogen hat”, sagt Hoeneß. Bevor Müller die Tore machte, die Deutschland 1974 den Weltmeistertitel brachten, hatte er seinen Rücktritt erklärt. Auch, weil er sich über die Funktionäre ärgerte, denn „die wollten uns a Prämie geben, da lachst dich kaputt”. Fünf Jahre später löste er seinen Vertrag beim FC Bayern auf, nachdem Trainer Pal Csernai offen erklärt hatte, dass ihm der alte Torjäger nicht mehr ins neue Konzept passe, Csernai wechselte ihn aus, setzte ihn auf die Bank. Müller ließ sich das nur einmal gefallen. Man muss stur sein.

 

Es war die Zeit, in der er sich schon verändert hatte. All die Komplexe, Selbstzweifel und Ängste, die ihn seit seiner Kindheit begleiteten, konnte er nicht mehr mit seinen Erfolgen verdrängen. Die Bayern wussten nicht genau, wie, „aber wir haben alle gespürt, dass er nicht mehr der Gerd Müller war, den wir kannten, der Gerd Müller, der immer optimistisch war, nie aufgegeben hat”, sagt Uli Hoeneß. Falsche Freunde und schlechte Berater kamen ins Spiel und auch gesundheitlich liefs nicht gut. Aus sportlicher Sicht, sagt Hoeneß, habe Trainer Csernai völlig richtig gehandelt. Und Müller? Der wollte aufhören, aber dann kamen die Herren aus Fort Lauderdale, die ihm etwas vom Fußball in den USA erzählten. „Der Vertrag war gut”, sagt er, „aber ich hab Naa gsagt“, denn
schließlich sei er doch „kein Typ fürs Ausland“, Und dann erzählten ihm die Herren aus Fort Lauderdale, dass die Saison nur sechs Monate dauere und er den Rest des Jahres in München verbringen könne. Da ließ er sich umstimmen. Wohl auch, weil der gutmütige Bomber ein paar Dollar gut brauchen konnte, nachdem er von einem Berater um Millionen betrogen worden war. Mit dem Wechsel nach Amerika sei er dann endgültig aus unserer Sicht gegangen, erinnert sich Hoeneß,

 

Anfangs war noch alles gut in Florida. Müller wurde mit 55 Scorer-Punkten gleich Drittbester in der North American Soccer League NASL. „Ich war froh, dass ich nicht Erster war, denn sonst hätte ich eine Rede halten müssen.“ Insgesamt 80 Spiele machte er in drei Jahren, schoss dabei 40 Tore und alles war wunderbar, er wurde von den Zuschauern sogar zum besten Spieler gewählt. Im November 1981 eröffnete Müller das Steakhaus Ambry in Fort Lauderdale und blieb noch bis 1984. „Das war der Fehler“, sagt er heute, „denn das Lokal wurde erst am Abend aufgemacht – und wenn du den ganzen lag nichts zu tun hast ..” Der Alkohol stand immer vor seiner Nase. Dass da etwas nicht mehr normal sei, hat er nicht gemerkt. Sein Leben fiel aus dem Rahmen.

 

Er kehrte zurück nach München – aus Heimweh und weil ihn sein Steakhaus-Partner übers Ohr gehauen hatte. Und dann? Was tat er in der Zeit, in der Beckenbauer die Nationalmannschaft trainierte und Uli Hoeneß zum erfolgreichen Manager aufstieg? „Nix”, sagt Gerd Müller, und das duldet keinen Widerspruch. Nix. Fast ein ganzes Jahrzehnt verschwindet in diesen drei Buchstaben. Müller saß stundenlang vor dem Fernseher, stritt sich mit seiner Frau und eine Boulevardzeitung druckte einen Satz, den seine Tochter Nicole gesagt haben soll: „Ich
kann ihn nicht mehr ertragen.“ Ob das stimmte, interessierte niemanden. Müller gab noch ein paar Autogrammstunden, tapste in Prominentenmannschaften herum und nachher, beim Bankett, trank er viel und merkte nicht, dass sie ihn auslachten. Auch Uli Hoeneß hörte in dieser Zeit überhaupt nichts mehr vom alten Kollegen: „Da war für uns alle ein Riesenloch”, sagt er. Bis zu dem Tag, an dem einer der wenigen verbliebenen Freunde Müllers zu Hoeneß ging und die Geschichte des Absturzes erzählte. Gerd Müller war längst Alkoholiker. Das Ende des Jahres 1991 hätte auch sein Ende sein können.

