Mirko Borsche, was macht das perfekte Fußballtrikot aus?
Am besten ist es sehr reduziert. Denn cool wird es durch das weglassen. Dieses Überfrachten mit Details und Farben, das ist irgendwie furchtbar. Mein 15-jähriger Sohn liebt aber original Trikots aus den 1990ern, dem kann es nicht verrückt genug sein.
Sie gelten als einer der besten deutschen Grafikdesigner, arbeiten für Balenciaga, Supreme oder das ZEIT-Magazin. Wie kommt es, dass Sie sich im Fußball betätigen?
Ich bin großer Fußball-Fan, seit ich etwa drei Jahre alt bin, genau genommen Fan des FC Bayern. Mein Traum war immer, irgendwann mal ein Fußballtrikot zu machen. Denn ich habe als Kind Trikots gesammelt, war regelrecht besessen davon, als ich bei der WM 1982 all die wunderschönen Trikots gesehen habe, das französische oder das spanische. So fing ich an, zu sparen und habe Zeug meiner Eltern auf dem Flohmarkt verkauft, damit ich an Geld für Trikots komme.
Und wie viele hatten Sie dann?
Vielleicht acht oder neun. Was für einen Jugendlichen in der 1980ern ziemlich viel war. Natürlich war ein Bayern-Trikot dabei, mit Magirus-Deutz-Werbung und weißem Kragen. Ich hatte das deutsche Trikot mit dem Drei-Blatt-adidas-Logo. Und ein Bekannter hat mir ein originales Barcelona-Trikot aus den 1970ern geschenkt, mit der Nummer 8 drauf.
Ihr Erstling gelang prächtig: Das Magazin GQ nannte den FC Venedig 2021 „the world’s most fashionable football club“. War Ihnen klar, dass es so einschlägt?
Überhaupt nicht. Es war ja Neuland für mein Team und mich und deshalb haben wir uns gesagt: wir machen so gut wie nichts, so zurückhaltend und klassisch, wie es nur geht. Es sollte aussehen, als ob es das schon immer gab. Was man zur Jeans tragen kann und was geschlechtsneutral ist. Und es soll in sechs Jahren immer noch modern sein, damit der Fan nicht ständig was neues kaufen muss
Es hat offenbar funktioniert.
Ich finde großartig, dass selbst Popstars diese Trikots tragen. Zwei von „Maneskin“ etwa, einer der größten Bands Italiens. Auch Pete Doherty, der ja mittlerweile seine 110 Kilo wiegt, hatte es auf der Bühne an und sieht gut aus. Das war ein wichtiger Parameter: dass auch der normale Mensch gut aussieht. Aber man muss auch Glück haben: Dass zum Beispiel kein unangenehmer Sponsor vorne drauf ist.
… sondern nur „Citta di Venezia“.
Ja, die Stadt wurde zum Sponsor, aber das große Venezia steht auch für den Club. So wurden die Trikots auch bei Touristen als Souvenir beliebt. Mittlerweile hat der Club zwei Shops aufgemacht. Das ist echt irre, die haben damit ein paar Millionen Euro Umsatz gemacht. Ein Serie-B-Verein, mit einem Stadion für 14.000 Fans und ein paar tausend Instagram-Followern.
Wie kam Venedig denn auf überhaupt Sie?
Die Besitzer stammen aus New York, wir haben viele Kunden dort, machen zum Beispiel viel für „Supreme“. Und da muss unser Name gefallen sein.
Was planen Sie für die neue Saison?
Es wird wieder ein schwarzes Trikot, da haben wir nur ein bisschen mit den Streifen gespielt. Das Ausweichtrikot ist diesmal nicht pur weiß, sondern hat einen leichten Cremestich. Alles sehr ähnlich zum letzten Jahr, nur ein bisschen raffinierter.
Also wir fassen zusammen: Guter Schnitt, reduziertes Design, mit gutem Auge ausgewählte Farbnuancen.
Ja, und es muss irgendwie aufregend sein. Und so wertig, dass jemand knapp 100 Euro ausgibt? Dafür müssen alle Details stimmen. Beim Away Trikot von Kallithea, einem griechischen Zweitligisten für den für auch arbeiten, ist vorne nur so ein Streifen mit einer Linie in der Mitte. Total simpel. Aber da haben wir ewig rumprobiert, bis wir die richtige Streifendicke hatten. So dass es getragen gut aussieht, aber auch im Fernsehen noch funktioniert.
