Juni 2014 / NISSAN MAGAZIN / Text

Jogi in geheimer Mission

Es war keine gute Nacht für Joachim Löw. Der Bundestrainer grübelte und wälzte sich von links nach rechts, von rechts nach links, verlagerte sich aus der Defensive in die Offensive und wachte schließlich schweißgebadet im Abseits auf. Das mit den Verletzten war schon schlimm genug. Der Klose hatte ständig was, der Gomez sowieso, der Khedira war seit einem halben Jahr verletzt. Und jetzt auch noch dieses Desaster: Die Bayern flogen im Halbfinale der Champions League hochkantig aus dem Wettbewerb. Und die Bild-Zeitung titelte entsprechend:

 

„Verkackmas jetzt auch bei der WM?“

 

Aber was tun? Irgendetwas, dachte Löw bei sich, womit keiner rechnet. Wie damals mit David Odonkor. Denn das hatte er seinem damaligen Chef, dem Klinsmann, ja formidabel eingeredet, und weil der ohnehin machte, was Jogi ihm flüsterte, war plötzlich dieser Odonkor im Kader. Für die überraschende Pointe in schwierigen Situationen. Was ja auch gegen Polen prächtig funktionierte. Odonkor wurde eingewechselt, tat, wie ihm befohlen, rannte die Außenlinie rauf und runter und legte schließlich das entscheidende Tor vor. Hat prächtig funktioniert, aber noch mal kann man so was auch nicht bringen. Oder doch?

 

In seiner Not telefoniert der Bundestrainer noch am selben Morgen mit Christoph Daum, der hat doch, ähm, eine echte Nase für Überraschendes. Und der Daum, der hat einen Rat parat: „Du bist in Köln? Dann schau doch mal beim Kurt vorbei.“ Denn der Christoph und der Kurt, die kennen sich schon sehr, sehr lange. Also rein in den Nissan X-TRAIL und ab nach Euskirchen, um noch an diesem Nachmittag eine Mission in absoluter Geheimhaltung zu starten, deren Einzelheiten erst jetzt und hier enthüllt werden können. Nicht mal dem Bierhoff oder der Bild sagte Löw etwas, erst musste er Nägel mit Köpfen machen. Erftstadion Euskirchen, 13.30 Uhr. Um 15 Uhr ist Anstoß zum Spiel des TSC in der Mittelrheinliga gegen Viktoria Arnoldsweiler. Und Jogi Löw ist dabei. Aufsehen, so der Plan, wird er keines erregen, denn wer rechnet schon damit, dass sich der Bundestrainer allerhöchstpersönlich auf die Tribüne eines Fünftligastadions hockt und sich eine Bockwurst mit Senf für zwo Euro holt. Ein genialer Plan.

 

„Es ist mir eine Ehre“, sagt Kurt Maus, angereist in Trainingsanzug und mit Regenschirm, als er Jogi Löw, den sein schwarzer Anzug prächtig kleidet, die Hand schüttelt. Kurt Maus ist 70 Jahre alt und als Trainer rund um Köln längst zur Legende gereift. Seit vier Jahren trainiert er nun die Kicker des TSC Euskirchen, den „größten Verein der Voreifel“, wie er stolz verkündet. Löw nickt. Ein Verein, der durchaus Potenzial für gute Kicker hat, spielt doch die
B-Jugend sogar in der Bundesliga, und auch Heinz Flohe, Weltmeister von 1974, begann genau hier seine Karriere. Und auch wenn Kurt Maus bereits seit 50 Jahren Trainer ist, so ist er doch – ähnlich wie seine strahlend weißen Zähne –
fußballerisch auf dem neuesten Stand. „Aus Taktik wird heutzutage eine Wissenschaft gemacht“, sagt er abschätzig, weiß aber: „Verteidigen ist out.“ Und sein kölscher Tipp für den Kollegen Löw ist so einfach wie einleuchtend: „Nimm einen meiner Jungs!“ Löw nickt. Maus grinst. Zwei Männer, eine Vision.