 

Doch dann wurde gehandelt. „Innerhalb von zwei Stunden war ich beim Uli im Büro und der hat sofort rumtelefoniert, wo was frei ist”, sagt Müller. Schon am nächsten Tag ging er in eine Entzugsklinik in Garmisch-Partenkirchen. Ui Hoeneß las Bücher über Alkoholismus und jeden Abend, gleich nach dem Bürs, fuhr er nach Garmisch. „Daraus ist dann eine sehr enge Bindung geworden”, sagt Hoeneß. Nach vier Wochen wollte Müller wieder raus, obwohl die Ärzte ihn noch länger behalten wollten. Aber stur, wie er immer noch war, ging er: Müller wollte sich nicht mehr mit der Leiterin herumärgern und schon gar nicht mehr das Sportprogramm mitmachen – „irgend so ein Yogascheiß“, sagt er. Er entließ sich selbst als geheilt, weil er für sich beschlossen hatte, nicht mehr zu trinken. Bis heute hat er keinen Tropfen mehr angerührt. Hoeneß gab ihm den Job im Trainerteam beim FC Bayern München. Den Job hat er bis heute. Man muss stur sein,

 

Es ist tragisch, dass Müller es nicht schaffte, sein Riesenkönnen und auch das Geld hinüberzuretten in die Zeit nach dem Fußball. Dabei wäre „der FC Bayern ohne ihn nicht das, was er heute ist”. Das sagt Hoeneß und das sagt Beckenbauer. Und Gerd Müller? Der versteckt sein Gesicht hinter einem Vollbart und seinen Körper in einem schlabbrigen Trainingsanzug. Bei den Heimspielen der Bayern sitzt er im Stadion, aber nicht oben bei Beckenbauers, sondern unten, da, wo die Fernsehtechniker sitzen dürfen, die Sanitäter und das Personal. Dort fühlt er sich wohler, obwohl er sich „da den Arsch abfriert“, Und dann schimpft er, auf Giovane Elber, den könne er umbringen, weil er die leichten Tore nicht mache. Dann sagt er, er würde heute immer noch 50 Tore pro Saison schießen. Müller ist 57 und Kotrainer der Amateurmannschaft, eigentlich kein Job für ihn, wenn man sich ansieht, was aus seinen ehemaligen Kollegen Beckenbauer, Hoeneß, Breitner, Netzer und den anderen geworden ist.

 

„Ich bin ein glücklicher Mensch“, sagt Gerd Müller. Die Welt ist an ihrem Platz, alles hat einen Rahmen.

Der Sinn des Lebens

München. Diese Geschichte liefert keine Erklärung. Dafür, daß Andy Bauer, 31, nach Ostwestfalen trampt, um sich in Harsewinkel ein Testspiel der Amateurmannschaft des FC Bayern München anzusehen. „Bei Nieselregen auf Kunstrasen an einem Montag abend, es ist kalt, und du denkst nur: Scheiße“, sagt er. Er hat keine Erklärung, warum er das immer wieder macht, warum er sich alles ansieht, was mit dem FC Bayern zu tun hat. Er hat sie auch noch nicht gesucht. Es ist so, wie es ist.

 

Andy Bauer heißt nicht Andy Bauer, aber sein richtiger Name darf nicht in der Zeitung stehen. Es könnte Ärger geben in der Firma. Natürlich muß er seine Arbeit dem Hobby anpassen, gerade bei Auswärtsspielen unter der Woche. Und wenn der Urlaub verbraucht ist und auch die Gleitzeitregelung es nicht mehr ermöglicht, „dann bin ich krank“, sagt er lakonisch. Und wenn er zur Arbeit kommt, wäre sein Chef kaum begeistert, wenn er wüßte, „daß ich früh um fünf mit dem Zug aus Rostock zurückgekommen bin“. Also weiß keiner von seiner Obsession. Der eine oder andere ahnt, daß er irgendwie mit dem FC Bayern sympathisiert.