Wie gefällt Ihnen denn das kleine und uralte Stadion von Venedig?
Es ist absolut großartig. Ich war im letzten Oktober zuletzt dort, und es ist zwar Serie B, fühlt sich aber wie Kreisliga an, so klein und familiär. Großartig, wenn du oben sitzt und aufs Meer oder die Lagune guckst und dabei Fußball schaust. Für die Promis und Influencer steht da einfach nur so ein kleiner Bierwagen und keine VIP Bereiche. Letztens hat mir ein Freund ein Video geschickt: Ein Spieler wird ausgewechselt, holt sich dort ein Bier und macht dann mit den Fans ein Foto.
Und das Beste: Die Spieler tragen Trikots, die Sie designt haben.
Ja, das ist ein irres Gefühl. Nicht nur in Venedig. Wir haben ja auch für Inter Mailand außer den Trikots alles neu gemacht, auch das Vereinswappen. Dann spielt der FC Bayern gegen Inter, ich stehe in der Allianz Arena und auf allen Screens sehe ich das Wappen meines Lieblingsverein und daneben das, was ich gemacht habe.
Und das ist dann Champions League, eine ganz andere Dimension …
Das stimmt, dort hast du rund acht oder neun Millionen Follower. Dann hatte Inter ja ein schönes Wappen. Und dazu eine riesige Tradition.
Warum wollten es die Verantwortlichen dennoch verändern?
Zum einen wegen der Sichtbarkeit, denn der Kontrast war unglaublich schwach, ein sehr helles Blau mit Gold. Dann gab zwei Buchstaben mehr als jetzt, also 50 Prozent mehr Information. Es war recht komplex aufgebaut und wir mussten ein bisschen aufräumen. Denn Steven Zhang, der Besitzer, stammt aus China, wo ist E‑Sport einfach riesig ist, und da will Zhang unbedingt rein. Neben all den E‑Sport-Logos sieht so ein altes Fußball-Wappen ziemlich ungelenk aus. Dazu kommt: in China schauen sich viele Menschen Sport oft nur auf dem Handy an, denn sie pendeln dort sehr weit, sitzen stundenlang in Zügen. Um diesen Markt zu erreichen, muss das Logo erkennbar sein, und zwar auf dem Handy, also auch in klein.
Was haben Sie noch geändert?
Der Club wollte, dass wir uns ein Motto überlegen, so eine Art „Football is coming home“. Als wir nun das „FC“ rausgenommen hatten, blieb „IM“ übrig, also englisch „I am“. Und damit konnten wir spielen. Es heißt „Internationale Milano“, und es heißt „Ich bin“. Wir haben errechnet, dass 97 Prozent der alten Form erhalten ist – aber es sieht trotzdem anders aus.
Wollten Sie auch, dass der traditionelle Fan damit glücklich ist?
Das kriegt man leider nicht immer hin. Sobald sich etwas ändert, wird der Mensch unruhig. Und ein Vereinslogo ist natürlich was Heiliges, weil es aus einer anderen, vermeintlich besseren Zeit kommt. Die alten Wappen sind ja auch oft nicht von Designern gemacht worden, sondern von Vereinsmitgliedern oder Bekannten, die ein bisschen malen konnten. Das macht ja auch ihren Charme aus.
Die Trikots für Inter durften Sie aber nicht gestalten. Warum?
Die macht immer Nike, die lassen sich schwer beeinflussen. Sie müssen zwar unsere Farben, bestimmte Grafiken und einige Schlüsselelemente verwenden. Aber wie sie das machen, darauf haben wir leider keinen Einfluss.
Sonst stammt aber alles von Ihnen?
Ganz genau. Das Design von jedem Feuerzeug, bis zum Schlüsselanhänger, dazu die Website, Social-Media-Kanäle, alles im Stadion. Wir haben beim Logo angefangen, am Ende aber alles gemacht, was blau, weiß und schwarz ist in diesem Verein.
War es für die Fans hart, die Veränderung im Logo zu akzeptieren?
