April 2023 / 11Freunde / Interview

„Groß­artig, dass selbst Pop­stars diese Tri­kots tragen“

Er gilt als einer der besten Gra­fik­de­si­gner. Hier erzählt Mirko Bor­sche, wie er dem FC Venedig neuen Geist ein­ge­haucht hat, den Look von Inter Mai­land ver­än­derte – und wie viel Angst er jetzt vor Fans hat.

Mirko Bor­sche, was macht das per­fekte Fuß­ball­trikot aus?

Am besten ist es sehr redu­ziert. Denn cool wird es durch das weg­lassen. Dieses Über­frachten mit Details und Farben, das ist irgendwie furchtbar. Mein 15-jäh­riger Sohn liebt aber ori­ginal Tri­kots aus den 1990ern, dem kann es nicht ver­rückt genug sein.

 

Sie gelten als einer der besten deut­schen Gra­fik­de­si­gner, arbeiten für Balen­ciaga, Supreme oder das ZEIT-Magazin. Wie kommt es, dass Sie sich im Fuß­ball betä­tigen?

Ich bin großer Fuß­ball-Fan, seit ich etwa drei Jahre alt bin, genau genommen Fan des FC Bayern. Mein Traum war immer, irgend­wann mal ein Fuß­ball­trikot zu machen. Denn ich habe als Kind Tri­kots gesam­melt, war regel­recht besessen davon, als ich bei der WM 1982 all die wun­der­schönen Tri­kots gesehen habe, das fran­zö­si­sche oder das spa­ni­sche. So fing ich an, zu sparen und habe Zeug meiner Eltern auf dem Floh­markt ver­kauft, damit ich an Geld für Tri­kots komme.

 

Und wie viele hatten Sie dann?

Viel­leicht acht oder neun. Was für einen Jugend­li­chen in der 1980ern ziem­lich viel war. Natür­lich war ein Bayern-Trikot dabei, mit Magirus-Deutz-Wer­bung und weißem Kragen. Ich hatte das deut­sche Trikot mit dem Drei-Blatt-adidas-Logo. Und ein Bekannter hat mir ein ori­gi­nales Bar­ce­lona-Trikot aus den 1970ern geschenkt, mit der Nummer 8 drauf.

 

Ihr Erst­ling gelang prächtig: Das Magazin GQ nannte den FC Venedig 2021 „the world’s most fashionable foot­ball club“. War Ihnen klar, dass es so ein­schlägt?
Über­haupt nicht. Es war ja Neu­land für mein Team und mich und des­halb haben wir uns gesagt: wir machen so gut wie nichts, so zurück­hal­tend und klas­sisch, wie es nur geht. Es sollte aus­sehen, als ob es das schon immer gab. Was man zur Jeans tragen kann und was geschlechts­neu­tral ist. Und es soll in sechs Jahren immer noch modern sein, damit der Fan nicht ständig was neues kaufen muss

 

Es hat offenbar funk­tio­niert.
Ich finde groß­artig, dass selbst Pop­stars diese Tri­kots tragen. Zwei von „Maneskin“ etwa, einer der größten Bands Ita­liens. Auch Pete Doh­erty, der ja mitt­ler­weile seine 110 Kilo wiegt, hatte es auf der Bühne an und sieht gut aus. Das war ein wich­tiger Para­meter: dass auch der nor­male Mensch gut aus­sieht. Aber man muss auch Glück haben: Dass zum Bei­spiel kein unan­ge­nehmer Sponsor vorne drauf ist.

 

… son­dern nur „Citta di Venezia“.
Ja, die Stadt wurde zum Sponsor, aber das große Venezia steht auch für den Club. So wurden die Tri­kots auch bei Tou­risten als Sou­venir beliebt. Mitt­ler­weile hat der Club zwei Shops auf­ge­macht. Das ist echt irre, die haben damit ein paar Mil­lionen Euro Umsatz gemacht. Ein Serie-B-Verein, mit einem Sta­dion für 14.000 Fans und ein paar tau­send Insta­gram-Fol­lo­wern.

 

Wie kam Venedig denn auf über­haupt Sie?
Die Besitzer stammen aus New York, wir haben viele Kunden dort, machen zum Bei­spiel viel für „Supreme“. Und da muss unser Name gefallen sein.

 

Was planen Sie für die neue Saison?
Es wird wieder ein schwarzes Trikot, da haben wir nur ein biss­chen mit den Streifen gespielt. Das Aus­weicht­rikot ist diesmal nicht pur weiß, son­dern hat einen leichten Creme­s­tich. Alles sehr ähn­lich zum letzten Jahr, nur ein biss­chen raf­fi­nierter.

 

Also wir fassen zusammen: Guter Schnitt, redu­ziertes Design, mit gutem Auge aus­ge­wählte Farb­nu­ancen.
Ja, und es muss irgendwie auf­re­gend sein. Und so wertig, dass jemand knapp 100 Euro aus­gibt? Dafür müssen alle Details stimmen. Beim Away Trikot von Kal­li­thea, einem grie­chi­schen Zweit­li­gisten für den für auch arbeiten, ist vorne nur so ein Streifen mit einer Linie in der Mitte. Total simpel. Aber da haben wir ewig rum­pro­biert, bis wir die rich­tige Strei­fen­dicke hatten. So dass es getragen gut aus­sieht, aber auch im Fern­sehen noch funk­tio­niert.