 

Es ist Sonntag nachmittag. Andy Bauer verbringt ihn in der Turnhalle an der Säbener Straße. Am Mittag spielte die U 17, dann die U 18, jetzt sind die Männer dran. Regionalliga-Basketball. „Kriegen wir einen Bus zusammen?“ fragt Andy Bauer mit Blick auf das nächste Auswärtsspiel in die Runde. Die besteht aus Typen, wie er einer ist. Unterm ausgewaschenen Sweatshirt wölbt sich ein Bauch, der Haarschnitt ist eher schlicht, die Gesamterscheinung harmlos. Der Merchandising-Irrsinn des Klubs geht an ihm vorbei, er hat nur einen rot-weißen Schal, der aussieht wie von der Oma gehäkelt.

 

Vor fünfzehn Jahren sah er zum ersten Mal ein Spiel des FC Bayern München im Olympiastadion. Seit 1990 hat er jedes Bundesligaspiel gesehen. Auswärts und zu Hause. „Auch in der Champions League habe ich jedes Spiel gesehen.“ Die Bayern spielten schon in Moskau, Kiew, Helsingborg. Irgendwann beschloß man in seinem Fanklub, von jeder Abteilung mal ein Heimspiel anzusehen. Also gingen sie los, zum Handball in die zweitunterste Liga; sie erkannten auch: „Schach ist ziemlich bitter.“ Zumindest, wenn man eine Ligapartie über sechs Stunden ansieht.

 

Heute organisiert Andy Bauer sein Leben nach Spielen sämtlicher Abteilungen des FC Bayern. Wo immer eine Mannschaft mit Bayern-Emblem auftaucht – er ist da. Ob im Trainingslager der Profis in Marbella, beim Turnier der E-Jugend in Rosenheim, bei der dritten Basketball-Mannschaft in Ismaning. Das einzige Argument gegen den Besuch eines Spiels ist Gleichzeitigkeit. Dafür hat Andy Bauer eine Prioritätenliste: „Zuerst die Profis, dann die Amateure, die Jugendfußballer, dann Basketball und die Fußball-Frauen.“

 

Aber wie kam es zu dieser Besessenheit? „Man steigert sich da rein“, sagt Bauer, „vielleicht, weil alle gegen Bayern sind.“ Er ist ein echter Bayern-Fan, und weil er weiß, daß ihn das nicht beliebt macht, sagt er: „Ich würde sie mir auch in der vierten Liga anschauen.“ Weil das nicht passieren wird, schaut er sich die zweite Frauen-Mannschaft an. Die Amateure. Die Basketballspieler. Es klingt unlogisch und ist doch logisch. Vielleicht die einzige Möglichkeit für einen Bayern-Fan, die Hingabe zu demonstrieren, die erforderlich ist, um als Fan anerkannt zu sein.

 

Vielleicht ist es das, vielleicht auch nicht. Andy Bauer ist das ohnehin egal. Hauptsache, er ist immer dort, wo der FC Bayern ist. „Wir haben unsere Heimspiele auf 16.30 Uhr verlegt, damit sie dabei sein können“, sagt Dominik Blanz, der stellvertretende Leiter der Basketball-Abteilung. Dazu mußte man das Einverständnis aller Gegner einholen. Spricht Blanz über Bauer, dann voller Bewunderung: „Zwar kann ich mir auch nicht erklären, warum er das macht, aber es ist faszinierend.“ Schließlich sei Bauer weder „dumpfbackig“ noch „einer, der nichts anderes im Leben hat“; schließlich brauche man schon eine gewisse Intelligenz und Gewitztheit, um „das alles logistisch auf die Beine zu stellen“.

 

Die Frage, ob er nichts anderes im Leben hat, wird  beantwortet durch den Lebenssinn, den er findet. Die Woche und der Monat haben Struktur, die Freizeit ist genutzt, der Fanklub ist die Familie. In einer Zeit, da soziale Sicherungen wegbrechen, geben ihm Spielpläne die Sicherheit. Eine Freundin hat Andy Bauer natürlich nicht, „das wäre interessant“, sagt er und lacht. Er weiß, daß er sein Leben keinem zumuten kann. Er weiß auch, daß er erklären müßte, was er nicht erklären kann.