 

Moment mal, ein Fünftligaspieler bei einer Weltmeisterschaft, das ist doch absurd. Oder? Ist es nicht. Es gab in der WM-Historie bei kleineren Nationen immer wieder Spieler aus den unteren Ligen, sogar aus der fünften Liga. Und für Togo kickte 2006 sogar fast einer aus der siebten deutschen Liga mit. Je mehr Jogi Löw darüber nachdenkt, desto weniger absurd erscheint ihm diese Idee. In einer Zeit, da ein jeder Spieler weltweit bis auf die Ersatzbank in der dritten Liga gescoutet ist, da Computerexperten in Mannschaftsstärke mit allerlei Algorithmen die noch so kleinste Eigenheit berechnen und katalogisieren, kann man den Gegner nur mit einem überraschen, den keiner auf dem Zettel hat. Und auch wenn so ein Fünftligakicker konditionell nicht mit einem Profi mithalten könnte – für zehn Minuten würde es schon gehen. Genug Zeit für einen Joker, einen Knipser, einen, der sie alle überrascht.

 

„Meine Jungs können auch Fußball spielen“, sagt Kurt Maus, „und sie würden auch bei der WM keine schlechte Figur machen.“ Überhaupt, es komme ja auf ganz andere Sachen an, dort unten in Brasilien: „Die Luftfeuchtigkeit, die Hitze – der eine kann damit umgehen, der andere nicht“, analysiert Kurt Maus messerscharf. Vor dem Spiel geht Löw mit seinem Kollegen in die Kabine, und nachdem die Spieler des TSC andächtig den Worten von Kurt Maus zuhörten, ergreift Joachim Löw das Wort: „Männer, ihr spielt heute nicht nur für Euskirchen, ihr spielt auch für Deutschland.“ Man hört förmlich die Gänsehaut knistern.

 

Fußball ist Fußball, ob nun Champions League oder Mittelrheinliga, und vom Quatschen hält ein Kurt Maus nicht viel: „Worte sind Schall und Rauch. Man darf der Frau nicht immer nur liebe Worte sagen, man muss auch mal Blumen mitbringen.“ Was immer er damit sagen will, egal, es klingt gut, und es ist angerichtet zum großen Spiel. Etwa 200 Zuschauer sind gekommen, aus den Lautsprechern scheppert es kölsch: „Man müsste noch mal zwanzig sein …“
Vor der Tribüne stehen zwei Biertische,
im Angebot sind Fanta, Kölsch, Snickers und Bockwurst. Oben auf den blauen Plastiksitzen hocken Spielerfrauen,
Spielermütter und die eine oder andere Spieleroma. In den Reihen der Fans sitzen ältere Männer und noch ältere Frauen, die ganz genau wissen, was früher alles besser war und wie genau man Fußball spielen sollte. Gute Tipps gibts somit reichlich und gratis für Jogi Löw, der herzlich auf seinem Beobachtungsposten begrüßt wird: „Den kenn’ ich, kenn’ ich“, ruft einer und winkt aufgeregt.

 

Zur Halbzeit steht es 0:0, und auch wenn Löw neben Maus in der Kabine steht und die Jungs lobt, ihnen noch die kaiserlichen Worte „geht raus und spielt Fußball“ mit auf den Weg gibt, so wirkt sich die Anwesenheit des Bundestrainers nun doch auf die Psyche aus. Kurt Maus hatte befürchtet, „dass die Kamera und der Löw die Jungs nervös machen“. Am Ende hat Arnoldsweiler 2:0 gewonnen. Aber einer hat dennoch überzeugt. „Der Marcel, ja, das könnte einer sein“, sagt Löw zu Kurt Maus. Einer für die überraschenden Elemente, einer für die letzten zehn Minuten. Einer, mit dem keiner rechnet. Nun muss er nur noch den Bierhoff überzeugen. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Noch heute erzählen sich die Zuschauer des Spiels TSC Euskirchen gegen Arnoldsweiler von dem Mai-Nachmittag, als Joachim Löw bei ihnen zu Besuch war. Oder war er es doch nicht…?