 

Wie gefällt Ihnen denn das kleine und uralte Sta­dion von Venedig?
Es ist absolut groß­artig. Ich war im letzten Oktober zuletzt dort, und es ist zwar Serie B, fühlt sich aber wie Kreis­liga an, so klein und fami­liär. Groß­artig, wenn du oben sitzt und aufs Meer oder die Lagune guckst und dabei Fuß­ball schaust. Für die Promis und Influencer steht da ein­fach nur so ein kleiner Bier­wagen und keine VIP Bereiche. Letz­tens hat mir ein Freund ein Video geschickt: Ein Spieler wird aus­ge­wech­selt, holt sich dort ein Bier und macht dann mit den Fans ein Foto.

 

Und das Beste: Die Spieler tragen Tri­kots, die Sie designt haben.
Ja, das ist ein irres Gefühl. Nicht nur in Venedig. Wir haben ja auch für Inter Mai­land außer den Tri­kots alles neu gemacht, auch das Ver­eins­wappen. Dann spielt der FC Bayern gegen Inter, ich stehe in der Allianz Arena und auf allen Screens sehe ich das Wappen meines Lieb­lings­verein und daneben das, was ich gemacht habe.

 

Und das ist dann Cham­pions League, eine ganz andere Dimen­sion …
Das stimmt, dort hast du rund acht oder neun Mil­lionen Fol­lower. Dann hatte Inter ja ein schönes Wappen. Und dazu eine rie­sige Tra­di­tion.

 

Warum wollten es die Ver­ant­wort­li­chen den­noch ver­än­dern?
Zum einen wegen der Sicht­bar­keit, denn der Kon­trast war unglaub­lich schwach, ein sehr helles Blau mit Gold. Dann gab zwei Buch­staben mehr als jetzt, also 50 Pro­zent mehr Infor­ma­tion. Es war recht kom­plex auf­ge­baut und wir mussten ein biss­chen auf­räumen. Denn Steven Zhang, der Besitzer, stammt aus China, wo ist E‑Sport ein­fach riesig ist, und da will Zhang unbe­dingt rein. Neben all den E‑S­port-Logos sieht so ein altes Fuß­ball-Wappen ziem­lich unge­lenk aus. Dazu kommt: in China schauen sich viele Men­schen Sport oft nur auf dem Handy an, denn sie pen­deln dort sehr weit, sitzen stun­den­lang in Zügen. Um diesen Markt zu errei­chen, muss das Logo erkennbar sein, und zwar auf dem Handy, also auch in klein.

 

Was haben Sie noch geän­dert?
Der Club wollte, dass wir uns ein Motto über­legen, so eine Art „Foot­ball is coming home“. Als wir nun das „FC“ raus­ge­nommen hatten, blieb „IM“ übrig, also eng­lisch „I am“. Und damit konnten wir spielen. Es heißt „Inter­na­tio­nale Milano“, und es heißt „Ich bin“. Wir haben errechnet, dass 97 Pro­zent der alten Form erhalten ist – aber es sieht trotzdem anders aus.

 

Wollten Sie auch, dass der tra­di­tio­nelle Fan damit glück­lich ist?
Das kriegt man leider nicht immer hin. Sobald sich etwas ändert, wird der Mensch unruhig. Und ein Ver­eins­logo ist natür­lich was Hei­liges, weil es aus einer anderen, ver­meint­lich bes­seren Zeit kommt. Die alten Wappen sind ja auch oft nicht von Desi­gnern gemacht worden, son­dern von Ver­eins­mit­glie­dern oder Bekannten, die ein biss­chen malen konnten. Das macht ja auch ihren Charme aus.

 

Die Tri­kots für Inter durften Sie aber nicht gestalten. Warum?
Die macht immer Nike, die lassen sich schwer beein­flussen. Sie müssen zwar unsere Farben, bestimmte Gra­fiken und einige Schlüs­sel­ele­mente ver­wenden. Aber wie sie das machen, darauf haben wir leider keinen Ein­fluss.

 

Sonst stammt aber alles von Ihnen?
Ganz genau. Das Design von jedem Feu­er­zeug, bis zum Schlüs­sel­an­hänger, dazu die Web­site, Social-Media-Kanäle, alles im Sta­dion. Wir haben beim Logo ange­fangen, am Ende aber alles gemacht, was blau, weiß und schwarz ist in diesem Verein.