 

Die Nähe zu den Spielern ist auch ein Grund, warum er so gerne die Randsportler im FC Bayern besucht. „Profis und Fans kommen nicht zusammen“, sagt er: „Wenn ich hier mit Giovane Elber sitzen würde, dann wüßte ich nicht, was ich mit ihm reden sollte. Und er wohl auch nicht.“ Beim Basketball plaudert er nach dem Spiel mit Trainer Andy Wagner und bespricht die Mitreisegelegenheiten für die kommenden Spiele.

 

„De-fense“ brüllen die zehn Fußball-Fans durch die überheizte Turnhalle. Das Publikum ist derlei nicht gewohnt, Fußballstimmung in der Kaffee-und-Kuchen-Atmosphäre einer unterklassigen Randsportart. Ein Vater und seine Tochter gucken irritiert, andere schauen belustigt. „Auf geht’s, Bayern, auf geht’s!“ Bei jedem Korb springt Andy Bauer hoch und klatscht in die Hände. Das Mobiltelefon fiepst. „E-Jugend nur Siebter in Rosenheim“, murmelt er mit Blick aufs Display. Ein Kumpel ist dort, „auch so’n Kranker“, sagt er. Noch ein Erklärungsversuch: „Die großen Siege, die kann man erst richtig einschätzen, wenn man all die tristen Spiele gesehen hat.“ Außerdem habe man „Riesenerlebnisse“, auf den Auswärtsfahrten und „einen deutschlandweiten Bekanntenkreis“. Wochenendtickets, Mitfahrzentrale, Flüge für 25 Euro nach Düsseldorf oder trampen – bei Reisen hat Bauer Phantasie. Erlebnisse, Freunde, Struktur. Je länger man mit ihm spricht, desto weniger verrückt kommt einem vor, was er tut. Man versteht ihn sogar. Aber nur ein bißchen.

 

So nah und doch so fern

„Ich zahl’ nächste Woche“, sagte Lothar Matthäus, nachdem er sein Weißbier getrunken hatte. Er war in Eile. Schon in Ordnung, dachte Mike Uhl, und im Stüberl ging alles weiter wie immer. Uhl ist Präsident und Teilzeitwirt des FC Sportfreunde München, und das Stüberl ist ihr Vereinslokal. Ein winziger Raum, in dem nur Platz ist für einen großen Tisch, ein paar Stühle, eine Eckbank. An der Wand hängen fünf Urkunden in rahmenlosen Bildhaltern, in der Ecke klemmt eine selbstgezimmerte Theke, in einer ungeputzten Vitrine stauben Messingpokale ein. Durch eine Schiebetür geht es in die Umkleide.

 

Der FC Sportfreunde München. Ein Amateurverein im Münchner Süden, dessen erste Mannschaft sich im unteren Mittelfeld der B-Klasse, Gruppe 2, herumplagt. Sonntagsfußballer mit ihrer immer etwas zu starken Verbissenheit, die auf Außenstehende so kurios wirkt. Nur der Nachbar sorgt dafür, daß der FC Sportfreunde doch kein normaler Verein ist. Nachbar ist irreführend, denn das Vereinsgelände des FCS ist eine Enklave im riesigen Areal der FC Bayern München AG, mit seinem weißen Gebäudekomplex, den roten Fensterrahmen, den verspiegelten Scheiben, dem permanenten Menschenauftrieb. Eine Antithese, wie sie größer nicht sein kann. Die Sportfreunde sind das Gegenteil des FC Bayern. Berührungen zwischen den Welten gibt es nur selten. Etwa wenn die Bayern-Stars auf ihren Trainingsplatz stapfen und stehenbleiben, um ein paar Minuten den Fußball vom anderen Ende der Ligenpyramide zu betrachten – und zu kommentieren.

 

Als Stürmer Udo einmal den Ball weit am Tor vorbeischoß, feixte Zuschauer Giovane Elber: „Das hätte ich auch gekonnt.“ Aber nur Alexander Zickler kommt regelmäßig herüber, E-Jugend-Trainer Rocco Denami ist ein guter Freund.