Ja, und davor hatten wir ein bisschen Schiss. Zumal der Vorstand etwas unvorsichtig war. Der Präsident hat mich angerufen, man wolle das neue Logo im kleinen Kreis vorstellen, ob ich mich per Zoom dazuschalten könne. Ich saß dann hier mit nem Kollegen vorm Laptop. Und es kam mir schon etwas seltsam vor, denn die Herren des Vorstands saßen nebeneinander wie bei einer Pressekonferenz. Denn es war auch eine Pressekonferenz. Die auch noch live im öffentlichen Fernsehen übertragen wurde. Und dann kamen wir, die Deutschen, die das Logo einer italienischen Legende geändert haben. Es dauerte keine 20 Minuten, da waren alle meine Social-Media-Accounts voll mit Beleidigungen und Bedrohungen jeglicher Form.
Und dann?
Das Problem bei so einem Auftrag ist: du machst etwas, das zu der Kultur der Leute gehört. Sie tätowieren sich das Logo auf den Körper, verzieren ihren Roller damit, oder Kinder malen es sich auf ihr Hausaufgabenheft. Und die alle hatten jetzt das falsche Wappen.
Aber es war ein Job, der Verein wollte die Veränderung.
Klar, ich bin Dienstleister und mache am Ende, was der Kunde sich wünscht. Wir haben Inter viele Versionen vorgelegt und uns langsam angenähert. Das war ein wahnsinnig intensiver Prozess, der über Monate ging. Den sieht aber der normale Fan nicht. Der denkt sich, die pinseln halt bisschen rum, ändern ein paar Kleinigkeiten und kassieren einen Haufen Geld dafür. Aber das ist eben der Clou: Wenn es gut gemacht ist, sieht es auch sehr einfach aus. Ein Logo muss auch einfach sein, damit das es jeder nachmalen kann. Denn ein Multiplikator sind auch Menschen, die damit kreativ umgehen.
Wie haben Sie den Shitstorm weggesteckt?
Es war hart, weil es sich ja nicht auf das Internet beschränkte. Auch in München gibt es viele Inter-Fans und so rückte das Thema mitten in mein Leben. Ich bin von einem der Barkeeper gefragt worden: „Sag mal Mirko, hast du sie noch alle?“
Gab es auch ernste Bedrohungen?
Leider ja, von Menschen deren Instagram Profil Fotos, auf denen sie bis obenhin tätowiert waren, mit Gaspistole in der Hand, da hatte ich schon enormen Respekt.
Wie ging es weiter?
Unser Glück war, dass Inter in dieser Saison Meister wurde. Richtig entspannt habe ich mich erst nach dem Champions-League-Viertelfinale Spiel gegen Benfica vor ein paar Wochen. Denn da haben ich unser Motto „I am Inter, I am Milano“ im ganzen Stadion wahrgenommen. Und die Fans in der Kurve haben unser Logo für ihre Choreos verwendet. Ich merkte: Sie haben es akzeptiert. Jetzt höre ich oft: Wir fanden es anfangs fürchterlich, aber eigentlich ist es viel besser.
Trug dazu auch bei, dass es dem alten Logo noch sehr ähnlich ist?
Ja, denn wir haben sowohl bei Venedig, als auch bei Kallithea und bei Inter immer darauf geschaut, dass es zwar eleganter und einfacher wird, aber eben ein Fußball- Wappen bleibt. Dass es zwischen den anderen Wappen nicht auffällt und kein Fan sagt: Was macht denn das Logo von Louis Vuitton hier?
Welche deutschen Logos überzeugen Sie denn?
Legendär ist natürlich der HSV, absolut grafisch, reduziert und wahnsinnig einprägsam. Zu der Zeit, als es gestaltet wurde, muss das enorm radikal gewesen sein. Damals waren Wappen überladen und verspielt – und dann legt einer das hin und sagt: Genau so. Drei Vierecke. Oder 1860. Da würden wir Profis niemals drauf kommen, einen Löwen in ein Achteck zu setzen. Ich finde auch Fortuna Düsseldorf grafisch einfach schön, dieses eigene „F“. Und auch der BVB auch cool. Das hat was industrielles, was in die Gegend dort passt. Von Hertha mag ich die Fahne mit der Inschrift.
Für jemanden, der auf dem Bolzplatz sozialisiert wurde, hört man recht oft „Märkte“, „China“ oder „E‑Sports“. Tut das nicht auch weh?
Natürlich der romantische Zug ist leider abgefahren. Der Druck ist groß bei den Top Clubs, sportlich aber auch wirtschaftlich. Deshalb genieße ich es ja auch zur Abwechslung, in Venedig oder bei Kallithea im Stadion zu sitzen. Oder im Grünwalder Stadion.