 

War es für die Fans hart, die Ver­än­de­rung im Logo zu akzep­tieren?
Ja, und davor hatten wir ein biss­chen Schiss. Zumal der Vor­stand etwas unvor­sichtig war. Der Prä­si­dent hat mich ange­rufen, man wolle das neue Logo im kleinen Kreis vor­stellen, ob ich mich per Zoom dazu­schalten könne. Ich saß dann hier mit nem Kol­legen vorm Laptop. Und es kam mir schon etwas seltsam vor, denn die Herren des Vor­stands saßen neben­ein­ander wie bei einer Pres­se­kon­fe­renz. Denn es war auch eine Pres­se­kon­fe­renz. Die auch noch live im öffent­li­chen Fern­sehen über­tragen wurde. Und dann kamen wir, die Deut­schen, die das Logo einer ita­lie­ni­schen Legende geän­dert haben. Es dau­erte keine 20 Minuten, da waren alle meine Social-Media-Accounts voll mit Belei­di­gungen und Bedro­hungen jeg­li­cher Form.

 

Und dann?
Das Pro­blem bei so einem Auf­trag ist: du machst etwas, das zu der Kultur der Leute gehört. Sie täto­wieren sich das Logo auf den Körper, ver­zieren ihren Roller damit, oder Kinder malen es sich auf ihr Haus­auf­ga­ben­heft. Und die alle hatten jetzt das fal­sche Wappen.

 

Aber es war ein Job, der Verein wollte die Ver­än­de­rung.
Klar, ich bin Dienst­leister und mache am Ende, was der Kunde sich wünscht. Wir haben Inter viele Ver­sionen vor­ge­legt und uns langsam ange­nä­hert. Das war ein wahn­sinnig inten­siver Pro­zess, der über Monate ging. Den sieht aber der nor­male Fan nicht. Der denkt sich, die pin­seln halt biss­chen rum, ändern ein paar Klei­nig­keiten und kas­sieren einen Haufen Geld dafür. Aber das ist eben der Clou: Wenn es gut gemacht ist, sieht es auch sehr ein­fach aus. Ein Logo muss auch ein­fach sein, damit das es jeder nach­malen kann. Denn ein Mul­ti­pli­kator sind auch Men­schen, die damit kreativ umgehen.

 

Wie haben Sie den Shit­s­torm weg­ge­steckt?
Es war hart, weil es sich ja nicht auf das Internet beschränkte. Auch in Mün­chen gibt es viele Inter-Fans und so rückte das Thema mitten in mein Leben. Ich bin von einem der Bar­keeper gefragt worden: „Sag mal Mirko, hast du sie noch alle?“

 

Gab es auch ernste Bedro­hungen?
Leider ja, von Men­schen deren Insta­gram Profil Fotos, auf denen sie bis obenhin täto­wiert waren, mit Gas­pis­tole in der Hand, da hatte ich schon enormen Respekt.

 

Wie ging es weiter?
Unser Glück war, dass Inter in dieser Saison Meister wurde. Richtig ent­spannt habe ich mich erst nach dem Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nale Spiel gegen Ben­fica vor ein paar Wochen. Denn da haben ich unser Motto „I am Inter, I am Milano“ im ganzen Sta­dion wahr­ge­nommen. Und die Fans in der Kurve haben unser Logo für ihre Cho­reos ver­wendet. Ich merkte: Sie haben es akzep­tiert. Jetzt höre ich oft: Wir fanden es anfangs fürch­ter­lich, aber eigent­lich ist es viel besser.

 

Trug dazu auch bei, dass es dem alten Logo noch sehr ähn­lich ist?
Ja, denn wir haben sowohl bei Venedig, als auch bei Kal­li­thea und bei Inter immer darauf geschaut, dass es zwar ele­ganter und ein­fa­cher wird, aber eben ein Fuß­ball- Wappen bleibt. Dass es zwi­schen den anderen Wappen nicht auf­fällt und kein Fan sagt: Was macht denn das Logo von Louis Vuitton hier?

 

Welche deut­schen Logos über­zeugen Sie denn?
Legendär ist natür­lich der HSV, absolut gra­fisch, redu­ziert und wahn­sinnig ein­prägsam. Zu der Zeit, als es gestaltet wurde, muss das enorm radikal gewesen sein. Damals waren Wappen über­laden und ver­spielt – und dann legt einer das hin und sagt: Genau so. Drei Vier­ecke. Oder 1860. Da würden wir Profis nie­mals drauf kommen, einen Löwen in ein Achteck zu setzen. Ich finde auch For­tuna Düs­sel­dorf gra­fisch ein­fach schön, dieses eigene „F“. Und auch der BVB auch cool. Das hat was indus­tri­elles, was in die Gegend dort passt. Von Hertha mag ich die Fahne mit der Inschrift.

 

Für jemanden, der auf dem Bolz­platz sozia­li­siert wurde, hört man recht oft „Märkte“, „China“ oder „E‑Sports“. Tut das nicht auch weh?
Natür­lich der roman­ti­sche Zug ist leider abge­fahren. Der Druck ist groß bei den Top Clubs, sport­lich aber auch wirt­schaft­lich. Des­halb genieße ich es ja auch zur Abwechs­lung, in Venedig oder bei Kal­li­thea im Sta­dion zu sitzen. Oder im Grün­walder Sta­dion.