 

Früher gab es mehr Kontakt zwischen hüben und drüben. Katsche Schwarzenbeck spielte in seiner Jugend bei den Sportfreunden. Hanne Weiner, ein solider Kicker aus den frühen Achtzigern, schaute immer wieder in der grünen Holzbaracke vorbei. „Der hat ein Bier getrunken, und wir haben dafür gesorgt, daß ihn keiner anspricht“, sagt Mike Uhl. Lothar Matthäus kam tatsächlich nach Tagen und zahlte seine Schulden. Und Klaus Augenthaler genehmigte sich während eines spätabendlichen Auslauftrainings einen Abstecher zu einem Weißbier. Eines Tages stand ein Fremder im Stüberl, ein Fußballfan aus Kiel, der sich den FC Bayern ansehen wollte. „Wir haben ein Bier getrunken“, erzählt Uhl, „und es ist eine Freundschaft entstanden.“ Als der Mann München wieder verließ, war er Mitglied beim FC Sportfreunde. „Er zahlt regelmäßig seinen Beitrag.“

 

Früher, da drosch Klaus Augenthaler gelegentlich mal einen Ball über den Zaun; auch Raimond Aumann warf vor Jahren seine Torwarthandschuhe hinüber, als es dem Kollegen der Sportfreunde an der Ausrüstung mangelte. „Wenn heute mal ein Ball herüberfliegt, kommt gleich ein Bodyguard und holt ihn zurück“, sagt Rudi Böck, der Trainer, den alle „Radi“ nennen. Auch habe der FC Bayern schon mal die gesamte A-Jugend nach drüben geschickt, um die Bälle zu kontrollieren. Ein Jugendtrainer wußte sich zu helfen, hatte einen Edding dabei, und wenn ein Ball bei den Sportfreunden gelandet war, schrieb er „FCS“ drauf. Kavaliersdelikte.

 

Schließlich hat man durch die Nachbarschaft auch Nachteile. Mal flog vom Platz der Sportfreunde ein Ball auf die Säbener Straße. Ein Auto bremste, der Fahrer stieg aus, schnappte ihn sich und raste davon. „Der dachte, das ist einer vom FC Bayern, ein Souvenir“, glaubt Trainer Böck. Oder die Sache mit dem Parkplatz. Der gehört offiziell zur Hälfte den Sportfreunden. Sonntag morgens steht dann schon mal ein verrosteter roter Polo inmitten der Dienstwagen aus Ingolstadt. Die aber meistens ohnehin alles blockieren. Mike Uhl ärgert das: „Oft muß man fünfhundert Meter weit weg parken.“

 

Trotzig wirkt er, fast gekränkt, daß sich alle mehr für den Verein von nebenan interessieren und wegen der Scherereien, die der Trubel mit sich bringt. Jugendleiter Günther Gandl ist eher stolz, daß er „mit allen per du“ ist, und verrät geheimnisvoll: „Wenn man die richtigen Leute kennt, dann kommt man auch zum Hoeneß ins Büro.“ Er kennt sie. So hat er letzten Winter einen roten Fußball für Spiele auf Schnee bekommen.

 

An diesem Sonntag ist der SV Neuperlach zu Gast. Nur die Reserve allerdings, denn die Sportfreunde sind dorthin abgerutscht, wo kaum noch erste Mannschaften antreten. Karl-Heinz, ein hagerer Kerl mit Schnauzbart und zugekniffenen Augen, die davon zeugen, daß er zu früh aufgestanden ist, verlangt das Eintrittsgeld. Drei Euro von Erwachsenen, zwei von Frauen, Rentnern, Studenten. Die Spieler trudeln ein, die meisten rauchen erst mal. Man ist ja nicht nebenan.

 

Die Gäste dehnen ihre Muskeln am Zaun hinter dem nördlichen Tor. Dort machen sich alle Auswärtsteams warm und schauen neugierig und etwas verwirrt hinüber. Denn hinter dem Gitter trainiert der große Fußball. Auslaufen nach dem Samstagskick, auf pinzettengepflegtem Rasen, in adretter, einheitlicher Sportbekleidung. Im Grunde tun sie nichts anderes, Fußball spielen. Und doch könnte man sich kaum fremder sein.

 

Nicht nur Ottmar Hitzfeld, auch Radi, der nur wirklich vollständig ist mit einer räuchernden Virginia, hat Personalprobleme. „Ich hab’ so viele Schichtarbeiter“, jammert er und muß deshalb Altherrenspieler und Vereinskassierer Herbert in der Sturmmitte einsetzen. Am Ende hat man gegen die mit acht Spielern angetretenen Gäste 8:0 gewonnen. „Das war schlimm“, bilanziert Radi. Im Amateurfußball ist man selten zufrieden. Dazu ist der Anspruch zu groß und das Können zu gering.

 

Derweil sitzt Präsident Mike Uhl drinnen im Stüberl hinter einem vollen Aschenbecher, groß wie ein Suppenteller. Durchs Fenster sieht er ein Drittel des Platzes, was ihm reicht, um über das Spiel zu nörgeln. Sein Lieblingsthema aber ist der große Traum der Sportfreunde, gebündelt in drei sachliche Worte: „Kunstrasenplatz mit Wirtschaftsgebäude.“ Auf dem einzigen Platz, den der Verein besitzt, trainieren und spielen alle Mannschaften. So sieht er auch aus. Nur stellenweise sieht man eine Art Rasen, gelblich-grünes und sehr zähes Gewächs, mit den klassischen Tonsuren an belasteten Stellen. Seit die Sportfreunde Anfang der siebziger Jahre vom einen Ende des Geländes hierher zogen, will man die Zustände ändern: ein paar Meter weiter nach hinten ziehen, sich dort vom FC Bayern im Erbpachtverfahren den Kunstrasen samt Sportheim finanzieren lassen, der dann ein kleines Amateurstadion am jetzigen Spielplatz der Sportfreunde baut. „Der FC Bayern würde das lieber heute als morgen machen“, sagt Uhl, jetzt liege alles an der Stadt. Er müsse sich zusammenreißen, sagt er, „um nicht in Zynismus zu verfallen. Da kann man ein Buch drüber schreiben. Seit zwanzig Jahren sind wir hier als Zwischenlösung untergebracht und es passiert nichts“.

 

Dabei hätte es ganz schnell gehen können, wenn die Sportfreunde vor Jahren das Angebot des FC Bayern akzeptiert und sich angegliedert hätten. Undenkbar für die stolzen Amateursportler aus der elften Liga. „Dann hätten wir unsere Identität verloren, wären eine Nummer im Koordinationssystem des FC Bayern“, sagt Uhl. Man sei schließlich einer der wenigen Vereine mit eigenem Platz und Vereinsheim. Wenn’s auch nur eine grün angemalte Holzbaracke ist. „Wir sind unsere eigenen Herren, und das ist unser Stüberl, da machen wir was wir wollen“, sagt Trainer Radi Böck. Also arrangiert man sich mit dem Nachbarn und entwickelt Stolz, wo immer es geht. „Bayern München gut und schön“, sagt Präsident Mike Uhl, „aber die Talente der Umgebung, die spielen hier bei uns. Regional betrachtet, hat der FC Bayern keine Bedeutung.“

Angriff der Viertelprofis

Es dauerte gut eine Stunde, bis es die Leute wirklich begriffen hatten. Die Menschen saßen zu Hause, vor dem Fernseher, als im September 1990 das erste Qualifikationsspiel zu einer Fußball-Europameisterschaft einer Nationalmannschaft der Färöer übertragen wurde. Das Spiel fand in Schweden statt, in Landskrona, und es schien die Menschen auf den Färöern nicht wirklich zu interessieren. Außer einer Niederlage war ja nicht viel zu erwarten.

 

Österreich bestimmte das Spiel. Die ganze Zeit. Doch die Herren Pacult und Herzog und Polster, sie trafen einfach nicht das Tor. Nach einer Stunde tauchten die Färinger plötzlich in der Hälfte der Österreicher auf. Torkil Nielsen, der Kaufmann und Schachmeister, erzielte die Führung. 1:0. Für die Färöer. Unfassbar. Als es vorbei war, da wurde es in der Hauptstadt Torshavn nur sehr zögerlich laut. Erst lange nach Spielschluss liefen die Menschen auf die Straßen. Es wurden immer mehr, viel mehr, sie umarmten sich und feierten die Nacht hindurch. Sie hatten es wirklich begriffen. In jener Nacht saß der Russe Ivan Moskalenko in Moskau vor dem Radio und hörte die Nachrichten auf BBC World Service. Die Meldung des Resultats aus Schweden veränderte sein Leben. Er fing an, sich für diese Inseln im Atlantik, irgendwo zwischen Island und Schottland, zu interessieren. Er begann sogar die Sprache zu lernen, und er ist heute einer von etwa vierzig Auswärtigen, die färingisch sprechen. Vor sieben Jahren kam der junge Mann erstmals auf die Inseln, mittlerweile als Journalist für einen Moskauer Radiosender. Er sollte über das Länderspiel zwischen den Färöern und Russland berichten. Und er blieb. Heute heißt er Ivan Eginsson, besitzt die färingische Staatsbürgerschaft und arbeitet als Verwalter bei einer Frachtgesellschaft in Torshavn. „Ich war in vielen Ländern der Erde“, sagt er. „Aber keines ist wie die Färöer.“

 

Ein Parlament gibt es hier. Ein Sinfonieorchester. Der Sieg über Österreich aber war so etwas wie die Proklamation eines Staates gewesen. Seit jenem Tag wurden die Färinger noch selbstbewusster und forcierten die Ablösung von Dänemark. Eginsson ist auch Mitglied der Unabhängigkeitsbewegung und er weiß, welche enorme Hilfestellung der Fußball gibt. „Der Fußball macht uns bekannt, anders als etwa Liechtenstein oder San Marino. Man kennt uns nur wegen des Fußballs.“ Für eine Gruppe junger Fans um den Fischer Niclas Davidsen war jene Nacht eine besondere. Sie waren sich einig: Solche Siege muss man zu Hause feiern. Ein Nationalstadion musste her, das auch den Regeln des Weltverbands Fifa entspricht, und das es möglich machte, nicht mehr nach Schweden ausweichen zu müssen. Auf den Färöern gab es einige Kunstrasenplätze. Aber keinen Naturrasen. Das liegt an den Atlantikwinden. Bäume wollen nicht so recht wachsen, ein Rasenplatz wäre dem Wind schutzlos ausgeliefert. Und dann der Regen: Er fällt reichlich, nicht nur von oben, sondern auch von links, von rechts, vorne oder hinten. Je nach Windverhältnissen sogar von unten.

 

Davidsen und seine Kumpels fingen an zu bauen, hoch über Toftir, etwa eine Stunde mit dem Auto von Torshavn entfernt. Sie sprengten einen Felsen. 200 000 Tonnen Gestein. Für einen Fußballplatz. Nun hatte sie auf den Färöern einen Rasenplatz, wenn auch einen so kleinen, dass er gerade so den Richtlinien der Fifa entspricht. Eine Tribüne wird vom Felsen überragt. Auf ihm grasen die Schafe, von denen es hier ohnehin mehr gibt als Menschen. 80 000 Schafe soll es auf den Inseln geben.
Die Fußball-Nationalmannschaft erzielt keine schlechten Ergebnisse. Eine Sensation aber wie damals gegen Österreich, sie gab es nie wieder. Gemessen an der Bevölkerungszahl von 47 000 Einwohnern und den widrigen Bedingungen ist das Interesse am Fußball enorm. Praktisch jeder der kann, der spielt auch Fußball. Es gibt rund 5500 registrierte Fußballspieler. Eine solche Quote von mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ist weltweit einmalig. „Die Bevölkerung ist verrückt nach Fußball“, sagt Nationaltrainer Henrik Larsen. „Aber hier gibt es ja auch kaum etwas anderes. Zwei Kinos, aber viele Kunstrasenplätze.“

 

Larsen, 36, ist seit Mai Trainer der Inseln. Der ehemalige dänische Nationalspieler und Europameister von 1992 wurde von seinem Vorgänger Allan Simonsen empfohlen, der nach acht Jahren auf den Färöern nach Luxemburg wechselte. Simonsen hat die Professionalität auf die Färöer gebracht. Bis vor zwei Jahren gab es an die zehn Auslandsprofis von den Färöern, aber wegen der Rezession im Fußball sind derzeit nur zwei Nationalspieler in anderen Ligen aktiv: Ersatztorwart Jakup Mikkelsen bei Molde in Norwegen und Christian Hogni Jacobsen bei Vejle in Dänemark. Der Star der Inseln, Todi Jonsson, der beim FC Kopenhagen spielt, hat seine Karriere beendet. Die Hoffnung heißt Ingi Hojsted, er ist 16 Jahre alt und spielt in der Jugend von Arsenal London.

 

In der Infrastruktur hat sich einiges getan. Es gibt 18 Kunstrasenplätze und drei Rasenplätze, die sich die 22 Klubs teilen. Der Kunstrasen bewirkt, dass die Spieler technisch bestens entwickelt sind. Harte Kämpfer sind die Nachkommen und Verwandten der Fischer und Walfänger ohnehin. Bei einer Rundfahrt über die Inseln ist man erstaunt, wie die Färinger dieser welligen Landschaft, die kaum natürliche Ebenen besitzt und wo oft kaum ein kleines Häuschen Platz hat, immer wieder beachtliche Rechtecke für den Kunstrasen abringen. Hellgrüne und planierte geometrische Einsprengsel in Millionen Jahre alter, bergiger, moosgrüner und felsgrauer Landschaft. So wie in Eidi, wo der Erstligist Streymur spielt und der Platz direkt neben dem Atlantik liegt. Bei Sturm spritzt die Gischt des Meeres auf die Tribünen. Im Stadion von Gota, gleich neben einem Hafen, riechen die Fans den Gestank des Diesels von den Schiffen. Und sie riechen den Fisch.

 

Die nationale Liga ist ein überschaubarer Betrieb. Die Klubs haben bis zu vier Herrenmannschaften, die sich auf fünf Divisionen verteilen. Die Spieler sind „Viertelprofis“, sagt Ivan Eginsson. „Sie bestreiten ein Viertel ihres Einkommens mit Fußball.“ Es gibt Lehrer, Architekten, Lastwagenfahrer und viele, die irgendwas mit der Fischindustrie zu tun haben. Auch drei Brasilianer sind hier gelandet. Der Präsident des B68 Toftir, gleichzeitig Besitzer der lokalen Fischfabrik, hatte es sich vor Jahren in den Kopf gesetzt, Brasilianer zu beschäftigen. Über einen Spielervermittler kamen schließlich sechs auf die Inseln, von denen drei noch heute hier spielen. Sie heißen Marlon, Messias und Marcello, waren in Brasilien in der dritten Liga aktiv und spielen von April bis Oktober in Toftir Fußball. Nebenbei arbeiten sie in der Fischfabrik. Im Winter geht es dann zurück nach Brasilien.

 

Der heimische Ligabetrieb ist zweitrangig. Alles Interesse gilt der Nationalmannschaft. 3000 färingische Fans werden wohl nach Hannover zum Länderspiel gegen die Deutschen am Mittwoch reisen, viele aus Dänemark. „Wir haben keine Chance, eher wird es uns so gehen, wie Saudi Arabien bei der WM“, sagt Trainer Larsen. Deutschland siegte 8:0. Im Tor wird Jens Martin Knudsen stehen, der letzte Verbliebene des 12. September 1990. Die Pudelmütze, die er wegen einer Ohrenentzündung aufsetzte, später als Glücksbringer, die trägt er seit 1993 nicht mehr. „Die Leute nahmen mich nicht ernst“, sagt er. Auf den Kollegen Oliver Kahn freut er sich. „Für ihn wird es schwerer als für mich, denn er wird viel weniger zu tun haben. Torwart bei einer Mannschaft wie den Färöern zu sein, das ist ein toller Job.“

 

Vielleicht können die Färinger in Hannover die Faszination dieser Inseln vermitteln. Gerade an Tagen, an denen es von unten regnet, ist es so unbeschreiblich. Ivan Eginsson, der junge Mann aus Moskau, sagt: „Das ist ist eine ungewöhnliche Art von Fußball. Es ist … romantisch.“